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Amerikanische Augenblicke

Amerikanische Augenblicke

Hillary Clintons demütigender Absturz, John McCains wundersame Auferstehung, Barack Obamas märchenhafter Aufstieg: Amerika erlebt den längsten und

Der traurige Großvater

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Wer ist witziger, Republikaner oder Demokraten? John McCain hat am Wochenende zumindest in diesem Wettbewerb aufgeholt.

Ich weiß, nur noch zwei Mal ausschlafen, dann wissen wir wahrscheinlich und endlich, wer Amerikas Präsident wird.  Aber vergessen wir eben mal das ganze Wahlkampfgedöns, die Schlachtfeldstaaten, das Wahlmännergremium, die Demoskopen, die Strategen, und stellen wir eine wichtigere Frage: Wer ist witziger, Republikaner oder Demokraten?

Bild zu: Der traurige Großvater

Instinktiv würde der gemeine Europäer sagen: Eindeutig, die Demokraten. Republikaner, das sind doch Leute, die selten lachen. Die sind zu sehr mit Beten beschäftigt und damit, ständig all ihre Waffen ordentlich einzuölen. (Oder was immer man mit Waffen so macht, woher soll ich das wissen?)

John McCain freilich hat diese ohnehin billige Gewissheit am Wochenende ganz schön erschüttert. Am Samstagabend trat er in der Comedy-Show „Saturday Night Live“ auf, in gleich zwei Sketchen, und war dabei so entspannt und komisch, dass man dem Wahlkämpfer die Bösartigkeiten der vergangenen Monate beinahe verzeihen wollte.

Zuerst erschien er an der Seite der Komödiantin Tina Fey, die seiner Vizepräsidentenkandidatin Sarah Palin abermals täuschend ähnlich Gesicht und Stimme lieh, in der Eröffnungsnummer der Show. Barack Obama, so McCain zerknirscht, habe am Mittwoch zuvor einen dreißigminütigen Werbespot in drei großen Fernsehsendern ausstrahlen lassen; er allerdings könne sich nur einen Auftritt im Shoppingkanal QVC leisten.

„Diese Wahlkämpfe sind echt teuer“, staunte Feys Palin und strich sich selbstverliebt übers Revers – eine Anspielung auf die 150000 Dollar, die ihre neue Garderobe die Republikaner gekostet hat. Deshalb, so die beiden Kandidaten, dürften sie nun zwar ihre politischen Ansichten darlegen, „wir müssen als Teil unserer Abmachung mit QVC aber auch ein bisschen was verkaufen“.

Unter anderem im Angebot: eine limitierte Auflage von Joe-Actionfiguren, von dem sprichwörtlich gewordenen „Joe dem Klempner“, mit dessen Hilfe McCain Obama als „Sozialisten“ zeichnen will, über „Joe Sixpack“, den heftig umworbenen Normalbürger, der sein Bier im Sechserpack erwirbt, bis zu „Joe Biden“. Ziehe man die Figur des – für seine Weitschweifigkeit berüchtigten – demokratischen Vizekandidaten auf, so rede sie 45 Minuten ohne Unterbrechung: „ideal, wenn man eine Party beenden will“, so McCain, „oder Elche vom Hof fernhalten“, so Fey-Palin.

„Wäre ich nicht lieber bei drei großen Sendern zu sehen?“ fragte McCain. „Sicher. Aber ich bin ein echter Außenseiter – ein Republikaner ohne Geld.“

McCain Ehefrau Cindy spielte ebenfalls mit. Sie führte stumm, aber mit der Grazie einer geborenen Präsentierblondine aus dem Verkaufsfernsehen die Schmuckkollektion „McCain Fine Gold“ vor, eine Anspielung auf ein Gesetz zur Reform der Wahlkampffinanzierung, das McCain zusammen mit dem Demokraten Russell Feingold betrieb – „für jeden, der guten Schmuck mag, und Politiker respektiert, welche die Parteigrenzen auch mal hinter sich lassen“, warb McCain.

Die falsche Palin, deren echtem Vorbild weiterreichende Ambitionen nachgesagt werden, arbeitete aber auch auf eigene Rechnung; sie nahm das Publikum beiseite – „jetzt müssen Sie leise sein“ – und pries ein T-Shirt mit dem Slogan „Für Palin 2012“ an.  „Aber warten Sie, bis der Dienstag vorbei ist, bevor Sie es anziehen“, bat sie treuherzig, um zu versichern: „Ich gehe nirgendwo hin, und ganz bestimmt nicht zurück nach Alaska.“

Selbst McCains konfuse Wahlkampfführung war nicht vor seinen Scherzen sicher. Im Pseudonachrichtenblock der Sendung berichtete er, er sei zwar sicher, Obama noch einholen zu können, denke aber über neue Strategien nach, etwa „The Sad Grandpa“ (Der traurige Großvater). „Da trete ich im Fernsehen auf und sage: Nun kommen Sie, Obama wird noch so viele Gelegenheit haben, Präsident zu werden. Jetzt bin ich an der Reihe!“

Für Republikaner ist derartige politische Selbstironie allerdings riskant. Besonders Palin hat versucht, beim Wähler Pluspunkte einzusammeln, indem sie sich selbst öffentlich auf den Arm nahm; insgesamt jedoch dürfte der Umstand, dass sich ihr Auftreten und ihre Ansichten recht einfach karikieren lassen, den Eindruck verstärkt haben: Diese Frau kann es nicht. 

Richtig ist aber auch: Es ist nicht ganz so gekommen, wie die „New York Times“ noch im Sommer ahnte. Damals hatte es so ausgesehen, als ob Obama bei all den Komikern, die vor allem Amerikas Fernsehsender bevölkern, weitgehend ungeschoren davonkommen werde, während McCain ein Sperrfeuer des Spotts zu gewärtigen haben würde – ein weiterer Wettbewerbsnachteil des Republikaners, neben der Wirtschaftskrise, dem unbeliebten Präsidenten und zwei unpopulären Kriegen.

Aber den Autoren der Comedy-Sendungen ist dann doch noch so einiges eingefallen. Nach Obamas halbstündiger Werbesondersendung in der vergangenen Woche etwa, die angeblich vier Millionen Dollar kostete, grinste Jay Leno bei NBC: „Die Show war gut gemacht. Ich muss zugeben, mir gefiel besonders das Ende, als Barack auf einer Wolke in den Himmel entschwebte. War das nicht unglaublich? Es war die Sendung mit der höchsten Einschaltquote auf NBC gestern abend. NBC verhandelt mit Barack bereits über 13 weitere Episoden.“

Oder Craig Ferguson bei CBS: „Das war ja eigentlich ein Infomercial. Ich habe immer erwartet, dass sie sagen: Wir können dieses Land reformieren – und Sie bezahlen dafür nur drei preiswerte Raten von je 19,95 Dollar.“

Doch es stimmt schon: McCain und Palin, dieser Eindruck stellt sich ein, werden nicht nur häufiger Opfer des Humors; bei ihnen fällt dieser auch beißender aus. David Letterman zum Beispiel, einer der Late-Night-Veteranen, gibt den Ton an, wenn er scherzt: „Sieht McCain nicht ein bisschen aus wie der alte Kerl, der seine Sekretärin mit nach Las Vegas nimmt?“

Lettermans Kollege Ferguson machte vergangene Woche ebenfalls einen Witz über McCains Alter, der einiges verriet: „Die Baseball-Meisterschaft hat dieses Jahr Pech. Man redet nicht so viel darüber wie sonst, weil alle über Barack Obama reden. Mit Ausnahme der Late-Night-Comedians. Wir reden über John McCain – weil er uns nicht hören kann.“

Ein ähnliches Bild auch bei der populären „Daily Show“ beim Kanal „Comedy Central“. Dort macht sich Gastgeber (und Produzent) Jon Stewart zwar über die unrealistischen wirtschaftspolitischen Versprechen beider Kandidaten lustig; sein Außenreporter findet sowohl bei den republikanischen wie bei den demokratischen Kundgebungen eine Kultur der Verachtung des politischen Gegners vor, die symptomatisch scheint für das ganze Land. Die härtere Humoristenkritik jedoch trifft in der Regel das republikanische Bewerbergespann.

Dies freilich muss gar nicht immer mit den politischen Präferenzen der Autoren und Moderatoren oder mit ihrer Rücksicht auf den populären Obama zusammenhängen.  McCain und Palin haben nicht nur den unehrlicheren, verquetschteren, undisziplinierteren Wahlkampf geführt. Sie bieten ganz einfach auch mehr Futter für den Spott.

Am vergangenen Donnerstag etwa tauchte „Joe der Klempner“, inzwischen McCains wichtigster Wahlhelfer, nicht wie angekündigt auf einer Veranstaltung des Republikaners in Defiance, Ohio, auf. „Joe ist heute bei uns!“ rief der Kandidat in die Menge. „Joe, wo sind Sie? Wo ist Joe? Ist Joe heute bei uns?“ Schließlich musste McCains sich in ein lahm-peinliches „Sie sind alle Joe der Klempner, also stehen Sie auf!“ retten.

Später stellte sich heraus: Joe war von McCains Leuten eingeladen worden, hatte dann aber nichts mehr von ihnen gehört. Also blieb er weg. Eine Steilvorlage für den Komiker Jimmy Kimmel: „Das überrascht einen doch. Einen warten zu lassen – das machen Klempner sonst nie.“

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