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Amerikanische Augenblicke

Amerikanische Augenblicke

Hillary Clintons demütigender Absturz, John McCains wundersame Auferstehung, Barack Obamas märchenhafter Aufstieg: Amerika erlebt den längsten und

Hey, Barack! Enough already!

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Ich bin ja doch erleichtert, dass der amerikanische Wahlkampf vorbei ist. Weil ich dann keine dieser hündischen E-Mails mehr vom Kandidaten der Demokraten bekomme.

Bild zu: Hey, Barack! Enough already!Gott sei Dank ist es vorbei. Experten erwarten, dass mehr als 130 Millionen von Amerikas Bürgern zur Wahl gehen, eine höhere Wahlbeteiligung als bei dem Rennen zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon 1960, ja, die höchste Beteiligung seit hundert Jahren. Ich aber bin vor allem erleichtert, dass es vorbei ist, und warum? Weil ich dann keine Mails mehr von Barack Obama kriege.

Vielleicht geschah es, als er in Berlin vor 200.000 Menschen redete. Damals trug ich mich für meine Presseakkreditierung in eine Liste ein und musste, wenn ich mich recht erinnere, auch meine E-Mail angeben. Seither kriege ich mindestens einmal täglich eine Mail, manchmal von Barack, manchmal von Michelle, manchmal von Joe Biden.

Die letzte vom Kandidaten direkt erreichte mich am Freitag, und sie sprach wie immer von einer großen Vertrautheit: „Bertram – I want you to be there with me on Election Night when the results come in.“ In der Stunde seines größten Triumphes also – nach einem solchen sieht es ja im Moment aus – wollte Barack mich bei sich haben. Mich und vier andere glückliche Gewinner eines Backstage-Passes für seine Siegesfeier im Grant Park in Chicago.

Alles, was von uns erwartet wurde: eine Spende von fünf Dollar oder mehr, ein bisschen Glück bei der Verlosung – und schon wären wir dabei, Flug und Hotel in Chicago inklusive. „Some of the best seats“ waren versprochen – super Plätze.

Nun, am Ende hat es nicht geklappt, statt in Chicago bei Barack und Michelle hocke ich hier. Überhaupt habe ich auf keine der Dutzenden von E-Mails so reagiert, wie Barack es sich gewünscht hätte, obwohl ich für eine Spende von 30 Dollar oder mehr sogar ein „Change the World“-T-Shirt bekommen hätte. Geld von mir als einem Deutschen dürfte Barack auch gar nicht annehmen dürfen.

Doch auch wenn ich jetzt Gott sei Dank keine dieser Bettel-Botschaften mehr bekomme, ein wenig werde ich den amerikanischen Wahlkampf schon vermissen. Er war der längste, teuerste, spannendste, überraschendste, leidenschaftlichste, seit ich denken kann, eine perfekte Mischung aus Entertainment und Politik. Packend. Historisch. (David Broder, der weise alte Mann des amerikanischen Presse-Korps, hat ein noch längeres Gedächtnis als ich und findet auch: „The best campaign I’ve ever covered.“)

Selbst wenn man die ganze Politik rausnimmt: Was für eine Geschichte! Das Kandidatenfeld: Hillary Clinton, die erste First Lady, die als Kandidatin zurückkam, die die entscheidende Vorwahl in New Hampshire wohl nur gewann, weil sie öffentlich mit den Tränen kämpfte. Obama, der erste Schwarze, der die Nominierung erobert. John Edwards: der Multimillionär, der redete wie ein Klassenkämpfer, dem wegen seiner krebskranken Frau viel Sympathie zuflog – und der schließlich zugeben musste, dass er sie betrogen hatte.

Und bei den Republikanern: Rudy Guiliani, New Yorks Bürgermeister des 11. September, den sich die Wähler anschauten und entschieden, nee, den aber gar nicht. John McCain, der schon erledigt schien, ein weiterer Senator, der kandidiert und kandidiert und am Ende zu nichts kommt, und der trotzdem die Chance bekommt, seine Landleute um „eine allerletzte Mission“ zu bitten. Seine Vize-Kandidatin Sarah Palin, die Frau vom äußersten Rand der amerikanischen Zivilisation, die, kaum nominiert, eingestehen musste: Meine minderjährige Tochter ist schwanger. Die, weitgehend ahnungslos wie sie ist, als die Zukunft ihrer Partei gehandelt wird.

Also gut, vielleicht doch sehr schade, dass es vorbei ist. Dafür wollen wir jetzt aber wenigstens ein Ende, das sich dieser sensationellen Geschichte würdig zeigt.

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