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Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Auratisch, schön und beinahe authentisch – ein Plädoyer für faksimilierte Dokumente

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Geschichtskultur oszilliert in ihren hauptsächlichen Spielarten bekanntlich zwischen Aufklärung, Entertainment und Kommerz. Das gilt gleichermaßen für...

Geschichtskultur oszilliert in ihren hauptsächlichen Spielarten bekanntlich zwischen Aufklärung, Entertainment und Kommerz. Das gilt gleichermaßen für Ausstellungen, TV-Dokus oder Hochglanz-Magazine, aber auch für Schulbücher und Computerspiele. Wer fachlich mit dem Altertum zu tun hat, kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit für sein Gebiet meist nicht beklagen, im Gegenteil – im Jahr der Varusschlacht wird da von Puristen noch manche Klage zu hören sein. Als kürzlich in Bielefeld ein Kollege versprach, Kalkriese als Ort dieses Ereignisses definitiv ausschließen zu können, kamen zu seinem Vortrag mehr als 350 Zuhörer.

Ein – kleiner – Kontinent ist allerdings bisher unentdeckt und wird es vielleicht auch bleiben: das authentisch reproduzierte Dokument. Man denkt hier natürlich in diesen Tagen an die „Zeitungszeugen“, jenes seit kurzem jeden Donnerstag erscheinende kommerzielle Sammelwerk mit – bis hin zu den Anzeigen – komplett nachgedruckten Zeitungen aus der NS-Zeit, die einen möglichst unmittelbaren Eindruck von dieser Epoche vermitteln sollen, volkspädagogisch buchstäblich ummantelt von Erläuterungen namhafter Experten. Wie Fanatiker und Wirrköpfe mit solchen Produkten umgehen oder was diese in den Köpfen von Jugendlichen bewirken, kann letztlich niemand voraussagen; ob es glücklich war, der jüngsten Ausgabe ein Wahlplakat der NSDAP für die Märzwahl 1933 mit Hakenkreuz und „Wählt Hitler“ beizulegen, steht aber dahin. Während die ersten Ausgaben neben den NS-Zeitungen noch die letzte Nummer des „Vorwärts“ und die „Vossische Zeitung“ bieten, wird wohl bald Ermüdung ob der sich wiederholenden Formeln der Partei- wie der gleichgeschalteten Organe eintreten.

Der ästhetische Reiz solcher Bleiwüsten ist ohnehin eher gering. Ganz anders sieht das aus bei Reproduktionen von Zeugnissen aus älteren Epochen, wie sie von Anbietern ebenfalls in Fortsetzungswerken unter Titeln wie „Deutsche Geschichte in Dokumenten“ oder „Documenta Vaticana“ immer wieder auf den Markt gebracht werden. Wer die meist sorgfältig faksimilierten Urkunden, Handschriften und Briefe in die Hand nimmt, gewinnt aus dem karolingischen Kapitular oder der spätmittelalterlichen Stadtgründungsurkunde immerhin ein Gefühl dafür, wie besonders, wie nicht-alltäglich Schriftlichkeit über den weitaus längsten Teil der bisherigen Geschichte gewesen ist. Den Blättern eignet auch eine auratische Qualität. Die Macher der verschiedenen Ausgaben der „Propyläen Weltgeschichte“ haben das gewußt und dem Werk faksimilierte Dokumente aus allen Epochen beigegeben.

Leider ist noch niemand auf die Idee gekommen, ein solches Unternehmen für die Antike in Angriff zu nehmen. Zwar stammt die Überlieferung der literarischen Texte und der Bibel fast ganz aus dem Mittelalter; Handschriften und frühe Drucke aus dieser Zeit müßte man also dazunehmen. Aber es gibt auch einige sehr schöne spätantike Handschriften, außerdem durchaus ansehnliche und spannende Papyri, etwa Bescheinigungen über vollzogene Opferhandlungen aus der Zeit der Christenverfolgungen oder die beiden sog. Petrusbriefe des Papyrus Bodmer VIII (letztere faksimiliert in den „Documenta Vaticana“). Ein Militärdiplom (Abb.: Exemplar aus dem Jahr 107 n.Chr., Weißenburg/Rätien) macht ebenfalls etwas her, und das Gewicht und die haptische Qualität der kleinen Bronzetäfelchen ließen sich in Metall durchaus nachahmen. Zwar würden fast alle Käufer Transliterationen, Übersetzungen und Erklärungen benötigen – das gilt aber für einen Brief Wallensteins und selbst die Emser Depesche, und ein scharfsinniger Web-Kommentator hat sogar die Frage aufgeworfen, wie viele Menschen heutzutage die Frakturschrift in den „Zeitungszeugen“ noch flüssig zu lesen imstande seien. Aber das reproduzierte Blatt mit dem antiken Text zu betrachten, vielleicht gar ein paar Wörter mit Hilfe zu entziffern, das Schreiben als Kunst, das Blatt als schön zu erfassen – das ist keine Nostalgie, sondern ein sehr heilsames entschleunigendes Gegengewicht zur datenbankgestützten Wortsuche in Millisekunden.

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