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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Skinners Seitenblick – antike und moderne Freiheit

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Die Freiheit mag im Moment nicht allzu hoch im Kurs stehen. Der eben abgelöste US-Präsident führte sie zu oft im Munde, doch sein Handeln folgte einem ganz...

Die Freiheit mag im Moment nicht allzu hoch im Kurs stehen. Der eben abgelöste US-Präsident führte sie zu oft im Munde, doch sein Handeln folgte einem ganz anderen Kompaß. Hierzulande erfreut sich immerhin eine Partei eines aktuellen Höhenflugs, die sie nicht nur im Namen trägt, sondern ein ungehemmtes Schuldenmachen heute mit Recht als einen Akt geißelt, der die nächste und übernächste Generation der Freiheit berauben wird.

Althistoriker haben wenig Probleme damit, die Ursprünge einer emphatisch gedachten Freiheit in der griechischen Antike zu finden. Kurt Raaflaub hat darüber 1985 eine umfangreiche Studie vorgelegt, und sein Lehrer Christian Meier zeigt in seinem eben erschienenen Buch, wie die Hellenen eine „Kultur um der Freiheit willen” entwickelten (Siedler-Verlag; Rezension folgt). Zugleich herrscht Einigkeit darüber, daß die eleutheria des griechischen Polisbürgers und die libertas des civis Romanus mit dem modernen Verständnis des Begriffs wenig zu tun hatten. Eine liberale Freiheit des Individuums von der Polis bzw. der res publica und gegenüber ihr gab es nicht. Diese Auffassung einer grundlegenden Differenz zwischen Antike und Moderne formulierte Benjamin Constant vor bald zweihundert Jahren in einer viel diskutierten Rede (De la liberté des anciens comparée à celle des modernes, 1819): „Das, was die Alten erstrebten, war die Verteilung der staatlichen Gewalt unter die Bürger des Landes: Das war es, was sie Freiheit nannten. Die Modernen erstreben Sicherheit im privaten Genuß; sie bezeichnen als Freiheit die Rechtsgarantien, die die Institutionen diesem Genuß gewähren.” Constants Unterscheidung war Teil eines politischen Diskurses über den despotischen Charakter der Demokratie. Dieser Diskurs, dessen Grundmelodie bereits Kant formuliert hatte, stellte eine Reaktion auf die Französische Revolution dar. Von Kant bis Constant sehen wir in Auseinandersetzung mit der Revolution das moderne, personale Freiheitsverständnis in den Mittelpunkt der politischen Theorie treten, und darin liegt eine deutliche Distanzierung vom antiken Vorbild. Während bei Kant die Antikenkritik eher ein Nebengedanke gewesen war, wurde diese von Constant zum Kern der Reflexion erhoben, sicher auch in Auseinandersetzung mit der Herbeizitierung der antiken Vorbilder gerade durch die radikalsten Exponenten der Revolution. Was die klassische antike Demokratie gekennzeichnet habe, so Constant, sei die vollständige Abhängigkeit des Individuums von der politischen Gemeinschaft gewesen, welche ungehinderte Zugriffsmöglichkeit auf alle Aspekte des individuellen Lebens gehabt habe. – Im aktuellen Buch eines anderen Meier-Schülers sind diese Differenzen vortrefflich auseinandergelegt (Wilfried Nippel, Antike oder moderne Freiheit? Die Begründung der Demokratie in Athen und in der Neuzeit. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2008).

So überrascht es nicht, daß Quentin Skinner (s. auch FAZ vom 2.2.2009, S. 8) in seiner brillanten Rede, mit der er letzten Freitag den nach Niklas Luhmann benannten Bielefelder Wissenschaftspreis entgegennahm, seine Genealogie der Freiheit mit Thomas Hobbes beginnen ließ. Doch Skinner übersah eine markante antike Tradition durchaus nicht und fädelte sie elegant dort ein, wo es auch Denkern der Moderne nicht nur negativ um die Abwesenheit von Einmischung, Bedrückung und Fremdbestimmung ging. Selbstverwirklichung des Menschen meint in dieser Tradition die Verwirklichung des Wesens seiner Natur im Sinne einer Vervollkommnung. Bürger und damit frei sei, wer – so Aristoteles – fähig sei und die Entscheidung getroffen habe, ausgerichtet auf ein Leben nach der Norm höchster menschlicher Qualität zu herrschen und sich beherrschen zu lassen. Skinner nannte mit Recht Hannah Arendt als die authentische Interpretin des aristotelischen Modells für die Moderne, denn Arendt sah das Politische als einen Raum zwischen den Menschen, der diesen im Modus des Sprechens und Handelns Zugriff auf die Welt ermöglicht. Diese zwei menschlichen Tätigkeiten gelten als die eigentlich politischen, und nur durch ihre Betätigung entstehen Individualität und Freiheit: Freedom consists in politics. Der fortdauernde Wert dieser Bestimmung gegenüber der Herleitung aus der Hobbes’schen Tradition: Auch wenn dem Bürger kein bedrohlicher, sondern nur ein überfürsorglicher Staat gegenübersteht, kann Freiheit erodieren, sofern sie nicht immer wieder von den Bürgern selbst bestimmt und errungen wird.

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