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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Kalkriese und seine events. Das Programm im Varusschlachtjahr

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Von der Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH kommt ein gut 120 Seiten umfassendes Programmheft auf den Tisch. Es bietet eine Übersicht zu den...

Von der Varusschlacht im Osnabrücker Land GmbH kommt ein gut 120 Seiten umfassendes Programmheft auf den Tisch. Es bietet eine Übersicht zu den Veranstaltungen des Kalkriese-Teils der großen Dreifachausstellung „Imperium – Konflikt – Mythos“, die Mitte Mai eröffnet wird. Ein Blick bestätigt, was der Geschäftsführer der Gesellschaft einmal in einem Vortrag als Grundlage seiner Arbeit beschrieb: Eine gewissen Teil der Bevölkerung brauche man nicht anzusprechen, weil diese Interessierten die Ausstellung ohnehin wahrscheinlich besuchen werden. An 30-35 % richte sich die Werbung ebenfalls nicht, weil diese Gruppe nie zu aktivieren wäre. Die große Gruppe dazwischen könne erreicht werden, aber bei ihr konkurriere man mit anderen ‘events‘: dem Freizeitpark, dem Musical oder Konzert, dem Spaßbad, dem Streichelzoo oder der Bootstour.

Und so haben sich die Eventdesigner allerlei einfallen lassen, was mehr oder minder mit dem historischen Ereignis zu tun hat. Daß die Varusschlacht wahrscheinlich gar nicht bei Kalkriese stattgefunden hat, stört nicht weiter. Es gibt „Römer- und Germanentage“ mit mehr als 300 Darstellen aus acht europäischen Ländern, die Szenen aus dem Alltag nachstellen und eine Brücke schlagen zwischen der ernsthaften experimentellen Archäologie eines Marcus Junkelmann und den Spielszenen in den Dokufictions, die immer etwas hilflos wirken, weil sich mit zehn oder zwanzig Mann nun mal kein überzeugendes Kampfszenario nachstellen läßt. Selbst wenn dann als Höhepunkt die 300 an der moorigen Enge aufeinanderschlagen, wird die These eines Kritikers, an diesem Ort habe vielleicht nur eine Kohorte sechs Jahre nach der Varusschlacht ihren Untergang gefunden, womöglich unerwünschte Evidenz gewinnen.

Von über 440 Kindern wird ferner das Musical „Kleiner Germane in Rom“ mit dem Untertitel „Rappende Römer und groovende Germanen“ aufgeführt, das auf dem Weg über eine – historisch keineswegs gesicherte – Jugend des Arminius in Rom jüngeren Menschen die alte Zeit nahebringen will. In einer Großaktion, die jeden Teilnehmer zum Künstler werden läßt, sind ferner bereits 2000 „Feldzeichen zu Friedenszeichen“ umgestaltet und am 18. Januar im Museumspark präsentiert worden – sicher nur zufällig der Tag der Reichsgründung.

Die Franzosen haben es besser. Sie können die Römer als Zivilisationsbringer und imperiale Vorbilder würdigen und gleichzeitig Vercingetorix als einem Freiheitshelden huldigen. Hierzulande scheint das Gedenken ein doppelt negatives sein zu müssen: Die Römer kamen als gierige Eroberer, die Germanen wurden später von einem dumpfen Nationalismus vereinnahmt. Dazu paßt, daß beide scheiterten: Die Römer verloren ihre Provinz, ihre Gegner verfielen bald wieder in ihren angestammten Hader, über den Tacitus einst so froh war. Die politische Würdigung hat daher kritisch zu sein, weswegen nun im Theater Osnabrück „Der Tribun“ und andere Stücke von Maurizio Kagel zu hören sein werden, die um die Stichworte Demagogie und Marschmusik kreisen. Weniger Avantgarde, dafür mehr Unterhaltung verspricht „Hermann meets Händel. Herbert Feuerstein auf den barocken Spuren des Arminius“; von letzterem wissen die Veranstalter sogar, daß er „eher ein Verräter aus Seelennot als ein Held war“. Es gibt aber auch eine Varus-Sinfonie.

Immer wieder geht es mit Recht um die alte Frage nach der deutschen Identität („Was wären wir heute, wenn die Römer die Schlacht gewonnen hätten?“) und um das neue Unbehagen an jeder Kriegsberichterstattung. Dieser ist in Osnabrück die Ausstellung „Bilderschlachten. 2000 Jahre Nachrichten aus dem Krieg. Technik – Medien – Kunst“ gewidmet; dazu gibt es einen Kongreß mit dem barocken Titel (wir sind in der Friedensstadt von 1648) „Wahrheitsmaschinen – der Einfluß technischer Innovationen auf die Darstellung und das Bild des Krieges in den Medien und Künsten“.

Die ganze Vielfalt der touristischen, wissenschaftlichen, künstlerischen und museumspädagogischen Angebote kann indes nur begrenzt darüber hinwegtäuschen, daß in Kalkriese vergleichsweise wenig zu sehen ist. Die Funde selbst, so interessant und vieldeutig sie für Wissenschaftler sein mögen, bleiben insgesamt wenig spektakulär, und was in letzter Zeit dazugekommen ist, hat die offenen Fragen eher vermehrt, das Produkt Varusschlacht aber nicht greifbarer gemacht. Mit den Schauwerten und der Authentizität der beiden anderen Ausstellungen in Haltern und Detmold kann man von vornherein nicht konkurrieren. Es bleibt die Aura, definitiv einen Gefechtsort aus der fraglichen Zeit zu haben und diesen archäologisch umfassend erschlossen präsentieren zu können.

Manche Veranstaltungen finden im Gasthaus Varusschlacht statt. Die „Abfallwirtschaft Landkreis Osnabrück GmbH“ arrangiert auf einer Werbeseite drei römische Legionäre hinter vier verschiedenfarbigen Mülltonnen und einem gelben Sack, darunter der Satz: „In Sachen ‘Abfuhr‘ 2000 Jahre Erfahrung. Fragen Sie mal die Römer …“ Und der Golfclub Varus e.V. veranstaltet das Golfturnier „2000 Jahre Varusschlacht – Römer gegen Germanen“. Käme Tiger Woods dort vorbei, würde man ihn wohl als Nubier vermarkten.

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