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Antike Communisten in digitaler Gestalt

02.03.2009, 09:40 Uhr

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Wohin Verlage, Buchhandel und Universitäten durch die ins Auge gefaßte Digitalisierung der Buchbestände ganzer Bibliotheken geführt werden, ist zur Zeit noch nicht abzusehen und daher einigermaßen umstritten. Hier soll nicht von neuerer und neuester Literatur die Rede sein, die aus urheberrechtlichen Gründen nicht vollständig ins Netz gestellt werden darf; das Angebotene kann außerdem nicht mit einem Klick als pdf-Datei heruntergeladen werden. Anders verhält sich das mit älteren Werken, die auch nicht als reguläre Nachdrucke vertrieben werden und auf dem antiquarischen Markt nur zu vergleichsweise hohen Preisen zu haben sind.
Wer heute mit der Google Buchsuche nach altertumswissenschaftlicher Literatur fahndet, kann beglückende Funde machen, aber auch einigen Merkwürdigkeiten begegnen. Ursprungsort der Digitalisierung sind meist amerikanische Universitäten, wo offenbar ziemlich wahllos alte Bücher quer durch alle Disziplinen per Scan in pdf-Dateien verwandelt werden, teilweise vollautomatisch, wie zu hören ist, und ohne Rücksicht auf Mängel in den Vorlagen, verursacht etwa durch handschriftliche Notizen neben und zwischen den Zeilen. Die Qualität der Ergebnisse ist sehr unterschiedlich; es gibt auch durch Verrutschen unlesbare Passagen, Dateifehler, Textverluste an der Falz und zu starke Schwärzung der Buchstaben – ein besonderes Problem, da die Bücher oft noch in Frakturschrift gesetzt sind. Ein Durchsuchen nach bestimmten Wörtern ist in der Regel nicht möglich.
Aber man bekommt durchaus Bücher, die man gern hätte, aber nicht kaufen würde, weil sie dann doch zu selten benutzt werden und viel Platz im Regal erfordern. Auch disziplingeschichtliche Entdeckungen und Auflagenvergleiche bei Standardwerken sind nun leichter möglich, weil meist nicht die maßgebliche letzte Auflage zur Verfügung steht, sondern eine ältere.
Beglückende Funde: Dazu gehört die Erstauflage von Droysens Diadochengeschichte, 1836 erschienen und von Interesse, weil noch nicht das mit autoritativem Anspruch daherkommende Referenzwerk, zu dem der Autor die Neubearbeitung als Band zwei der „Geschichte des Hellenismus” gemacht hat (1877/78). In gerade noch akzeptabler Qualität – kaum schlechter als der preiswerte Papiernachdruck in den hierzulande leider kaum bekannten elibron-Classics – kann man auch die seinerzeit bahnbrechende „Staatshaushaltung der Athener” von Droysens Lehrer August Boeckh (1817) lesen – allerdings nur den ersten Band. Das ist generell (noch) ein erhebliches Manko: Kaum ein mehrbändiges Werk steht komplett zur Verfügung.
Immerhin – von Barthold Georg Niebuhr, einem der Gründerväter der kritischen Erforschung der römischen Geschichte, findet sich fast alles, noch dazu in recht ordentlicher Qualität: die seinerzeit berühmten Historischen und Philologischen Vorträge in Bonn in vier Bänden, zwei Bände der Vorträge zur Römischen Geschichte, die seltene Vorlesung „Geschichte des Zeitalters der Revolution” aus dem Sommer 1829, zwei Bände Kleine Schriften und von der „Römischen Geschichte” immerhin Band drei in der dritten Auflage von 1832. Auch Karl-Otfried Müller, der früh verstorbene Bahnbrecher der griechischen Geschichte in jener Zeit, ist mit mehreren seiner in fieberhafter Rastlosigkeit entstandenen Werke vertreten, darunter den „Prolegomena zu einer wissenschaftlichen Mythologie” und dem „Handbuch der Archäologie der Kunst”. Schließlich einige der für die Konstituierung der Altertumskunde als Wissenschaft eminent wichtigen Vorlesungen von Friedrich August Wolf und Christian Gottlob Heyne.

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Die meisten der gebotenen Werke sind in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen; vereinzelt findet sich etwas Jüngeres, etwa Prellers „Römische Mythologie” in zweiter Auflage (1865) oder die Neubearbeitung des Handbuchs „Römische Privataltertümer” durch den unermüdlichen Gymnasialprofessor Joachim Marquardt (1867).
Ganz willkürlich erscheint die Auswahl der kommentierten Ausgaben und Übersetzungen antiker Texte. Die Reproduktion der Originalausgabe von Droysens Aischylos-Übersetzung von 1832 leidet an schlechter Qualität. Das gilt leider auch für die barocke Sallust-Übersetzung von M. Daniel Albinus aus dem Jahr 1662.

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Das Projekt Digitalisierung hat seine Stärken dort, wo es ganz oder beinahe Vergessenes zugänglich macht. Eine Unzahl von heute vergessenen lateinischen und griechischen Grammatiken, didaktischen Werken, Lexika oder Lehrbüchern zur Alten Geographie und zu den antiken Altertümern für den Schulgebrauch zeigen, wie sehr die Altertumswissenschaften es vermochten, für einige Jahrzehnte den Bildungskanon der bürgerlichen Gesellschaft zu dominieren. Darüber hinaus nahmen einige Gelehrte auch die Probleme der anhebenden industriellen Moderne wahr und reagierten darauf mit historischen Parallelisierungen und Modernismen, die gemessen am gleichzeitigen Werk Max Webers allerdings schon damals obsolet waren. Man kennt vielleicht noch Robert Pöhlmanns zweibändige „Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus” (1893/1901), in der zweiten Auflage abgemildert zur „Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt” (1912). Nicht geläufig war mir dagegen, daß bereits Wilhelm Drumann, Verfasser einer ungemein kenntnisreichen, der Anlage nach indes ziemlich „verschrobenen” (A. Heuss) „Geschichte Roms in seinem Übergang von der republikanischen zur monarchischen Verfassung” 1860 noch ein Werk mit dem Titel „Die Arbeiter und Communisten in Griechenland und Rom” publizierte, das wie ein Lehrbuch in Paragraphen eingeteilt ist. Die Vorrede atmet einen robusten humanistisch-anthropologischen Universalismus in politischer Absicht: „Eine Vergleichung ergiebt sich von selbst; bei aller Verschiedenheit des Jahrhunderts, des Wohnortes, der Verfassung und Religion sind die Menschen immer wesentlich dieselben, und es gilt in dieser Hinsicht der griechische Wahlspruch: kennst du das Alte, so wird dir auch das Neue klar.” Was dann freilich folgt, ist eine über weite Strecken antiquarisch-trockene Darstellung von Produktions- und Eigentumsverhältnissen sowie sozialen Konflikten, garniert mit den seinerzeit gängigen Modellen von Dekadenz und Parteikämpfen.

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Der Positivismus stand hier ganz im Dienst der politischen Defensive. Auch deshalb lohnt ein Rückblick in die Aufklärungshistorie, die bisher etwa in einigen Bänden von prominenten Autoren wie Heeren und Schlosser vertreten ist. Wiederum weniger bekannt ist die kleine Schrift „Geschichte und Zustand der Sklaverey und Leibeigenschaft in Griechenland”, die der Jurist Johann Friedrich Reitemeyer 1789 publizierte. Sie endet – ganz im Geiste der Querelle des Anciens et des Modernes – mit einem Elogium auf die Moderne, in der Freiheit und Glück der großen Zahl am besten befördert seien. Das hier ausgerufene „goldene Zeitalter der Menschenliebe” ließ allerdings in der Wirklichkeit auf sich warten, waren doch Sklavenhandel und Leibeigenschaft in dieser Zeit und noch lange unangefochtene Praxis.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 patinir41 03.03.2009, 19:00 Uhr

Ein sehr interessanter...

Ein sehr interessanter Beitrag, für den ich herzlich danke. Das ist ja wohl die Frage: Wer sortiert für uns, was besinnungslos digitalisiert und ins Netz gestellt wird, um dort zu vergammeln? Wer bereitet das Wissen zu (oder auf)? Ich fürchte: niemand. Gefragt wären Leser, Studenten, Professoren, die das Material sichten und gewichten. Die also überhaupt etwas damit anfangen. Möglich ist aber auch etwas anderes: Über die Streitfrage, was denn durch wen und mit welcher Befugnis digitalisiert werden darf, könnte sich eine Debatte über ältere Bücher und vergangene Wissenschaftsdiskurse entspinnen, nicht nur in der Altertumswissenschaft. Über ein wenig neuen Historismus würde ich mich freuen.

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FAZ Redaktion