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Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Homer, ein Gewaltpornograph?

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Ein Freund zeigt brieflich seine Lektüre von Jonathan Littells „Les Bienveillantes" an. Er verstehe, warum das Werk „eine solche Windsbraut von...

Ein Freund zeigt brieflich seine Lektüre von Jonathan Littells „Les Bienveillantes“ an. Er verstehe, warum das Werk „eine solche Windsbraut von Empörung“ ausgelöst habe, habe aber für derlei Empörung nicht mehr als Verachtung übrig. Es sei ein großartiges Buch, manchmal so unerträglich, daß man abbrechen müsse. Dann wieder lyrisch. Dennoch: nach allem, was ich über das Buch gelesen habe, und nach dem Vorabdruck in der F.A.Z. werde ich es so bald nicht zur Hand nehmen.
Ein markanter Vorwurf gegen Littell lautete ja, in der Schilderung der Massentötungen biete er nichts als Gewaltpornographie. Der Begriff vermag zu beunruhigen, weil er nicht einfach Schaulust gegenüber dem Schrecklichen bezeichnet, etwa die berüchtigten Gaffer bei Unfällen, sondern eine Choreographie zum lustvollen Betrachten detailliert ausgemalter Ensembles meint, zielend auf eine geheime Vereinbarung zwischen Autor und Leser. War in diesem Sinne Homer nicht nur der Begründer der europäischen Literatur, sondern auch ein Gewaltpornograph?
Im vierten Gesang der „Ilias“ steht die erste große Kampfschilderung. Sie beginnt mit einer distanzierenden Halbtotalen, abgeschlossen durch eines der berühmten Gleichnisse, das aus einem ganz anderen Bereich stammt und deshalb ebenfalls zunächst Abstand schafft (Vers 446 ff. in der Übertragung von Raoul Schrott; die Voß’sche Version hier):

                                                                „die heere trafen aneinander
schild stieß an schild, und speer an speer, mit der gepanzerten stärke
eines armes – buckel an buckel krachten die rundschilde aneinander
ein hohles donnern, das nun anschwoll und sich zusammen erhob
mit dem triumphgebrüll und den todesschreien von männern
die töteten und getötet wurden – die erde schwamm vor blut
wie wenn am ende des winters wildwasser am berghang überall
hinunterfließt, schmelzwasser, das durch trockne bachrinnen schießt
über eine wand stürzt und schäumend in einem kessel zusammenbraust
daß ein hirte selbst im tal dahinter noch das echo dieses tosens hört –
so dröhnte der aufprall dieser beiden heere einem in den ohren.“

Dann löst sich das Panorama in gegeneinandergeschnittene Einstellungen auf:

„nestors sohn antilochos war der erste, der in dieser schlacht
einen troianischen krieger tötete, den tapferen Vorkämpfer echepolos.
dieser sohn eines frommen gutsherrn war beim werfen langsamer als er –
und so traf ihn der speer am kamm des mit roßhaar geschmückten helms;
die spitze bohrte sich in die Stirn und durch den knochen, daß ihm schwarz
vor augen wurde und er in diesem handgemenge umstürzte wie ein turm.“

Ein gegnerischer Krieger will dem Gefallenen die wertvolle Rüstung abziehen,

                                                            „doch es blieb bei dem versuch –
denn als er sich bückte um echepolos‘ leichnam wegzuschleppen
ließ sein schild eine blöße frei, der troianer agenor sah es, stieß ihm
kaltblütig in die rippen und schlitzte ihm mit seiner bronze die seite auf.
das räudige handwerk des krieges: kaum war er seiner wunde erlegen
da stritten sich achaier und troianer auch schon um seine leiche
mann gegen mann sich ineinander verbeißend wie die wölfe.“

Hier mogelt Schrott der Dichter ein wenig: „das räudige handwerk des krieges“ signalisiert eine Verachtung des Geschilderten, doch tatsächlich spricht Homer ganz nüchtern vom ergon argaleon, was Wolfgang Schadewaldt, die Lakonie treffend, mit „schmerzliche Arbeit“ übersetzt. „Um seine Leiche“ enttäuscht als eine blasse Erläuterung des räumlich-konkreten ep‘ autô („über ihm“). Und „kaum war er seiner wunde erlegen“ kombiniert ziemlich prosaisch zwei berühmte homerische Wendungen; textnäher heißt es: „… und löste die Glieder. Und als ihn die Lebenskraft verlassen, …“

Ein weiterer Trojaner, Simoeisios, kann die von der Mutter empfangene Liebe nicht mehr vergelten, denn Aias setzte dessen kurzem Leben

                                                „mit einem lanzenstoß ein ende,
er stach dem anrennenden Jüngling über der rechten brustwarze
in die rippen daß die spitze bei der schulter wieder herauskam;
der fiel der länge nach in den staub – einer silberpappel gleich
wie sie neben den saftigen wiesen einer au wächst, ihr stamm
glatt und schmal, die äste zuoberst erst zur krone ausgreifend
eine wie sie jeder wagenschmied mit seinem beil gerne fällt
um aus dem holz radkränze für einen Streitwagen zu machen
nachdem er sie lange genug am fluß hat austrocknen lassen –
so lag simoeisios nun, vom breitschultrigen aias umgehauen.“

Eine Lanze verfehlt einen Kämpfer, trifft einen anderen in die Leiste, was wiederum Odysseus gegen den Werfenden aufbringt:

„er traf ihn mit einem derartigen furor ins rechte schläfenbein
daß die spitze auf der anderen schädelseite wieder herauskam.“

Oft raubt schon der erste Treffer dem Unglücklichen das Leben, doch mancher stirbt in zwei Etappen:

„diores wurde von einem kantigen stein, den peiroos – einer der zwei
thrakischen anführer – geschleudert hatte, über dem rechten knöchel
am Schienbein getroffen; das geschoß zersplitterte ihm den knochen
die sehnen rissen, er knickte um und sackte rückwärts in den staub
seine beiden arme ohnmächtig nach seinen gefährten ausgestreckt –
doch statt ihrer kam peiroos und stieß ihm seinen speer in den nabel
um ihm den bauch aufzureißen, daß die eingeweide herausquollen
in den dreck glitten und der tod sich dunkel über seine augen legte.“

Man kann Schrott nicht vorwerfen, hier um des Effektes willen zu überziehen. „Gedärme ergossen sich auf die Erde, und ihm umhüllte Dunkel die Augen“, heißt es auch in der Übersetzung Schadewaldts.

Und der Grundkurs Anatomie ist noch nicht zu Ende:

„als peiroos sich darauf umdrehte warf thoas von den aitolern
ihm seinen speer in die brust, der sich ihm in die lunge bohrte,
thoas lief hin, zog ihm den dicken schaft wieder aus den rippen
und schlitzte ihm dann mit seinem schwert die bauchdecke auf.“

Ein anderer Kämpfer wird als kunstfertiger Handwerker gerühmt, doch ein Gegner stößt dem Fliehenden den Speer „in die rechte Hinterbacke, und durch und durch, gerade durch die Blase unter dem Knochen ging die Spitze“ (Schadewaldt). Diese Sicht auf die Dinge spiegelt sich in der zeitgenössischen Kunst, wie die Darstellungen auf zwei Weinmischgefäßen geometrischen Stils im Louvre zeigen.

Bild zu: Homer, ein Gewaltpornograph? Bild zu: Homer, ein Gewaltpornograph?

Gleichwohl sind diese – sich über Hunderte von Versen hinziehenden – Schilderungen keine Gewaltpornographie. Mochten die Zuhörer sie auch in behaglichen Langhäusern von Sängern vorgetragen bekommen haben, bei gebratenem Fleisch und „honigsüßem Wein“, so standen sie doch als Siedlungsführer, später als Aristokraten immer noch in der Gefahr, bei anderer Gelegenheit ihr Leben auf die geschilderte Weise zu verlieren. „Waren diese Lieder den Griechen“, so fragt Christian Meier in seinem neuen Buch „Kultur, um der Freiheit willen“ mit Recht (s. F.A.Z. vom 19. Februar), „nicht gerade auch deswegen unentbehrlich, weil sie in ihnen die eigene Erfahrung gespiegelt sahen, vom Gemetzel, vom Preisgegebensein des Menschen, von der Menge des Auszuhaltenden wie von den Möglichkeiten, es damit – ruhmvoll – aufzunehmen? Sich aufzurichten also an der Größe der Helden wie an der Kunst der Sänger, die von ihnen so wundervoll zu berichten wußten.“ Die Verschränkung macht der Dichter in der „Odyssee“ deutlich, indem er sein Alter Ego Demodokos („der im Volk Angesehene“) auftreten und vom Hölzernen Pferd berichten läßt, in Anwesenheit des (noch unerkannten) Odysseus, dessen scharfem Geist die Idee zu dieser Kriegslist entsprungen war.

Hinzu kommt: Selbst die „kleinen Helden“ in der Ilias, die nur auftreten, um sogleich den Klingen der Großen zum Opfer zu fallen, haben einen Namen, einen Vater, eine Herkunft, manchmal sogar eine in wenigen Worten geschilderte Geschichte. Pornographie aber reduziert den Menschen radikal – nicht einmal auf seinen Körper als Ganzheit, sondern auf bestimmte Teile davon und in einem bestimmten Aggregatzustand: Geschlechtsorgane erregt, angeschwollen, geöffnet; Glieder zerfetzt, aufgerissen, einzeln herumliegend. Nicht zu reden von den verschiedenen Flüssigkeiten. (Nein, „Feuchtgebiete“ werde ich auch nicht lesen.)

Es gibt in der späteren antiken Dichtung Schilderungen des Tötens und Sterbens, die man für spielerische oder Empörung ausdrückende Manierismen halten kann; wohl kein Zufall, daß sie in der befriedeten Kaiserzeit blühten. Manfred Fuhrmann hat im dritten Band von „Poetik und Hermeneutik“ einst „Die Funktion grausiger und ekelhafter Motive in der lateinischen Dichtung“ untersucht (Die nicht mehr schönen Künste, hgg. von F. Jauß, München 1968, 23-66). Was sich bei Seneca und Lucan in diesem Sinne findet, war bei Homer jedoch allenfalls als möglicher Pfad angelegt.

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