Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Zwischen Weisheitslob und Gnadenbrot: die Ausstellung „Alter in der Antike“ in Bonn

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Sollte man die Leere und Ruhe, die den Besucher letzten Mittwoch im zweiten Stock des Bonner Landesmuseums empfing, kulturkritisch zu deuten versuchen? Daß in...

Sollte man die Leere und Ruhe, die den Besucher letzten Mittwoch im zweiten Stock des Bonner Landesmuseums empfing, kulturkritisch zu deuten versuchen? Daß in der Ausstellung „Alter in der Antike“, jedenfalls an diesem Nachmittag, auf jeden Interessierten mehr als eine Aufsichtsperson kam? Ignoriert das Land also seine Alten, schaut es weg oder nimmt es sie nur dann gern wahr, wenn es sich um Wundergreise wie Johannes Heesters oder Helmut Schmidt handelt? Ein solches Urteil wäre unbillig. Gewiß, die Werbebranche führt mit durchsichtiger Absicht das Bild der flotten, agilen Senioren vor, doch ist bei aller Einseitigkeit daran soviel richtig, daß Siebzigjährige heute in der Regel ‘jünger‘ sind als Fünfzigjährige vor zweihundert Jahren. Und die Lasten des Alters, die Verluste, die es mit sich bringt, sind durchaus nicht verborgen, weder beim blinden Schauspieler Heesters noch beim hochgradig schwerhörigen Altbundeskanzler Schmidt noch beim dementen Intellektuellen Walter Jens. Pflegenotstand und häusliche Gewalt gegen Alte werden immerhin thematisiert, im Parlament wie im ‘Tatort‘.

In Bonn wird man die Besucherbilanz am Ende aufmachen; sie wird wie immer auch von Wetter abhängen und von der Konkurrenz in der Bundeskunsthalle. Soziale Zustände mit Objekten anschaulich zu machen fällt einer Ausstellung zur Antike ohnehin nie leicht, weil die Überlieferung meist wenig hergibt. Man sollte sich also die Zeit nehmen, die erklärenden Tafeln zu lesen.
Im Prinzip ist der Sachverhalt simpel. In einer von Knappheit an Nahrung und Arbeitskraft geprägten Gesellschaft war alt, wer nicht mehr voll arbeiten konnte und dann mehr verzehrte, als seine Tätigkeit erbrachte. Prinzipiell war daher die Gefahr groß, an der Rand gedrängt und schlecht behandelt zu werden. Den eigenen Eltern Respekt zu erweisen stellte nicht sicher, später von den eigenen Kindern das Gleiche zu erfahren. Einzig soziale Routinen, gefestigt durch Gesetze und erhöht zu sittlichen Werten bildeten die Brandmauer. Am prekärsten lebten die Alten ausgerechnet in Athen, wo sie – wie auch andernorts – mit der Übergabe des Hofes an den Sohn die Kontrolle über die Lebensgrundlage der Familie verloren. Auf dem Altenteil waren sie auf Fürsorge angewiesen, und die bezeugten Gesetze gegen Mißhandlungen der Eltern sprechen eine deutliche Sprache; sie verboten, den Vater handgreiflich aus der Hausgewalt herauszudrängen oder generell die Eltern zu schlagen oder sie hungern zu lassen. Bereits der Dichter Hesiod mahnte: „Wer an der traurigen Schwelle des Alters den greisen Erzeuger / immerfort kränkt und mit schweren, beschimpfenden Worten ihn anfährt. / Ja, über den gerät Zeus selber in Zorn, und am Ende / bürdet für unrechtes Tun er ihm auf die schwerste Vergeltung.“

Athen setzte während seiner besten Zeit in seinem politischen Stil auf jugendliche Dynamik, Entschlußfreudigkeit und machtvolles Gebaren in seiner Außenpolitik. Alte Menschen konnten weder im Haus noch im politischen System wichtige Funktionen monopolisieren und wurden deswegen gesellschaftlich wenig geachtet. Auch sah man sich zumindest für eine gewisse Zeit einem so rapiden Veränderungsprozeß unterworfen, daß die ‘Weisheit des Alters‘ – seit Homers Nestor ein fester Wert im kulturellen Inventar – massive Kursverluste erlitt. Das berühmte Porträt des Strategen Perikles, der etwa siebzig Jahre alt wurde, zeigt keinerlei Anzeichen eines so hohen Lebensalters und keine Spuren der vielfältigen Altersleiden, die sein Zeitgenosse Hippokrates aufzählt: „Alte Menschen leiden an Atembeschwerden (Dyspnoe), Katar-rhen mit Husten, Strangurie (schmerzhafte Blasenentleerung), Dysurie (erschwerte Blasenentleerung), Gelenkbeschwerden, Nierenerkrankungen (Nephritiden), Schwindelanfällen, Schlag-flüssen, Kachexie (Auszehrung), Pruritus (Juckreiz) des gesamten Körpers, Schlaflosigkeit, wäßrigen Ausflüssen aus Darm, Augen und Nasen, Schwersichtigkeit, Katarakt (grauer Star) und Schwerhörigkeit.“
 
Aufgrund ihrer häuslichen und öffentlich-politischen Situa-tion verwundere es nicht, so der Bonner Althistoriker Winfried Schmitz im Begleitbuch, daß in vielen antiken Schriften klassi-scher Zeit die alten Menschen kritisiert und verspottet, dem Alter zugeschriebene Eigenschaften karikiert werden. Nutz- und wertlos seien die Alten wie ein abgetragener Schuh, zahnlos und alters; sie sollten sich auf Gebete und die Durchführung religiöser Gebräuche beschränken. Als geschwätzig und knauserig, als lüstern und geizig finden wir sie beim Komödiendichter Aristophanes verspottet. Kleinkunstdarstellungen von Alten karikieren diese oft derb, wie der in Bonn zu sehende Herakles mit runzliger Haut, einer Stirnglatze und unproportional großen Genitalien (spätes 5. Jh.). Im Hellenismus etablierte sich ein genrehafter Realismus, für den eine hervorragend gearbeitete Skulptur einer alten Bäuerin stehen mag (1. Jh. v.Chr.). Die Vorstellung, in traditionalen Gesellschaften habe das Alter gleichsam naturwüchsig in hohem Ansehen gestanden, ist jedenfalls ein romantischer Mythos.

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In Sparta hingegen wurde Respekt vor den Alten rigoros eingeübt. Der politisch einflußreichen Gerusie gehörten nur Männer von sechzig und mehr Jahren an, was Aristoteles indes mit einem naheliegenden Argument kritisierte: Mit den Kräften des Körpers ließen auch die des Geistes nach; geistig befinde sich der Mensch mit 49 Jahren auf dem Höhepunkt. Die Römer nahmen in der Gestalt des Aeneas, der seinen gebrechlichen Vater Anchises auf den Schultern aus dem brennenden Troia rettet, den Respekt vor den Alten in den Kanon ihrer Gründungsmythen auf und erinnerten sich ihrer Mustergreise: des blinden Appius Claudius oder des älteren Cato, die bis an die Schwelle des Grabes im Senat oder vor Gericht mit Autorität redeten. Soziale und rechtliche Grundlage dieser Werte war die lebenslange Verfügung des Vaters über Haus, Vermögen und Familie, die patria potestas. Die soziale Konfiguration fand ihren Niederschlag auch im römischen Porträt, in dem Alterszüge für Strenge, Robustheit und Autorität standen. In Bonn ist dieser Zusammenhang u.a. durch das Ädikularelief eines Ehepaares aus dem späten 1. Jh. n.Chr. illustriert.

 

 

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Auf einem anderen Relief sind ein alter Mann und ein Kind dargestellt. Sollte jener den Großvater meinen (und nicht etwa einen Pädagogen), so wäre dies ein Bild, das in der antiken Wirklichkeit eher selten war, denn Männer gründeten relativ spät eine Familie und sahen daher ihre eigenen Söhne oft nicht mehr als Väter. Die kleine, aber sehenswerte Bonner Schau macht auch mit demographischen Erläuterungen dieser Art unaufdringlich die Eigenart antiken Lebens deutlich. Und wohl Produkt einer einseitigen Überlieferung, doch ungemein tröstlich: geistig aktive Menschen konnten bereits im Altertum sehr alt werden: Der Diadoche Antigonos ‘der Einäugige‘ fiel mit über achtzig Jahren in der Schlacht, Cato starb mit fünfundachtzig, Augustus‘ Frau Livia mit siebenundachtzig, der Gelehrte Varro mit fast neunzig, Sophokles mit über neunzig, der Rhetoriklehrer und Publizist Isokrates mit achtundneunzig; der Sophist Gorgias wurde angeblich einhundert oder gar einhundertneun Jahre alt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Juni 2009 zu sehen (http://www.rlmb.lvr.de/ausstellungen/sonderausstellungen/default.htm). Das gelungene Begleitbuch (Verlag Philipp von Zabern, 192 Seiten) kostet im Museumsshop € 12,80.

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