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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Mythen in Detmold – Das Programm im Varusschlachtjahr

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Beim Durchblättern der Programmheftes zum Detmolder Teil der Varusschlacht-Ausstellungen und -‘Events' in diesem Jahr wird klar, welchen markanten...

Beim Durchblättern der Programmheftes zum Detmolder Teil der Varusschlacht-Ausstellungen und -‘Events‘ in diesem Jahr wird klar, welchen markanten Vorteil derartige Großereignisse in der sogenannten Provinz haben: In Berlin, Hamburg, München und anderswo gibt es immer wieder spektakuläre Ausstellungen, natürlich mit Begleitprogramm. Aber diese laufen Gefahr, in der Größe der Stadt und der Fülle der Angebote vereinzelt zu bleiben, prachtvolle Inseln in einem Meer voller Eilande. In Ostwestfalen-Lippe und im Osnabrücker Land dagegen richtet sich eine ganze Region in einer seltenen Kraftanstrengung für einige Monate ganz und gar auf das eine Großereignis aus. Manche dieser Bemühungen wirken, wie an dieser Stelle kürzlich für Kalkriese angedeutet, gelegentlich eher bemüht, bisweilen auch skurril. Doch für die Höhepunkte müssen Bewohner der Region in anderen Jahren weit fahren. So hat sich das Landestheater Detmold in den vergangenen Spielzeiten Wagners „Ring“ Stück um Stück erarbeitet und bringt ihn nunmehr komplett auf die Bühne. Das „Internationale Kulturprogramm Hermann 2009″ bietet ansonsten an, was auch anderswo und unter anderen Flaggen segeln könnte: Lichtshows, Die Jungen Tenöre, Musiktheater von Herman van Veen, Sommerkonzerte, Performance- und Perkussionsgruppen, ein Schreibwettbewerb, Roland Treschners Improvisationstheater „Hau den Hermann“, Textcollagen, „Rock am Hermann“ mit Extrabreit, ein Weinfest, ein Symposion „Der Aufbau des Friedens in Europa“ und so weiter. In Detmold und Umgebung werden die meisten dieser Veranstaltungen unter dem weiten Dach des Mythos der Hermannsschlacht aber eine besondere Farbe gewinnen.

Ein Rundgang durch die im Aufbau befindliche Ausstellung (Dank an Herrn Zelle!) macht klar: Eigentlich sind es zwei Ausstellungen. Neben der Rezeptionsgeschichte werden auch „die Germanen“ gezeigt, nicht nur in der Wahrnehmung der Römer, sondern auch in ihren tatsächlichen Lebensverhältnissen. Hierzu kann man in Detmold sinnvoll an die Dauerausstellung des Lippischen Landesmuseums mit seinen Exponaten aus Grabungen der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologen anknüpfen.

Auch im Detmolder Programmheft deklariert man die Varusschlacht „zu einem Wendepunkt der Geschichte Europas“, obwohl man diese superlativische Suggestion doch besser Kalkriese überlassen hätte. Denn während die Frage nach der realhistorischen Fernwirkung des Ereignisses selbst strittig bleiben muß und zudem jeder neue materiale Fund auf dem Schlachtfeld bisherige Gewißheiten ins Wanken bringen kann, hat man rund um das Hermannsdenkmal paradoxerweise mit dem „Mythos“ einen sehr viel handfesteren und überreich dokumentierten Gegenstand von einer ganz unbestreitbaren historischen Bedeutung in Händen. Soweit das Nationalbewußtsein der Deutschen auf der Suche nach zeitlicher Tiefe zu den Germanen zurückfand und sich zugleich durch die Abgrenzung nach außen, zumal gegen Rom und später gegen Frankreich, zu bestimmen begann, markierte die Hermannsschlacht einen Eckpfeiler davon. Konjunktur hatte sie bekanntlich im Fünfzehnten und Sechzehnten Jahrhundert, sodann natürlich im Neunzehnten. Für Kenner wird die Schau eine breite Palette von frühen Drucken der relevanten antiken Schriften bieten sowie den berühmten Codex Aesinas mit der Germania des Tacitus. „Was Himmler nicht geschafft hat“, so Zelle stolz, „nämlich den Aesinas nach Deutschland zu holen, das ist jetzt gelungen!“ Allerdings ging es damals um mehr als eine Leihgabe für drei Monate…

Das museumspädagogische Programm richtet sich differenziert an Schüler verschiedenen Alters. Zu den thematischen Durchgängen gehört auch Thusnelda, die Frau des Arminius; ob allerdings Elft- und Zwölftkläßler im Titel „Tussirecherche“ mehr als ungelenke Anbiederung vermuten werden, steht dahin. Zu hoffen ist, daß die Unterweisung nicht vorschnell auf Dekonstruktion und Ideologiekritik abzielt; zunächst einmal wird man den Jugendlichen nahebringen müssen, daß der Germanen- und Hermannmythos einst durchaus seinen ‘Sitz im Leben‘ hatte und die, die ihm huldigten, nicht durchweg beschränkte Wirrköpfe auf dem geraden Weg in den Nationalsozialismus waren.

Ein besonderes Trash-Erlebnis verspricht die Vortrags- und Filmreihe „Die Varusschlacht im Film“, in der u.a. der (zu recht) wenig bekannte Stummfilm „Die Hermannschlacht“ (1922-24) gezeigt wird. Der Film – schreibt die Bielefelder Historikerin Wiebke Kolbe in einem lesenswerten Aufsatz (in: Mischa Meier, Simona Slanička [Hgg.], Antike und Mittelalter im Film, 251-265) – war eine Produktion der Berliner Klio-Film GmbH, über die man ebenso wenig weiß wie über den Drehbuchautor und Regisseur Dr. Leo König. Dieser ließ den Film im Herbst 1922 und Juni 1923 drehen, an dem Ort, den man damals für den Originalschauplatz der historischen ‘Hermannschlacht‘ hielt, bei den Externsteinen in der Nähe von Detmold, nicht weit entfernt vom Denkmal. Der Film ist 54 Minuten lang und wurde mit einem Aufgebot von knapp die 1000 lokalen Komparsen gedreht. Die lokale Bevölkerung und Presse verfolg-ten die Dreharbeiten aufmerksam, und als der Film am 27. Februar 1924 im Detmolder Landestheater mit einem festlichen Rahmenprogramm und im Beisein zahlreicher lokaler Honoratioren uraufgeführt wurde, fand er großen Beifall nach jedem Akt; am Filmende stimmte das Publikum überdies das Deutschlandlied an. Der Film lief 1924 auch in anderen lippischen und westfälischen Städten, aber von einer weiteren Verbreitung ist nichts bekannt, und bereits 1925, zur 50-Jahr-Feier des Hermannsdenkmals, wurde er nicht nochmals aufgeführt. Vielmehr verschwand er in den Archiven und blieb verschollen, bis 1990 eine Kopie in Moskau entdeckt wurde, die das Staatsarchiv Detmold im Austausch gegen drei Hollywood-Filme erwarb. Der Grund für den geringen Erfolg – abgesehen von der Region selbst – und das baldige ruhmlose Verschwinden dieses Streifens liegt offenbar in seiner mangelhaften Qualität begründet, den aller (Lokal-)Patriotismus nicht aufzuwiegen vermochte. Kritisiert wurden schon in zeitgenössischen Lokalzeitungen vor allem die fehlende Stringenz der Handlung und die psychologischen Ungereimtheiten. Es ist sicher auch unfair, den Streifen mit Fritz Langs ungefähr zur gleichen Zeit entstandenem ‘Nibelungen‘-Film zu vergleichen; die wenigen Minuten des Films, die ich einmal zu Gesicht bekommen habe, wirken aber in der Tat urkomisch.

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Zu „Hermann der Cherusker. Die Schlacht im Teutoburger Wald“ (Deutschland/Italien 1965-76 [!], 86 Minuten) vermerkt das Programmheft: „Konfus gedrehter und geschnittener Sandalen-Trashfilm mit Hans von Borsody in der Hauptrolle. Uraufgeführt 1977 in Detmold!“ Der „Filmdienst“ notierte damals knapp: „Triviale Mischung aus Schlachtenspektakel und naiver Geschichtsbelehrung mit der Absicht zu demonstrieren, daß Freiheitswille und Einigkeit jeder Gewaltherrschaft überlegen sind.“ Was den letzteren Punkt angeht, ist allerdings der aufwendige ZDF-Zweiteiler dieser Tage nicht viel weiter und opfert seinerseits historische Differenzierung der sinnfälligen Dramaturgie (s. F.A.Z. v. 20. März). Auf die angekündigte Einführung in den Film darf man gespannt sein.

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Als „historischer Berater“ firmierte damals übrigens Werner Dahlheim, nachmals Althistoriker an der TU Berlin und Caesar-Biograph. Die Frage nach seiner Mitwirkung an dem Film quittiert er mit einem Schmunzeln: „Die haben gut gezahlt!“

Die Ausstellung im Lippischen Landesmuseum Detmold ist vom 16. Mai bis 25. Oktober zu sehen.

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