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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Jubiläum gesucht: die Ausstellung zu Kaiser Vespasian in Rom

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In einer Stadt wie Rom muß es große Ausstellungen zur Antike in gewissen Abständen geben. Die Taktung des Bedarfs und die Rhythmen der öffentlichen...

In einer Stadt wie Rom muß es große Ausstellungen zur Antike in gewissen Abständen geben. Die Taktung des Bedarfs und die Rhythmen der öffentlichen Aufmerksamkeit erfordern es dann bisweilen, ein Jubiläum zu zaubern und mit einer magischen runden Zahl zusätzliche Gewichtigkeit zu generieren. Augustus ist erst 2014 ‘dran‘, die sechzehnhundertste Wiederkehr der Plünderung Roms durch Alarichs Goten dürfte 2010 für ein allenfalls ambivalentes Erinnern sorgen. Die Meldung einer Zweitausendjahrschau für Kaiser Vespasian läßt freilich selbst Kenner der römischen Geschichte zunächst zum Lexikon greifen. Und in der Tat: Sueton zufolge wurde Titus Flavius Vespasianus am 17. Nov. 9 n.Chr. geboren. Nun stellte der Herrschergeburtstag in der Kaiserzeit durchaus ein Ereignis dar; an diesem Tag fanden etwa keine Gerichtsverhandlungen statt. Doch den Geburtstag dieses Kaisers mit seiner Regierung zu verbinden, erfordert eine gewisse Anstrengung. Denn Vespasian zählte – wie seine drei kurzzeitigen Vorgänger beziehungsweise Rivalen Galba, Otho und Vitellius im sog. Vierkaiserjahr 68/69 – zur ersten Gruppe von Herrschern, die nach einem Bürgerkrieg an die Spitze des Reiches gelangt waren. Zwar war auch keinem ihrer Vorgänger der Prinzipat in die Wiege gelegt worden, doch konnten diese immerhin alle irgendwie auf eine Verwandtschaft mit Augustus, dem Begründer der Monarchie in Rom, verweisen und gehörten sie dem kaiserlichen Haus an. Nicht so Vespasian, der als Enkel eines italischen Soldaten und Sohn eines Geldverleihers den Weg ins öffentliche Leben eingeschlagen und eine erfolgreiche administrative Karriere mit militärischem Akzent zurückgelegt hatte, als er sich – gerade mit der Niederschlagung des Jüdischen Aufstandes befaßt – im Sommer 69 zum Imperator ausrufen ließ und damit den in Italien agierenden Kaiser Vitellius herausforderte. Paradoxerweise hat damit gerade der Kaiser, der das von Nero hinterlassene Vakuum dauerhaft füllte und dem Reich wieder eine Regierung gab, durch seinen eigenen Weg zur Macht die revolutionäre Natur der römischen Monarchie und ihr militärisches Fundament wieder ins Bewußtsein gehoben – in dieser Ambivalenz Augustus nicht unähnlich. Mommsen bescheinigte Vespasian, in seinen zehn Jahren als Kaiser „ein durchaus reformierendes Regiment“ ausgeübt zu haben; kraft seiner praktischen, tüchtigen Natur habe er es verstanden, „den heruntergekommenen Staat zu reorganisieren“.

Auch sonst erscheint Vespasian denkbar unähnlich. Seine Bildnisse brachen mit dem kühlen, klassizistischen julisch-claudischen Stil und griffen auf den demonstrativen Realismus republikanischer Prägung zurück, die Biedersinn und Handfestigkeit als Botschaften aussandten. Bei Vespasian meint man, daneben noch eine gewisse Leutseligkeit (facilitas) und Milde (mansuetudo) erkennen zu können, besonders beim Kopenhagener Kopf (darunter der vielleicht frühere und ‚offiziellere‘ Kopf in Rom). So wollte der Kaiser wohl gesehen werden; jedenfalls konnte Sueton schreiben (Vespasian 12; Übers. A. Lambert): „Im übrigen erwies er sich vom Anfang bis zum Ende seiner Herrschaft als bürgerlich schlicht und milde, verbarg nie seine frühere einfache Stellung, ja rühmte sich ihrer sogar häufig. Als gewisse Leute versuchten, den Ursprung der Flavischen Familie auf die Gründer von Reate und auf einen Gefährten des Herkules, dessen Denkmal an der Salaria Via noch heute zu sehen ist, zurückzuführen, lachte er als erster darüber. So wenig war er auf äußere Ehrungen erpicht, daß er am Tage seines Triumphes ermüdet und gelangweilt von der Länge des Festzugs offen gestand, daß ihm diese Strafe recht geschähe; sei er doch so dumm gewesen, als alter Mann noch einen Triumph zu begehen, wie wenn er diesen seinen Ahnen geschuldet oder für sich je erhofft hätte.“

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Bei der Konzeption der Schau hat Filippo Coarelli, der Doyen der italienischen Archäologie, die Chance genutzt, alle wesentlichen Orte der flavischen Dynastie in Rom einzubeziehen: die Curia, den Tempel für den Staatsgott Vespasian, den Titusbogen, den Tempel für Pax, die Domus Flavia und natürlich das bald nur noch Colosseum genannte Amphitheatrum Flavium auf dem Boden des Sees bei Neros ‘Goldenem Haus‘.

Martial, wie kein anderer Dichter dem urbanen Organismus Roms und dessen Bewohnern lauschend, entschlüsselte die neuen Bauten als Zuwendung zum Volk und pries Vespasian dafür (Buch der Schauspiele ep. 2; Übers.: A. Berg):

Hier, wo der Sonnenkoloß die Gestirne näher erschauet,
    und wo mitten im Weg wachsend das Pegma sich hebt,
strahlten, dem Volke verhaßt, des entmenschten Königes Hallen,
    und ein Haus nur bereits stand in der sämtlichen Stadt.
Wo majestätisch der Bau des erhabenen Amphitheaters
    aufsteigt, waren zuvor Teiche des Nero zu seh’n.
Wo wir das schnelle Geschenk der Thermen heute bewundern,
    hatte das stolze Feld Armen die Dächer geraubt.
Und wo den Schatten weit der Claudische Portikus spendet,
    stand der äußerste Teil jenes verschwundenen Hofs.
Rom empfing sich zurück, und da du, o Kaiser, regierest,
    Ist jetzt Freude des Volks, was die des Herrschenden war.

Die Ausstellung selbst umfaßt sechs Teile: Sabinische Herkunft – Die flavische Dynastie – Das neue Rom – Domitians Propaganda – Die Flavier in Italien. Der Vesuvausbruch – Die Flavier und das Reich. Sie ist dabei auf drei Orte verteilt: das Colosseum, die Curia auf dem Forum und die neronische Kryptoporticus auf dem Palatin. Einige der Ausstellungsstücke, die bisher in den Kellerräumen des Colosseums verwahrt wurden, sind zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sehen.

Das von den Gestaltern der Schau suggerierte Persönlichkeitsprofil des ersten Flaviers setzt offenbar auf psychologische Plausibilität und Sympathie: Seine bescheidene Herkunft habe Vespasian inspiriert, eine kluge und innovative Sozialpolitik zu betreiben. Solche Brückenschläge sind immer riskant, weil das Sichtbare ihnen nicht widersprechen kann, aber seinerseits verengt wird. Viele Italiener werden den Kaiser auch mit ihrem aktuellen Ministerpräsidenten vergleichen und leicht manche Parallelen entdecken: die Liebe zum Geld, einen eher respektlosen Umgang mit etablierten Eliten, den beißenden Humor, eine Art von Populismus, den robusten Umgang mit Macht. Doch ein aktuell nicht nur in Italien verbreiteter Gedanke war den alten Römern ganz fremd: daß die Regierung nicht Lösung, sondern Teil der Probleme sein könnte.

Ein interessanter ikonographischer Vergleich zwischen dem Kopenhagener Vespasian und dem breit lachenden Berlusconi eines Publicityfotos findet sich in dem eben erschienenen, höchst originellen Buch von Stefan Ritter, Alle Wege führen nach Rom. Eine kurze Geschichte des Sehens, Stuttgart (Klett-Cotta) 2009 (dort S. 57-66). Der Münchener Archäologe läßt römische Statuen, Reliefs und Malereien auf heutige Werbe- und Pressefotos treffen; indem er moderne Sehgewohnheiten und Lenkungstechniken explizit macht, eröffnet er auch neue Blick auf die sonst so hermetischen antiken Bilder.

Die Ausstellungin Rom läuft bis zum 10. Januar 2010. Katalog im Verlag Electa. – Auf deutsch ist gerade ein einführendes Studienbuch zum Thema erschienen: Stefan Pfeiffer, Die Zeit der Flavier. Darmstadt (WBG) 2009.

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