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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Egon Friedells Antike: kurze Wiederbesichtigung und vorläufiger Abschied

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Mit Egon Friedell war ich nur wenig vertraut. Einige Knicke im Buchrücken der dtv-Ausgabe der „Kulturgeschichte der Neuzeit" zeugen von punktueller...

Mit Egon Friedell war ich nur wenig vertraut. Einige Knicke im Buchrücken der dtv-Ausgabe der „Kulturgeschichte der Neuzeit” zeugen von punktueller Lektüre; die unvollendete „Kulturgeschichte Griechenlands” blieb ganz ungelesen, das Taschenbuch ist seit Jahren auf einem schwer zugänglichen Dachboden verschollen. Nun das Geschenk einer guten Freundin: ein dicker Band Essays, unter dem Titel „Vom Schaltwerk der Gedanken” zusammengestellt von Daniel Keel und Daniel Kampa. Darin auch einige Stücke, die auf die Antike verweisen, in den Titeln mal konventionell („Das Weltbild des Euripides”; „Das Geheimnis Ägyptens”), mal überraschend und gegen den Strich: „Sokrates der Idiot”, „Das Altertum war nicht antik”. Fast alle erschienen im „Neuen Wiener Journal” zwischen 1908 und 1918.

Bild zu: Egon Friedells Antike: kurze Wiederbesichtigung und vorläufiger Abschied
Bei der Lektüre stellt sich – bei aller Bewunderung für die Sprachbeherrschung – doch recht bald ein Befremden ein. Friedell lebte das Privileg des Feuilletonisten, jedes professionelle, kontinuierliche, Traditionen bildende und damit notwendig in einem gewissen Maße vereinseitigte und bornierte Traktieren eines Gegenstandes für lächerlich oder verfehlt zu halten und deshalb Lehrer wie Forscher als ebenso trübe Gestalten zu verachten wie die stumpf-staunenden Besucher von weißklassischen Glyptotheken. Das „Verhimmeln des alten Hellas” sei nicht nur eine ideologische Phantasterei, sondern auch gefährlich, weil gegen die Gegenwart gerichtet. Denn wer wolle schon auf Eisenbahnen und Wasserklosetts verzichten? Oder auf politische Sekurität? Dieses Argument hätten manche zu Friedells Zeiten wohl philisterhaft genannt: zutreffend, gewiß, doch leider auch flach. Geadelt wird es lediglich, weil Friedell verbindet, was Deutsche damals leicht und folgenreich als Gegensätze sahen: Kultur und Zivilisation. Konsequent geht das Prädikat klassisch – soweit das Wort „einen vernünftigen Sinn hat” – an Plutarch, den gebildeten, gedämpften Autor der zivilisierten römischen Kaiserzeit.
Friedell vermengt einen damals modischen, ikonoklastischen Antiklassizismus (Winckelmanns Auffassung vom Griechentum: ohne Zweifel ein erlebtes, durch einen bedeutenden Menschen gestaltetes Bild, doch zugleich „ein einziger großer Mißgriff”) mit traditionellen Figuren: Die Griechen waren „schmutzig, verlogen, räuberisch, undiszipliniert”, aber „mitten durch den halbasiatischen, verkommenen Pöbel gingen ein paar Dichter und Philosophen, die in vielem bis heute noch nicht übertroffen worden sind”. Damit ist plakativ vereinfacht, was der von Friedell bewunderte Jacob Burckhardt („Man kann sagen, daß wir eine wirklich intime Bekanntschaft mit den alten Griechen erst seit Burckhardts Griechischer Kulturgeschichte besitzen.”) als dialektischen und zugleich tragischen Zusammenhang herausgestellt hatte: Die unklassischen, ja dämonischen Züge der Hellenen, ihr politisches Scheitern und ihr Unvermögen, glücklich zu sein, bildeten die Voraussetzung für das, was weit über sie hinausreichend immer wieder das Feuer zu entzünden vermochte.
Am Genie, dem „Extrakt aus allen Menschen”, hält Friedell demgegenüber fest, zulasten der Historie. Denn ein geschichtliches Zeitalter ist ihm, sobald abgeschlossen, ein Panoptikum von Individualität und Irrationalität ohne Sinn. Selbst „ein Alkibiades, ein Diogenes, ein Lysander sind für uns große unverständliche Monstra. Die Griechen sind tot.” Bedeutung für unsere jeweilige Gegenwart tragen dann allein einzelne Gestalten, gleichsam als Abbreviaturen ihrer Zeit: Lessing für die ganze deutsche Aufklärung, Shakesspeare für die englische Renaissance, Nietzsche für die Zeit, in der Friedell schrieb. Derlei Geistreichtum erlaubt durchaus originelle Einsichten, die aber selten über den Augenblick hinaus tragen. Vor allem aber lebt der Essayist von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann und will, und deren Werkmeister zudem ungalanterweise noch verhöhnt werden. Erkenntnistheoretisches Pendant dieses Umgangs ist ein radikaler, wenn auch nicht konsequent durchgehaltener Konstruktivismus: Jedes historisch bedeutsame Volk (!) habe eine Geschichte nicht nur während seines Lebens, sondern auch nach seinem Tode. Es blühe und wirke weiter, indem es sich in den Köpfen der Nachlebenden fortwährend verändere. Gegenüber der anfänglichen organischen, Kontinuität suggerierenden Metaphorik dann aber die Radikalisierung: Bei jeder Wiedergeburt der Antike wurde diese „tatsächlich jedesmal völlig neu geschaffen, so wie sie niemals vorher auf der Welt gewesen war.” Die Frage nach dem Warum bleibt ungestellt. Bloß Ideologie oder Irrtum? Oder Kompensation durch das, was man gerade selbst nicht hat?
Konsequent muß ein solcher kulinarisch-grobianischer Denkstil in der Tat nicht sein. Friedell folgt dem verehrten Nietzsche in der Abwertung des Sokrates, kann aber deren Prämisse, den antidiskursiven Mystizismus, natürlich nicht teilen. Im Gegenteil schätzte er die Sophisten hoch, als Vertreter einer seinerzeitigen modernen Richtung, daneben Anaxagoras, den er „den konsequentesten Ausgestalter einer monistischen und streng naturwissenschaftlichen Weltanschauung” nennt, sowie generell den ‘realistischen’ Zug, den man tatsächlich in der hohen Zeit der Sophisten, der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, in Athen beobachten kann, bei Perikles und Thukydides ebenso wie bei Hippokrates, den Rednern und Euripides.

Wovon profitiert, wer kein besonderes Interesse an Friedell oder der Wiener feuilletonistischen Szene um den Ersten Weltkrieg herum hat, sondern lediglich Erhellendes zur Antike lesen möchte? (Schon wieder diese philisterhafte Denkweise!) Den Uneingeweihten führen die Texte auf Abwege, dem nach Ideen suchenden Kenner helfen sie nicht weiter. Vielleicht liegt darin der Kern des Problems. Ihr ursprüngliches Publikum ist vergangen: die von Schulmeistern imprägnierten, sich robust Humanisten nennenden Gebildeten, deren Selbstzufriedenheit es zu erschüttern galt. Doch als produktiver Entwurf? Es gebe, so urteilte Alfred Heuss in einer Übersicht zu neueren Kulturgeschichten des Altertums über Friedell, „auch auf dieser Ebene eine Art Maßgerechtigkeit, und man kann ebenso wie in der Wissenschaft subjektiv ehrliche Eindrücke und Überzeugungen durch Launen und Marotten ersetzen” (Gesammelte Schriften, 423).
Der Euripides-Essay belohnt immerhin mit einigen Aha-Momenten, ebenso das Stück über Julius Caesar, weil Friedell dessen Genie anderes definiert als zuvor Mommsen und nachher Gundolf. Dazu vielleicht noch die Epochenskizze um den Idioten Sokrates. Und natürlich die gut vierzig Seiten in der „Kulturgeschichte der Neuzeit” (drittes Buch, zweites Kapitel), die von der „Erfindung der Antike” um 1800 handeln, aber auch von dieser selbst, und die im Zusammenhang vieles aus den Essays wiederholen. Vielleicht steige ich demnächst auch wieder einmal auf den Dachboden und durchstöbere die Bücherkisten. Wahrscheinlich aber nicht.

p.s. Die Biographische Zeittafel der Essaysammlung hat der Friedell-Forscher und Chronologiekritiker Heribert Illig erstellt.

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1 Lesermeinung

  1. Lieber Herr Walter,
    ich habe...

    Lieber Herr Walter,
    ich habe versäumt, mich für Ihre freundliche Antwort auf die Frage zu Flaigs Werk zu bedanken, was hiermit herzlich nachgeholt sei. Weiterhin meinen Glückwunsch zu Ihrer Kolumne; Ihre Gedanken und Literaturanregungen sind sehr lesenswert, und die Einbindung von Rezensionen in allgemeine Betrachtungen finde ich eine sehr schöne Präsentationsweise. Und Geister wie Egon Friedell der Vergessenheit zu entreißen, ist höchst löblich. Weiter so!
    Sollten Sie auf dem Dachboden allerdings Friedells “Kulturgeschichte des Altertums” finden, sollten Sie das Werk lesen (genauso wie die “Kulturgeschichte der Neuzeit” mehr als nur punktuelle Lektüre verdient hat). Schon allein deswegen, weil Thomas Mann sich für den “Joseph” dort nachhaltig bedient hat. Sie können – m.E. – das Werk Friedells auch als eine Auseinandersetzung aus christlicher Sicht mit dem Nihilismus Oswald Spenglers sehen. Vielleicht böte sich, bei Gelegenheit, sogar eine vergleichende Besprechung an…
    Mit besten Grüßen
    Thomas Berger
    PS: Wenn Sie die kleinen Stücke von Friedell schätzen, lege ich Ihnen “Goethe” sehr ans Herz…

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