Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Apollos Stiefkinder: die Antike im Star Trek-Universum

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Der Trailer zum neuen Star Trek-Film - dem elften - und die sonstigen Vorabausschnitte verheißen nichts gutes. Offenbar dominiert die Action und sind die...

Der Trailer zum neuen Star Trek-Film – dem elften – und die sonstigen Vorabausschnitte verheißen nichts gutes. Offenbar dominiert die Action und sind die Protagonisten jugendliche Adrenalinjunkies, denen Bewegung alles ist. Ein Betrachter, der seine Wahrnehmung nicht an Videoclips mit grellen Effekten, dunklen Räumen und Schnitten unterhalb der Wahrnehmungsschwelle geschult und zugleich ruiniert hat, dürfte – wie schon beim jüngsten, völlig mißlungenen James Bond-Film – in die Desorientierung getrieben werden. Der Produzent und Regisseur J.J. Abrams wollte, wie man hört, Star Trek völlig neu erfinden. Mindestens an einer Gruppe von Kinogängern zielt er damit vorbei: Männer mittleren Alters und meist überdurchschnittlicher Bildung, die mit „Raumschiff Enterprise“ und „Star Trek: Next Generation“ aufgewachsen sind und sich weniger für die ohnehin mageren Schauwerte interessiert haben, sondern eher für die Möglichkeiten, Geschichte und Gegenwart mit den Möglichkeiten einer fiktionalen Zukunft durchzuspielen: den aufklärerisch-liberalen Imperialismus amerikanischer Prägung in der Original-Serie, komplexere Gegenstände in den Folgeserien „Next Generation“, Deep Space Nine“, „Voyager“ und „Enterprise“.
Und immer wieder grundlegende Konstellationen von Menschen in Institutionen: Befehl und Gehorsam, Recht und Unrecht, Norm und Entscheidung, Zugehörigkeit und Freundschaft. Soziologen können sich in nicht wenigen Episoden von „Voyager“ an dem Widerspruch abarbeiten, daß sich die Hauptakteure am Handlungssystem Wissenschaft ausrichten, in dem allein das Argument und der Beweis zählen, zugleich aber in einer militärischen Hierarchie stehen, die Entscheidung und Verantwortung privilegieren muß, und dann noch freundschaftlich miteinander verbunden sind; dies in vielen Dialogen zwischen Captain Janeway und dem Kreis um sie durchgespielt zu sehen hat hohen Reiz. Manche Folge ist auch ein Fest für Historiker: Da geht es um alternative Geschichtsverläufe, um ein Museum für erlittenes Unrecht und die Standortgebundenheit jeder historischen Rekonstruktion oder um die Frage, wie ein wirksames Mahnmal zur Erinnerung an eine historische Totalkatastrophe aussehen könnte. Immer wieder flossen auch aktuelle Konstellationen und Kontroversen ein, so im sechsten Star Trek-Film „Das unentdeckte Land“ das Ende des konstitutiven Ost-West-Konfliktes und die Schwierigkeiten alter Krieger damit und so in der dritten Staffel der bislang letzten TV-Serie („Enterprise“) die Traumatisierung durch die Anschläge des 11. September und damit verbunden die Frage, wie weit ein Angegriffener von seinen bisher geltenden humanen und rechtlichen Handlungsleitlinien abweichen darf, ohne sich selbst zu verlieren.

Star Trek war und ist natürlich auch Gegenstand ideologiekritischer und medienwissenschaftlicher Analysen. Auf einem anderen Weg hat sich jetzt die deutsche Gräzistin Otta Wenskus dem Phänomen genähert: In der Architektur des Star Trek-Universums sucht sie nach den antiken Bausteinen. Die Innsbrucker Philologin befaßt sich hauptberuflich mit antiker Wissenschaft und Philosophie; neben einer Studie zu astronomischen Zeitangaben von Homer bis Theophrast hat sie mehrere Arbeiten zur griechischen Medizin und zum Corpus Hippocraticum verfaßt. Den Weg zu Star Trek wies ihr dann aber der eigene zehnjährige Sohn, und in bester Philologentradition – alle Quellen sind zu sammeln und persönlich in Augenschein zu nehmen, um Bauelemente, Motive und intertextuelle Bezüge aufzuspüren; Sachurteile und ästhetische Wertungen gehören zur Analyse dazu – hat sie das gesamte Material gesichtet: fünf Serien mit zusammen weit über fünfhundert Folgen, dazu zehn Kinofilme, eine (wenig bekannte) Zeichentrickserie und zahlreiche Romane. „Umwege in die Vergangenheit. Star Trek und die griechisch-römische Antike“ breitet jetzt die Summe ihrer Beobachtungen aus. Sie betrachtet Star Trek dabei als ein „gigantisches Gesamtkunstwerk mit Fehlern und Schwächen, aber eben doch so vielen Vorzügen, dass der Begriff Kunstwerk berechtigt erscheint“.
Nun spielen generell Werbung und populäre Kultur nach wie vor gern mit antiken Motiven, so aktuell die wunderbare Werbung für den Seat Exeo („Ich gehe hinaus“), die mit den epoiden „Brichst Du auf gen Ithaka“ von Konstantinos Kavafis eröffnet und sowohl den Kyklopen wie die Laistrygonen kennt. Bei Star Trek liegen die Dinge etwas anders; hier spielt das berühmte abgesunkene Kulturgut eine größere Rolle und funktionieren die antiken Intarsien durch Wiedererkennung wie durch Verfremdung. In jedem Fall erscheint das aus dem Arsenal Geholte verdünnt und mehrfach gebrochen, die Gladiatorenkämpfe ebenso wie die Lateinkenntnisse. Die Bezüge einmal im Detail herauszuarbeiten verspricht aber insofern Ertrag, als damit zugleich aufgezeigt wird, wie Rezeption als verwendungsorientiertes Aneignen und Neuarrangieren überhaupt funktioniert.

Schulmäßig werden die handelnden Personen durchgenommen: die geisteswissenschaftlichen Kompetenzen der Autoren in einem produktionsästhetischen Zugriff ebenso wie werkimmanent die Literaturkenntnisse der Autoren. Sodann wird ein großes, geordnetes Inventar punktueller Antikerezeption ausgebreitet: antike oder antikisierende Namen, Latein als Unterrichtsfach und als Sprache der Wissenschaft, ferner lateinische oder aus einer klassischen Sprache übersetzte Titel, punktuelle Zitate und Pseudozitate, die besonders bei Cicero beliebten und bei Star Trek erstaunlich häufigen Reihen von Exempla. Es folgen Felder wie Mythen und Götter, die antike Philosophie und die Geschichte der Griechen und Römer. Der Leser erfährt vielfache Belehrung. (TEXTSCAN wg. Urheberrecht entfernt)

Auf jeder Seite des Buches ist zu spüren, wie die Zuwendung und Akribie, mit der alles gearbeitet ist, erwachsen sind aus der philologischen Freude an Entdeckungen, Details, Verfremdungen und verschlungenen Pfaden. Star Trek bildet gewiß ein außerordentlich komplexes Sampling von Motiven, Mythologemen und kulturellen Referenzsystemen, und Wenskus hütet sich zum Glück davor, die Antike hier wichtiger zu nehmen als andere Bezugnahmen. Sie zeigt vielmehr, daß das antike Erbe in der populären Kultur vor allem dann lebendig bleiben kann, wenn es als Zitat, Motiv und Leitidee in einen Schmelztiegel kultureller Referenzen eingeht und dort zwar noch als solches sichtbar bleibt, aber zugleich amalgamiert und mit ganz anderen Systemen vernetzt wird. Die Aufklärung über die Ströme und Kapillaren in eine Selbstaufklärung der Zuschauer münden zu lassen, verschmäht die Vertreterin der traditionsreichen, nichtsdestoweniger randständigen akademischen Disziplin dabei keineswegs. „Gespräche über Phänomene der Populärkultur mit Fans“, so heißt es am Ende des Buches, „gehören zu den wenigen Gelegenheiten, andere zu belehren, ohne als arroganter Fachidiot zu wirken. Gerade für Star Trek gilt, dass es nicht großer Anstrengungen braucht, um echten Freunden von Spock, Picard und Janeway Folgendes klar zu machen: Wenn die Vergangenheit selbst in der von euch so geliebten Zukunft eine so wichtige Rolle spielt, lohnt es sich doch sicher, sie auch für die Gegenwart zu entdecken.“


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