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Latein vor dem Richterstuhl

15.06.2009, 09:26 Uhr

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Eine kleine Episode vor Gericht. Kürzlich mußte ich als Zeuge aussagen. Jemand hatte mein vor einer Gaststätte geparktes Auto touchiert und sich dann entfernt. Zum Glück gab es einen Augenzeugen, der mich auf den Vorfall aufmerksam machte und dann schilderte, was er gesehen hatte. Auf die Polizei wollte er lieber nicht warten, nannte mir aber das Kennzeichen des Verursachers und den Fahrzeugtyp. Dadurch konnte der Fahrer noch in der Nacht ermittelt werden. Vor Gericht schilderte ich kurz den Hergang, wie er mir berichtet worden war. Der Angeklagte war damit nicht einverstanden: Keine Rede könne davon sein, daß er den Zeugen bedroht habe, den Mund zu halten! Ich wiederholte: Meine Aussage beruht auf Hörensagen, „relata refero“. Die junge Richterin stutzt, auch der Verteidiger gerät in hörbare Bewegung. „Wie bitte?”, so die Richterin, spürbar irritiert, vielleicht auch indigniert. „Die Sprache vor Gericht ist deutsch; machen Sie Ihre Angaben bitte in dieser Sprache!” Kurz darauf war ich entlassen.
Beim Hinausgehen frage ich mich, warum ich die lateinische Wendung hinzugefügt habe. Eine reflexhafte Demonstration von dem, was früher für Bildung galt? Hoffentlich nicht. Es ging mir wohl eher darum, die offensichtlich überflüssige Befragung abzukürzen. Die Straftat war eingeräumt, ich konnte zur Klärung der näheren Umstände nichts beitragen, was nicht schon im Polizeiprotokoll stand.
Offenkundig werden Lateinkenntnisse im Studium der Rechtswissenschaft nicht mehr verlangt. Die römische Rechtsgeschichte mit Lektüre der originalen Rechtsquellen vom Zwölftafelgesetz bis zum Codex Iustinianus bildet nur noch einen Wahlbereich. Relata refero wird also vielleicht in absehbarer Zeit aus den Wörterbüchern, die den aktuellen Sprachgebrauch abbilden, gestrichen werden. Immerhin, die italienische Wikipedia hat das Lemma noch (wie auch die deutsche) und vermerkt zuversichtlich: “È usata frequentemente in ambito giuridico.”

Der Ausdruck selbst stammt gar nicht aus der juristischen Sphäre. Geprägt hat ihn Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung”: Als ihm bei seiner Recherche entgegengesetzte Ansichten über das Verhalten der Argiver in den Perserkriegen begegneten, sah er sich außerstande, in einem so heiklen und kritischen Fall eine begründete Entscheidung zu treffen, welche Seite die Wahrheit sagte. Er sei, so Herodot an dieser Stelle (7,152), nur gehalten zu berichten, was berichtet werde (légein ta legómena), alles zu glauben sei er nicht verpflichtet. Aus der griechischen Wendung wurde in der lateinischen Fassung (1. Person) relata refero.

 

 

Veröffentlicht unter: Herodot, Latein, relata refero

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 Avvocato 17.06.2009, 12:51 Uhr

sic transit gloria mundi...

sic transit gloria mundi ! Mich würde interessieren, in welchem Bundesland sich diese nette Episode zutrug! Peinlich genug die Ignoranz der Richterin, noch schlimmer aber, dass sie Sie noch maßregelte !

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0 everwood 19.06.2009, 09:40 Uhr

Lieber 'avvocato', ich wollte...

Lieber 'avvocato', ich wollte keineswegs den Untergang des Abendlandes beklagen. Juristen wie die junge Richterin in Bielefeld (NRW) müssen heutzutage so viel 'Stoff' lernen, daß für Tradition eben keine Zeit mehr bleibt. Viel schlimmer sind die Schriftsätze von Anwälten, die mittlerweile ganze Arsenale von Stilblüten, aber auch regelrechten Fehlern enthalten.

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0 dunnhaupt 19.06.2009, 18:22 Uhr

Ähnliches passierte mir bei...

Ähnliches passierte mir bei meinem Zahnarzt, der seine Rede mit lateinischen Fachausdrücken dekorierte und sprachlos war, dass ich es verstand, denn ihm selbst war die Bedeutung des von ihm Gesagten offenbar keineswegs klar.

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FAZ Redaktion