Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Spektakuläre Spekulationen oder sozialgeschichtliches Schwarzbrot? Die Goldbronzen von Cartoceto di Pergola

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In den verbreiteten Gesamtdarstellungen sind sie nicht zu finden, weder in Bernard Andreaes Die Römische Kunst noch im einschlägigen Band der Propyläen...

In den verbreiteten Gesamtdarstellungen sind sie nicht zu finden, weder in Bernard Andreaes Die Römische Kunst noch im einschlägigen Band der Propyläen Kunstgeschichte, auch nicht in Eva D’Ambras schmalem, aber gedankenreichem Buch, das die gesellschaftliche und politische Dimension des Gegenstandes betont. Und das, obwohl die mehr als dreihundert Bruchstücke der Statuengruppe aus vergoldeter Bronze bereits 1946 bei Cartoceto di Pergola gefunden wurden, einem Ort im Picenerland zwischen Rimini und Ancona, etwa zehn Kilometer abseits der Via Flaminia. Die wissenschaftliche Diskussion begann bald nach einer ersten Rekonstruktion, aber sie blieb spezialistisch und konzentrierte sich von Anfang an auf die Frage, wen die zwei leicht überlebensgroßen Männer zu Pferd und die zwei Frauen in Matronentracht darstellen sollten. Dabei gingen die Gelehrten in eine gängige Falle und identifizierten die Figuren mit prominenten Personen. Livia, die Frau des Augustus, wurde genannt, viele andere Namen kamen in die Diskussion. Doch stilistische Ähnlichkeit mit einem der verbreiteten Frauenporträts ließ sich nicht erweisen, und vom Gesicht des ansonsten halbwegs vollständigen Reiters ist kaum mehr erhalten als von Schwarzeneggers Antlitz am Ende von Terminator 3. (Man darf sich nicht von dem für die Rekonstruktion der z.T. zerdrückten und gefalteten Fragmente erforderlichen Trägerkopf täuschen lassen.)

Bild zu: Spektakuläre Spekulationen oder sozialgeschichtliches Schwarzbrot? Die Goldbronzen von Cartoceto di Pergola

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Eine genauere Untersuchung der Bekleidung und weitere Beobachtungen ergaben indes eine frühere Datierung als lange angenommen. Die Figurengruppe gehört demnach nicht in die frühe Kaiserzeit (d.h. nach 14 n.Chr.), sondern in die ausgehende Republik, vermutlich in die Triumviratszeit, also die schrecklichen 30er Jahre des ersten Jahrhunderts v.Chr.; dieses Jahrzehnt erlebte den Aufstieg Oktavians zur alleinigen Macht, die dieser dann 27 v.Chr. als Augustus in eine akzeptierte Form transformieren konnte.
Hans Beck, Althistoriker an der McGill University in Montreal, entfaltete kürzlich in einem Vortrag zunächst die Geschichte der Auffindung der Bruchstücke und ihren weiteren Weg. Kompetenzstreitigkeiten, das Hochwasser 1966 und der erdbebenbedingte Einsturz des die Gruppe bergenden Museums sechs Jahre später ließen das spektakuläre Ensemble lange nicht so bekannt werden, wie es möglich gewesen wäre. Eine prominente Gestalt der römischen Geschichte jener Zeit mit einem der Reiter in Verbindung bringen zu können hülfe der Aufmerksamkeit sicher auf. Aber Beck gab offen zu, daß die Goldbronzen zwar eine geradezu auratische Faszination ausströmen – bei einer Ausstellung in Montral konnte er sie täglich betrachten -, sich aber vielen Fragen schlicht verweigern. So ist nicht einmal klar, ob eine Senatorenfamlie die Stücke in Auftrag gegeben hat, oder eine der zahlreichen italischen Adelsfamilien, die als Anhänger von Caesar oder Oktavian/Augustus in die obersten Ränge der Elite aufrückten, während viele alte stadtrömische Familien in den Bürgerkriegen nahezu ausgerottet und teilweise auch politisch traumatisiert worden waren. Beck hält ersteres für sehr wahrscheinlich, schon wegen des enormen Wertes von Material und Arbeit, aber Sicherheit ist hier nicht zu gewinnen, auch nicht aus Trachtelementen wie den Senatorenschuhen, da diese wohl auch öfters Statuen von munizipalen Adligen zierten, wie Johannes Bergemann wahrscheinlich machen konnte.

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Sicher ist nur, daß die Figurengruppe niemals aufgestellt war (weshalb wir auch über die geplante Anordnung und den vorgesehenen Aufstellungsort nichts wissen). Ist auf dem Weg von der Herstellung zum Bestimmungsort der Transport überfallen worden, und konnten die Räuber nicht die ganze Beute wegschaffen? Oder war es nicht (mehr) opportun, die Statuen aufzustellen? Ein solches Szenario legt sogar nahe, erneut auf einen Namen zu spekulieren: Hatte nicht der junge Gnaeus Pompeius just im heimischen Picenerland aus den Klienten seines Vaters drei Legionen aufgestellt und sie Sulla für die Eroberung Roms zugeführt? Und hatte nicht derselbe Pompeius fünfzehn Jahre später mit einer großangelegten Marineoperation das Mittelmeer von den Seeräubern befreit? Gefolgsleute prägten später als Münzmeister zu Pompeius‘ Ehren marine Motive auf Denare, Motive, wie sie ähnlich auch auf dem Zaumzeug der Pferde der Pergola-Gruppe zu finden sind. Und hatte nicht Pompeius‘ Sohn Sextus im Strudel der Bürgerkriege zur See eine eigene Machtposition gegen die Triumvirn aufgebaut, diese gar zeitweilig zur Anerkennung als Partner genötigt? 36 v.Chr. verlor Sextus freilich bei Naulochus gegen Agrippa Seeschlacht und Leben, und die Aktien der Pompei in Italien fielen ins Bodenlose – ihnen jetzt noch eine weithin leuchtende Statuengruppe aufzustellen wäre mehr als dumm gewesen.
Beck ließ sich auf solche Überlegungen nicht ein, sondern hielt sich an die sozialgeschichtlich halbwegs sicher kontextualisierbaren Botschaften der Gruppe. Römische Aristokraten sahen ihre Stärke immer im Zusammenhang der Familie, sei es über die Generationen von Vater, Sohn und Enkel oder sei es horizontal durch Brüder oder Vettern, wie es sich in den Listen der Amtsträger immer wieder in sog. Geschlechternestern niederschlug. Die Gruppe machte aber auch sichtbar, was allgemein bekannt, aber noch nie zuvor zu solcher Evidenz gebracht worden war: eine wie wichtige Rolle im aristokratischen Spiel um Macht, Prestige und Ressourcen die Frauen spielten.
Doch auch hier setzt die Zeit einen besonderen Akzent. Denn nie waren Loyalität, Einsatzbereitschaft und sozial vorbildliches Verhalten so wertvoll wie in dem heillosen Jahrzehnt zwischen Caesars Ermordung und der Schlacht von Actium. Und so drücken die Frauen, in strenger Zurückhaltung neben den Männern stehend, vielleicht auch aus, was der namenlose Sprecher der sog. laudatio Turiae – zwei Stücke dieser inschriftlich erhaltenen Grabrede sind aktuell in Haltern zu sehen – an seiner Frau zu rühmen hatte, nachdem diese ihm während der Proskriptionen die Treue gehalten und sich sogar vor den Triumvirn unerschrocken für ihn eingesetzt hatte.

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Fotos: Hans Beck

Johannes Bergemann, Römische Reiterstatuen. Ehrendenkmäler im öffentlichen Bereich. Mainz 1990, v.a. 50-54
John Pollini, The Cartoceto Bronzes: Portraits of a Roman Aristocratic Family of the Late First Century B.C., in: American Journal of Archaeology, 97, 1993, 423-446
Hans Beck, demn. in: The Ancient World.

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2 Lesermeinungen

  1. Lieber Herr Prof. Uwe Walter, ...
    Lieber Herr Prof. Uwe Walter, zufällig und nur seit wenigen Wochen folge ich diesem hochinteressanten Blog . Ich bewundere ganz einfach , sic et simpliciter , Ihre grenzenlose Kultur in Sachen römische Archeologie,Kunst und Geschichte. Ich gehöre zu diesem Fach nicht, trotzdem finde ich solche Kenntnisse sehr stimulierend und wichtig besonders in unseren Tagen. Ich bin Prof.für Psychologie und lebe hier in Rom als Pensionist. Wer kennt in Italien Cartoceto di Pergola ? Nur wenige, zwischen denen ich – dank Uwe Walter ! Für die meisten Pergola bedeutet esclusivamente Reben, Weintraube, roter Wein. Also Ihnen ein herzlicher Gruss aus einem ewigen aber heissen Rom, in der Hoffnung Sie irgendwann kennenzulernen.

  2. Sehr geehrter Herr Prof. Uwe...
    Sehr geehrter Herr Prof. Uwe Walter, sehr geehrter Herr Prof. del Vecchio,
    mit großem Interesse habe ich Ihre Beiträge über die „Bronzi di Cartoceto“ gelesen. Als seit sieben Jahren in den Marken (so heißt das Land der Picener heute) Deutscher, sowie Betreiber eines kleinen Hotel und Restaurant in dem zweiten, gleichnamigen Ort Cartoceto (in der Tat gibt es zwei Orte des gleichen Namens in unserer Provinz), bin ich seit Anfang höchstinteressiert an der Geschichte dieses sensationellen, leider aber oft verkannten und nur Insidern bekannten, Fundes der Bronzestatuen. Meine Nachbarin hier war im Jahre 1946 Zeugin der Ausgrabungen, weil sie zu jener Zeit dort wohnte und von ihr, und anderen liebenswerten Menschen haben wir sehr viel erfahren über das wie und wo, die Vorgehensweise der Nachbehandlung des Fundes, der politischen Querelen aber auch der Negation eines „großen, historisch wertvollen Fundes“ welcher weltweit für Aufsehen sorgen könnte und nicht nur in der kunsthistorischen Fachwelt.
    Seit drei Jahren, genauer gesagt seit der Ausstellung der „Bronzi“ in Montreal (Dank sei der Region Marche), aber auch durch den Neubau des Museums, beginnt das Interesse an den Bronzi zu steigen. All‘ unsere Gäste, welche sich auf den Weg in das nur 30km entfernte Pergola begeben um dort die Statuten zu besichtigen und mehr darüber zu erfahren, sind schlichtweg begeistert und zollen der hohen Kunst der damaligen Zeit gleichen Respekt (wenn nicht gar mehr) als den von Tourismus überlaufenen und „plattgetrampelten“ Highlights der klassischen italienischen Kunstwelt wie Rom, Venedig, Florenz etc.
    Ich persönlich möchte Ihnen danken, daß Sie diese große und in ihrer Art einmalige Testimonianz glorreicher vergangenen römischer Kultur so in den Brennpunkt stellen und wünsche mir gleichfalls, daß die Bronzi di Pergola (www.bronzidorati.com ) jenen Respekt erhalten, den sie verdienen.
    MfG Axel Bach

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