Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Viele fleißige Finger auf den Schultern eines Riesen: Felix Jacoby und die „Fragmente der griechischen Historiker“

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Weil Lebenswege und Lebenswerke meist nicht so rund sind wie Jahrestage, sei hier ein Vorgriff gestattet. Am 10. Nov. 1959 starb in Berlin der Klassische...

Weil Lebenswege und Lebenswerke meist nicht so rund sind wie Jahrestage, sei hier ein Vorgriff gestattet. Am 10. Nov. 1959 starb in Berlin der Klassische Philologe Felix Jacoby. Als Einzelforscher und unter schwierigsten persönlichen Umständen hatte er zuvor ein Werk vorgelegt, das man gut als monumental bezeichnen könnte, wenn es nicht so anregend und unausgeschöpft wäre, daß sich jeder Gedanke an eine denkmalmäßige Erstarrung verbietet.

Ein wesentlicher Teil altphilologischer Arbeit seit den Anfängen dieser Disziplin besteht im Sammeln und Auswerten von Fragmenten. Denn die weitaus meisten der in der Antike geschriebenen literarischen Werke haben es nicht bis in die Zeit des Buchdrucks geschafft, sondern sind irgendwann verlorengegangen. Sie sind nur noch in Texten anderer, erhaltener Autoren präsent, die sich irgendwie mit ihnen auseinandergesetzt haben. Dankbare Ausschreiber, kritische Nachfolger, an sprachlichen Eigenheiten interessierte Grammatiker, bildungsbeflissene Essayisten und fleißige Lexikonkompilatoren aus der Antike wie aus Byzanz überliefern Skizzen des Inhalts, Referate oder mehr oder minder ausführliche Zitate, jeweils unter Nennung des Namens (ein Problem bei Fragmentsammlungen: Sollen bloß erschlossene Abhängigkeiten ebenfalls berücksichtigt werden?). So ist die griechische Epik zwischen Homer und dem Hellenismus ausschließlich aus solchen Bezeugungen und Zitaten bekannt. Von den Stücken der drei großen attischen Tragiker ist nur der weitaus kleinere Teil vollständig erhalten, von ihren Konkurrenten gar kein kompletter Text.
Im „Trümmerfeld der griechischen Geschichtsschreibung“ vom 5. Jh. v.Chr. bis in die Zeit des Augustus geht es besonders fragmentarisch zu. Zur Recht wendet man sich immer wieder intensiv den ganz oder zu großen Teilen erhaltenen Werken aus diesem Zeitraum zu, also den Autoren Herodot, Thukydides, Xenophon, Polybios, Diodor und Dionysios von Halikarnassos. Fast ganz untergegangen, oft nur dem Namen nach bekannt, sind demgegenüber aber weit mehr als 1000 Werke, dem Umfang nach, so eine Schätzung von Hermann Strasburger, ungefähr 400.000 Seiten oder das Vierzigfache des insgesamt (auch fragmentarisch) Erhaltenen. Den ungeheuren Reichtum des einmal vorhanden Gewesenen, die verschiedenen Gattungen, die Kreativität der Autoren, sich von bedrängenden Geschehnissen (Alexander d.Gr.!) inspirieren zu lassen, Material zu sammeln, Wissen zu erzeugen und Geschichten zu erzählen – all das zu heben war eine ebenso lohnende wie unausführbar erscheinende Aufgabe. Eine fünfbändige, zügig erstellte Sammlung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts galt schon lange als veraltet, als Felix Jacoby (* 1876), mit einunddreißig Jahren zum Ordentlichen Professor der Klassischen Philologie an der Universität Kiel ernannt, im Jahr 1909 einen programmatischen Aufsatz publizierte: „Über die Entwicklung der griechischen Historiographie und den Plan einer neuen Sammlung der griechischen Historikerfragmente“. Jacoby war ein detailbesessener Forscher, und ein späterer Kollege nannte ihn ‘den gelehrtesten Mann Europas‘, aber ihm war von Anfang an eines klar: Gerade eine solche Sammlung hatte nicht allein das Produkt von bloßer Sammelarbeit zu sein, sondern bedurfte einer leitenden Idee, einer Vorstellung von der Entwicklung der Gattung Historiographie, die sich im Laufe der Zeit immer mehr ausdifferenzierte. Das skizzierte Bild legte Jacoby dann seiner Sammlung zugrunde, die – durch Kriegsdienst verzögert – 1922 zu erscheinen begann. Sie besteht jeweils aus Doppelbänden: Der erste Teil bietet die Texte mit kritischem Apparat, wobei jeder Autor in „Die Fragmente der griechischen Historiker“ eine eigene Nummer hat, etwa: „Hekataios FGrH 1″. Testimonien, also Informationen über Autor und Werk, stehen geschlossen voran, dann folgten die Fragmente, Referate im Kleindruck, wörtliche Zitate durch Sperrung hervorgehoben, jeweils mit allen wichtigen Varianten. Der zweite Teil enthält den Kommentar, getragen von Spürsinn für Abhängigkeiten und einer überwältigenden Gelehrsamkeit.
Durch die NS-Rassenpolitik verlor der Sohn aus jüdischem Elternhaus, der bereits als Kind konvertiert worden war, schrittweise sein Bürger- und Heimatrecht in Deutschland. 1935 wurde er vorzeitig pensioniert, später erklärte sich der Weidmann-Verlag außerstande, weitere Bände der Historikerfragmente publizieren zu können. In der Pogromnacht wurde Jacobys Haus verwüstet, danach erfolgte der Ausschluß aus der Berliner Akademie und der Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen. Zum Glück konnte Jacoby mit seiner Frau, die ihm eine unentbehrliche Stütze bei der Arbeit war, Ende April 1939 nach Oxford übersiedeln, wo er seine Arbeit an den Historikern unter halbwegs erträglichen Umständen fortsetzen konnte; die Kommentare verfaßte er nunmehr in der Sprache seines Asyllandes. Den athenischen Lokal- und Verfassungshistorikern (Atthidographen) widmete er neben zwei umfangreichen Kommentar- und Notenbänden außerdem noch eine bis heute grundlegende Monographie (Atthis, Oxford 1949).
Die Kontinuität des Lebenswerks machte den biographischen Bruch noch spürbarer, obwohl Jacoby Anfang 1956 nach Deutschland zurückkehrte. Bei seinem Tod ließ er das Riesenwerk – fünfzehn Teilbände mit mehr als achttausend Druckseiten füllen gut einen halben Meter im Regal –  unvollendet zurück; die Kommentare zum letzten Teil des Abschnitts über die Lokalhistoriker waren noch nicht druckfertig, die geplanten Abteilungen zur Biographie und Geographie nicht begonnen. Doch über sechshundert Autoren liegen vollständig bearbeitet vor, weitere einhundert zumindest in einem Textband.
Jacobys Leistung läßt sich auch daran ablesen, wie lange es gedauert hat, an der Stelle des Abbruchs wieder anzusetzen. Das Vorhaben, die umfangreichen Manuskripte und Notizen zu den Lokalhistorikern aus dem Nachlaß herauszugeben, blieb bereits nach einem kleinen Faszikel stecken. Eine internationale Forschergruppe begann nach langer Vorbereitung eine Fortsetzung in Buchform, die mittlerweile auf drei Bände Fragmente von biographischen und antiquarischen Schriften gediehen ist.
In ganz anderen Dimensionen bewegt sich der „New Jacoby“, den der Verlag Brill in Leiden seit 2007 als elektronische Ressource herausbringt. Es handelt sich um eine vollständige Neubearbeitung unter der Ägide von Ian Worthington und fünfzehn Teilgebietsherausgebern. Beigegeben sind nun englische Übersetzungen, die das Material auch solchen Benutzern erschließen, die nicht so flüssig wie Jacoby und die Gelehrten seiner Generation altgriechische Texte verschiedener Art und Schwierigkeit lesen. Die Bearbeitung ist zugleich auf mehr als einhundert Schultern verteilt; da unter diesem Umstand niemand mehr die Gesamtentwicklung im Blick haben kann – und eine „Entwicklung der griechischen Geschichtsschreibung“ im Zeichen von Foucault und Derrida wohl ohnehin als ordnungsfixierte Kohärenzfiktion abgetan werden würde -, verfolgt das Unternehmen sehr viel pragmatischere Ziele als das Urwerk, das in fast jeder Kommentarzeile einen originären Forschungsbeitrag zu bieten hatte, aber auf Sacherklärungen, die der Benutzer mit etwas Mühe auch einem Handbuch entnehmen konnte, ganz verzichtet. Die elektronische Darbietungsform und die Suchmöglichkeiten verleiten generell eher zum gezielten Ansteuern einer Stelle als zum Durchstudieren von Deckel zu Deckel. Dies mag man von der strengen Wissenschaft her als Verlust oder gar Abstieg betrachten, aber das schon von der Sache her unendlich unübersichtliche und hindernisreiche Feld der griechischen Geschichtsschreibung ist nun einfach begehbarer geworden. Und den ‘alten‘ Jacoby nimmt ja niemand weg, im Gegenteil: eine digitale Fassung dieses Produkts wahrer Exzellenz ist im Abonnement des „New Jacoby“ inbegriffen.
Bild zu: Viele fleißige Finger auf den Schultern eines Riesen: Felix Jacoby und die „Fragmente der griechischen Historiker“

– Felix Jacoby, Über die Entwicklung der griechischen Historiographie und den Plan einer neuen Sammlung der griechischen Historikerfragmente, in: Klio 9, 1909, 80-123, erneut in: ders., Abhandlungen zur griechischen Geschichtsschreibung, hrsg. von Herbert Bloch, Leiden 1956, 16-64
– Hermann Strasburger, Umblick im Trümmerfeld der griechischen Geschichtsschreibung (1977), in: ders., Studien zur Alten Geschichte, Bd. 3, Hildesheim/New York 1990, 169-218
– Annegret Wittram, Fragmenta. Felix Jacoby und Kiel. Ein Beitrag zur Geschichte der Kieler Christian-Albrechts-Universität, Frankfurt/M. 2004
– Ulrich Schindel, Felix Jacoby (19.3.1876-10.11.1959), in: Neue Deutsche Biographie 10, Berlin 1974, 252f.

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