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Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Verlorene Dichter, oder: Auch Philologen verspüren bisweilen verzehrende Begierden

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Umberto Eco hat der Antike ein großes Kompliment ausgestellt. Der Name der Rose handelt (auch) davon, wie die Entdeckung eines verlorengeglaubten antiken...

Umberto Eco hat der Antike ein großes Kompliment ausgestellt. Der Name der Rose handelt (auch) davon, wie die Entdeckung eines verlorengeglaubten antiken Textes nicht nur ein paar Gelehrte beschäftigt, sondern Weltordnungen zu erschüttern vermag. Am Ende geht Aristoteles‘ Poetik des Lachens in der Komödie in Rauch auf, und das Mittelalter muß sich noch ein paar Jahrhunderte weiterschleppen.
Verwicklungen eher persönlicher Art löst die verlorene Handschrift in Gustav Freytags gleichnamigem Buch von 1864 aus. Den Inhalt des heute weitgehend vergessenen Gesellschaftsromans faßt „Kindlers Neues Literaturlexikon“ zusammen:
„Der Philosophieprofessor Werner stößt zufällig auf Hinweise zu einer alten, bislang unbekannten Tacitushandschrift, deren Spuren er bis auf ein ländliches Schloß verfolgt, wo er zwar nicht die gesuchte Handschrift, dafür aber seine Lebensgefährtin Ilse findet. Der Vater des melancholischen Erbprinzen, ein despotischer Duodezfürst, lockt den Professor aus der mitteldeutschen Universitätsstadt mit dem Versprechen in seine Residenz, ihm bei der Suche nach der Handschrift jede Art von Unterstützung zu gewähren; in Wirklichkeit hat er es auf die Gemahlin abgesehen. Für die aus ihrer rustikalen Lebensordnung gerissene Ilse (…) gestaltet sich das Leben in städtisch-höfischen Kreisen zu einem Problem, für das der Professor indes keine Augen hat. Werner, der neue Spuren gefunden zu haben glaubt, ignoriert ihre Bitte, sie aus der Residenz fortzubringen, und setzt damit sein Lebensglück unbedenklich aufs Spiel. Eine vom Fürsten geschickt inszenierte Fälschung lockt ihn auf eine verkehrte Fährte. Endlich befreit Herr Hummel, der ehemalige Hausherr, die arg bedrängte Ilse vor den fürstlichen Nachstellungen. Nachdem die Fälschung des Magisters Knips aufgedeckt ist, findet Werner in einer Höhle neben seiner Gattin auch die Einbanddeckel der gesuchten Handschrift – der Text selbst bleibt unauffindbar.“
Am Ende siegt also das persönliche Glück eher zufällig über die gelehrte Sensation. Aber die philologische Wissenschaft erscheint hier insgesamt schon als eine dem Leben feindliche Potenz. Wenige Jahre später sollte Nietzsche Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben handeln und darin dem antiquarischen Sucher und Bewahrer eine höchst unverdauliche Nahrung zuschreiben: den Staub bibliographischer Quisquilien. Es gelinge Freytag in dem Roman, so urteilte Franz Mehring, „die gelehrte Klasse der Zeit zu schildern, wie ihre philosophische Bildung abstirbt in philologischer Wortklauberei; wie der faustische Drang abschäumt in eine ehrbare, steifleinene und dabei komisch hochnäsige Philistergesinnung“.

Bild zu: Verlorene Dichter, oder: Auch Philologen verspüren bisweilen verzehrende Begierden

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Auf ein philologisches Welttheater ganz anderer Art macht eben ein Artikel im erneut wunderbaren TLS aufmerksam: George Economou hat den griechischen Dichters Ananios von Kleitor wiederentdeckt und seine Spuren durch die Zeiten in einem gelehrten Buch verfolgt. Nun gab es bereits in der Antike Erzählungen über die Auffindung spektakulärer, bis dahin gänzlich unbekannter Texte. Letztere handelten dann angeblich von der sagenhaften Insel Thule oder gaben vor, das Tagebuch eines Trojakämpfers zu sein. In die heiße Phase einer religions- und kulturpolitischen Auseinandersetzung in Rom zwanzig Jahre nach dem Hannibalkrieg fiel die ‘Auffindung‘ von Büchern des weisen Königs Numa (hier in einem nicht sicher zuzuschreibenden Gemälde von ca. 1525, heute im Palazzo Zuccari in Rom [wg. Urheberrecht entfernt]). Und auch in der Neuzeit diente Literaturarchäologie dieser Art der Identitätsstiftung, und lösten die ‘Funde‘ zuweilen heftigste Erschütterungen aus. Hierfür mag der Hinweis auf James Macpherson und seinen Ossian in den 1760er Jahren genügen.

Und nun Economous wissenschaftliche Edition der Anianos-Fragmente. Der Poet war demnach im arkadischen Kleitor gebürtig, lebte im 4. Jh. v.Chr., und schuf lebenspralle Gedichte, die von Sex, Wein und der Schönheit der Heimat und deren Mythen handelten (Fußnote 1: Dazu L. Lacroix, Helios, les Azanes et les origines de Cleitor en Arcadie, in: BAB 54, 1968, 318-327). Von den vierzig Papyrusfragmenten seien die meisten winzige Fetzen. Aus Gedicht 41 läßt sich etwa nur rekonstruieren:
…]Furcht[…] keiner […] o ja![…].
Doch der Zauber der Wortbrocken bleibt begrenzt. Viel interessanter ist ihre weitere Geschichte, immer bedroht vom Totalverlust. Was haben, so fragt der Editor, die schöpferischen, neidischen, geisteskranken, zum Schweigen verdammten, frömmelnden, erotomanen, rassistischen und mörderischen Gelehrten die Jahrhunderte hindurch mit den heute nur noch nach Quadratzoll zu messenden Zeugnissen angestellt? Da sind noch aus der Antike ein anonymer Kommentator in Alexandria sowie Theonaios, ein kaiserzeitlicher Buntschriftsteller. Dann im 6. Jh. der christliche Koch und Rhetoriker Kosmas Logothetes (mit Goethes Faust: ‘Wortsetzer‘ oder ‘Sinnsetzer‘ oder ‘Tatsetzer‘), der sich besonders für die erotische Dimension der Ananiosverse zu interessieren schien. Da ist dann Theophanes, ein byzantinischer Mönch aus dem 11. Jh., dem die Texte und ihr vermutlicher Sinn bei seinem sexuellen und kulinarischen Aufbegehren gegen die herrschende Sitte helfen. (Fußnote 2: Wenn Griechen exklusiv essen wollten, taten sie das nicht mit Fleisch, sondern mit Fisch; dazu James Davidson, Kurtisanen und Meeresfrüchte. Die verzehrenden Leidenschaften im klassischen Athen. Berlin 1999; vgl. meine Rez. F.A.Z. Nr. 237 v. 12. Okt. 1999, L 42).
Komplexer wird die Geschichte im 20. Jh., als vier Personen die Bühne betraten: Anastas Krebs, ein deutscher Historiker und romantischer Hellenenschwärmer, dann Sir Michael Sewtor-Lowden, ein Freund und in der Jugend zeitweiliger Reisebegleiter von Krebs in Griechenland („Waren wir beide nicht furchtbar hellenisch?“), zugleich Lehrstuhlinhaber in Cambridge, außerdem Jonathan Barker, seines Zeichens Promotionsstudent bei Sewtor-Lowden, 1951 Gast bei Krebs, dazu ausersehen, dessen Studien fortzuführen, und schließlich Hugh Sydle, ebenfalls Promotionsstudent bei Sewtor-Lowden. Dieses Beziehungsviereck erschließt sich im wesentlichen aus Briefen, die aber in der Edition leider recht chaotisch angeordnet sind. Daß Krebs während des Krieges in Griechenland an Kriegsverbrechen beteiligt war, erschließt sich nur mit Mühe, ebenso der Versuch des englischen Professors, über seinen Doktoranden an das von Krebs gesammelte Material heranzukommen, um die Resultate als die seinen auszugeben. Ein scharfsinniger englischer Rezensent konnte freilich diesem so postmodern daherkommenden Teil der Edition einen Sinn abgewinnen: „At the end of one inconspicuously dull biographical endnote, the narrator spasmodically switches into philosophical mode and comes up with what looks like a vade mecum for the whole book. (…)We have been spilled into an enormous chamber wherein life continuously echoes art and art life, resounding through volumes of ironies bound in a plenitude of tongues. Some hear nothing. Others strive to link their strains to fulfilling termini in the cosmic din, transforming and modulating them into a manner of music, or the illusion thereof.“ Aus den Bausteinen einer kommentierten Edition – vom Abkürzungsverzeichnis bis zum Register – macht Economou jedenfalls ein beziehungsreich-verspieltes Gesamtkunstwerk. Der philologischen Wissenschaft aber gibt er nicht nur durch die Initialengleichheit (Ananios von Kleitor, Anastas Krebs) zu denken auf: Wie sehr ist eine kommentierte Edition zumal sehr fragmentarischer Autoren am Ende eine Werk eher der Philologen als des Autors? Und was, wenn jene gar ihre sexuellen Phantasien in sprachwissenschaftliche Herleitungen sublimieren (Ananios = Onanias; Kleitor, latein. Clitor = – – – [das muß hier nicht ausgeführt werden]).
Es bleibt Ananios, die leere Fläche, zugleich Leinwand für die Projektion von Leidenschaften verschiedenster Art (Fußnote 3: s.o. Fußnote 2).

George Economou
ANANIOS. Ananios of Kleitor
144 S., Shearsman Books 2009, £ 9,95.

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1 Lesermeinung

  1. Lieber Herr Walter,

    ein...
    Lieber Herr Walter,
    ein wunderschöner kleiner Fund! Und ein sehr schöner Eintag!
    Nikolaus

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