Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Sloterdijk und das unbenannte Wohltätertum

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Peter Sloterdijk fulminanter Artikel „Die Revolution der gebenden Hand" (FAZ v. 10. Juni) liegt eigentlich schon zu lange zurück, um noch in diesem Blog...

Peter Sloterdijk fulminanter Artikel „Die Revolution der gebenden Hand“ (FAZ v. 10. Juni) liegt eigentlich schon zu lange zurück, um noch in diesem Blog aufgegriffen zu werden. Nun hat aber die enthemmte Replik des Frankfurter Philosophen Axel Honneth (Die Zeit v. 24. Sept.) das Feuer erneut entfacht, sollte Sloterdijks Text kurz vor der Bundestagswahl doch offenbar als unernst-gefährliches Manifest einer spielerisch-zerstörerischen ‘neoliberalen‘ und rechtsanarchistischen Unkultur entlarvt werden. Sloterdijk hat schnell repliziert (FAZ v. 26. Sept.) und Honneth mit einigem Recht vorgeworfen, dieser beherrsche die elementare Technik sinnentnehmenden Lesens nur unzureichend.
Mir geht es nicht darum, ob die ideengeschichtlich weitausholenden Begründungen von Sloterdijk die Probleme der aktuell so unübersichtlich gewordenen und deshalb bloß denkend wohl kaum mehr zu erfassenden Verhältnisse in Ökonomie und Gesellschaft treffen oder ob Honneths Empörung durch irgendwelche Empirie getrübt ist. Indes: Mag dem kaustisch-thymotischen Denker aus Karlsruhe auch die Diagnose wichtiger sein als die Vision – was er im letzten Absatz als Alternative skizziert, ist nicht weniger als das antike Modell des ‘Wohltätertums‘ (Euergetismus). Seltsam, daß er die Genealogie nicht benennt.

Direkte Steuern waren in antiken Stadtstaaten höchst selten, und es gab vor der Spätantike auch keine starken staatlichen Administrationen, die in großem Umfang hätten Geld eintreiben und umverteilen können. Selbst die athenische Demokratie, der antike und moderne Kritiker gern vorwarfen, sie sei die politisch institutionalisierte Ausplünderung der wenigen Reichen durch die Masse der Armen gewesen, kannte direkte ‘Reichensteuern‘ nur in der Notlage eines angespannten Krieges. Ansonsten gab es die sog. Liturgien. Dabei übernahmen die reichsten Bürger für ein Jahr bestimmte gut sichtbare und für die Polisgemeinschaft wichtige Aufgaben: den Chor eine Tragödienaufführung zu engagieren und zu unterhalten, die Mitbürger der eigenen Phyle an großen Festen zu verköstigen, ein Kriegsschiff kampffertig zu machen, eine Festgesandtschaft auszustatten oder ein Pferd für den Kriegsdienst zu unterhalten. Diese Aufwendungen waren zwar nicht freiwillig im Sloterdijk’schen Sinne – er schlägt ja die Umwandlung der Zwangssteuern in Geschenke an die Allgemeinheit vor -, und es gab auch Versuche, sich zu entziehen: Glaubte ein zur Liturgie Herangezogener, ein reicherer Mitbürger sei übergangen worden, konnte er diesen auffordern, die Liturgie zu leisten oder mit ihm das Vermögen zu tauschen. Doch das kam offenbar nicht allzu häufig vor. Denn wer eine Liturgie geleistet hatte, wurde dafür persönlich geehrt und gewann unter den Mitbürger hohes Ansehen. Nicht selten fühlten sich Bürger sogar veranlaßt, mehr und aufwendigere Liturgien zu leisten, als gesetzlich geboten war. Es war diese Sichtbarkeit im Ringen um den Dank der Mitbürger und einen guten Ruf, was den entscheidenden Unterschied macht zwischen einem solchen System von Gaben und einem anonymen Umverteilungssystem durch Einziehen und Ausgeben von Geld. Unser System schafft es tatsächlich, daß nach den Daten von 2003 das oberste Hundertstel der Steuerpflichtigen 19,8 % des gesamten Einkommensteueraufkommens trägt und die oberen 10 % sogar die Hälfte des Gesamtaufkommens zusammenbringen, aber eigentlich alle unzufrieden sind: die Reichen, weil sie nicht sichtbar sind und keinen Dank finden, sondern eher Neid, und die nicht so Reichen, weil sie glauben, auch die Reichen müßten „ihren Beitrag leisten“ und die „starken Schultern“ mehr tragen als die schwachen – was längst der Fall ist!
Wahrscheinlich ist die Sloterdijk’sche „Revolution der gebenden Hand“ nicht umsetzbar, aber die Grundidee, durch die Art der Umverteilung von oben nach unten Gier (und Mißvergnügen) bei allen durch Stolz ebenfalls bei allen abzulösen („Würde man nicht erst nach dieser Umstellung von Enteignung auf Spende wirklich von einer Zivilgesellschaft sprechen dürfen, in der die Bürger mit dem Gemeinwesen durch eine permanente Selbstüberwindung und eine stetige Bestätigung des Etwas-Übrig-Habens fürs Allgemeine und Gemeinsame verbunden sind?“), verdient eine gründliche Überlegung. Und diese hätte bei den antiken Euergeten anzusetzen.
In den griechischen Städten des Hellenismus und den Städten des römischen Reiches war diese soziale Beziehung auf Gegenseitigkeit zwischen extrem Ungleichen noch klarer ausgeprägt als in der auf Egalität ausgerichteten athenischen Demokratie des klassischen Zeit. Die Reichen errichteten nicht nur Wasserleitungen, Badeanstalten, Basiliken und Bibliotheken (wie die abgebildete Celsusbibliothek in Ephesos) für die Bürgerschaft, sie übernahmen auch kostenaufwendige Gesandtschaften zu einem König oder dem römischen Kaiser, sie sorgten durch Zukäufe aus eigener Tasche für einen gleichbleibend niedrigen Getreidepreis, sie stellten das Öl, das in den Gymnasien verbraucht wurde, zur Verfügung und sie richteten aufwendige Feste mit Wettkämpfen und Preisen aus, um der eigenen Stadt im friedlichen Wettbewerb mit den anderen einen Prestigevorteil zu verschaffen.

Der Wohltat (euergesía bzw. beneficium) hatte der Dank (cháris bzw. gratia) zu entsprechen. Gesellschaftliche Reputation – Ehre – hing wesentlich von der Befolgung der Regeln der Gegenseitigkeit ab. Hinzu kam die Aussicht, über den eigene Tod hinaus im Bewußtsein der Mitbürger lebendig zu bleiben, durch Statuen und Inschriften (die uns zu Abertausenden von eben diesem Tausch Kunde geben), aber auch durch echte Stiftungen, deren Zinsen jährlich für einen genau festgelegten Zweck im Interesse der Bürgerschaft – nicht nur der Bedürftigen: Diese Unterscheidung ist eine christliche Erfindung! – verausgabt wurden.
Einen wahren Super-Euergeten bezeugt die folgende, zu einer Statue gehörende Inschrift aus der Zeit um 100 n.Chr. (Supplementum Epigraphicum Graecum 17, 315, Übers.: H. Freis):
Bild zu: Sloterdijk und das unbenannte Wohltätertum

Auch Plinius der Jüngere, Aristokrat, Augenzeuge des Vesuvausbruches und Vertrauter Kaiser Trajans, betätigte sich in seiner Heimatstadt als Wohltäter, wie eine bekannte Inschrift aus Como bezeugt (Inscriptiones Latinae Selectae 2927, Übers.: L. Schumacher):

C PLINIVS L F OVF CAECILIVS SECVNDVS COS
AVGVR LEGAT PROPR PROVINCIAE PONTI ET BITHYNIAE
CONSVLARI POTESTAT IN EAM PROVINCIAM EX S C MISSVS AB
IMP CAESAR NERVA TRAIANO AVG GERMANICO DACICO P P
CVRATOR ALVEI TIBERIS ET RIPARVM ET CLOACAR VRB
PRAEF AERARI SATVRNI PRAEF AERARI MILIT PR TRIB PL
QVAESTOR IMP SEVIR EQVITVM ROMANORVM
TRIB MILIT LEG III GALLICAE XVIR STLITIB
IVDICAND THERMAS EX HS [     ] ADIECTIS IN
ORNATVM HS [     ] ET EO AMPLIVS IN TVTELAM
HS CC T F I [ITEM IN ALIMENTA] LIBERTOR SVORVM HOMIN C
HS [              ] REI P LEGAVIT QVORVM INCREMENT POSTEA AD EPVLVM
PLEB VRBAN VOLVIT PERTINERE [     ] ITEM VIVVS DEDIT IN ALIMENT PVEROR
ET PVELLAR PLEB VRBAN HS [        ] ITEM BYBLIOTHECAM ET IN TVTELAM
BYBLIOTHECAE HS C
„Gaius Plinius Caecilius Secundus, Sohn des Lucius aus der Tribus Oufentina, Konsul, Augur, Statthalter der Provinz Pontus und Bithynia mit konsula-rischer Befehlsgewalt, in diese Provinz gesandt aufgrund eines Senatsbeschlusses vom Kaiser Nerva Traianus Augustus, Sieger über die Germanen und Daker, Vater des Vaterlandes. (Zuvor war Plinius) Kommissar für die Tiberregulierung und die Abwasserkanäle der Stadt (Rom), Leiter der Staatskasse im Saturntempel, Leiter der Kasse zur Veteranenversorgung, Prätor, Volkstri-bun, Quästor z.b.V. des Kaisers, Führer einer der Schwadronen römischer Ritter, Militärtribun der 3. Legio Gallica, Vorsitzender einer der zehn Kammern zur Entscheidung von Rechtsstreitigkeiten. Testamentarisch hat er den Bau von Thermen .. . verfügt, zusätzlich (einer Summe) von 300000 Sesterzen zur Ausschmückung und darüber hinaus (ein verzinsbares Kapital von) 200000 Sesterzen für den Unterhalt gestiftet. Ebenso hat er für den Unterhalt seiner Freigelassenen – insgesamt 100 Menschen – (ein verzinsbares Kapital von) 1 866666 Sesterzen der Gemeinde ausgesetzt, dessen Ertrag nach seiner Willenserklärung später zur Speisung der städti-schen Plebs verwandt werden solle. Außerdem hat er der städtischen Plebs zu Lebzeiten für den Unterhalt von Kindern beiderlei Geschlechts 500000 Sesterzen gestiftet sowie eine Bibliothek und (eine Summe von) 100000 Sesterzen für deren Unterhalt.“

Für Sloterdijks Argument wichtig ist die Erkenntnis der sozialgeschichtlichen Forschung, daß sich in der täglichen Praxis der Euergesie Freiwilligkeit und Verpflichtung untrennbar vermischten. Reiche Individuen betätigten sich, ob in einem städtischen Amt oder außerhalb, als Wohltäter und wurden dafür geehrt; die Ehrungen förderten ihre Bereitschaft zu weiteren Wohltaten und trugen entscheidend dazu bei, daß ein System starker sozialer Hierarchie und extremer Besitzungleichkeit über Jahrhunderte hinweg wesentlich stabil blieb. Erst ab dem 3. Jh. n.Chr., als die politische Zentrale des Römischen Reiches in immer größere Bedrängnis kam bzw. sich selbst in diese brachte, nahm – sehr verkürzt gesagt – die staatlichen Regelung zu und lösten die Balance von Freiwilligkeit und Verpflichtung auflösten: Der Euergesie wurde in ein System von Steuern und Abgaben transformiert.
Es handelt sich beim Diskurs über die Gabe, so stellte vor einiger Zeit eine Althistorikerin fest – freilich nicht ohne die übliche Distanzierungsklausel zu vergessen – keineswegs „nur um einen Versuch der Annäherung an archaische und verdrängte Praktiken, sondern auch und vor allem um einen Versuch der Selbstverständigung über das Verhältnis von Ökonomie und Moral in der Gegenwart, der immer auch in Utopien münden kann.“ Das ist mehr als die Banalität, die schon Cicero in eine Formel faßte: Das Volk haßt privaten Luxus, liebt aber die öffentliche Freigebigkeit (odit populus Romanus privatam luxuriam, publicam magnificentiam diligit, Rede für Murena 76). Doch nur diese Differenzierung einmal mit Leben zu erfüllen, wäre schon einen Versuch wert. Also: Althistoriker an den Expertentisch!

Das Standardwerk zum Euergetismus ist Paul Veyne, Brot und Spiele: gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike, Frankfurt 1988 (Original: Le pain et le cirque: sociologie historique d’un pluralisme politique, Paris 1976). Vgl. ferner: Stefan Cramme, Die Bedeutung des Euergetismus für die Finanzierung städtischer Aufgaben in der Provinz Asia, Diss. Köln 2001.

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1 Lesermeinung

  1. Vorausschauende...
    Vorausschauende Konterrevolution
    Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass ein System, das unter römischer Herrschaft und mit dieser der Barbarei (so war das Reich der Römer der Übergang von der Oberstufe der Barbarei in die Zivilisation) entwuchs, nun im Angesicht einer neuen Barbarei, einer solchen, die die Klassengesellschaft zu verewigen sucht, wieder eingeführt werden soll. Sloterdijk macht seinem Ruf als Philosoph der Deutschen wieder mal zweifelhafte Ehre.
    Die Auseinandersetzung mit diesem Philosophen ist unter der strikten Regie der FAZ-Redaktion und auch wegen der dortigen knappen Zeilen, leider nicht möglich, so erlaube ich mir daher mit einem Artikel von mir (den ich ungekürzt nur in meinem Blog untergebracht habe „Wohin treibt der Konflikt der bürgerlichen Klasse mit den „Schlechtergestellten“?,
    http://blog.herold-binsack.eu/?p=424) auf den politischen Rahmen eben dieser Auseinandersetzung im philosophischen Bereich zu verweisen.
    Es scheint mir doch kein Zufall, dass eben jener „Philosoph der Deutschen“ sich dieses Thema so annimmt. Nicht nur, dass die „Globalisierung“ um eine philosophische Deutung bereichert werden soll – ein sich nicht wenig ehrenvolles Anliegen, nach seiner Heimkehr aus dem „Innenraum des Kapitals“ -, sondern auch, und so meine eigentliche Kritik, dass sich seit Proudhon in Deutschlands Philosophenstuben nur noch mehr Staub angesammelt hat (siehe: Der „elendige“ Zustand der Philosophie, http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~ECBEDDC9B25CD497DA85BEBF7625D0483~ATpl~Ecommon~Scontent.html).
    Das Subjekt ist nicht nur nicht in der Krise, wie so manche hoffnungsfroh bis fatalistisch verstimmt meinen (Robert Kurz), sondern ganz putzmunter am fabulieren. Statt des Steuerstaates, den Staat wollten „wir“, na ja, manche unter uns, schon mal ganz abgeschafft haben, sollen wir endlich zurück zu den Formen strenger Hierarchien, also solchen, wo das Einkommen, der gespendete Teil hiervon, unmittelbar über die gesellschaftliche Stellung entscheidet. Wenn das kein Fortschritt ist! In der Tat, wo Proudhon noch von Diebstahl faselte, da muss man nur den Vorschlag unterbreiten, einen Teil davon doch wieder spenden, und die soziale Gerechtigkeit ist wieder hergestellt – ganz im proudhonschen Sinne. (Macht das Mafia nicht auch so?)
    Also doch, nicht Marx sollte recht behalten, sondern Proudhon, und das ist des Philosophen Botschaft. Eine wahrlich philosophische Leistung, durch den Gesindeeingang eines großbürgerlichen Gebäudes/Konzeptes, wird eine hinterhältige pseudosozialistische Dialektik eingeschmuggelt.
    Die „Gesellschaft“ ist erst dann recht eigentlich evident, wenn sie aufgehört hat eine zu sein, das meinte Marx, in etwa, und das meinen wohl auch jene hausbackenen Philosophen. Nur sie meinen nicht die „Aufhebung der Gesellschaft“, sondern deren Barbarisierung, die ewige/unumkehrbare Rückkehr zur Ungleichheit, um da mal im nietzscheanischen Sprachgebrauch zu bleiben, Herrn Sloterdijk zuliebe. Sie meinen den Doppelsinn der Gesellschaft, jene nette Gesellschaft, die sich da anschickt, den einzigen „Fortschritt“ ihrer Gesellschaft, nämlich das Allgemeine zum Gesetz gemacht zu haben (bevor das Gesetz durch die Gesellschaft endgültig aufgehoben wird, da Gesellschaft und Gesetz zusammen obsolet geworden sind, so zumindest noch in Annahme des jungen Marx und in der Sprache der hegelschen Dialektik), doch noch rechtzeitig zu suspendieren, bevor sich das Genannte ergibt und damit sich eines Marx Hoffnung, wie eines Hegels Dialektik sich eben nicht erfülle. Das ist die wahre proudhonsche Revolution und das ist eines Sloterdijks würdig.
    Denn das ist vorausschauende – quasi revolutionäre – Konterrevolution. Eine solche, wie sie offenbar nur die Deutschen aufbringen.
    „Kritik am Ganzen oder gar nicht
    Nicht jede Kapitalismuskritik ist eine. Auch die Nazis haben von der Macht und der Gier des Geldkapitals geschwafelt. Sie meinten damit aber ein sog. raffendes Kapital, das selbstredend jüdisch konnotiert sei, im Gegensatz zum „schaffenden Kapital“, das natürlich urdeutsch, sprich: arisch sei. Und ja, diese Art von Kapitalismuskritik ist antisemitisch. Und jede Anspielung auf die Unterscheidung eines raffenden zum schaffenden Kapital referiert auf diesen antisemitischen Kontext. Eine Kapitalismuskritik unterscheidet nicht, ob Kapital erwirtschaftet oder ererbt wurde, oder ob es sich in realer Produktion oder in der Zinswirtschaft reproduziert, denn alles gehört zusammen, ist Teil des Ganzen. Ein Kapital das erwirtschaftet wird und nicht vererbt, ist keines, kann sich nicht reproduzieren, nicht als Kapital jedenfalls, sowenig wie ein produzierendes Gewerbe ohne Geldwirtschaft expandieren könnte, und ein Kapital das nicht expandiert ist ebenso kein Kapital, es hätte nie die Chance Kapital zu werden, es bliebe bestenfalls eine zeit lang zirkulierendes Geld. Investitionen amortisieren sich nicht umgehend und auch nicht unmittelbar. Es ist ein langer, komplexer und wechselvoller Prozess, der aus Geld Kapital macht, resp. aus Arbeit, Mehrwert und dann Kapital. Im Übrigen ist und bleibt das Kapital im objektiven Zustand abstrakt. Die Subjekte des Kapitals: der Kapitalist, der Arbeiter – das automatische Subjekt – sind nicht unmittelbar Agenten des Kapitals, sowenig wie sie untereinander einfach austauschbar sind. Nur als Kapitalistenklasse kann man von Kapital sprechen, und doch bleibt auch hierbei ein Rest an Abstraktion übrig (das Ganze ist mehr als die Summe ihrer Einzelteile), an nicht Unmittelbarkeit. In diesem Rest befindet sich das bisschen Unschuld der Klasse – auch das der Kapitalistenklasse -, an den Verhältnissen an denen sie wunderbar profitiert. Hier ist der Käfig, wenn auch ein goldener, der sie umfasst, sie zum automatischen Subjekt macht, sowie die Klasse der Arbeiter. Auch diese Klasse ist nur als Klasse mehr als nur automatisches Subjekt, hat nur als Klasse einen Rest an Freiheit, an Möglichkeiten, an revolutionärer Potenz, was sie über ihre gegenwärtige Lage erhebt. Nur als Klasse, und nur im Kampf Klasse gegen Klasse, kann es ein revolutionäres Subjekt geben. Als Individuum ist der Arbeiter kein besseres Subjekt als der Kapitalist. Der Arme ist nicht apriori und per definitionem der bessere Mensch (vgl. W.S. Maugham, Silbermond und Kupfermünze), sowenig wie jede Kritik am Reichtum eine revolutionäre ist. Aber: nur die Arbeiterklasse ist an einer revolutionären Veränderung interessiert, an sie gebunden – perspektivisch jedenfalls -, das Kapital, die Kapitalistenklasse ist das selbstredend nicht. In diesem Punkt sind sie nicht austauschbar, nicht identisch, nicht frei! Gewissermaßen determiniert.
    Subjektive Zuschreibungen von Teilen des Ganzen auf Einzelne, vermitteln eine falsche Kritik, eine verkürzte, in aller Regel reaktionäre, und – vor dem Hintergrund der Nazibarbarei – antisemitische. Kapitalismuskritik ist mehr als Kapitalistenschelte, sie ist Kapitalskritik, Kritik am Ganzen, am System, an der Marktwirtschaft, und niemals nur an der Zinswirtschaft, der Gier, dem Reichtum, auch nicht dem ererbten.
    Das Kapital hatte sich schon überlebt als es das Licht der Welt erblickte, denn mit der Entstehung der Arbeit. Hier liegt die Perspektive, der zum Sozialismus oder zur Barbarei. Die Kapitalistenklasse versucht sich darüber hinaus zu retten, die Arbeiterklasse versucht sich als solche zu retten, was ihr den Status der Armut nur sichert, das verhindert den Sozialismus und schafft die Option der Barbarei, kommt der Kapitalistenklasse also entgegen.“

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