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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Verewigung eines stillen Mäzens: die unentbehrliche Loeb Classical Library

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Eine gegenwärtig in der Staatlichen Antikensammlung München zu besichtigende Ausstellung exquisiter Kleinkunst aus der Sammlung James Loeb gab Anlaß, eines...

Eine gegenwärtig in der Staatlichen Antikensammlung München zu besichtigende Ausstellung exquisiter Kleinkunst aus der Sammlung James Loeb gab Anlaß, eines bemerkenswerten Mannes zu gedenken (s. F.A.Z. vom 4.11.2009). Der Name des amerikanischen Investmentbankers aus einer deutsch-jüdischen Familie (geb. 1867), der 1905 nach Schwabing übersiedelte und zu seinem Glück wenige Monate nach dem Beginn der braunen Barbarei starb, ist Gelehrten, Studierenden und Freunden der Antike in der ganzen Welt bekannt. „Loeb“ steht für eine mehr als fünfhundert Bände umfassende Sammlung antiker Autoren in zweisprachigen Ausgaben (Loeb Classical Library). Seit ihrer Begründung im Jahr 1911 hat sich die Aufmachung der Bände nicht wesentlich verändert: handliches Format (4 ¼ x 6 ½ inches), stabiler, eleganter Leineneinband, grün für die griechischen, rot für die lateinischen Autoren, Schutzumschläge in gleicher Farbe. Die hierzulande bekannte, von Ernst Heimeran begründete Tusculum-Reihe begann 1923. Als erster hatte also Loeb, der selbst gelegentlich lateinische Briefe schrieb, erkannt, daß reine Textausgaben überwiegend von Philologen benutzt werden, während Nur-Übersetzungen Gefahr laufen, sich zu verselbständigen und damit ihren ersten Zweck zu verbergen, nämlich als Lesehilfe und zugleich Interpretation neben dem Original zu stehen – auf eigenen Füßen zu stehen konnte nur wenigen, auch literarisch kongenialen Übertragungen, nicht aber in der Breite der antiken Literatur (die ja nicht nur aus Homer, Vergil und Tacitus besteht) gelingen. Nur „strenge deutsche Philologen“, so ist im Artikel ‘Übersetzung‘ des Neuen Pauly zu lesen, „sahen allerdings manchmal auf die bequemen Begleitübersetzungen mit ihrer nicht immer zufriedenstellenden Qualität herab“.

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Die in der Harvard University Press erscheinende Reihe wird aktuell von Jeffrey Henderson herausgegeben. Nachdem sie über einige Jahre in einen gewissen Dornröschenschlaf verfallen war und Hinweise auf einzelne Bände immer öfter mit dem Hinweis „outdated“ oder old-fashioned“ versehen wurden, hat sich zuletzt sehr viel getan. Einer der zuletzt erschienenen Bände, die Argonautica des Apollonios Rhodios in der Übersetzung von William Race, trägt die Reihennummer 1 – sein Vorgänger hatte 1912 die Reihe eröffnet. Laufend kommen neue Bände hinzu, mit Texten auf der Höhe des philologischen Forschungsstandes, und werden ältere Übersetzungen durch neue ersetzt. Diese sind wesentlich exakter, während in den früheren zumal auf dem Feld der Dichter häufig literarisch ambitionierte Übertragungen zu finden waren, die sich weit vom Originaltext entfernten und zudem ein poetisch gehobenes Idiom pflegten, das zu verstehen sogar manchen native speaker nicht selten zum Englischlexikon greifen ließ. Kurioses kam hinzu. So bot die erste Martial-Übersetzung in der Reihe die Epigramme des Großstadtdichters in Reimen und Rhythmen, was nicht überraschen konnte, während D.R. Shackleton-Bailey präzise in Prosa übersetzt. Erscheinen unanständige Passagen damals in italienischer Übersetzung (!), schöpfte der robuste Shackleton-Bailey wenn nicht den ganzen Wortschatz des Sexualslangs seiner Muttersprache, so doch einen guten Teil davon aus.

[Textscan wg. Urheberrecht entfernt]

Die Loeb-Reihe lebt natürlich davon, daß es viel mehr englischsprachige Altphilologen auf der Welt gibt als deutsch- oder französischsprachige. Aus diesem Grund können auch entlegenere, aber wichtige Autoren in Angriff genommen werden, weil sich genug kompetente Übersetzer finden und ein hinreichend großer Markt vorhanden ist. So wächst im Moment ein neuer Athenaios heran; die fünfzehn Bücher seiner Gelehrten Tischgespräche (Deipnosophistai) sind eine Fundgrube für die kaiserzeitliche Kultur- und Literaturgeschichte. Im Moment erscheint zufällig auch eine gründlich gearbeitete deutsche Ausgabe des gleichen Werkes. Aber diese ist nur zu den sprichwörtlichen Apothekenpreisen zu haben, während jeder der sieben Loeb-Bände ca. zwanzig Euro das Stück kostet – und auch noch den originalen Text bietet. Andere Werke, etwa Plutarchs Moralia, sind auf deutsch komplett gar nicht greifbar.
Auch die Einleitungen, die textkritischen Angaben und die Erklärungen sind reichhaltiger und ‘wissenschaftlicher‘ geworden – offenbar zielt man nunmehr eindeutiger auf Studierende und Wissenschaftler. Es geht einem Althistoriker, selbst einem Philologen, nicht mehr gegen die Ehre, mit einem Loeb-Band in der Hand gesehen zu werden: Wenn Martin West einen Band mit griechischen Epiker-Fragmenten veranstaltet oder Glenn Most einen neuen, zweibändigen Hesiod publiziert, so sind diese Produkte erster Kenner für alle Nicht-Spezialisten auf diesem Gebiet mehr als ausreichend.
Höchst willkommen sind auch die Anthologien. Zwar benötigen die Remains of Old Latin dringend eine Generalüberholung – seit den 1930er Jahren hat sich auf diesem Gebiet viel getan -, aber die eben erschienene Hellenistic Collection von J.L. Lightfoot bietet eine Reihe wenig bekannter Autoren, die teilweise erst durch jüngere Papyrusfunde ein neues Gesicht gewonnen haben. Es sind gerade Autoren der zweiten Reihe, die durch die Loeb-Reihe überhaupt erst handhabbar werden. Die Macher scheinen an ihrer bisherigen Ausrichtung festhalten zu wollen. Marketingexperten hätten ihnen ansonsten längst geraten, sich auf besser Verkäufliches zu konzentrieren und umgehend die achtzig bis neunzig Jahre alten, längst überholten Übersetzungen von Herodot, Thukydides und Caesar zu erneuern. Jedenfalls gilt für die LCL: Wenn es sie nicht gäbe, müßte man sie heute – knapp hundert Jahre nach ihrer Begründung – erfinden. Der aktuelle Katalog schweigt noch über Online-Versionen und e-books. Einen Loeb-Band in Händen zu halten, ist vorerst ohnehin durch nichts zu ersetzen.

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1 Lesermeinung

  1. Ich bin bekennender...
    Ich bin bekennender Loeb-Lover. Habe z.B. den Manetho als Loeb-Büchlein. Long live Loeb’s library 🙂

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