Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Mit dem Latein am Ende

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„Ich bin mit meinem Latein am Ende", das heißt soviel wie: Ich weiß nicht mehr weiter, meine Kenntnisse reichen nicht aus, um ein bestimmtes Problem zu...

„Ich bin mit meinem Latein am Ende“, das heißt soviel wie: Ich weiß nicht mehr weiter, meine Kenntnisse reichen nicht aus, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Den (spät-)mittelalterlichen Hintergrund dieser Redewendung hat jetzt der Erlanger Historiker Alfred Wendehorst an etwas abgelegener Stelle erläutert („Mit dem Latein am Ende sein“. Die kulturhistorischen und philologischen Grundlagen einer sprichwörtlichen Redensart, in: Axel Gotthard u.a. [Hgg.], Studien zur politischen Kultur Alteuropas. Festschrift für Helmut Neuhaus zum 65. Geburtstag, Berlin 2009, 305-315).
Der Wendung zugrunde liegt eine Dissonanz. Die lateinische Sprache wurde über die Auflösung des Römischen Reiches im Westen hinaus bekanntlich in der Kirche, später auch von Gelehrten und Juristen weitergetragen. Dabei stand sie als gelernte Literatursprache neben den ‘Muttersprachen‘. Die Gelehrten hatten mit dieser Absonderung wenig Probleme, denn was sie verhandelten, etwa philosophische Fragen, bewegte sich ohnehin in einem abgesonderten Raum, in dem man mit der Sprache von Cicero und Augustinus gut zurechtkam. Auch das alltägliche Kirchenlatein war zwar nicht mehr klassisch, aber doch im Ritualbetrieb soweit gefestigt, daß sich die Frage nach Innovation nicht stellte. Anders verhielt es sich im juristisch-administrativen Bereich oder auf dem Gebiet der Wirtschaft, die einem steten Wandel unterlagen. Wenn man dort mit dem ‘klassischen‘, in der Dom- oder Klosterschule erlernten Latein Begriff und Sache nicht mehr zur eindeutigen Deckung bringen konnte, half man sich ab dem 12./13. Jahrhundert, indem man ein gemeinsprachliches Wort mit id est, vulgariter dicitur oder nuncupatur in den lateinischen Satz einfügte. Das war besonders bei juristischen Sachverhalten enorm wichtig, kam es hier doch auf Eindeutigkeit an. Mit einer Urkunde vom 19. Juni 1249 schenkte König Wilhelm von Holland dem Benediktinerinnenkloster Hemelpoort in Werendijke im Bistum Utrecht die promontoria, que dune vulgariter appellantur, gelegen zwischen Vronelantweche und Clinghenweghe. Promontorium/promunturium bedeutet „Vorgebirge“, „Ausläufer eines Gebirges“, auch „Bergvorsprung“, jedenfalls einen markanten Punkt einer Küste. Keine dieser Bedeutungen aber kann gemeint sein, da die vormalige Insel Walcheren, auf der das Kloster lag, platt wie ein Brett ist. Der Diktierer oder Schreiber des königlichen Diploms ergänzte daher das volkssprachliche Wort „Düne“. In anderen Fällen war der lateinische Begriff zu allgemein und mußte spezifiziert werden (officium wlgariter camerampt dictum). Bisweilen wurde auch deutsch und lateinisch präzisiert: ius temporale, quod vulgariter halsgericht dicitur sive exercitium iusticie ac gladii potestatem („Gerichts- und Schwertgewalt“). Wenn eine zugrundeliegende Rechtsvorstellung dem Römischen ganz unbekannt war, mußte eine abstrakter ‘Platzhalter‘ gefunden werden, der dann deutschrechtlich ausgefüllt wurde: unum optimale quod vulgariter dicitur ein bestheupt – die sog. Todfallabgabe an den Grundherren beim Tod eines Hörigen, in der Regel das beste Stück Vieh im Stall. Manchmal reichte auch eine ganze Salve von lateinischen Ausdrücken nicht: societates, corpora sive collegia civitatis, que wlgariter zumpfte nuncupantur. In der Tat, die Antike kannte keine Zünfte im technischen Sinn. Auf den aber kam es in Urkunden an.
„Mit dem Latein am Ende sein“ bedeutete also, eine gemeinte Sache nicht hinreichend präzise ins Lateinische übersetzen zu können, weswegen man in die Muttersprache auswich. Id est, quod vulgariter dicitur usw. fiel dann zunehmend auch weg. Indem die Sprache den ‘moderneren‘, spezifischeren Sachen zu folgen hatte, kann man mit Wendehorst von „einem Epochenvorgang, welcher der europäischen Modernisierung angehört“, sprechen. Die Universalität der lateinischen Sprache hatte eine homogene Lebenswelt, das Imperium Romanum, und eine im wesentlichen einheitliche Kultur von großer Prägekraft zur Voraussetzung gehabt. Nur die universale Kirche und die Gelehrtenwelt, die universitas eruditorum, hielten noch lange, bis weit ins 20. Jahrhundert, am Latein fest. Und die Kirche, genauer: der Vatikan bemüht sich ideenreich, die Sprache der Römer und der frühen Christen (im Westen) dem 21. Jahrhundert anzupassen. Und da ist natürlich noch der großartige Wilfried Stroh

Lexicon Recentis Latinitatis. Über 15.000 Stichwörter der heutigen Alltagssprache in lateinischer Übersetzung, Bonn 1998, 2. Aufl. 2003
– Chr. Helfer, Lexicon Auxiliare – Ein deutsch-lateinisches Wörterbuch, Saarbrücken 2. Aufl. 1985

Vicipaedia Latina

– Jügren Leonhardt, Latein. Geschichte einer Weltsprache, München 2009 (Rez. hier)

– Wilfried Stroh, Lebendiges Latein, in: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 15/1, Stuttgart/Weimar 2001, 92-99.

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2 Lesermeinungen

  1. "alse men ok vindet in den...
    „alse men ok vindet in den latinesccen boken in velen steden, des ek ju to disser tyt nicht gescriven kan“ meinte ein Göttinger Ratsherr vor 1400 in einer Friedensbruchssache – und hatte natürlich recht: Dem „gelehrten Recht“, d.h. dem Römischen Recht (auf Latein), war der volkssprachige Sachsenspiegel mindestens ebenbürtig; er wurde ja auch als das „allernigiste keyserrecht“ bezeichnet (nach K. Kroeschell, in: Recht und Schrift im Mittelalter, 1977, S. 376). Mit dem Latein am Ende zu sein, betraf also vornehmlich Juristen bei der Rechtsprechung, im Wechsel vom Röm. zum Sächs. Recht. Die Formulierung selbst ist abgeleitet aus „Explicit versio latina“ oder ähnlichen Buchschlüssen – und keineswegs nur auf juristische zweisprachige Handschriften bezogen; zu beachten sind auch grammatische (Finitur Vocabularius) und philosophische Texte (Explicit Aristoteles latinus). Hier hat gewiß ein Magister der Artisten-Fakultät seine Vorlesung unterbrochen mit dem Satz: Und nun bin ich mit dem Latein am Ende.
    Allerdings bezweifle ich sehr, daß die Redensart sich erst von zweisprachiger Begrifflichkeit des 12./13. Jh. herleitet. Im Gegenteil, gerade aus der reichen frühmittelalterlichen Glossographie seit der Merowingerzeit (Lex Salica, Malbergische Glossen) kennen wir gleichwertige Interpretamenta, die für die lateinunkundigen Urteilsfinder im Volke in Übersetzungshilfe mit Glossen angereichert werden sollten. Harisliz, die Heeresspaltung (oder Heeresverlassung), also Desertion, wurde dem bayerischen Herzog Tassilo III. 788 hofoffiziell vorgehalten (s. Reichsannalen): quod theodisca lingua harisliz dicitur. Das sind termini technici, die es im Lateinischen wie im Volkssprachigen gab. Das älteste angelsächsische Wort findet sich bei Gildas, De excidio Britanniae (6. Jh.), wonach die Sachsen mit cyulae (flachen Booten, ags. ceol, norweg. kjoll) anlandeten. Beda Venerabilis, De temporum ratione (705) hat in c. 15 (Ausgabe C.W. Jones, 1943, S. 211-213) die anglischen Monatsnamen in Beziehung zu den lateinischen Äquivalenten gesetzt. Begründung: Nicht nur in den heiligen Sprachen Hebräisch, Griechisch, Latein werde der christliche Jahreskalender definiert.
    Auch die vulgariter-Formel ist sehr viel älter – und riecht zudem nach lateinischer Klosterschule. Wer in dem schönen Ausstellungskatalog „799. Kunst und Kultur der Karolingerzeit (1999)“, Bd. II unter VII.42 (S. 490f.) nachschaut, findet das Werdener Corpus Glossarum (nach angelsächsischer Vorlage) von 825 abgebildet: Volkssprachige Glossen wie cucaelf, zu baccula(!) und vitula, oder randbaeg, zu umbo, werden kommentiert mit sax(onice) (sächsisch), pop(ulariter) (volkstümlich) oder mem(orande) (erinnernswert) – es sind eindeutig Rand- oder Interlinearglossen in einem rechtsrheinisch verbreiteten Wörterbuch. Keineswegs war Latein am Ende – es mußte ja nur pädagogisch geschickt genug in die altsächsischen Holzköpfe versenkt werden. Beste Grüße nach Bielefeld!
    P.S. Noch eine kleine Korrektur an Ihrem sehr lesenswerten Artikel, lieber Herr Walter: Auf Walcheren gab und gibt es bis heute ziemlich hohe Dünen, auf der Westseite der Insel.

  2. zwei schöne Beiträge, vielen...
    zwei schöne Beiträge, vielen Dank. Dank insbesondere an Sie, sehr geehrter Herr Walter, dass Sie den Blog weiterführen. Sie haben sehr schön gezeigt, dass es auch ohne Bilder geht. (http://faz-community.faz.net/blogs/antike/archive/2010/02/12/in-eigener-sache-bilder-weg.aspx).
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    Schön auch der Verweis auf Vicipaedia Latina interretialis. Das birgt Potential für den Lateinunterricht, zeigt es doch, dass man auf Latein ebenso leicht und verständlich formulieren kann wie in modernen Sprachen.
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