Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Gehen wir unter wie einst das späte Rom? Westerwelle und die Dekadenz

| 12 Lesermeinungen

Mit historischen Vergleichen und Analogien treffen Politiker ja meistens daneben. Zum Glück hat Bundesaußenminister Westerwelle vergangene Woche nicht in die...

Mit historischen Vergleichen und Analogien treffen Politiker ja meistens daneben. Zum Glück hat Bundesaußenminister Westerwelle vergangene Woche nicht in die Nazi-Kiste gegriffen. Aber auch mit Verweisen auf die Antike kann man sich schwertun. Unvergessen Ludwig Stiegler (der mit dem roten Pullover), wie er im September 2002 George W. Bush vorhielt, er geriere sich gegenüber den Europäern wie einst Imperator Caesar Augustus. Und nun Guido Westerwelle: Anzeichen „spätrömischer Dekadenz“ meint er in der aktuellen sozialpolitischen Debatte wahrzunehmen. Welche Assoziationen soll das wachrufen? Ob der Minister Edward Gibbon gelesen hat? Der Titel von Gibbons Decline and Fall of the Roman Empire, dessen erster Band 1776, im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erschien, wurde sprichwörtlich, doch in dem Werk selbst ist überraschend wenig von den gängigen Dekadenztopoi zu finden, wie sie auch in phantasmagorischen Historiengemälden, etwa von Thomas Couture, beschworen wurden (Müßiggang, Orgien, nackte Tänzerinnen, Bäder in Eselsmilch, Fettleibigkeit, geistreiche, aber zersetzende Konversationen, Ekstase und Entkräftung usw.). An einer Stelle im zweiten Kapitel, immerhin, referiert Gibbon einen kaiserzeitlichen Rhetor; dieser

„bemerkt und beseufzt die Verkommenheit seiner Zeitgenossen, die ihre Gesinnung verdarb, ihren Mut entnervte und ihre Talente niederdrückte. »Gleichwie Kinder«, sagt er, »deren zarte Glieder zu sehr eingezwängt wurden, für immer Pygmäen bleiben, so ist auch unser zarter, durch Vorurteile und die Gewohnheiten einer verdienten Knechtschaft gefesselter Geist unfähig, sich auszuspannen und jene wohlproportionierte Größe zu erlangen, welche wir an den Alten bewundern, die unter einer Volksregierung lebten und mit derselben Freiheit schrieben wie sie handelten.« Diese geschrumpfte Gestalt des Menschengeschlechts, um bei der Metapher zu bleiben, sank täglich mehr unter ihr altes Maß, und die römische Welt war in der Tat von einem Geschlecht von Zwergen bevölkert, als die wilden Hünen des Nordens einfielen und der kleinwüchsigen Rasse aufhalfen. Sie brachten den männlichen Geist der Freiheit zurück, und diese Freiheit wurde nach Verlauf von zehn Jahrhunderten die glückliche Mutter des Geschmacks und der Wissenschaften.“

Die Rede von der Dekadenz ist nicht zu verwechseln mit der Ansicht, daß früher alles besser war, die Menschen „stärker, als jetzt die Sterblichen sind“ (Homer). Dekadenz ist nicht einfach ein Verlust an Stärke und Qualität. Sie ist vielmehr untrennbar mit dem Luxus verbunden – in Rom begann das schon im 2. Jahrhundert v.Chr., also mitten in der Republik, als Rom seine größte Ausdehnung noch lange nicht erreicht hatte. Und sie hat einen Geruch: den süßlichen Duft einer überreifen Frucht. Dekadent ist man in der Stadt und am Hof, nicht auf dem Land. In der ‘westlichen‘ Sicht ist Dekadenz kulturgeographisch mit dem Orient verbunden; ihr Prototyp in der Antike war Sardanapal, die aramäisch-griechische Fiktionalisierung des neuassyrischen Königs Assurbanipal (669 bis ca. 627 v.Chr.). In der berühmten Weltchronik von H. Schedel (1493, Blatt LV) ist über ihn zu lesen: „Sardanapallus was ein zerrüdrer vnnd vnzüchriger weibischer man. Diser hat zu erst den geprauch der küssen oder pfulgen gefunden, vnd sich in die versamlung vnuerschamter weiber vermischet, darumb ime schand vnd auch der tod nachfolget vnnd sein reich zertrennet wardt.“

Ein dekadentes Reich verfügt durchaus noch über militärische Stärke, aber diese ist geborgt. Der Herrscher, die Eliten und das ‘Kernvolk‘, sie kämpfen nicht mehr (ausdrücklich überliefert ist das von dem genannten Assurbanipal), und wenn, dann nur noch um die schönsten Pfauen und die erlesensten exotischen Speisen. Man lebt von vergangener Größe, akkumuliertem Reichtum, lange zurückliegenden Errungenschaften. Es wird nicht mehr erobert und erfunden, die Kunst ist nicht mehr schöpferisch, sondern kombiniert und übertreibt lediglich vorhandene Formen und Ausdrucksmittel. Enzyklopädien und kurzgefaßte Lehrbücher stehen hoch im Kurs, zur Festigung der Leitkultur, die doch in Wahrheit längst erodiert. Dekadenz ist vor allem aber Teil eines notwendigen zyklischen Prozesses, ein Niedergang in Üppigkeit, dem allerdings – Gibbon sagt es am Ende ausdrücklich – ein Neubeginn folgen kann, freilich mit ganz neuen Akteuren, im spätrömischen Fall passenderweise Migranten. Die aktuellen Zeitdiagnosen von Arnulf Baring und Meinhard Miegel folgen diesem gedanklichen Modell: Deutschland selbstzufrieden, inflexibel, blind gegenüber den sich längst vollziehenden Umwälzungen, nur beim Wahren des Besitzstandes aktiv, gleichgültig den demographischen Wandel und seine Folgen ignorierend.

Dekadenz als Verlust von Orientierung, das dürfte auch Westerwelle gemeint haben: Man weiß nicht mehr, was wirklich wichtig ist, auf welchen Grundlagen und wessen Schaffen das ganze Gebäude ruht, und man redet über die falschen Dinge. Daß im späten Rom – das in der gängigen Periodisierung übrigens erst 284 n.Chr. beginnt – die kleinen Leute durch Gaben des Staates ruhiggestellt worden seien, ist allerdings Unsinn, im Gegenteil: Steuerdruck und staatliche Gängelung nahmen eher zu.

Die Aktualisierung ist übrigens nicht neu. Vor über dreißig Jahren publizierte der damals bekannte und höchst produktive englische Althistoriker Michael Grant (1914-2004) das Buch Der Untergang des Römischen Reiches. In der „Zeit“ nahm Gerhard Prause Ende 1981, in der Spätzeit der Regierung Schmidt/Genscher, dieses Buch zum Anlaß für einen langen Artikel: „Gehen wir unter wie einst die Römer? Ein Vergleich unserer heutigen Situation mit dem Sterben des Imperium Romanum zeigt erschreckende Parallelen“. Verblüffend die ersten und die letzten Absätze des Artikels:

„Untergangsstimmung breitet sich aus. Es wächst die Furcht, daß die heute anstehenden Probleme unlösbar sein könnten: die zu hohe Staatsverschuldung der Bundesrepublik, allgemein die Inflation, die wachsenden Ausgaben für Rüstung und Industrie, weiter – wiederum vor allem bei uns – die steigenden Kosten für das soziale Netz, für das große Heer der Beamten, auch zunehmende Schwierigkeiten mit den Alternativen. Immer mehr Menschen zweifeln die Richtigkeit des bisherigen Weges an, und viele wollen aussteigen. Kann es sein, daß es mit uns, mit der ganzen westlichen Welt zu Ende geht, auf dieselbe Art wie einst mit den Römern?

Die Frage mag überraschen, mag vielleicht allzu einfach klingen. Aber daß die gegenwärtige Situation der westlichen Welt erstaunliche Ähnlichkeiten, ja Parallelen mit der Untergangsphase des Römischen Reiches zeigt, ist nicht zu bezweifeln. Und daß der Untergang jenes riesigen Imperiums auf eine angebliche Verweichlichung und sittliche Verkommenheit seiner Kaiser zurückzuführen sei, ist eine zwar oft wiederholte, aber, haltlose Behauptung. In Wahrheit starb das Römische Reich, weil seine Bürger vor gut anderthalb Jahrtausenden mit eben solchen Problemen, vor denen wir heute stehen, nicht fertig geworden sind.Jener scheinbar überraschende Untergang, der den Nachfolgenden stets von neuem zu denken gab, erfolgte nicht auf einen Schlag und nicht in einem bestimmten Jahr.

(…)

An seinen vielen inneren Gegensätzen ist das Römische Reich zerbrochen. An ganz ähnlichen Gegensätzen, sagt Grant, könnte auch unsere moderne Welt zerbrechen. Grant ist überzeugt, daß die Römer die Gefahr zwar frühzeitig erkannten, daß sie es aber versäumten, sich von überholten Denkmodellen zu lösen und den Veränderungen gegenüber allzu gleichgültig blieben. Und er warnt: »Auch wir reagieren heute oft mit ähnlich unverständlicher Gleichgültigkeit auf die Ereignisse, besonders in der Wirtschaft und Industrie. Wir glauben, jede neue Krise gliche der vergangenen und könnte mit altbekannten Heilmitteln überwunden werden.« Das aber kann, wie die Geschichte Roms zeigt, katastrophale Folgen haben.

Es ist allerdings hinzuzufügen, daß von jenem Untergang zwar viele Menschen betroffen wurden, daß aber ja nicht die Menschen selber untergingen. Untergegangen ist eine Staatsform. Das Leben ging weiter. Damals.“

 

= Michael Grant, Der Untergang des Römischen Reiches. Mit einem Vorwort von Golo Mann, Bergisch-Gladbach 1977

= Henri-Irénée Marrou, Die Dekadenz des klassischen Altertums, in: Karl Christ (Hg.), Der Untergang des Römischen Reiches (Wege der Forschung 269), Darmstadt 1970, 396-403

= Alexander Demandt, Zeit und Unzeit. Geschichtsphilosophische Essays, Köln u.a. 2002; darin:

– Biologistische Dekadenztheorien (1985)

– Zum Dekadenzproblem (1985)

– Europessimismus. Ein Überblick zum Dekadenzproblem (1987).

Ausgaben von Gibbon, Decline and Fall of the Roman Empire: London 1776-1788, 6 Bde. – London 1896-1900, Hg. J.B. Bury, 7 Bde.; 31926-1929 [komm.]. Hg. D. Womersley, 3 Bde., London 1994 (jetzt maßgebliche Ausgabe) – Geschichte des Verfalls u. Untergangs des Römischen Reiches, F.A.W. Wenk u. C.G. Schreiter, 19 Bde., Leipzig 1779-1806. – Geschichte des ehemaligen Sinkens und endlichen Untergangs des Römischen Weltreiches, J. Sporschil, ebd. 1835-1837. – Geschichte des Römischen Weltreiches, ders., 12 Bde., ebd. 31854. – Neue Übersetzung der Bde. 1-3 (= Kap. 1-38): Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums. Bis zum Ende des Reiches im Westen, Aus dem Englischen von Michael Walter, 6 Bde., München: dtv 2003 (Bd. 6 enthält eine ausführliche Einleitung von Wilfried Nippel, Auszüge aus Gibbons Autobiographie, weitere Texte und viel Literatur); dazu meine Rezension FAZ Nr. 256 v. 4.11.2003, L 10.

 

Im den beiden aktuell besten Büchern zum antiken Substrat ist von Dekadenz gar nicht mehr die Rede:

Bild zu: Gehen wir unter wie einst das späte Rom? Westerwelle und die Dekadenz

Bild zu: Gehen wir unter wie einst das späte Rom? Westerwelle und die Dekadenz

(Urheberrecht: Buchcover sind offenbar kein Problem)

 

0

12 Lesermeinungen

  1. Dieser Artikel (siehe Weblink)...
    Dieser Artikel (siehe Weblink) darf hier natürlich nicht unerwähnt bleiben:
    WELT ONLINE sprach mit dem Historiker Alexander Demandt über die Ursachen von Roms Fall, die Lehren für heute und den Wahrheitsgehalt von Westerwelles Aussagen.

  2. Lieber Herr Walter,
    sie...

    Lieber Herr Walter,
    sie schrieben, man solle „früher war alles besser“ nicht mit Dekadenz verwechseln, da diese untrennbar mit Luxus verbunden sei; dieses mag ich so nicht teilen, sowohl christliche wie auch pagane Autoren haben immer die Maßlosigkeit und auch den Luxus von Herrschern angekreidet, denen ihr Wohlgefallen nicht galt, gleich war ihnen zumeist, welches Verhalten ihre bevorzugte Partei an den Tag legte.
    Desweiteren sprechen sie von einer kulturgeographischen Assoziation des Begriffes „Dekadenz“ mit dem Orient. Da frage ich mich selbstverständlich, warum sie sich auf den weströmischen Reichsteil beschränken. Byzanz ist doch nicht nur in seiner Endphase Inbegriff des Überbordens. Leider stellt sich aber kaum jemand die Frage des dann doch 1000jährigen Bestehens des byzantinischen Reiches. Von unserer permanenten Anknüpfung an humanistische Ideal mal ganz zu schweigen.
    Herzlichst Autor

Hinterlasse eine Lesermeinung