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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Imperien-Debatten – eine Nachlese (I)

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Weitgehend erloschen ist, wenn ich recht sehe, die historisch-publizistische Debatte um die Aktualität des Imperium Romanum (abgesehen von der...

Weitgehend erloschen ist, wenn ich recht sehe, die historisch-publizistische Debatte um die Aktualität des Imperium Romanum (abgesehen von der „spätrömischen Dekadenz“). Sie kam auf in einer Zeit, die den Vereinigten Staaten – je nach Betrachtung – die Möglichkeit zu eröffnen oder die Pflicht aufzubürden schien, als einzige global handlungsfähige Ordnungsmacht weit über die Grenzen des eigenen Territoriums hinaus zu wirken. Ein skizzenhafter Rückblick auf diese Variante des Vergleichens ist also sinnvoll.

Die seit Mitte der 1990er Jahre und bis noch vor kurzem immer wieder diskutierte historisch-politische Frage, ob es zwischen dem Imperium Romanum der Antike und den USA in der Welt von heute Parallelen und Ähnlichkeiten gibt, speiste sich aus drei Quellen:

1.) Traditionsbezug. Das meint die großen Bedeutung römischer Symbole und Begriffe im politischen System und in der Geschichtskultur der USA – verwiesen sei nur auf die Ein-Dollar-Note: Die lateinischen Wendungen auf der Rückseite verweisen auf Rom und sind zugleich Ausdruck eines besonderen Sendungsbewußtseins. Zwei von ihnen stammen von Vergil (75-19 v.Chr.), der die augusteische Erneuerung in seinen Dichtungen als Erfüllung einer von den Göttern gewollten Heilsordnung, als Wiederkehr des Goldenen Zeitalters und als beste aller Zeiten deutete. Annuit coeptis = „(Die Gottheit) nickt dem Unterfangen helfend zu.“ Vorbild war ein Gebet bei Vergil, Aeneis 9,625: „Allmächtiger Juppiter, nicke unserem kühnen Unterfangen helfend zu!“ – Novus ordo seclorum = „neue Ordnung der Zeitalter“. Der Zusammenhang hier (Vergil, Hirtengedichte 4,4-10): „Nunmehr erschien die letzte der Zeiten. Machtvoll entsteht die neue Ordnung der Epochen. Nunmehr (…) steigt auch ein neues Menschengeschlecht vom Himmel hernieder, (…) endet das Eiserne Zeitalter, leuchtet über die Erde das Goldne.“ Gegen diese Identifizierung stand aber auch das lange dominierende Selbstverständnis der USA als befreiende Macht (Thomas Jefferson), nach 1945 konkret: als anti-koloniale Macht. Sogar GWB bekannte sich 2004 zu dieser Tradition: „America is not an imperial power, it is a liberating power.“

2.) historische Analyse: die Hoffnung, durch einen Vergleich beide Phänomene – das antike Rom einerseits und die Geschichte und gegenwärtige Politik der USA andererseits – wissenschaftlich besser verstehen zu lernen, und schließlich

3.) politische Prognose und Beratung: die Hoffnung, durch ein tieferes Verständnis der Mechanismen, Chancen und Irrwege des Römischen Reiches für das künftige Handeln der USA Empfehlungen und Warnungen zu erhalten beziehungsweise geben zu können. So findet sich in den „Zehn Ratschlägen zur Führung der Welt“ des Publizisten Robert Kaplan der lapidare Satz: „Ahme das Rom des zweiten Jahrhunderts nach Christus nach!“ Zieht man die einer solchen Liste gewollt innewohnende Provokation einmal ab – immerhin glaubte auch Kaplan nur an eine amerikanische Dominanz für wenige Jahrzehnte -, so unterliegt dem Rat doch eine völlig zutreffende Beobachtung: Das für die Zukunft der Neuen Weltordnung allenfalls relevante Erbe Roms ist die Kaiserzeit, genauer die Epoche von Augustus bis zum Beginn des dritten Jahrhunderts nach Christus – Gibbon und Mommsen priesen sie einst übereinstimmend als die wohl glücklichste Zeit der Menschheitsgeschichte. Es gibt natürlich auch schlichtere Empfehlungen. So riet vor zwei Jahren ein Politologe und Referent in der Staatskanzlei von Nordrhein-Westfalen der Weltgemeinschaft, bei der Bekämpfung der aktuellen Piraterie auf das Erfolgsrezept des Gnaeus Pompeius Magnus zurückzugreifen, mit dem dieser 67 v.Chr. in wenigen Monaten das Mittelmeer von der Seeräubergefahr befreite.

Doch tieferschürfende Analysen griffen ebenfalls auf Rom zurück. Während sich Peter Bender in „Weltmacht Amerika – Das neue Rom“ (2003) auf die Aufstiegsphase beider Imperien bezog, nahm Herfried Münkler in „Imperien. Weltherrschaft vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ (2005) das römische Kaiserreich zum Modell, indem er eine Beobachtung formulierte, die regelhafte Geltung beanspruchen kann: Imperien mit einem reichen Zentrum und einer ausgebeuteten Peripherie waren stets nur von kurzer Dauer; lange dagegen hielten sich Imperien, wenn die Peripherie einbezogen und aus eigenem Interesse am Erhalt des Imperiums interessiert war. Als einen solchen Idealfall führt Münkler das augusteische Rom an. Diesem gelang ein Machtsortentausch weg von militärischer hin zu politischer, ökonomischer und v.a. ideologischer Macht. Die pax Romana wurde zur neuen Legitimitätsvorstellung des Imperiums, die das System tragenden Eliten kamen zunehmend aus dem gesamten Reich.

In den neuesten Beiträgen ist das antike Paradigma nicht mehr prominent enthalten, wohl aber einzelne wesentliche Merkmale eines Imperiums, wie sie in Rom vorgebildet waren. Dazu gehört die Idee einer übergreifenden Gesamtordnung, zu der es nur die Alternative Chaos und Barbarei gibt. So existierte die Rom-Idee weit über Roms Ende als reale Macht hinaus.

In diesem Sinne stellt Fareed Zakaria, amerikanischer Journalist indischer Herkunft, in seinem letztes Jahr erschienenen Buch Der Aufstieg der Anderen zunächst zwar nur das Offensichtliche fest: Amerikas einsame Weltmachtrolle als die eines ökonomischen und militärischen Giganten mit der Neigung, auch wohlgesinnte Staaten wie tributpflichtige Hilfsvölker zu behandeln, sie existiert nicht mehr. Die Machtverhältnisse verändern sich. Die Finanzmärkte, die Wirtschaft, Bildung, Kultur, Soziales – auf all diesen Gebieten entziehe sich die Welt der Vorherrschaft der USA; lediglich auf der politisch-militärischen Ebene behielten diese ihren dominanten Status. Das anstehende „postamerikanische Zeitalter“ sieht Zakaria als eine polyzentrische Epoche, wenn auch unter dem mächtigen Schatten der USA. Doch die Pointe des Buches besteht darin, daß Zakaria zwar Länder wie Indien, China und Brasilien ökonomisch und politisch erstarken sieht, dies aber, ohne daß die Vereinigten Staaten dramatisch an Bedeutung verlören. Denn deren Ideale haben sich weltweit verbreitet, und es besteht, so Zakaria, „nach wie vor eine starke ideologische Nachfrage nach amerikanischer Macht“. Kein Asiate, zitiert er einen chinesischen Wissenschaftler, will „in einer Welt leben, die von China dominiert wird. Es gibt keinen chinesischen Traum, der die Menschen beflügeln könnte“.

Nicht von beflügelnden Träumen, wohl aber von erhellenden Vergleichen lebt die wissenschaftliche Debatte um Rom und China in früher Zeit. Davon war an dieser Stelle schon einmal kurz die Rede. Erst dieser Vergleich macht etwa deutlich, daß die buchstäbliche Allgegenwärtigkeit des Kaisers in Gestalt seiner Münzbilder zwar für die ‘westliche‘ Tradition prägend werden sollte. Im alten China jedoch bekam außer dem engeren Hof niemand das Antlitz des Himmelssohnes zu Gesicht – seine Präsenz und Allmacht wurden auf andere Weise verdeutlicht. Ein europäischer Sonderweg ergab sich auch insofern, als die Monarchie in der griechisch-römischen Antike zumindest für Bürgerstaaten lange nicht als akzeptable Regierungsform betrachtet wurde, weswegen die mit dem römischen Kaiser tatsächlich etablierte Monarchie einen erheblichen Aufwand an Legitimation und Selbstbeschränkung entwickeln mußte. In China dagegen war die Idee einer zentralisierten Monarchie lange etabliert, bevor ein solches System dann tatsächlich entstand. Die in neu gewonnenen Gebieten des altchinesischen Reiches errichteten Inschriftenstelen sollten als solche sowie durch den Akt ihrer Errichtung Wirkung entfalten, während die Res Gestae des Augustus zwar auch als Monument wirkten, aber eben doch auch gelesen werden sollten und von einem Geschichtsschreiber wie Tacitus kritisch aufgegriffen werden konnten. In zweipoligen politischen System der römischen Kaiserzeit hatte die Geschichtsschreibung generell mehr Grund und Möglichkeiten, die kritischen Maßstäbe einer alten Aristokratie zu formulieren, als in China, wo die großen Werke von Sima Qian oder Ban Gu dem Imperium sehr viel näherstanden.

 

= Rom/USA: eine lange Geschichte

– Christa Buschendorf, Der Neue Pauly 15 (2003) 833-875 s.v. United States of America

– Caroline Winterer, The Culture of Classicism. Ancient Greece and Rome in American Intellectual Life 1780-1910. Baltimore/London 2002

– Carl J. Richard, The Golden Age of Classics in America. Greece, Rome, and the Antebellum United States. Cambridge (Mass.)/London 2009

– Margaret Malamud, Ancient Rome and modern America. Oxford u.a. 2009

– Desirée Barlava, „No­vus Ordo Seclorum – Die Geburt unserer Nation war der Beginn einer neuen Ge­schich­te.“ Selbstver­ständnis und Selbstdarstellung der Amerikaner im Spiegel der ONE-Dollar-Note, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49, 1998, 702-708.

 

= Imperium Romanum / Pax Americana: eine kurze Geschichte

– Michael Lobe, USA und ROM. Über Macht und Ohnmacht zweier Großmächte, in: Pega­sus-Onlinezeitschrift IX/1 (2009), 20-49.

– Peter Bender, Das Amerikanische und das Römische Imperium. Ein Vergleich, in: Merkur 54, 2000 (Nr. 617/618) 890-900

– ders., Weltmacht Amerika. Das neue Rom. Stuttgart 2003.

– ders., Vom Nutzen und Nachteil des Imperiums. Über römische und ameri­kanische Weltherrschaft, in: Merkur 58, 2004, 480-489

– Jedidiah Purdy, Wir und die anderen. Warum die Amerikaner nicht begreifen, dass der Rest der Welt sie als Imperial­macht fürchtet, in: DIE ZEIT Nr. 35 vom 23.8.2001, 3.

 

– Stephen Howe, Empire. A Very Short Introduction. Oxford 2002

– Herfried Münkler, Imperien. Weltherrschaft vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Berlin 2005

– Ralph Bollmann, Lob des Imperiums. Der Untergang Roms und die Zukunft des Westens. Berlin 2006

– Manuel Tröster, Altay Coscun, Zwischen Freundschaft und Gefolgschaft Vergleichende Beobachtungen zu den Außenbeziehungen des Römischen Rei­ches und der Vereinigten Staaten von Amerika, in: Göttinger Forum für Alter­tumswissenschaft 6, 2003, 67-95

– Michael Sommer, Frühjahr 114, Krieg im Irak, in: FAZ vom 29.03.2003.

– Eric W. Robinson, American Empire? Ancient Reflections on Modern Ame­rican Power, in: Classical World 99.1, 2005, 35-50

– Cullen Murphy, Are we Rome? The fall of an empire and the fate of America. Boston-New York 2007

– Thomas F. Madden, Empires of trust. How Rome built, and America is building, a new world. New York 2008

 

– Thomas Speckmann, Die Römer waren Meister im Anti-Terror-Kampf, in: DIE WELT v. 12.2.2008

 

– Fareed Zakaria, Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. München (Siedler) 2009

– Bernhard Kytzler (Hg.), Rom als Idee. Darmstadt 1993

 

– Fritz-Heiner Mutschler (ed.), Conceiving the Empire. China and Rome Compared. Oxford u.a. 2008.

 

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2 Lesermeinungen

  1. Interessanter Artikel, vielen...
    Interessanter Artikel, vielen Dank. Man darf auf die Fortsetzung(en) gespannt sein.
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    Gerade die jungen USA sahen sich in ihrem Selbstbild deutlich in der röm. Republik verwurzelt. In den lebhaften politischen Debatten der Anfangszeit, wie sie zB in den Federalist Papers nachgelesen werden können, haben einige der aufgeklärtesten Geister ihrer Zeit häufig unter einem Pseudonym aus der röm. Republik publiziert. Heute findet man solche intellektuelle Qualität in der Politik nicht mehr. Und neue Städte (coloniae?) wurden zB nach Vorbildern römischer Tugenden wie Cincinnatus (Cincinnati) benannt, nicht nach vielleicht noch so erfolgreichen Gewalttätern aus der Agonie der Republik.
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    Und dann die Architektur: nachdem Washington (wie einstmals Rom) vom Sumpfdorf zur Kapitale wurde, baute man nach röm. Vorbildern und mit röm. Namen: Das Kapitol, wo u.a. der Senat seinen Sitz hat, mag als Beispiel genügen. Und als das Schicksal es gut meinte mit dem Land, taugte diese Architektur auch zu imperialen Zwecken – allerdings doch mit sehr viel mehr Gelassenheit als bei Weltherrschern im alten Europa.
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    Was der Welt an Amerika jetzt fehlt, und was uns gut täte, wäre eine Renaissance der römisch-republkanischen Tugenden.

  2. Die Architektur und Symbolik...
    Die Architektur und Symbolik der amerikanischen Republik und ihre Anklänge an das alte Rom etc. sind auch ein Thema in Dan Browns jüngstem Bestsellerroman „Das verlorene Symbol“. Tiefgang sollte man dort nicht erwarten (Spannung aber schon!). Worauf es in diesem Zusammenhang hier aber ankommt: Das grundsätzliche Wissen um diese Verbindungslinien kommt durch solche Romane unters Volk, wir diskutieren hier also nicht gänzlich im Elfenbeinturm …

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