Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Wie erkennen wir einander? Zum Tode eines unverstandenen Lehrers

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Ein früherer Kommilitone teilt mit, daß ein Dozent für Klassische Philologie in Göttingen kürzlich verstorben ist, an Krebs, kurz nach seinem 71....

Ein früherer Kommilitone teilt mit, daß ein Dozent für Klassische Philologie in Göttingen kürzlich verstorben ist, an Krebs, kurz nach seinem 71. Geburtstag. Dr. Frank Regen war von 1972 bis 2004 Akademischer Rat und Oberrat in Göttingen. Der gebürtige Herforder hatte in Göttingen, Perugia und Florenz studiert und war in griechischer, lateinischer und italienischer Philologie promoviert worden. Neben seiner ausgedehnten Lehrverpflichtung hat er weiter publiziert; seine Interessengebiete waren (spät-)antike Philosophie, v.a. Apuleius, Plotin und Boëthius, sowie die Überlieferungsgeschichte antiker Texte.

Die e-mail des Kommilitonen hat mich sehr bewegt, weil sie von Bewegung zeugte. Offenbar hat ihm der Verstorbene viel bedeutet und ihn stark geprägt. Ich sage das mit ehrlichem Staunen, denn ich selbst fand in meiner Göttinger Studienzeit Dr. Regen – offen gesagt – nur skurril. Im Proseminar Griechisch haben wir im zugrundeliegenden Text – Xenophons Hellenika – im ganzen Semester drei oder vier Seiten gelesen und ansonsten alle möglichen Dinge zu hören bekommen, die mir ganz und gar nicht zugehörig erschienen. Offenbar war ich nicht sensibel genug, genau hinzuhören, und habe auch nicht erkannt, daß die ausgiebige Lektüre des Xenophon doch wohl meine Sache war. – Die meiste Zeit hatte Regen Stilübungen abzuhalten, also Übersetzungsübungen vom Deutschen in die Alte Sprache, überwiegend Latein. Er benutzte für die Einstiegsveranstaltung, das sog. Grammatikalische Repetitorium (GramRep), ein uraltes, längst vergriffenes Übungsbuch, von dem eine zerschlissene Kopiervorlage bei der Bibliotheksaufsicht lag. Das Lösungsheft soll wie ein Zuchthauskassiber gehandelt worden sein; ich habe es nie zu Gesicht bekommen. Es muß für Regen schwer gewesen sein, sich immer wieder zu motivieren, Jahr um Jahr mehr oder minder vorgebildeten Studierenden mit Sätzen wie „Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen“ die Grundlagen der lateinischen Kasussyntax zu vermitteln. Das GramRep habe ich bei Dr. Rolf Heine, dem Kollegen von Regen, besucht, der eine ganz andere Methode pflegte, mit der ich besser zurecht kam – andere weniger. Anders gesagt: Es gab unter den Studierenden eine Polarisierung: Heine oder Regen. Ich bin dann noch einmal bei Regen gewesen, in den Stilübungen I, ohne jeden Erfolg. Wieder begriff ich nicht, daß hier jemand ein hohes Maß an Selbstmotivation und Selbststudium voraussetzte und selbst nur das vermittelte, was man aus dem Buch nicht so leicht lernen konnte. Man mußte die Rosinen aber erkennen und picken. Er sprach schnell und erwartete schnelle Antworten, was manchmal zu scharf gerufenen Reihen von Namen führte, wenn niemand antworten konnte, bevor der nächste aufgerufen wurde. Im Gedächtnis geblieben sind mir nur die langen, assoziativen Exkurse: zur Geschichte der Crönert-Bibliothek, zum italienischen Universitätssystem, zur Schönheit eines Boxermotors, wie man auf italienisch sagt „Der Schiedsrichter ist gekauft“ und zu was weiß ich. Der Entschluß, zu diesem „Spinner“ nie wieder zu gehen, stand bald fest. Alle Etappen der lateinischen Stilübungen habe ich danach bei Rolf Heine absolviert.

Wie passioniert Regen als Philologe war, zeigen seine gelehrten Arbeiten, die allerdings zum größeren Teil erst innerhalb der letzten zwanzig Jahre entstanden sind. Von Witz, guter Beobachtungsgabe und Liebe zu Italien zeugt ein umfangreicher autobiographischer Roman, der auf einer kleinen Webseite zugänglich gemacht ist. Vor allem aber gibt es nicht wenige Kommilitonen, denen Dr. Frank Regen Anregung und Vorbild war, gute, leidenschaftliche Altphilologen mit einem ausgeprägten Sinn für die Schönheiten des Lebens in der Gegenwart zu werden. Im nachhinein habe ich also Grund zu bedauern: daß ich jemandem mit einem unreifen Urteil Unrecht getan habe (auch wenn er das sicher nicht wußte) und nicht das Organon hatte zu erkennen, was er aufmerksameren Geistern offenbar zu geben vermochte.


3 Lesermeinungen

  1. Da habe ich also mindestens 2...
    Da habe ich also mindestens 2 Sachen mit Ihnen gemeinsam, Herr Walter, nämlich daß ich die Arbeit meiner (schulischen) Lateinlehrer auch erst jetzt nach bald einem halben Jahrhundert bewerten und würdigen kann und daß ich in Göttingen studiert habe, allerdings an der math.-nat. Fak.
    Dieser Beitrag war auch unbebildert gut lesbar, vielen Dank dafür.
    Viele Grüße K

  2. Das Unverständnis eines...
    Das Unverständnis eines Schülers für einen Lehrer, das sich später in reuiges Verstehen wandelt, ist genauso ein ewiges Thema wie das unüberbrückbare Unverständnis eines Lehrers für einen Schüler, obwohl dieser von eben diesem Lehrer bedeutende Anregungen bekommen zu haben glaubt. Und dann gibt es noch den Fall, dass der Lehrer im Schüler viel Potential sieht, der Schüler aber nicht daran denkt, es zu realisieren, und den Lehrer zurückweist.
    Jeder kennt solche Situationen aus eigener leidvoller Erfahrung, nicht selten kombinieren sich die drei Arten von Unverständnis. Ich hatte diesen Beitrag zum Anlass genommen, mal wieder nach einem alten Lehrer zu googeln, Dr. Bruno Schwalbach, und – tja – auch er ist jetzt vor einiger Zeit gestorben. Ich tröste mich damit, dass er ein sehr erfülltes Leben hatte, dem ich mit meinem Unverständnis wohl kaum etwas wegnehmen konnte, dennoch bleibt der Stachel: Das hättest Du wahrlich besser gekonnt, Du Idiot! Als Aufforderung zur Tat gewandelt kann man mit dem Stachel vielleicht leben.
    Man sollte übrigens damit rechnen, dass die unverstandenen Lehrer das Unverständnis besser deuten und hinnehmen konnten, als man vielleicht meint, denn auch sie waren einmal jung. Homo sum, puto nihil humanum mihi alienum. In diesem Sinne sind dann doch alle Unverständnisse überbrückt und geheilt durch die gemeinsame Erkenntnis des gemeinsamen Unvermögens.

  3. Sehr geehrter Herr...
    Sehr geehrter Herr Walter,
    auch ich habe in den 80er Jahren in Göttingen Latein studiert und dabei Dr. Frank Regen kennengelernt. Ich teile Ihre als Student gewonnene Einschätzung seiner Person und Lehrmethode und der damals im Göttinger Seminar für Klassische Philologie existierenden Polarisierung Heine – Regen uneingeschränkt und bis in alle Formulierungen hinein, nur mit dem großen Unterschied, daß ich sie auch nach fast 30 Jahren noch ebenso uneingeschränkt für richtig halte.
    Wie Sie habe ich die Stilübungen bei Dr. Heine absolviert, mit dem auch ich wesentlich besser zurechtkam. Ihm verdanke ich ganz entscheidend den Erfolg meines Lateinstudiums. Hätte nur Dr. Regen die Stilübungen unterrichtet, wäre es um meinen Studienerfolg wesentlich schlechter bestellt gewesen. Vielleicht handele ich mir jetzt den Vorwurf ein, mit meinem Kommentar gegen den Comment und den Grundsatz „De mortuis nihil nisi bene“ zu verstoßen, aber ich halte ich nichts davon. die Fakten nachträglich zu idealisieren und zu verklären.
    Mit freundlichen Grüßen
    Bernhard Tönnies

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