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Imperien-Debatten – eine Nachlese (II)

09.03.2010, 20:06 Uhr

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Nachdem die dezidierte Aktualisierung des Römischen Reiches verebbt ist (s. Eintrag v. 1. März), gibt es wieder Raum für andere Zugriffe. Etwa dafür, leichter vergleichbare Phänomene zusammenzustellen. In diesem Sinne bieten Beiträge in dem von Thomas Harrison herausgegebenen Band Belehrung und noch mehr Anschauung. Behandelt werden das Neue Reich in Ägypten, das Hethiterreich, Assyrien und Babylon, die Perserreiche der Achämeniden, der Parther und der Sassaniden, die Reiche Alexanders und seiner Nachfolger, das Imperium Romanum, frühe Reiche in Südasien und das chinesische Han-Reich. Optisch dominieren die Bilder, aber die Texte stammen von ausgewiesenen Kennern, so daß auch Lesern etwas geboten wird. Konkurrenz, Nachfolge und Assimilation sind die leitenden Stichworte. Harrison hebt mit Recht hervor, daß in der Moderne Reiche nicht endeten, wenn die Besitzungen an der Peripherie aufgegeben waren, sondern als Ordnungsmodelle weit darüber hinaus „den Blick der Menschen auf ihre Position in der Welt prägten”. In umgekehrter Blickrichtung wurde „die Geschichte der Antike vor den Karren der Moderne gespannt”, wobei sich die neuen meist nicht auf ein Vorbild beriefen, sondern „die Summe der positiven Eigenschaften der Vorgänger” beschworen – oder, wie die USA – gleichzeitig imperiale wie anti-imperiale Diskurse pflegten. Harrison erinnert daran, wie die Erforschung der antiken Reiche durch Gelehrte aus (Kolonial-)Reichen des 19. und 20. Jahrhunderts von Analogievorstellungen geprägt wurde. Den vielleicht aufschlußreichsten Vergleichsaspekt findet der Herausgeber am Ende dann in der Ideologie, in der Fähigkeit von Imperien, „sich immer wieder neu zu erschaffen”. (Eine Rezension des Buches wird in „Geschichte für heute. Zeitschrift für historisch-politische Bildung” erscheinen.)
Bild zu: Imperien-Debatten – eine Nachlese (II)
Harrison verweist auch auf die Schwierigkeiten, eine brauchbare und konsensfähige historische Definition des Begriffs „Imperium” zu formulieren. Für einen Teilaspekt kann man jetzt indes auf einen Aufsatz des Frankfurter Althistorikers Frank Bernstein verweisen (Das Imperium Romanum – ein ‚Reich’?, in: Gymnasium 117.1, 2010, 49-66). Bernstein destilliert aus der althistorischen Debatte Kriterien verschiedener Art:
- Großräumigkeit und Dauerhaftigkeit der Herrschaft (ob ersteres gegeben ist, kann für jeden Zeitpunkt entschieden werden, letzteres nur im Gesamtrückblick),
- Einheitlichkeit der Herrschaftsordnung (die indes zu definieren wäre; ihr Mangel, d.h. die Vielgestaltigkeit der gewachsenen Strukturen, Mittelbarkeiten und Immunitäten in Reichen diente in der Epoche des Aufstiegs der Nationalstaaten immer als Argument, Reiche wie Rußland, Habsburg oder das Osmanenreich als veraltet zu diskreditieren), und
- Fähigkeit der Herrschenden, die durch die Herrschaft gestellten Aufgaben zu bewältigen (das war schon die zweite, vertracktere Frage des ersten Historikers der römischen Weltmacht, Polybios: Wie haben die Römer das geschafft? Und: über sie die erworbene Herrschaft so aus, daß sie als gerecht erscheinen kann?).
Und es ist eben das letzte Kriterium, was Bernstein mit Recht zu seiner gut begründeten These führt: In der Zeit der Republik, unter der Herrschaft von wenigen Hundert miteinander konkurrierenden Aristokraten, hatte Rom kein Reich, sondern nur ein Herrschaftsgebiet, das zwar groß und dauerhaft war, das aber lediglich ausgebeutet, nicht als Aufgabe angenommen wurde, weswegen auch – und das ist die gedankliche Vervollständigung – keine Strukturen geschaffen wurden, die zu einer gewissen Einheitlichkeit der Herrschaftsordnung (soweit das bei der Größe und unter vormodernen Bedingungen möglich war):

„Aufs Ganze gesehen, waren Organisation, Administration und Praxis der übersee-ischen Herrschaft Roms von Diskontinuität, Differenz, mangelnder Kontrolle und Desinteresse gekennzeichnet: von Diskontinuität, denkt man an die ständig wechselnden Statthalterschaften in den Provinzen; von Differenz, denkt man an die individuellen Möglichkeiten der entsandten Statthalter, die nicht zentral, faktisch auch nicht durch eine wie auch immer geartete (im übrigen wohl nicht in jedem Fall erlassene) lex provinciae begrenzt wurden, so daß die Ausbeutung der Provinzialen, sei es durch die Statthalter, sei es durch die privaten Steuerpächter, die berüchtigten publicani, übelste Formen annehmen konnte; und selbst dann, als man durch Einrichtung eines ständigen Gerichtshofes den Klagen der Provinzialen in Rom Gehör verschaffte und damit vielleicht auch den Mißständen in der Provinzialverwaltung begegnen wollte, sieht man anhand dieser einseitigen, im innenpolitischen Kampf Roms zerriebenen quaestio perpetua de repetundis nur mangelnde Kontrol1e, ja fehlenden Kontrollwillen (denn dieser einseitige Gerichtshof ahndete allenfalls Vergehen der Statthalter, nicht aber die Verfehlungen der Steuerpächter); Organisation, Administration und Praxis römischer Herrschaft waren, was die Bedürfnisse der Provinzialen angeht, schließlich von Desinteresse, um nicht zu sagen: von Gleichgültigkeit gekennzeichnet. Die Bewohner der Provinzen, jener praedia populi Romani, um ein berühmtes Wort zu zitieren (Cic. Verr. 2,2,3,7), mochten aus völkerrechtlicher Sicht peregrini, ‘Fremde’, sein, tatsächlich aber waren sie nicht mehr als subiecti, ‘Unterworfene’.”

Die Herrschaft wurde nicht beherrscht, so pointiert Bernstein – es gab keine ‘Kompetenz-Kompetenz’, wie es aktuell wohl auch heißen könnte. Imperium bedeutete vor Augustus also lediglich, was im Lateinwörterbuch als erste Bedeutung zu finden ist: „Befehl” oder „Befehls-/Kommandogewalt”. Mit Webers Machtdefinition könnte man sagen: immer wenn und wo auch immer für einen römischen Befehl Gehorsam gefunden wurde, dort war imperium.
Von der Wortprägung imperium Romanum, wie sie in der ausgehenden Republik aufkam, führt jedenfalls kein Weg zur Bedeutung, oder eher: zum Phänomen „Römisches Reich”. Dafür bedurfte es vielmehr der grundlegenden Umgestaltung der res publica durch Augustus. Zunächst war es für den Adoptivsohn und Erben Caesars eine machtpolitische Notwendigkeit, das ganze Herrschaftsgebiet in den Blick zu nehmen, bot es doch die Ressourcen und Schauplätze für die finalen Kämpfe um die Alleinherrschaft. Als diese gewonnen war, nach Actium und Alexandria, verkleinerte das die Aufgabe nicht:

„Für Augustus war der Herrschaftsraum Roms eine Herausforderung – zumal die Provinzen des griechisch-hellenistischen Ostens, welche einst die Machtbasis seines Kontrahenten Antonius gebildet hatten und ihm nach Beendigung des Bürgerkrieges zugefallen waren: Diese Provinzen mußten befriedet und samt den Westprovinzen der Kontrolle des Princeps unterworfen werden, wollte Augustus die Verwandlung seiner Macht zur Herrschaft auf Dauer stellen. Und in der Tat nahm der Princeps diese Herausforderung auf vielfältige Weise an, (…).

Die Monarchie machte es für die römische Aristokratie zugleich überflüssig und unmöglich, das Herrschaftsgebiet in großem Stil als Ausbeutungsobjekt zu behandeln. Nunmehr konnte es auch eine längerfristige Politik geben und hatten die Untertanen im Reich einen Adressaten für ihre Anliegen, der sich seinerseits um Berechenbarkeit und Verläßlichkeit bemühte. Und der lange regierte (als Alleinherrscher 45 Jahre!), so daß Routinen entstanden, an denen die Nachfolger weiterbauen konnten. Noch einmal Bernstein:

„Unter den Principes folgte gewaltsamer Unterwerfung zunehmend Eingliederung bis hin zur Teilhabe der provinzialen Eliten. Die fortschreitende Urbanisierung förderte eine hilfreiche Romanisierung, Aufbau und Ausbau einer zentralisierten Administration optimierten die Kontrolle. Unter der Parole der pax Romana wuchs der Herrschaftsraum Roms zu einer neuen, zu einer befriedeten Ordnung zusammen, deren Funktionsfähigkeit und Sicherheit der Kaiser zu garantieren hatte. Um so mehr sollten wir also erst seit Augustus und seinen Nachfolgern das Imperium Romanum als ein ‘Reich’ ansprechen.”

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 yaq12 18.03.2010, 13:06 Uhr

Sehr geehrter Herrr...

Sehr geehrter Herrr Walter, angeregt von Ihrem Beitrag habe ich das Buch von Harrison gekauft: Optisch sehr schön aufbereitet mit den vielen Bildern, die aber doch manchmal den Blick auf den Text verstellen. Der wiederrum hat es nicht leicht, auf relativ wenigen Seiten dann die Essenz der einzelnen Imperien darzustellen. Aber genau das scheint zu gelingen, soweit ich das nach einer flüchtigen Durchsicht sagen kann. Denn die Texte konzentrieren sich sehr gezielt auf das, was die einzelnen Epochen zum Thema des "Empires" (es ist die englische Ausgabe) beigetragen haben. In der Kürze liegt die Würze - das scheint zu gelten, denn manch neue Einsicht lässt sich schon beim Anlesen gewinnen.

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FAZ Redaktion