Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Imperien-Debatten – eine Nachlese (III)

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Reinhold Bichler, ein hochgeschätzter älterer Kollege in Innsbruck, schickt mir den dritten Band seiner Gesammelten Schriften. In Zeiten der digitalen...

Reinhold Bichler, ein hochgeschätzter älterer Kollege in Innsbruck, schickt mir den dritten Band seiner Gesammelten Schriften. In Zeiten der digitalen Verfügbarkeit der zentralen Fachzeitschriften mögen solche Vereinigungen von mehr oder minder Verstreutem nicht mehr so sinnvoll erscheinen. Immerhin bieten sie eine Alternative zur Festschrift und geben ein gutes Bild der wissenschaftlichen Interessen und der intellektuellen Physiognomie der/des Gelehrten. In wenigen, aber markanten Fällen steckt eigentlich das gesamte wissenschaftliche Werk in den Aufsätzen, nicht in Büchern; das gilt etwa für Hermann Strasburger und Arnaldo Momigliano.

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Gesammelte Schriften sind ferner dann nützlich, wenn die Beiträge zum Teil an entlegener Stelle publiziert sind, wo sie leicht übersehen werden können. Dann hilft es auch nicht viel, wenn sie in bibliographischen Datenbanken, etwa der vortrefflichen Gnomon-Datenbank – die seit kurzem kostenfrei zur Verfügung steht – verzeichnet sind. Noch mehr, falls nicht. Das gilt für Bichlers Aufsatz „Das Imperium und seine Historiker. Ein antikes Lehrstück?“, 2006 (tatsächlich etwas abgelegen) im Bericht über den 24. Österreichischen Historikertag erschienen.

Bichler geht von Herfried Münklers Bestimmung eines Imperiums aus und kritisiert dessen Fixierung auf Rom und Athen als antike Paradigmen, obwohl das Römische Reich mit dem Parther- bzw. Sassanidenreich einen gleichwertigen Rivalen am Grenzbereich seiner Macht habe dulden müssen und Athen zwar (kurzzeitig) eine eindrucksvolle Seeherrschaft ausgeübt habe, diese aber kein Gefäß für religiöse, sprachliche und ethno-kulturelle Verschiedenheiten gebildet habe. Bichlers kritisches Fazit: „Die Präsentation von Herrschaftsgebilden in der literarischen Hinterlassenschaft des Altertums und die lange andauernde Tradition einer auf sie konzentrierten klassizistischen Wissenschaftsauffassung, weniger aber die durch die moderne Forschung untersuchten Strukturmerkmale dieser Herrschaftsgebilde spielen die maßgebliche Rolle dafür, ob und in welcher Weise sie in der modernen Debatte um Imperien figurieren.“ Wie könnte es anders sein? Die moderne Debatte ist geradezu darauf angelegt, immer neue Kategorien und Perspektiven zu entwickeln und dadurch beständig weiterzuschreiten. Was jedoch in einem langen Prozeß der Traditionsbildung und Kanonisierung geformt wurde, die Texte und Muster, aus denen sich stets neu Fragen und Funken schlagen ließen – all dies hat auch weiterhin Anspruch auf Gehör. Das schließt nicht aus, mit Bichler den Blick über das ganze Altertum hin zu weiten – das hat Alfred Heuß vor dreißig Jahren mit weitem Blick getan (Weltreichsbildung im Altertum, Historische Zeitschrift 232, 1981, 265-326) und kürzlich die Autoren in einem hier vorgestellten Bildband. Bichler durchmustert knapp das Neue Reich der Ägypter, die Assyrer und das Neubabylonische Reich, dem das Pech zustieß, allein in der feindseligen Überlieferung der Griechen, Römer, Juden und Christen weiterzuleben. Etwas vielschichtiger liegt der Fall des Perserreiches der Achämenden. Dieses ist bekanntlich – lange bevor seine eigenen Zeugnisse zum Sprechen gebracht wurden – in erster Linie durch Herodots Geschichtswerk präsent geblieben, und Bichler, dem wir ein wichtiges Buch über „Herodots Welt“ verdanken, faßt wesentliche Leistungen Herodots treffend zusammen:

„Es ist eine Historie, provoziert nicht zuletzt durch Athens aufsteigende Macht und mit ihr die ganze Dynamik der Veränderungen und Neuerungen intellektueller wie politischer Natur, die sich in Herodots Gegenwart vollzogen, unter deren Wirkung die Erinnerung an all das, was früher war, zu verblassen drohte, zugleich eine Historie, die aus einem bis dato singulären Bedürfnis erwuchs, sich die ganze überschaubare Welt in der Vielfalt ihrer kulturellen Leistungen verständlich zu machen, und die damit zugleich die Grenzen jeglicher imperialer Begierde, sich diese ganze Welt zu unterwerfen, offen legte. (…) Herodots historische Perspektive ist zunächst auf ein Außen, auf die Welt des Barbarikums gerichtet, nimmt aber auch griechische Machtbildungen, vornehmlich der älteren Tyrannis, in analogen Kategorien wahr und gibt vor allem den Blick dafür frei, dass sich im Zuge der gewonnenen Macht aus dem Abwehrerfolg gegen den Großangriff des fremden Weltreichs die siegreichen Hellenen immer mehr dem überwundenen Aggressor angleichen. Die Historie erfasst somit die fremde Welt wie in einem Spiegelbild, und die imperiale Politik der Perserkönige wird folgerichtig zu einem Analogon, durch das sich auch die fatale politische Entwicklung in der eigenen, Herodot und seinem Publikum vertrauten Welt bemessen lässt. Was bei einer oberflächlichen Interpretation der Historien als große Konfrontation zwischen Europa und Asien, zwischen Freiheit und Despotie erscheint, zeigt sich bei einer schärferen Betrachtung in anderem Licht.“

Also: Ob an amerikanischen Militärakademien zu Recht von einem „Athenian Empire“ geredet wird oder nicht – geschenkt. Entscheidend ist, was sich aus den klassichen Geschichtswerken von Herodot und Thukydides herauslesen läßt, seit Jahrhunderten und immer noch.

Im Fall von Rom waren es ebenfalls klassische Geschichtswerke, nämlich die von Polybios, Sallust, Livius und Tacitus, in denen man die wesentlichen Kategorien entwickelt findet: die Abfolge von Aufstieg und Fall, die Bedeutung der inneren Ordnung für die Dynamik nach außen, die Frage, ob die zunächst einmal sich einfach vollziehende Expansion durch die Art der Ausübung der Herrschaft ethisch legitimiert werden kann, schließlich die schädlichen Rückwirkungen der erreichten Herrschaft auf das innere Gefüge sowohl der Verfassung als auch der Moral. Aber eben auch: das, was Münkler das Überschrieten der augusteischen Schwelle genannt hat, also die langfristig währende politische, ökonomische und geistig-moralische Stabilisierung. Und um das Bild abzurunden mit einer Beobachtung, die in jedem besseren Monumentalfilm zu Rom zu machen ist: Das Imperium liefert in einem das Vorbild und das Schreckbild:

„Das Deutungsmuster für die Bürgerkriegszeit, mit dem eine interne politisch-soziale Krise mit einer moralischen Verfallssituation gleichgesetzt wird, verfehlte nicht seine Wirkung. Die Bilder von der Verrohtheit und Verdorbenheit der Sitten Roms, die dazu führen, dass die eigene Stadt zu einem Zentrum verderblicher Kräfte und schädlichen Einflusses stilisiert wird, waren folgenschwer. Denn da wurde eine der Grundlagen für jenes Phänomen geschaffen, das gegenwärtig als ‘Okzidentalismus‘ firmiert, als Gegenbild zum ‘Orientalismus‘. Die Antike hat nicht nur die Bilder vom brutalen und despotischen, luxuriös-dekadenten und erotisch faszinierenden Orient begründet, die antike Literatur hat in der Transponierung ihrer Orient-Klischees auch das Bild der mit Luxus erfüllten ‘westlichen‘ Metropole mit ihren verkommenen Sitten als dem Symbol der Verdorbenheit der zivilisatorischen Innenseite einer von außen kaum angreifbaren Macht vorgeformt. So hat auch der moderne antiimperialistische Diskurs, haben die antiimperialistische Rhetorik und Kritik an allem ‘Westlichen‘ eine Grundlage in antiken Bildern.“

Und so kommt auch Bichler nach dem anfänglichen Widerwort gegen eine angeblich klassizistische Geschichtsbetrachtung am Ende doch zu dem Ergebnis, daß die rezeptionsgeschichtliche Prominenz des Imperium Romanum so unberechtigt nicht sein kann:

„Erst die Kombination dieser (…) Deutungsmuster bestimmter Phasen der Geschichte Roms, die dessen literarische bzw. historiographische Eliten jeweils aus ihrer Perspektive heraus geschaffen haben, ermöglichte der neuzeitlichen Geschichtswissenschaft die Festschreibung einer großen Geschichte des Imperium Romanum mit dem charakteristischen Bogen von Aufstieg und Krise, Restauration und Stagnation, Niedergang und Überdauern als überzeitliches Paradigma. Diese große Geschichtserzählung hat ihre Faszination trotz aller fachwissenschaftlichen Korrekturen und methodologischen Vorbehalte bis heute nicht verloren, wie es ihre paradigmatische Präsenz in einschlägigen politischen Diskussionen zeigt. Noch immer speisen sich unsere Debatten über die Rolle von Imperien, ihre Legitimation, ihre charakteristischen Verhaltensweisen, ihre Krisen und ihre Stabilisierungschancen aus dem Rekurs auf antike Interpretationsmuster, nicht anders als der Diskurs über Orientalismus und Okzidentalismus, der mit der eingangs zitierten Transformation der USA von einer Hegemonialmacht der westlichen Welt zu einer imperialen Größe ohne (militärisch) gleichrangige Konkurrenz eine neue politische Dimension gewinnt.“

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1 Lesermeinung

  1. Bichler hat auch zum Thema...
    Bichler hat auch zum Thema Atlantis gearbeitet, deshalb das Wort „Utopie“ im Titel des Werkes. Bibliographische Angaben zu Bichler und Atlantis gibt es unter dem angegebenen Link.
    Rom ist natürlich auch ganz einfach deshalb das Paradigma, weil es „unser“ Vorläufer in Europa ist. Denn eigentlich wäre das Perserreich der Prototyp des „empire of evil“, weniger Rom mit seinen komplizierten Bündnissystemen und offiziellen Verteidigungskriegen. Interessant das Ende beider zu vergleichen: Das große Persien wird durch einen kleinen Feind besiegt – das große Rom hingegen geht an sich selbst zugrunde.
    Überrascht bin ich von der Aussage: „Herodot … gibt vor allem den Blick dafür frei, dass sich im Zuge der gewonnenen Macht aus dem Abwehrerfolg gegen den Großangriff des fremden Weltreichs die siegreichen Hellenen immer mehr dem überwundenen Aggressor angleichen.“ Abgesehen davon, dass Herodot nicht viel dazu sagt, was nach den Siegen geschah, ist es doch auch historische Tatsache, dass der Verfall erst Jahrzehnte später einsetzte; so beschreibt es ja auch Thukydides. Erst einmal kommt eine Blüte. Außerdem ist es ein großer Unterschied, ob sich eine Diktatur durch Verfall etabliert, oder ob sie schon immer da war und praktisch zur Kultur eines Landes gehört.
    Die USA mit einem Imperium zu vergleichen, das zudem keinen militärisch ebenbürtigen Gegner mehr hätte, trägt nicht weit. Die „Vasallen“ sind nämlich so gar nicht untertänig, sondern es ist eher umgekehrt: Die „Vasallen“ lassen die USA die Kastanien aus dem Feuer holen. Und schön wär’s ja, wenn es keinen ebenbürtigen Gegner mehr gäbe! Aber China & Co. melden schon ihre Ansprüche an.

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