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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Das Exempel Salamis: Geschichte im Magazin – Überfluß und Qualität

| 4 Lesermeinungen

Reich bebilderte Magazine zur Geschichte gibt es inzwischen reichlich. „Die Zeit", „Der Spiegel" und „Geo" bringen regelmäßig Hefte zu...

Reich bebilderte Magazine zur Geschichte gibt es inzwischen reichlich. „Die Zeit“, „Der Spiegel“ und „Geo“ bringen regelmäßig Hefte zu jeweils einem Thema heraus; andere Magazine wie „epoc“ und zuletzt „Geschichte & Wissen“ gleichen eher Gemischtwarenläden. Andreas Kilb hat kürzlich in einer Glosse einige dieser Produkte besichtigt und sich nicht eben inspiriert gezeigt. Die monierten Fehler unterlaufen immer wieder, indes nicht nur in solchen Publikationen. Eine Grundsatzentscheidung ist, ob man Redakteure schreiben läßt oder Wissenschaftler oder eine Mischung wählt, und ob man lediglich gängiges Wissen mundgerecht aufbereitet oder auch neuere Einschätzungen zu Wort kommen läßt.

Hätte Kilb das aktuelle Heft von DAMALS in die Hand genommen, wäre sein Urteil vielleicht etwas milder ausgefallen. Das „Magazin für Geschichte“ erscheint im zweiundvierzigsten Jahr und verbindet die beiden genannten Typen: Es gibt immer einen Themenschwerpunkt mit mehreren Beiträgen, dazu freie Aufsätze und zahlreiche feste Rubriken. Das Schwerpunktthema im Juni-Heft, die Schlacht von Salamis (480 v.Chr.), wird von ausgewiesenen Kennern aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet; die Lektüre zeigt, daß es sich lohnt, genau hinzusehen. So betont Hilman Klinkott, daß im Perserreich die Stabilität der Herrschaft des Großkönigs stark von dessen Sieghaftigkeit und Aktivität abhängig war. Der persische Adel, allen voran Mardonios, drängte Xerxes geradezu, die Schlappe von Marathon 490 v.Chr. durch einen Sieg vergessen zu machen, unterstützt von den Thessalern und hochrangigen Emigranten aus Athen und Sparta. Für einen Militärschlag sprach auch die Aufrüstung Athens zur See, die als Versuch interpretiert werden konnte, die persisch-phönizische Hoheit über die Ägäis herauszufordern und am Ende sogar die Kontrolle der Überseerouten ins Schwarze Meer und nach Westen zu erringen. Um „Weltherrschaft“ ging es dagegen nicht. Xerxes versammelte das Reichsheer (das Klinkott gegen alle Wahrscheinlichkeit, Herodot folgend, auf über zwei Millionen Mann beziffert!), um das Reich und damit seine Autorität sichtbar zu machen. Die Offerten, die Xerxes den Mitgliedern des Hellenenbundes machte, würde ich allerdings nicht als Indizien deuten, daß der Großkönig „immer noch auf eine diplomatische Lösung gehofft hatte“. Er war lediglich über die Uneinigkeit der Griechen insgesamt sowie über das Zerwürfnis zwischen Sparta und Athen in der Koalition unterrichtet und suchte diese endgültig zu spalten. Das galt zumal nach der Niederlage von Salamis. Man wird Klinkott auch nur bedingt darin zustimmen können, daß Herodot von Xerxes ein stilisiertes Bild gezeichnet hat, das Bild eines despotischen, der Macht verfallenen Herrschers. Denn auch Herodot hat gesehen, daß es keineswegs ein Kennzeichen des Barbaren Xerxes war, frevelhaft Grenzen zu überschreiten; so zu handeln lag vielmehr in der Logik der Macht, wie vor allem die Episode um die Träume des Königs (Herodot 7,12-18) zeigt.

Raimund Schulz analysiert die Schlacht selbst, in wesentlichen Punkten wider das Bild, das sich „Europa“ seit dem Sieg von sich selbst gemacht hat. „Was auf Seiten der Griechen zählte, waren nicht Training und Taktik, sondern Mut und Muskeln. Ihre Schiffe waren zudem – so Herodot – schwerfälliger als die persischen.“ Außerdem hatten die Perser ihre Flotte geteilt, um die Griechen durch eine Fahrt um Salamis herum auch von Norden angreifen zu können. Die tatsächliche Seeschlacht fand dann zwischen etwa gleichstarken Geschwadern statt; außerdem gingen die Hellenen ausgeruht ins Gefecht, anders als ihre Gegner. In der Enge zwischen Attika und Salamis konnten die Angreifer ihre nautisch-taktische Überlegenheit nicht entfalten; im Nahkampf Schiff gegen Schiff verloren sie weit mehr Schiffe als die Griechen. Dem geglückten Rückzug von mindestens der Hälfte der kämpfenden Schiffe stellt Schulz „ein hohes Zeugnis“ aus. Aus psychologischen Gründen und weil es schon Ende September war, verzichteten die Perser auf einen erneuten Angriff. Salamis konnte, wie manches andere historische Ereignis, erst im nachhinein zum epochalen Datum werden: Nur weil die Perser ein Jahr später zu Lande bei Plataiai erneut verloren und daraufhin den vollständigen Rückzug antraten und weil die Athener danach den Seekrieg offensiv fortsetzten und ihrerseits ein (maritimes) Imperium errichteten, wuchs Salamis in die Rolle eines, ja des markanten Wendepunktes heran, wurde zum „Nadelöhr“ der Geschichte (Chr. Meier). Epochenereignisse sind wirkmächtige Konstruktionen, nicht aber Fiktionen. Ihnen liegt ein reales Geschehen zugrunde, das in seinem Verlauf höchst kontingent, im Rückblick für den Historiker gut erklärbar sein mag, das aber zugleich Zeitgenossen und Nachgeborene in Staunen zu setzen vermag, weil es so außergewöhnlich und überraschend ist, und das Horizonte öffnet, die zuvor nicht einmal gedacht werden konnten. Es war daher kein Zufall oder Glück, daß die Schlacht von Salamis in Aischylos und Herodot unvergleichliche Chronisten und Deuter fand; vielmehr sorgte erst das tief erschütternde Ereignis dafür, daß sich Interpreten in dieser Form der erlebten Geschichte überhaupt annahmen. Die Griechen, so Christian Meier im selben Heft, „konnten sich über das Unerhörte so rasch nicht beruhigen“. Aus der Asymmetrie zwischen Persern und Griechen war auf einmal eine Symmetrie geworden, und es galt, so kann man Meiers Gedanken weiterführen, zu zeigen, wie diese Symmetrie in der vorherigen Asymmetrie bereits angelegt, wie sie, aristotelisch gesprochen, Potentialität als Form war.

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4 Lesermeinungen

  1. Gibt es eine Fundstelle für...
    Gibt es eine Fundstelle für die Kilb-Glosse?

  2. Das würde mich auch...
    Das würde mich auch interessieren.
    Ich denke, das größte Problem, warum diese Zeitschriften (meist zurecht) einen schlechten Ruf haben, liegt darin, dass sich von der Seite der Fachwissenschaft aus niemand dafür verantwortlich fühlt, auch einmal für einen breiteren Interessenten-Kreis zu schreiben. Wenn man dieses Feld – in Anführungsstrichen – allein den „Dummen“ überlässt und am Ende nichts anderes macht, als immer nur den Finger mahnend zu heben und resigniert den Kopf zu schütteln, ist man meiner Meinung dadurch gar nicht besser.
    Die einen wissen es nicht besser – oder ihnen fehlt das nötige Verantwortungsgefühl – und die anderen Wissen es besser, widersetzen sich aber ihrer Verantwortung für Gesellschaft und(!) Fach!
    Wir sollten uns darüber freuen, dass sich so viele Menschen für die Geschichte interessieren. Dann sollten wir ihnen auch beim „richtigen“ Umgang mit Geschichte helfen.
    Ich bin daher sehr froh darüber, dass Sie hier einmal ein positives Beispiel aufgezeigt haben!

  3. Sehr geehrter Herr Graf, hier...
    Sehr geehrter Herr Graf, hier die Angabe: A.K., Halbwissend, in: FAZ 26.5.2010, N3.

  4. Die angelsächsischen...
    Die angelsächsischen Scientisten sind sich, im Gegensatz zu den deutschen, nicht zu schade „populärwissenschaftlich“ zu schreiben und zu veröffentlichen.
    Einmal mehr stützt der Ausgang d. Schl. von Salamis die von These C.v. Clausewitz, dass die Verteidigung dem Angriff überlegen sei.
    Das „crossing the T“ war halt damals noch nicht in Mode, so wie es die Japaner in der Seeschlacht von Tsushima von den Egländern gelernt hatten. Die Griechen schafften es auch ohne Fernwaffen.
    Thukidides und die Schiffszahlen von Salamis:http://www.jstor.org/pss/20183862

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