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Provokationsverweigerung: spätrömische Dekadenz im Interview

01.07.2010, 05:37 Uhr

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Durch Zufall stoße ich auf ein Interview, das der britische Althistoriker Peter Heather im März der Wochenzeitung „Junge Freiheit” gegeben hat.  Anlaß war die kurzzeitige, auch hier schon einmal aufgespießte Aufgeregtheit um die mißglückte Prägung „spätrömische Dekadenz” durch den FDP-Vorsitzenden. Das erscheint heute viel weiter entfernt als nur dreieinhalb Monate, aber das Interview selbst ist ein wunderbarer Beleg, wie sich ein Gelehrter in einem ‘traditionellen’ Medium den Suggestionen und Sensationswünschen eines Fragenden entziehen kann.

Der Untertitel des Interviews ist durchaus noch aktuell: „Frust über Schwarz-Gelb, „Brot und Spiele” statt Politik – Werden wir noch regiert? Oder ist Berlin das neue Rom?” Doch Heather, Professor in London und Autor von Der Untergang des Römischen Weltreichs, läßt sich von Anfang an nicht vereinnahmen: Die Wendung von der spätrömischen Dekadenz sei so falsch, wie sie alt sei. „Heute wissen wir, Rom ist nicht an sich selbst zugrunde gegangen.” Der Fragesteller bleibt hartnäckig: Erinnern der Frust der Regierten, die Unlust der Regierenden nicht an die Endzeit des Römischen Reiches? Nein, die war keine Gesellschaft im Verfall, die Rede von „spätrömischer Dekadenz” entbehre der historischen Grundlage. Es folgt ein Exkurs zu den Paradigmen der Forschung: Nachdem lange Zeit die Transformations-These in der Historiker-Zunft virulent war, hat Heathers Buch dazu beigetragen, die Deutung des Endes der Römer als „Untergang” wieder zu etablieren. Heather ist sich der politischen Implikationen dieses Disputs natürlich bewußt: Der Versuch, den vielerorts katastrophischen Zusammenbruch der römischen Ordnung zu einem sanften Übergang umzudeuten, müsse im Zusammenhang mit der sich formenden Europäischen Union gesehen werden. Zur Bildung eines gemeinsamen Europa passe natürlich viel besser die Vorstellung, dieses sei weich und konsensuell aus einem römischen Europa heraus geboren worden. Der Interviewer spitzt politisch zu: „Das Ende Roms als multikultureller Erfolg statt eines Invasionsdesasters?” Doch erneut verweigert Heather die einfache Erklärung und nimmt die Anhänger der Transformationsthese in Schutz: Sie seien als Wissenschaftler davon überzeugt. Und auch gegen Multikulti lasse sich Spätrom kaum in Stellung bringen, weil es an seinen Invasoren, nicht an seinen Einwanderern scheiterte.

Der Fragesteller zeigt sich beschlagen und pointiert erneut: „Manche halten die Transformations-Theorie auch für ein Mittel, um das Wort ‘Untergang’ als mächtige Waffe im Arsenal konservativer Kulturkritik unschädlich zu machen.” Heather bestreitet das nicht, wiederholt jedoch, daß sich das Leben im späten Römerreich nicht in Agonie befand und daß die Vorstellung, die Römer seien durch inneren Verfall untergegangen, falsch sei. Die Transformations-Theorie habe insofern recht, wenn sie betone, daß die Gesellschaft bis zuletzt funktioniert hat. Unter-, nicht Niedergang.

Dann wird es grundsätzlich. Gefragt, warum das Imperium dann gescheitert sei, legt Heather den in der Frage selbst dieses Interviewers ablesbaren Solipsismus der Moderne frei. Denn normative Soziologie und eine ihr hörige Geschichtswissenschaft nehmen an, daß Gesellschaften und Ordnungssysteme, richtige Diagnose und Steuerung vorausgesetzt, quasi ewig fortdauern können, in einem unendlichen Prozeß der Anpassung, Modernisierung und Perfektibilität. Dagegen setzt Heather die zeitliche Tiefe historischer Empirie: „Alle Gesellschaften gründen auf einer bestimmten Entwicklung. Wenn die Zeit dafür vorbei ist und neue Entwicklungen entstehen, verlieren sie diese Grundlage. Rom zerbrach an einer veränderten Umwelt, nicht am inneren Zerfall.” Eine derartige zyklisch-fatalistische Einschätzung zieht selbstredend sofort den Vorwurf auf sich, Denkmuster einer konservativen Kultur- und Modernekritik zu sein, deren Kernbestandteil ja die Kategorie des ‘Tragischen’ sei. Doch derlei Tiefenbohrungen in politische Denkstile dürften dem lakonischen Briten eher fremd sein. Er ist an Toynbee geschult, verbindet dessen Zyklenmodell aber mit einer kritischen Diskursanalyse des Dekadenzbegriffs: „Gesellschaften steigen auf und werden reich. Ab diesem Moment verändern sie sich. Etwa beginnen die Debatten um die Verteilung des Reichtums, was aber nur natürlich ist. Oben angekommen, haben sie zudem nur noch zu verlieren, weil auf jeden Aufstieg irgendwann der Abstieg folgt. Und da keine Gesellschaft ewig existiert, ist diese Bedrohung auch real. Doch die Menschen wollen nicht akzeptieren, daß irgendwann auch ihre Stunde geschlagen hat. Deshalb flüchten sie sich in die Vorstellung von ‘Dekadenz’, womit es irgendwie in ihrer Hand liegt: Sie hoffen so, die Geschichte überlisten zu können. Dazu kommt, daß Politiker Spielraum für ihr Handeln benennen müssen, sonst brauchen sie ja gar nicht erst anzutreten. Also flüchten auch sie sich zu der Vorstellung von etwas, das sie beeinflussen können: den angeblichen Verfall der Sitten stoppen und Rückkehr zu alten Tugenden. (…) Es handelt sich wohl um ein eingebildetes, psychologisches, nicht um ein tatsächliches, historisches Phänomen: Eine Chiffre für die seelische Reaktion einer Gesellschaft, die fürchtet, ihren Reichtum zu verlieren.” Der Fragesteller will von Spengler nicht lassen und behauptet, Reichtum zu erwerben sei etwas anderes, als ihn zu genießen – der Unterschied sei eben Dekadenz. Heather hält dagegen und räumt in brillanter Knappheit (und Kenntnis der Historie des Britischen Empire) eine ganze, seit den Römern tief in die Autosuggestionen Europas eingewurzelte moralische Geschichtsphilosophie ab: „Das unterstellt, daß der Erwerb moralisch besser sei als der Genuß. Wie wollen Sie das begründen? (…) Ich kann nicht erkennen, warum die Epochen, in denen wir die Grundlagen unseres Reichtums gelegt haben, moralischer sein sollen. Damals haben wir mit Sklaven gehandelt, durch Ausbeutung unsere Industrie aufgebaut, haben mit Waffengewalt Kolonien, Rohstoffe und Märkte gewonnen. Ist das moralischer als sich einen überbordenden Wohlfahrtsstaat zu leisten? Ich finde nicht.”

Mit lakonischer Ironie rät Heather schließlich im Grunde dazu, den Wirtschaftsteil der Tageszeitungen zu ignorieren und im Sinne stoischer Selbstsorge das Meiste für unverfügbar zu erachten, das Wichtigste aber als von Gott gewollt hinzunehmen: „Die Steuern schossen allerdings tatsächlich in die Höhe, als der Ansturm der Barbaren die Militärausgaben in die Höhe trieb. Aber auch das war nicht der Grund für das Ende. Nein, so ernüchternd es sein mag, Roms Zeit war einfach abgelaufen.”

Moritz Schwarz, „Die Zeit war abgelaufen”, in: Junge Freiheit Nr. 12 v. 19. März 2010

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 kronion 01.07.2010, 07:25 Uhr

Hier der Link zum besprochenen...

Hier der Link zum besprochenen Artikel: http://www.jf-archiv.de/online-archiv/file.asp?Folder=10&File=201012031909.htm&STR1=heather&STR2=dekadenz&STR3=&STR4=

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0 gerthans 01.07.2010, 07:52 Uhr

Uralt ist die Ansicht, dass...

Uralt ist die Ansicht, dass Nationen und Reiche, die ja aus sterblichen Menschen bestehen, wie eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch biologischen Gesetzen unterliegen, also irgendwann altern und sterben. Die Zeit ist also irgendwann abgelaufen. Für ein Reich wie für einen einzelnen Menschen. Aber wie ein üppig lebender Einzelmensch seinen Verfall und Tod hinauszögern kann, wenn er dem Rat seines Arztes folgt und das Rauchen aufgibt, seinen Alkoholkonsum reduziert und sein Übergewicht vermindert, also gesünder, was heißt, maßvoller lebt, so können auch Völker und Reiche Verfall und Aussterben hinauszögern. Hier hat der Begriff "Dekadenz" durchaus seinen Sinn. "Dekadenz", das von decadere kommt, heißt natürlich zunächst Abstieg, Niedergang. Aber immer schwingt auch eine moralische Bewertung mit, und zwar zu Recht. Denn wenn die Jugendkraft eines Volkes zur Neige geht, kann es durch Maß und Bescheidenheit seinen Verfall aufhalten. Ja, Rom ist zu Beginn des Mittelalters untergegangen, genauer gesagt: Westrom. Der Ostteil hat ja überlebt (die Historiker nennen ihn Byzantinisches Reich). Ostrom hatte es geschafft, weil es erstens mit der Dominanz der Germanen Schluss machte. Und zweites, weil es seit dem Arabersturm bescheidener wurde. Die üppige urbane Kultur reduzierte sich. Stichwort: kastron. Eine ähnliche Ansicht vertrat auch der osmanische Geschichtsphilosoph Khatib Celebi angesichts des Niedergangs des Osmanischen Reichsorganismus.

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0 Devin08 02.07.2010, 20:36 Uhr

Der Zeitgeist wandert nach...

Der Zeitgeist wandert nach rechts, oder: Die verinnerlichte Apokalypse . Auch wenn das genannte „traditionelle“ Medium als ein solches hiermit dezent in Frage gestellt ist, hätte ich mir doch gewünscht, dass wenigstens in knappen Worten dargestellt worden wäre, warum eben es nicht genügt ein solches Medium nur in Frage zu stellen. Denn für ein Sprachrohr einer intellektuell verbrämten „Neuen Rechte“ (vgl. auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Junge_Freiheit) ist es eben kein Zufall „so hartnäckig an Spengler festzuhalten“, wie es im Übrigen auch kein Zufall ist, dass gerade die Dekadenztheorie von eben dieser Rechten sofort aufgegriffen wird, ist es doch ihre einzige Kritik am Kapital, dass diese nämlich dekadent sei. . Und es wirft natürlich ein bezeichnendes Licht auf die ideologische Verfasstheit eines Westerwelle. All das muss vielleicht der interviewte Historiker nicht zum Besten geben (der hat sich wacker geschlagen, das sehe ich auch so, obwohl ich mich natürlich frage, warum er diesem Blatt überhaupt die Ehre eines Interviews gibt), aber doch jeder Berichterstatter. Und eben weil ein Herr Westerwelle da so ungeniert über eine „spätrömische Dekadenz“ räsoniert, belegt dies nämlich auch, welchen Erfolg eben solche rechte Medien haben. Der Zeitgeist wandert nach rechts. . Zum Thema selbst: Ich sehe allerdings schon einen Zusammenhang zwischen der Uhr, die da abgelaufen war und eben den erfolgreichen Überfällen der „Barbaren“. Wenn diese Überfälle nicht gewesen wären, hätte sich dieses Rom schon noch halten können, nur war die spätrömische Militärpolitik, längst nicht mehr dieselbe. Und das wiederum formuliert der Historiker völlig richtig, wenn auch ein wenig orakelhaft, nämlich so: „Gesellschaften steigen auf und werden reich. Ab diesem Moment verändern sie sich. Etwa beginnen die Debatten um die Verteilung des Reichtums, was aber nur natürlich ist. Oben angekommen, haben sie zudem nur noch zu verlieren, weil auf jeden Aufstieg irgendwann der Abstieg folgt.“ . Und genau das – nämlich ein orakelhaftes Verständnis bzgl. der „veränderten Umwelt“ - spiegelte im Übrigen die Philosophie jenes in die Geschichte eingegangenen Philosophenkaisers Marc Aurel am deutlichsten. Der Stoizismus eines Marc Aurel antizipierte ahnungsvoll eine Zukunft, die man begrifflich (theoretisch) als eine solche noch gar nicht zu fassen vermocht hätte, also bekleidete man die Ahnungen in überlieferte Formen. Die Germanen waren wohl nicht zu schlagen, dass sie aber umgekehrt mal die Römer schlagen werden, in noch ferner Zukunft, war definitiv nicht zu ahnen. Doch die Philosophie Marc Aurels griff dem voraus, indem sie philosophisch weit zurück griff. Eines Aurels Visionen wären daher sehr gut auch als römische Kassandrarufe zu interpretieren, wenn man den magischen Aspekt, den die Trojerprinzessin noch verkörperte, ignorierte. . Der Spiegel Neros hingegen, im eigentlich nur arrogant geheuchelten, damit schon eher als „dekadent“ zu bezeichnenden Stoizismus eines Seneca (vgl. http://blog.herold-binsack.eu/?p=346), wäre der Epoche der Mythengestalt einer Kassandra schon noch eher zuzuordnen, einer, die dem Lustgewinn am Morden absolut keine Ethik entgegen zu setzen gehabt hatte, da doch dies ein Bewusstsein voraus gesetzt hätte, ein Bewusstsein seiner Selbst, als menschliches Wesen. . Und was will uns das sagen bzgl. der Geburtswehen eines Vereinten Europas. Nun ja, zunächst mal, dass es sicherlich keine Geburtswehen sind, sondern vermutlich Untergangsbeschwerden und (darin einer Zeit Marc Aurels sehr ähnelnd) und darüber hinaus, dass konservative Geschichtsdeutung, eine solche, die da schon mal totgeglaubt war, eben genau dies zu bestätigen scheint. Man möchte, analog zum römischen Reich, die Zeit, die man da so ahnungsvoll erwartet, soweit wie möglich strecken, bzw. erträglicher machen. Man möchte gar nicht erst in die Zukunft schauen (heute kann man das, im Gegensatz zur Zeit Marc Aurels), sondern diese sich einem selbst gegenüber versöhnlicher stimmen. Eine solche Philosophie hat immer etwas beschwörendes, daher auch die Anklänge an die Magie der Vorzeit. . Und das Aufkommen eines Stoizismus, eines postmodernen gewissermaßen, ist da gar nicht so sehr ein Zufall. Ganz krass war mir dies übrigens aufgestoßen, als die Finanzkrise mit voller Wucht über uns rollte und auch in der FAZ (der Stoa entlehnte) Tipps abzurufen waren. . Die „Dekadenz“ wäre somit nicht Ursache, sondern eher Folge eines verinnerlichten da erst kommenden Untergangsszenariums. Heute nennt man das die „Apokalypse Now“ (vgl. auch Nachbemerkung zu Philosophus Mansisses, Gedanken, Thesen Reflexionen, anhand des Studiums der Texte Slavoj Žižeks, u. A.: http://blog.herold-binsack.eu/?page_id=7).

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