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Der letzte Cicero. Zum Tode des amerikanischen Senators Robert C. Byrd

12.07.2010, 07:46 Uhr

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Ende Juni verstarb Robert C. Byrd, hochbetagt im Alter von 92 Jahren. Bis zu seinem Tode hatte er den Staat West Virginia im amerikanischen Senat vertreten, für sage und schreibe 51 Jahre (seit 1959) – mehr als ein Drittel der Zeit, die es diesen Staat überhaupt gibt. Byrd stammte aus einfachen Verhältnissen; seine Mutter fiel der Grippe-Epidemie 1918 zum Opfer, das Jura-Studium konnte er nur in Teilzeit betreiben. Byrd war lange ein typischer Südstaatendemokrat alten Typs: in den 1940ern Mitglied des Ku-Klux-Klan („eine Jugendsünde”), in den 1960ern Opponent gegen die Bürger- und Wahlrechtsgesetze, die zur Gleichberechtigung der Farbigen führen sollten. Eines seiner Mittel war die Obstruktion durch Filibusterreden, wie sie von Clodius und dem Jüngeren Cato auch schon im römischen Senat der späten Republik gepflegt wurden, um Entscheidungen zu verzögern (diem tollere oder consumare durch eine longa oratio). Eine Rede Byrds dauerte vierzehn Stunden (einen schönen Eindruck von diesem Instrument gibt James Stewart in Mr Smith geht nach Washington). Später vollzog Byrd die Homogenisierung der Demokratischen Partei, die lange unvereinbare innenpolitische Positionen unter einem Dach beherbergt hatte, mit; 2003 votierte er mit Verve gegen den Irakkrieg, auch gegen den Patriot Act. Die Kunst, die Infrastruktur seines Staates mit Bundesgeldern auszubauen, brachte ihm Wahlsiege mit 70% der Stimmen ein.

Byrd liebte es, lange Reden zu halten, die mit historischen Reminiszenzen gespickt waren, gerne auch solchen an den römischen Senat, dem er eine ganze Vorlesungsreihe in vierzehn Teilen widmete (The Senate of the Roman Republic: Addresses on the History of Roman Constitutionalism, Government Printing Office, 1995; das Werk fand allerdings auch deutliche Kritik). Byrd, so heißt es in der Wikipedia, galt als wandelnde Enzyklopädie, was die Geschichte des Senats der Vereinigten Staaten ebenso wie die des römischen Senats angeht. Er lebte das lateinische Motto im Wappen seines Bundesstaates: Montani semper liberi. Zusammen mit einem Historiker verfaßte er eine vierbändige Geschichte des U.S.-Senats und folgte auch darin dem ciceronischen Modell: nicht nur die Peitsche des gesprochenen Wortes knallen zu lassen, sondern zusätzlich Bücher über das Gemeinwesen und dessen bestmögliche Ordnung zu schreiben. Noch 2005 stritt er gegen Änderungen der Geschäftsordnung des Senats, die das Filibustern unmöglich machen sollten. Seine besten Reden gab er wie Cicero als Buch heraus. Und wie dieser in den vierzehn Philippischen Reden gegen Marcus Antonius schwang sich auch Byrd als senex noch einmal aufs Streitroß, um gegen den zu wettern, den er für die größte Gefahr in der res publica hielt: Sein Pamphlet gegen G.W. Bush trug den unmißverständlichen Titel Losing America: Confronting a Reckless and Arrogant Presidency.

Der Vergleich mit Cicero findet sich in einem amerikanischen Forum ausgeführt; der Schluß lautet: “Cicero wasn’t able to save his country. But Robert Byrd’s noble and constitutional actions have inspired us all. The standing of Cicero against the tyranny that would destroy the Roman Republic has been remembered as one of the great, principled actions of the last 2,000 years. Rome was lucky to have Cicero. Our world, today, is lucky to have Robert Byrd.”

 

Veröffentlicht unter: Cicero, USA, US-Senat, römischer Senat, Robert C. Byrd

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 franket 12.07.2010, 09:38 Uhr

Dieser Byrd ... es ist...

Dieser Byrd ... es ist lächerlich, George W. Bush mit einem Tyrannen vergleichen zu wollen, etwa mit Catilina oder Caesar oder dergleichen. Lächerlich, wie manche meinten, Bush würde sich nicht mehr abwählen lassen oder den Schwarzen das Wahlrecht entziehen oder dergleichen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Unfassbar lächerlich. Lächerlich, wie sich die Europäer einer Folterdebatte total verweigerten, lächerlich, wie sie gierig nach den unter Folter erpressten Informationen griffen, um sich zu schützen. Lächerlich, wie die linksliberale Schickeria glaubte, man könne Guantanamo einfach schließen. Lächerlich, wie sich Deutschland dem politisch und humanitär goldrichtigen Irak-Krieg verweigerte, lächerlich, wie es sich auf die Seite der Ölinteressen Russlands und Frankreichs stellte, die in Husseins Völkermord-Irak ihre Claims abgesteckt hatten. Lächerlich, wie man die Entschlossenheit George W. Bushs zum Handeln als Grund für die Unbeliebtheit der USA erkennen wollte, lächerlich, wie man von dem Versager Bill Clinton schwärmte, dessen kopfloser Rückzug aus Somalia bekanntlich das Schlüsselerlebnis Osama bin Ladens für den Kampf gegen die Aufklärung wurde. . Kurz: . Byrd hat sich mit dem Vergleich zu Cicero eine Pose angemaßt, und der Vergleich mit dem Original fällt böse aus. Luzifer wollte auch ganz hoch hinaus, bevor er in die tiefste Hölle gestürzt wurde. Besser wäre ein Vergleich von Byrd mit den Gegenspielern des Perikles, die nach dessen Tod den Peloponnesischen Krieg gegen die Wand fuhren, weil sie von den Absichten des Perikles nichts verstanden hatten.

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0 dunnhaupt 12.07.2010, 17:36 Uhr

Die Institution des...

Die Institution des amerikanischen Senats wurde bekanntlich von Anfang an bewusst an den römischen Senat angelehnt. Man kann daher Byrds anmaßende Selbstperspektive irgendwie nachvollziehen, obschon seine tatsächliche Rolle in der Politik sich eher mit dem alten Cato vergleichen ließe.

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FAZ Redaktion