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Nepos redivivus, oder: ein paar Seiten für ein Leben

23.07.2010, 08:00 Uhr

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Für eine kurze Anzeige im Blatt war eine eben erschienene Sammlung von Kurzbiographien zu würdigen (Manfred Clauss, Große Gestalten der Antike, Rowohlt Berlin Verlag 2010). Im üblichen Sinne, das heißt als individuelles Werk, ist ein solches Buch kaum sinnvoll zu besprechen, eher schon als – wertvoller und willkommener – Teil eines sich selbst reproduzierenden kommunikativen Systems, das gelegentlich noch Bildung heißt: Mit kundig-routinierter Hand wird in faßlicher Form ein Beitrag zu dieser Bildung geleistet, die ihrerseits auf einer Tradition aufruht und zugleich wieder Voraussetzung ist, daß ähnliche Bücher auch in ein paar Jahren noch gekauft werden. Man kann die Gegenprobe rasch machen: Warum gibt es solche Bände immer wieder, aber noch keinen ähnlich angelegten und auf Verbreitung angelegten Sammelband über Kaiser, Gelehrte und Denker des chinesischen Altertums?

Mich reizt die Frage, was sich in diesem Genre eigentlich getan hat. Ein Blick ins Regal, ein Griff zu „Menschen, die Geschichte machten”, eine Sammlung von Kurzbiographien, zwischen vier und neun Seiten lang, erschienen 1931 in Wien, in erweiterter Ausgabe 1932, nachgedruckt 1934. Der Teil zur Antike ist etwas umfangreicher als bei Clauss und enthält mehr Beiträge. In den „Menschen” fehlt Jesus, obwohl die historisch-minimalistische, also a-theologische Lektüre der Evangelien für seine Person durchaus etabliert war. Immerhin, Paulus hat einen kurzen Artikel, dazu der Prophet Jesaias. Ansonsten überwiegen die historischen Akteure im älteren Sinn: Könige, Kaiser und Tyrannen, Feldherren, Gesetzgeber und Politiker, dazu immerhin Platon und Aristoteles sowie drei Kirchenväter: Athanasius, Cyrill und Augustinus, und Papst Gregor d. Gr. (letzterer skizziert von Percy Ernst Schramm). Nicht überraschend: Die römische Republik, durchaus noch Teil lebendiger historischer Orientierung, ist mit allen ihren Teilen vertreten; für die Frühzeit steht Appius Claudius, es folgen die Scipionen und die Gracchen, dann Sulla, Lucullus, Pompeius. Clauss setzt demgegenüber erst mit dem Ende ein (Cicero, Caesar, Augustus). Für Athen stehen die üblichen Verdächtigen: Solon, Themistokles und Perikles.

Bemerkenswert die Bereitschaft in „Menschen”, internationale Prominenz als Autoren zu gewinnen. Mehrere Essays haben französische Gelehrte geschrieben, die einleitende Skizze zur Kaiserzeit stammt von André Piganiol. Italiener sind nicht vertreten, wohl aber der damals erst knapp dreißig Jahre alte Ronald Syme (zwei Texte zu Seneca und Vespasian), dazu N.H. Baynes, seinerzeit der führende Konstantin-Forscher. Michael Rostovtzeff schildert mit spürbarer Sympathie die beiden größten Kaiser Roms vor der Krise, Hadrian und Mark Aurel. Auch die „Barbaren” bleiben nicht ohne Porträt: Kyros und Dareios I., die Gründer des Perserreiches der Achämeniden (von H.H. Schaeder), dann überraschenderweise der persische Eunuch Bagoas, eine Zeitlang als Königsmörder und Königsmacher von Einfluß, bevor das Perserreich von Alexander d.Gr. übernommen wurde. Die einleitenden Sätze in Richard Laqueurs Beitrag zeugen von einem robusten Orientalismus und Glauben an organische Verläufe und Herrschaftsstilistik: „Waren Cyrus und Darius die Begründer des Persischen Weltreiches, so gehört Bagoas der Zeit an, in der es seinen Untergang finden sollte. Schon sein Name, der den Eunuchen zu eignen pflegte, ist für die Atmosphäre seiner Tätigkeit charakteristisch: abgeschlossen von der Bevölkerung ihres weiten Reiches lebten die Perserkönige in ihren Residenzen, so daß sich weder ein persönliches Verhältnis der Untertanen zum Herrscher anbahnen konnte, noch dieser durch die Kontrolle der Öffentlichkeit gegen Palastintrigen geschützt war. Und in der Tat ist es damals der gewöhnliche Zustand, daß durch geheime Verbrechen der Regierungswechsel herbei­geführt und auf demselben Wege die Nachfolgerschaft er­rungen wird.” Mechanik und Metaphorik stiften auch Kohärenz trotz verschiedener Autoren; so heißt es zu dem sassanidischen Herrscher Chusrau I. Nuschirwan (= Chosroes I., mittelpersisch: Husraw): „In dem Drama der älteren persischen Geschichte bildet das Wirken des Königs Chusrau I. das retardierende Moment. Unter seiner Regierung wurde Muhammed geboren (570); wenige Jahre nach dem Tode des Propheten feierten die Gläubigen den ‘Sieg der Siege’, indem sie bei Nehawend (642) die Katastrophe des Perserreiches herbeiführten. Chusrau Nuschirwan, das heißt ‘der Selige’, war der letzte König, der den inneren und äußeren Verfall der Großmacht Persien mit starker Hand aufzuhalten vermochte.”

Arminius wird von Ludwig Schmidt („Völkerwanderungs-Schmidt”) vergleichsweise nüchtern vorgestellt. Einen starken Willen zur ordnenden und kontrastierenden  Typologie entwickelt Andreas Alföldy zu Beginn seines „Attila”: „Man hat vielfach verkannt, daß die Wandervölker tür­kischer Rasse in Nordasien schon lange vor der Völkerwande­rung eine beachtenswerte Stufe kultureller Entwicklung erreicht hatten. Sie verfügten nicht nur über eine eigene Schrift und über ein hochentwickeltes Kunstgewerbe, dessen eigenartige Tier- und Rankenornamente die Metallzierate ihrer Riemen­gürtel und Zaumzeuge, die Schnitzereien ihrer Holzhäuser und ihre berühmten Textilprodukte schmückten, sondern auch über eine fein durchgebildete soziale Ordnung. Gemäß ihren nomadischen Lebensbedingungen entspricht diese soziale Ordnung freilich nicht dem Typus eines modernen Staats. Sie weist vielmehr die Form eines Heeres auf, das nach zehn, hundert, tausend usw. Reitern gegliedert ist – Einheiten, die zumeist durch den jeweils mächtigsten Stamm zu einem Nomadenreich von riesiger Ausdehnung zusammengefaßt wurden. Gerade diese Art, unübersehbare Menschenmengen einer dünnen Herrenschicht unterzuordnen, ist bezeichnend für den ‘imperialistischen’ Willen dieser Wandervölker, für die das unbewegliche Gut wertlos war. Die ständige Marschbereitschaft und erstaunliche Beweg­lichkeit im Bunde mit einer raffinierten Reitertaktik verlieh den Hunnen eine große militärische Überlegenheit über die durch ihren Ackerbau gebundenen Germanen, aber auch über die hochkultivierten Römer.”

Wo es sich anbot, sind zwei oder mehr Gestalten zusammengefaßt, als Gruppe (Platon und Aristoteles, die Scipionen, die Gracchen, Hadrian und Mark Aurel) oder als Antipoden (Themistokles und Pausanias, Isokrates und Demosthenes, Lucullus und Pompeius, Theoderich und Chlodwig).

Unter den deutschen Beiträgern sind Gelehrte der älteren Generation wie Johannes Kromayer (1859-1934) selten; überwiegend schrieben etablierte Gelehrte mittleren Alters und Privatdozenten. Der äußere Rahmen vereinheitlicht und macht zugleich deutlich, daß einst Kontexte und Fakten für nötig gehalten wurden, um Bildung zu ermöglichen: Jede Epoche hat etwa zehn Seiten Einleitung; jeder Kurzvita sind wichtige Daten vorangestellt.

In der knappen Einleitung zu seiner Sammlung umreißt Manfred Clauss das Interesse am Biographischen in eher asketischen Worten, jedenfalls sehr zurückhaltend. Geschichte hat ihre sinnstiftende und orientierunggebende Macht längst eingebüßt, nicht allein durch die Katastrophen historizistischer Weltentwürfe (im Sinne Poppers) und den Konstruktivismus, der mit der ‘Wahrheit’ auch gleich den gegebenen Zusammenhang aufgegeben und ‘Wissen’ damit entwertet hat. Das mag unumkehrbar sein, und spannende Lebensgeschichten, die ein „Panorama der damaligen Zeit” bieten, haben ihre Verdienste. Aber das intensive Leben in der Geschichte und mit ihren Gestalten, es war doch ein Phänomen, das man vermissen kann. Es spricht aus der Einleitung, die kein geringerer als Friedrich Meinecke für „Menschen” verfaßt hat. Getragen ist sie von einer kaum noch faßbaren Gewißheit, in historischen Gestalten Ankerpunkte für eine verantwortungsbewußte Gestaltung des Wandels in der Gegenwart zu finden. Insofern läßt sich der Text des damals siebzigjährigen Historikers auch als Reflexion über die Moderne entschlüsseln, zwischen alteuropäischer Skepsis und pflichtfrohem Optimismus:

Humboldt (eine der Leitfiguren Meineckes) habe nicht ahnen können, „in welchem Umfange das 19. Jahrhundert die Menschen in Massen zusammendrängen und in Bürger ver­wandeln sollte. Und nicht nur das bürgerlich-politische Leben faßte die Menschen mehr in Massen zusammen, auch die einzelnen Lebensberufe fingen an, die Persönlichkeit stärker zu beanspruchen als in unserer klassischen Zeit. Die moderne Arbeitsteilung erleichterte wohl die Gesamtarbeit und an­scheinend auch die Einzelarbeit, aber schädigte die Wurzeln ihrer Kraft. Sie zwang den einzelnen dazu, sich selbst in sich zu zerteilen, die Sphäre des reinen Eigenlebens, das Refugium der Seele sich zu verengen, um den gesteigerten Ansprüchen der Außenwelt zu genügen. Es sind oft sehr fruchtbare Spannungen der Charakterbildung dadurch entstanden, daß man sich und der sachlichen Lebensaufgabe zugleich nun genügen wollte, und das deutsche Leben ist insgesamt reicher geworden an berufsmäßig differenzierten Typen von Persönlichkeiten. Aber dabei überwuchert nun eben leicht auch das Typische über das Singuläre und ganz Individuelle.

Es gilt, frei und mutig die schwere Lage, in der sich die Persönlichkeit heute befindet, anzuerkennen. Wir leben in einer alten, aber wahrscheinlich noch lange nicht über­alterten Kultur. Gerade weil wir das Problem der Persönlich­keit heute so leidenschaftlich wieder empfinden, können wir darauf vertrauen, daß es unter der erstarrenden Lava ge­wordener Kulturschichten, die über unserem Leben liegen, noch mächtig glüht. Wir leben weiter in einer Zeit unerhörter Umwälzungen der äußeren Lebensbedingungen, und wie wir schon das, was wir in den Jahrzehnten vor dem Kriege er­lebten, als eine Revolution bezeichnen konnten, so erst recht das seitdem Geschehene und noch zu Erwartende. Neue Freiheiten und Erweiterungen, aber auch neue Abhängig­keiten und Einengungen des Einzellebens jagen schier einander. Zur weiteren Sozialisierung ist die weitere Demokratisierung unseres öffentlichen Lebens getreten, die eine so unabweisbar wie die andere. Ebenso unabweisbar, aber auch unendlich mühsam ist es, in der einen wie in der anderen den aristo­kratischen Charakter der bisherigen deutschen Persönlichkeits­bildung zu behaupten. Wir erlebten schwellende Entfaltungs­zeiten und Übergangs- und Kampfeszeiten nacheinander, wie im Gemenge miteinander. Wohl können das, wie wir uns klarmachten, gerade die Zeiten sein, in denen die Persönlich­keiten gedeihen, aber wir selber empfinden zuvörderst den Druck und die Gefährdung, der wir ausgesetzt sind. Doch zugleich hören wir auch den mächtigen Appell, den unsere Zeit an die Persönlichkeit richtet. Lebendiges Altes, erstarrtes Altes, zerschlagenes Altes hat sie um uns herum aufgehäuft, eine Welt des Lebens und der Trümmer zugleich, heute stärker als je durchrauscht vom zerstörenden und reinigenden Sturm­winde des Neuen. Da muß der einzelne wählen und scheiden nach eigenstem Gewissen und Drange, was er behaupten, was er fahren lassen, was er neu ergreifen soll. Er kann das nur leisten, wenn er sich frei vom belastenden Zwange der Ver­gangenheit, aber in tiefer Fühlung mit allen Lebenswerten der Vergangenheit erhält. Modern und geschichtlich zugleich zu denken, ist in solcher Lage nicht nur möglich, sondern notwendig. Nur so kann dem Andrang von außen die stärkste, aber zugleich immer elastische Kraft von innen ent­gegengesetzt und der Lebensnerv der Persönlichkeit, die innere Selbstbestimmung erhalten werden. Niemals ist die Aufforderung an sie dringender gewesen: Werde frei und werde selbst!”

Bild zu: Nepos redivivus, oder: ein paar Seiten für ein Leben

Das Werk ist preiswert über ZVAB oder booklooker zu bekommen.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 franket 23.07.2010, 08:38 Uhr

Das neue Buch von Manfred...

Das neue Buch von Manfred Clauss ist schon ein wenig seltsam: Es fängt mit den Biographien von mythischen Persönlichkeiten an (Zeus etc.), und geht dann nahtlos zu historischen Personen über. Dabei vergisst es z.B. Apollo / Delphi, den ich für wichtiger halte als Helios. Nun gut. Bei den Philosophen fehlen Sokrates und Aristoteles. Caesar und Augustus werden unter der Rubrik "Republikaner" abgehandelt - ups? Unter "Religionsgründer" kein Moses, kein Mohammed, kein Buddha, kein Konfuzius. Nur Christliches. Alles in allem eine extrem willkürliche Auswahl, die hier geboten wird. Was ist nur der rote Faden dieses Buches? . Auch der folgende Satz aus dem Vorwort ist befremdlich: "Wenn am Anfang die « Biographien » dreier Götter stehen, dann trägt dies der überragenden Bedeutung der Religiosität in der Antike Rechnung." - Das besondere an der klassischen, griechischen Antike ist doch wohl eher, dass die Religion in Schranken verwiesen und hinterfragt wurde? . Ein verwirrendes und verwirrtes Buch? Ich habe es nicht gelesen. Nur ins Inhaltsverzeichnis geschaut. Siehe Link.

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0 DerMersch 25.07.2010, 02:31 Uhr

Der Blogeintrag beschwört...

Der Blogeintrag beschwört Reminiszenzen herauf und führt zu interessanten Fragen. Ich erinnere mich lebhaft an die Schullektüre des Nepos: trotz der Anleitung durch einen gebildeten und sensiblen Lehrer wurde doch alles sehr beim Wort genommen, Textkritik fand im Lateinunterricht der siebziger Jahre an einem bayerischen Gymnasium noch nicht einmal im Ansatz statt. Wenn ich wie franket einen Blick in das Inhaltsverzeichnis der “Großen Gestalten der Antike” werfe, fällt mir auf, dass Paulus - historisch korrekt, aber wohl noch immer nicht gottesdiensttauglich - als Religionsstifter geführt wird. Was hat dann aber Jesus unter demselben Rubrum zu suchen? Ist sich Clauss seiner Sache nicht sicher, oder gründete Jesus insgeheim eine Religion? Dies käme einer Sensation gleich, die sein Biograph - ganz im Gestus des Dan Browne - nach 2000 Jahren endlich aufgedeckt hätte. Der Plauderton der Leseprobe auf der Website des Rowohlt-Verlages erinnert an Reinhard Raffalt, dessen Sammlung biographischer Abrisse in “Große Kaiser Roms” ich durchaus lehrreich fand. Bei Biographen scheint mir Vorsicht noch mehr geboten als bei Historikern, die Monographien verfassen. Biographien sind immer cum grano salis zu lesen, denn Dichtung und Wahrheit gehen hier eine unauflösliche Verbindung ein, eine Zwangsheirat, nach der das Genre unabweislich verlangt. Gerade deshalb bezweifle ich, dass das “intensive Leben in der Geschichte und mit ihren Gestalten” nostalgische Gefühle auslösen muss. Es handelte sich bei dieser Symbiose um eine Instrumentalisierung der Geschichte als (grausliches Wort!) “Orientierungswissenschaft”. Sicher, schon den Alten schwebte mit Ciceros Spruch von der Geschichte als Lehrpersonal des Lebens etwas Ähnliches vor, Nietzsche und Benjamin retteten diese Sicht der Dinge in die Gegenwart. Aber bleibt das nicht eine ganz naive Betrachtungsweise? Ich weiß nicht, ob Philologen und Altgeschichtler Arbeiten der historischen Epistemologie lesen, etwa Latour und Daston. Ich finde derlei Lektüre jedenfalls lohnend, das historische Bewusstsein enorm erweiternd. Aber ich habe den Umstand, dass man mich meiner Illusionen beraubt, auch noch nie als Zumutung empfunden. Warum brauchen wir den Stempel des vorgeblich Authentischen, der den so genannten großen Männern der Antike aufgedrückt wird? Könnten wir uns nicht genauso gut am Beispiel literarischer Gestalten erbauen? Von Odysseus und dem Prinzen Genji über Oblomow zu Swann und Ulrich? Sie schreiben: “Man kann die Gegenprobe rasch machen: Warum gibt es solche Bände immer wieder, aber noch keinen ähnlich angelegten und auf Verbreitung angelegten Sammelband über Kaiser, Gelehrte und Denker des chinesischen Altertums?” Spricht aus diesem Satz ein Leiden an der Tatsache, dass es trotz des Fischer Verlages traditionsreicher Reihe und der Propyläen Weltgeschichte noch immer keine weltgeschichtliche Betrachtung gibt, welche die Vielfalt der Kulturen und Geschichten zu erfassen suchte und als allgemeines Bildungsgut zu vermitteln in der Lage wäre? Wollte man das chinesische Altertum biographisch durchmessen, führte kein Weg an den Aufzeichnungen des Sima Qian vorbei, oft ist er die einzige Quelle. Biographien sind in China wohl noch stärker hagiographisch geprägt als in anderen Literaturen, aber gerade das wäre einer erfolgreichen Vermarktung ja hilfreich.

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FAZ Redaktion