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Am Dreiweg in Soho: Greek Street verfremdet und erneuert mörderische Mythen

02.08.2010, 05:05 Uhr

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Seit Frank Millers „300″ war es längere Zeit ruhig um Comics mit antiken Stoffen. Doch seit 2009 gibt es eine neue Serie gezeichneter Geschichten dieser Kategorie. Greek Street, eine amerikanische Graphic Novel, entwickelt und getextet von Peter Milligan, gezeichnet von Davide Gianfelice, erscheint seit September 2009 in einem Heft monatlich in dem zu DC gehörenden Label Vertigo; ein Sammelband Blood Calls for Blood kam kürzlich heraus, ein weiterer (Cassandra Complex) ist für den Spätherbst angekündigt.

Die Greek Street, ein Schauplatz in Dickens’ Tale Of Two Cities, zieht sich durch Soho, gesäumt von Bars, Striplokalen und Clubs mit ihren Hinterzimmern, bevölkert von Kleinganoven, ‘leichten Mädchen’ und Mobstern schwereren Kalibers. Hauptakteur des Milieukrimis mit phantastischen Elementen ist Eddie, elternlos aufgewachsen, ruhelos, vom Fürsorgesystem in eine unberechenbare Welt entlassen. Mit 18 trifft er eine ältere Frau, schläft mit ihr. Wenig später ist sie tot. Dann trifft er auf seinen Vater. Auch das geht nicht ohne Gewalt ab. Schon hier ist klar: Die Oedipus-Geschichte ist hier nicht einfach in ein modernes Ambiente versetzt, und wer Gustav Schwab gelesen hat, weiß damit noch nicht, wie die mit kräftigen Strichen gezeichneten und in dunkle Farben getauchten Bilderfolgen ausgehen. Aber die mythischen Erzählungen haben die Macher inspiriert. Eine Serie grausamer Morde erscheint besonders bizarr, weil der Mörder Zettel in den Leichen plaziert. Den Text darauf vermag Inspektor Dedalus nicht zu lesen – es handelt sich um Altgriechisch. Der Polizist wendet sich an den Aristokraten und Gelehrten Baron Menon of Ilium; dieser identifiziert die Rätselzeichen als Verse aus Euripides’ „Medea”:

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O wäre doch die Argo nicht geflogen bis

zum Land der Kolcher, durch die dunklen Symplegaden,

und niemals unterm Beil im Tal des Pelion

gestürzt die Fichte – hätte sie auch Ruder nicht

verschafft der Faust der Helden, die das Goldne Vlies

für Pelias gebracht: Dann wäre meine Herrin

Medeia nicht zur Burg des Landes von Iolkos

gefahren, blind in ihrer Liebe zu Iason. (1-8, Übers. D. Ebener)

 

Zwei Experten für mordlustige Frauen und ihre Verfahren haben sich getroffen. Dann sagt der Lord, stellvertretend für die Macher, „Auf den ersten Blick mögen diese Tragödien unglaublich fremd auf uns wirken. Aber nichts ändert sich wirklich. Wir kämpfen immer noch mit den gleichen Dingen und werden unverändert von ihnen zerstört.”

Wenn Greek Street weiter erfolgreich ist, wird es irgendwann eine Anthologie griechischer Tragödien als Graphic Novels geben, verstörend und nah, wie einst die Stücke gewesen sind, allerdings mit mehr Action, Sex und Grusel. Die verfremdende Verpflanzung ist für Milligan „a way of using those fantastically rich stories from Greek Tragedy to take a look at our world, and to explore some of the things I think about this world”. Dieses Weltbild ist freilich mit einem soliden anthropologischen Pessimismus grundiert, wie es Jacob Burckhardt gefallen, Winckelmann aber schockiert hätte: „The idea that what we might call ‘human progress’ is a myth is one of the central conceits of Greek Street. Those ancient stories speak to us, I think, because fundamentally we have not changed or progressed that much. Our gods might be different, or at least go under different names. Our technology has obviously advanced. But when it comes to a lot of the really important human stuff, I wonder if we ever really progress.” Und der Stoff ist, wie gesagt, reich: „At first, I was interested in exploring just The Orestia, that incredible, difficult bloody tale of Clytemnestra, Agamemnon, Orestes et al. Then I opened up the camera, to include any damn Tragedy I wanted!”

Eine Nebenbemerkung im Interview mit Milligan ist aufschlußreich, weil sie zeigt: ‘Antike’ kann zwar in allen möglichen Variationen und Interpretationen ihr Publikum erreichen und ihre Lebendigkeit dartun. Aber damit dies gelingt, sind gewisse ‘konventionelle’ Voraussetzungen erforderlich. Die konkrete Inspiration kam dem Schöpfer von Greek Street durch eine erneute Lektüre von Aischylos’ Orestie. Aber der gebürtige Ire Milligan berichtet, wie er in der Schule die antike griechische Kultur kennenlernte, im Britischen Museum die Elgin Marbles und die Vasenbilder in sich aufsog.

Heft für Heft wird der Kreis erweitert. Es gibt wilde Frauen und ein “House of Fureys”. Eddies von Visionen gehetzte spätere Freundin hört auf den Namen Sandy (Kassandra), deren Mutter heißt Jo(kaste), Lady Esther geht auf Klytaimnestra zurück, Achilles tritt als Auftragskillers auf. Im Striplokal „Olimpya” führen die Mädchen als griechischer Chor kommentierend durch die Handlung.

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Die Übersiedlung antiker Figuren in die Gegenwart der Comic-Strips ist nicht ganz neu. In den 40ern löste die figurbetont gekleidete Amazonenprinzessin Wonder Woman mit ihrem goldenen Lasso bei unzähligen amerikanischen Teenagern feuchte Träume aus. Ein (hierzulande wenig bekannter) Zyklus des legendären Jack Kirby hieß Ende der 60er Jahre „New Gods”. In den Romanen um Percy (Perseus) Jackson, die manche als ebenbürtige Nachfolger von Harry Potter sehen wollen, verankert der Autor Rick Riodan seit 2005 die Götter des Olymps an der Ostküste Amerikas. Sie leben im obersten Stockwerk des Empire State Building und liegen immer noch im Streit. Wenn der Eingang zum Hades in Los Angeles liegt, so erinnert das ein wenig an Woody Allens Antwort auf die Frage, warum in Hollywood die Straßen so geleckt sauber seien: Hier verwandele man seinen Müll in Fernsehprogramme. Prokrustes führt ein Wasserbettgeschäft, Medusa einen Laden für Gartenzwerge.

So witzig und erhaben zugleich geht es in Soho nicht zu. Wie lange Greek Street laufen und ob es eine deutsche Ausgabe geben wird, ist – wie bei den meisten Comics für Erwachsene – unklar.

 
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