Home
Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Nachgelesen (I): Weltgeschichte, alt und neu

| 0 Lesermeinungen

Vor knapp einem Jahr war an dieser Stelle Kritik an einer ambitionierten neuen Weltgeschichte zu üben. Zu monieren war vor allem, daß die Herausgeber so tun,...

Vor knapp einem Jahr war an dieser Stelle Kritik an einer ambitionierten neuen Weltgeschichte zu üben. Zu monieren war vor allem, daß die Herausgeber so tun, als sei seit der Universalhistorie der Aufklärungszeit nichts mehr passiert, da das 19. und 20. Jahrhundert angeblich „noch überwiegend im Lichte einer Nationalgeschichtsschreibung die Geschichte zu verstehen suchte“. Das liegt völlig neben der Sache, wie ein eben erschienener Band nochmals belegt: Wolfgang Hardtwig, Philipp Müller (Hg.), Die Vergangenheit der Weltgeschichte. Universalhistorisches Denken in Berlin 1800-1933, Vandenhoeck & Rupprecht 2010, 314 S. Auf die Einleitung folgen Aufsätze zu einzelnen Historikern, die ‘Weltgeschichten‘ verfaßt oder andere universalhistorisch ausgerichtete Bücher publiziert haben: Fichte. Hegel, Droysen, Kugler, C. Ritter, Ranke, Breysig, Delbrück, Ed. Meyer, v. Harnack, D. Schäfer und Sombart.

Ulrich Muhlack behandelt eindringlich „Das Problem der Weltgeschichte bei Leopold Ranke“ und zeigt, daß dieser nicht nur in seiner als Greis verfaßten, unvollendet gebliebenen  Weltgeschichte stets den ganzen historischen Zusammenhang im Blick hatte. Einen rezenten Anlaß für das 1877 begonnene Alterswerk gab die Erfahrung der ersten Globalisierung durch Telegraphie, Dampfschiffe und Eisenbahnen; „auf dem weiten Globus giebt es keine absolute Trennung mehr“.

Als akademischer Lehrer hatte Ranke (1795-1881) von Anfang an stets alle Epochen behandelt, oft in einem einzigen Durchgang, ging es ihm doch darum, „den Gang der menschlichen Entwicklung, die Idee der Weltgeschichte aufzusuchen“. Auch als sich der Gelehrte forschend der Geschichte der Staaten in der europäischen Neuzeit zuwandte, betrachtete er diese als Teile der Weltgeschichte, die für ihn der Inbegriff der Geschichte überhaupt war. Als Kollege und Antipode von Hegel in Berlin blieb ihm gar nichts anderes übrig, wollte er nicht dem Verdikt eines bloß Tatsachen zusammenhäufenden Empiristen verfallen (was dann dennoch geschah). Schon der Student notierte aus Friedrich Schlegel: „Ohne Geschichte wird aus der Philosophie nur Sekten- und Formelwesen, ohne Philosophie ist die Geschichte nur ein Haufen von Materialien ohne Einheit, Zweck, Resultat.“ Kritikern seines Erstlingswerkes »Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494-1535« (1824) hielt er entgegen, das Allgemeine sei (nur) durch das Besondere überhaupt zur Evidenz zu bringen. Die gedankliche Innovation für die Weltgeschichtsschreibung aber liegt darin, die Geschichte – ohne Teleologie, aber gerichtet – als einen prinzipiell nicht abzuschließenden Prozeß zu betrachten; diesen Prozeß aber sah er strukturiert durch die zunehmende Verbindung von Völkern und Menschen untereinander – Geschichte als Kontaktgeschichte (heute heißt das modisch entangled history).

Bild zu: Nachgelesen (I): Weltgeschichte, alt und neu

Weltgeschichte 1,1, Vorrede

Die Verbindungen zogen in dieser Sicht immer weitere Kreise; die Menschen öffneten sich zur Welt und schließen sich zu „Völkerfamilien“ zusammen. Diese sind die wichtigsten Akteure der Geschichte. Die Nationen aber „können in keinem andern Zusammenhang in Betracht kommen, als inwiefern sie, die eine auf die andere wirkend, nach einander erscheinen und miteinander eine lebendige Gesammtheit ausmachen“ (ebd., S. VI).

In diesem Sinne einer Begegnungsgeschichte läßt Ranke seine Französische Geschichte mit den Kelten beginnen, die durch ihre Raub- und Wanderzüge ein Schrecken der Alten Welt waren, bis Caesar das Gebiet eroberte und dieses durch die Romanisierung zu einem prosperierenden Teil des Reiches wurde, volkreich, gebildet, religiös zivilisiert. Auch in der Weltgeschichte wurden dann solche funkenschlagenden Begegnungen immer wieder hervorgehoben, anfangend mit dem alten Ägypten. Ausführlich beschreibt Ranke eine Grabmalerei, die einen „Landpfleger“ eine Gesandtschaft empfangen läßt, berichtet von Kriegen und davon, wie Ägypten „mit den Arabern in commercielle Verbindung“ trat. Meist waren es antagonistische Begegnungen, die etwa als erstes ein ägyptisch-semitisches Völkersystem schufen, in dem die Geschichte des Alten Orients Gestalt gewann. So ordnete er die Rolle des (neu-)assyrischen Reiches mit sicheren Strichen ein (Weltgeschichte 1, 1, 120f.):

Bild zu: Nachgelesen (I): Weltgeschichte, alt und neu

Bild zu: Nachgelesen (I): Weltgeschichte, alt und neu

China und Indien hingegen, die Aufklärern wie Voltaire gleichsam als Urvölker der Menschheitsgeschichte und daher besonders betrachtenswert galten, konnten im Ranke’schen Modell als „Völker eines ewigen Stillstandes“ wenigstens am Anfang keine Rolle spielen. Doch sofern sie, „die eine auf die andere wirkend, nach einander erscheinen und miteinander eine lebendige Gesammtheit ausmachen“, sind sie selbstverständlich historisch relevant. Ranke sah dies im Kontext des Mongolensturms gegeben.

In der Weltgeschichte und an anderer Stelle wurden selbstverständlich auch die antiken Autoren gewürdigt, die die universalgeschichtliche Fackel entzündet und weitergetragen hatten wie Herodot, Polybios und Diodor. Eine Abhandlung „Zur Chronologie des Eusebius“ (Weltgeschichte 1, 2, 281-300) wird eröffnet mit dem Satz: „Universalgeschichte könnte es nicht geben, ohne eine die verschiedenen Völker zusammenfassende Chronologie.“

0

Hinterlasse eine Lesermeinung