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Konfuzius vs. Aristoteles? Erziehungsstile in der Diskussion

02.02.2011, 09:14 Uhr

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Das Buch von Amy Chua, das in den Vereinigten Staaten zur Zeit Furore macht, wird hierzulande wahrscheinlich keine größeren Diskussionen auslösen (Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte; der Originaltitel ist spektakulärer: Battle Hymn of the Tiger Mother). Zu unannehmbar, aus der Welt gefallen erscheinen die Erziehungsmethoden, die Chua an ihren beiden Töchtern praktiziert hat. Auf Partys zu gehen, Alkohol zu trinken und früh Sex zu haben erscheint als ein selbstverständliches, nicht mehr zu widerrufendes Recht für Heranwachsende, und wem bei der Zustandsbeschreibung der chinesischstämmigen Juraprofessorin an der Yale-Universität vielleicht doch etwa mulmig wird, kann sich damit trösten, daß ‘unser’ Bildungssystem in der Breite doch noch etwas besser funktioniert als das amerikanische. Leistung erscheint zumindest im pädagogischen Diskurs weitgehend diskreditiert, konnotiert mit Wörtern wie ‘-druck’. Die Korrelation zwischen Leistung und Glück, von Elisabeth Noelle-Neumann aus ihren demoskopischen Forschungsergebnissen heraus immer wieder hervorgehoben, spielt kaum noch eine Rolle. Und gegenüber den Chinesen kann man sich immer noch damit beruhigen (oder betrügen), daß ‘unsere’ Praxis die jungen Leute kreativer macht – als ob Kreativität ohne Können Sinnvolles hervorzubringen vermöchte!

Zufällig bin ich gerade in diesen Tagen, als die Diskussion über Chuas Buch auch nach Deutschland getragen wurde (s. FAZ v. 22. Jan.), in einem Lektürekurs zu Aristoteles’ Politik auf einschlägige Aussagen gestoßen. Wir lesen einen Abschnitt über die Erziehung im siebten und achten Buch im Original. Aristoteles plädiert für die gemeinschaftliche Erziehung, wie sie in Sparta praktiziert wurde, vor allem aber dafür, auf die Erziehung generell große Aufmerksamkeit zu verwenden. Über Inhalte und Verfahren konstatiert er jedoch große Uneinigkeit, etwa darüber, ob die intellektuelle Schulung (dianoia) oder die Haltung der Seele im Vordergrund stehen sollten. „In der alltäglichen Erziehungspraxis ist der Blick verwirrt und ist es keineswegs klar, ob die für das Leben nützlichen Dinge eingeübt werden sollten oder das auf die aretê Zielende oder die perittá, die nicht anwendbaren, ‘zwecklosen’ Gegenstände.” Auf letzterem Gedanken wurde einst die neuhumanistische Erziehung (mit) gebaut: Da der Mensch nicht Mittel zu einem Zweck, sondern selbst Zweck ist, sollte auch die Bildung dazu dienen, ihn zuvörderst zu sich selbst zu bringen und nicht in erster Linie ‘fit’ zu machen für einen außerhalb liegenden Zweck. (Ob auch die Werbung für den Lateinunterricht diesen Gedanken wieder auszusprechen wagt? Wohl eher nicht; Angst und Distinktionsbedürfnis der Mittelschicht sprechen eher für eine funktionale Rechtfertigung.) Natürlich muß auch das Notwendige an nützlichen Kenntnissen erworben werden (ta anankaia tôn chrêsimôn). Zur Erziehung eines freien Menschen – Aristoteles unterschied hier, den Gegebenheiten entsprechend, sehr deutlich die freien Menschen von den Unfreien, den Sklaven – gehöre es auch, an den relevanten Einsichten und Fertigkeiten teilzuhaben „bis zu einem gewissen Grad” (mechri toû tinos), aber allzusehr nach Perfektion (akribeian) zu streben schädigt den Charakter eher.

Selbstverständlich ist es verboten, einzelne Aussagen antiker Philosophen aus ihrem Zusammenhang herauszureißen und als normative Maximen für die jeweilige Gegenwart zu lesen. Das ist bekanntlich oft geschehen, und in den langen zwölf deutschen Jahren ging vielleicht ein anderer Satz aus dem hier referierten Abschnitt in Anthologien ein: „Man darf nicht glauben, irgendein Bürger gehöre sich selbst, vielmehr gehören alle der Polis, denn jeder ist ein Teil der Polis. Und die Sorge um jedes einzelne Teil richtet sich natürlicherweise an der Sorge um das Ganze aus.” Ersetze Polis durch Staat, wie es Schütrumpf in seiner Übersetzung tut, oder gar durch Volk, und die Bescherung ist da.

Dieser Weg ist also versperrt. Aber mit Aristoteles im Gepäck liest man Amy Chuan anders. Auch der Philosoph sieht die Physis des Menschen als ein Potential, das durch Erziehungs- und Selbstarbeit an der vollendeten aretê auszuschöpfen ist. Aber diese ist nicht einseitig zu verstehen, und gegen die Entfaltung geistiger Spontaneität durch soziales Leben hätte der größte antike Denker die Wirklichkeit nichts einzuwenden gehabt, schon weil diese Wirklichkeit in ihrer Vielfalt Extreme abzuschleifen geeignet war.

Bild zu: Konfuzius vs. Aristoteles? Erziehungsstile in der Diskussion

Aristoteles, Politik 7,1-2  1337a26 – 1337b21.

Aristoteles, Politik, Buch VII/VIII. Übers. und erläutert von Eckardt Schütrumpf (Aristoteles, Werke in deutscher Übersetzung, 9 IV), Berlin 2005.

 

Veröffentlicht unter: Humanismus, Aristoteles, Erziehung, Amy Chua

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 Devin08 02.02.2011, 19:11 Uhr

Gleich ob Aristoteles oder...

Gleich ob Aristoteles oder Konfuzius – uneinholbar aus heutiger Sicht . In der Tat: Das ist nicht nur chinesisch. Ich kenne das auch aus dem Iran. Da werden Kinder ebenso gedrillt. Kunst und Musik gelten dort als ebenso brotlos wie Literatur und Philosophie. Entsprechende Leidenschaften werden dem Zögling so abgewöhnt wie das Saugen an der Brust der Mutter oder am Daumen - oder auch die Linkshändigkeit. Jeder will am liebsten Arzt werden. Und Ordnung wie Sauberkind werden dem Kind wahrscheinlich schon beigebracht, bevor dies ohne Windeln schläft. Es ist Erziehungsterror, nicht nur im Dienste eines (äußeren) Erfolgs, sondern mehr Ausdruck des gelebten puristischen Ideals in der orientalischen Welt. Leer sind die Räume, sauber wie geleckt die Böden, weiß die Lieblingsfarbe der meisten, immer ordentlich und adrett – die Kinder ab der Mittelschicht aufwärts. . Man darf sich ruhig fragen, ob einem der vielleicht etwas narzisstisch nämlich selbst verliebte Europäer nicht doch lieber ist als der nihilistische Selbstzerstörer in einem solchen Orient. Und es gibt mir zu denken, dass unsere postmoderne Managerkaste sich daran ein Beispiel nehmen möchte. . Mit Konfuzius hat das im Übrigen nur noch die äußeren Regeln gemein. Das Prinzip der Gelassenheit vielleicht, das aber bis zur Unterordnung dehnungsfähig ist. Denn „gelassen“ kann man einen solchen Ehrgeiz wohl nicht mehr nennen. . Wenn es einen nicht ökonomischen Grund gab, für die Vormachtstellung des Westens, gegenüber dem Osten, einen, der sich schließlich auch in der Kriegsführung zu beweisen hatte (schon im Ansatz bei Alexander!, http://blog.herold-binsack.eu/?p=1354), dann lag der wohl in der Kultur der Anerkennung der Vielfalt, der Begünstigung von Selbstverantwortung und eben nicht von devoter Unterordnung. . Selbst solche ungerechten Kriege wie sie sich zum Beispiel auch in der Niederschlagung eines Boxeraufstandes in China zeigten, sind eben nicht nur dank besserer Waffentechnik, sondern eben auch wegen des freierer (wenn auch nicht eines unbedingt besseren) Geistes in Armeeführung wie auch unter den Soldaten für den Westen gewonnen worden, was auch immer das für den Westen (und den Osten) gebracht haben mag. . Wer das heute zu relativieren sucht, täuscht sich bezüglich des Grundes für einen solchen Systemwechsel im Denken. Das ist nicht Ausdruck einer größeren Offenheit, oder gar einer globalen Philosophie, sondern verzweifelter Ausdruck eines ebenso verzweifelten Kampfes um Vormacht in der Phase des Niedergangs des Kapitals http://blog.herold-binsack.eu/?p=1372. . Gleich ob Aristoteles oder Konfuzius, beide sind nicht nur überholt, sondern auch nicht mehr rückholbar, quasi uneinholbar – aus heutiger Sicht.

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0 franket 03.02.2011, 22:12 Uhr

Wenn man der Quelle glauben...

Wenn man der Quelle glauben darf, hat die Tiger-Mom mit Konfuzius wohl nicht so viel zu tun: . "Von entscheidendem Wert für die Erhaltung und Stärkung von Staat und Ge­sellschaft war die Erziehung. Konfuzius verlangt eine Vermehrung und Verbesserung des allen in gleicher Weise zugänglichen öffentlichen Unter­richts. Seine Gedanken über Erziehung wurden nach seinem Tode für Jahr­hunderte zur Grundlage des chinesischen Erziehungssystems ge­macht. Mehr noch als bloßes Wissen betonte er die Wichtigkeit der Ausbildung des künstlerischen Empfindens und der Erziehung zu Anstand und Sitte. Er hob den Nutzen der Literatur hervor, die die Gefühle anregte, zur Pflichterfüllung verhalf, den Gesichtskreis und die Kenntnis von Welt und Menschen, von Tieren und Pflanzen erweiterte. Außerdem erklärte er die Musik zu einem weiteren Grundpfeiler der allgemeinen Bildung. Laut Konfuzius war Musik mit der Güte verwandt, und durch die Beschäftigung mit ihr gewannen die Menschen ein gutes und aufrichtiges Herz."

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FAZ Redaktion