Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren
 

Scharfes Auge, scharfe Zunge – zum 75. Geburtstag des Archäologen Klaus Fittschen

03.06.2011, 11:18 Uhr

Von

Eine akademische Disziplin ist auch darin lebendig, dass manche ihrer führenden Vertreter so gar nicht dem Klischee entsprechen, das aus dem vermeintlichen Charakter des Faches leicht abgeleitet wird. Gewiß gab und gibt es Klassische Archäologen, die als Humanisten und Schöngeister gelten können und denen ihre Freude an der schönen Form in schwungvolle Beredsamkeit fließt. Klaus Fittschen, der am 31. Mai 75 Jahre alt wurde, gehört nicht zu diesem Typ. Sein Habitus als Kritiker, schneidende Fragen wie „Haben Sie das geprüft?”, spontane Examinationen in der Vorlesung und der berühmt-berüchtigte Gang durch die Göttinger Abgußsammlung im Zuge der Zwischenprüfung haben viele Studierende abgeschreckt (leider auch mich) und die Mutigen in ständiger Spannung gehalten. Wer es aushielt, bekam die beste denkbare Schulung im Sehen und im Prüfen. Sein ausgeprägter Realitätssinn verlangte vom Nachwuchs eher fundiertes Wissen als Gewandtheit im Theoretischen. Ein unbändiger Fleiß war selbstverständliche Voraussetzung und konnte es sein, weil der Lehrer selbst ihn lebte. Von letzterem zeugen an die 200 Publikationen.

Klaus Fittschen, 1936 in Salzhausen bei Lüneburg geboren, wurde 1964 in Tübingen mit „Untersuchungen zum Beginn der Sagendarstellungen bei den Griechen” promoviert. Nach dem Reisestipendium wurde er Assistent an der neugegründeten Ruhr-Universität Bochum und habilitierte sich dort 1970 mit einer Arbeit zur „Chronologie der römischen Plastik im 3. Jahrhundert n. Chr.” 1976 wurde er nach Göttingen berufen.

Fittschen hat wesentlich dazu beigetragen, die Klassische Archäologie von einer Kunstwissenschaft der Antike in eine breite angelegte historische Wissenschaft zu überführen. Ausgehend von der Bildkunst griechischer Vasen wurde er in den 1970er- und 1980er-Jahren zum profilierten Vertreter der Erforschung römischer Porträts. Durch seine Arbeiten wurde die Benennung der Kaiserporträts auf eine sichere Grundlage gestellt. Zusammen mit Paul Zanker entwickelte er wichtige historische Valenzen des römischen Porträts, die Erklärung der Vervielfältigung des Kaiserporträts im Römischen Reich, das Phänomen von Moden im Privatporträt und das sog. Zeitgesicht. Der monumentale „Katalog der Römischen Porträts in den Capitolinischen Sammlungen” ist das Dokument eines neuen Wissenschaftsbegriffs in der Archäologie. Fittschen hat sich auch mit griechischen Portraits sowie mit der Chronologie und Deutung römischer Sarkophage befaßt.

Die Berufung ans Deutsche Archäologische Instituts in Athen, dem er von 1989 bis 2001 vorstand, war in den Augen vieler Beobachter wenig glücklich, da in Griechenland die strengen Ansprüche an jegliches Tun, denen Fittschen sich selbst zuerst unterwarf, vielfach noch weniger erfüllt werden konnten als anderswo und nachsichtige Liebe zu Land und Leuten hier besonders unentbehrlich sein dürfte. Gleichwohl hat Fittschen wissenschaftlich die Herausforderung durch die neue Wirkungsstätte angenommen und sich auf langen Erkundungen die Topographie und die historische Landeskunde von Hellas erschlossen.

Seit seiner Rückkehr widmet er sich wieder der Skulpturforschung und – neu – der Geschichte und der Tradition des Sammelns und der archäologischen Studien seit dem 18. Jahrhundert. Hierher gehört z.B. die Studie „Die Bildnisgalerie in Herrenhausen bei Hannover. Zur Rezeptions- und Sammlungsgeschichte antiker Porträts”.

Altersmilde erschiene dem Emeritus wahrscheinlich als sachfremdes Sentiment. Seine Rezensionen zu lesen ist nach wie vor ein Vergnügen, wenn auch nicht immer für die Rezensierten. So beschied er die Autorin einer Studie über römische Kinderporträts u.a. so: «Enttäuschend und auch etwas dürftig ist das, was B.-D. nun zu den Bildnissen selbst zu sagen hat. Sie betrachtet sie unter der folgenden Prämisse: „Das Wesen der römischen Porträts liegt darin, daß es typische Qualitäten, Merkmale und Ideale zeigt, weniger als getreues Abbild der Realität … zu verstehen ist”. Deshalb sei „ein besonders hoher Grad an Realitätstreue auch im Fall von Kinderbildnissen, die ja immer auch eine Ehrung des/der Dargestellten beinhalten, nicht anzunehmen” (S. 106). Wäre es nicht besser, einfach hinzusehen, statt den verbreiteten Klischees über „die” römische Porträtkunst zu folgen?»

 

Für fachliche Hinweise danke ich Johannes Bergemann (Göttingen)

 
  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 

Richtlinien für Lesermeinungen

Die FAZ.NET-Redaktion bietet allen registrierten und eingeloggten Nutzern die Möglichkeit, sich mit den aktuellen Beiträgen auf FAZ.NET konstruktiv und kritisch auseinanderzusetzen und eigene Lesermeinungen zu veröffentlichen. Für jede Meinungsäußerung stehen 1000 Zeichen zur Verfügung. Voraussetzung für eine Veröffentlichung ist, dass die Verfasser und Verfasserinnen ihren wirklichen Namen nennen, d.h. in ihrer FAZ.NET-Registrierung den korrekten Vor- und Nachnamen eingetragen haben. Im Falle der Veröffentlichung der Lesermeinung weisen wir am Beitrag den Klarnamen des Lesers aus. Unter Pseudonym oder anonym verfasste Texte können nicht berücksichtigt werden.

Veröffentlicht werden nur Beiträge, die auf den jeweiligen Artikel und sein Thema seriös und sachbezogen eingehen. Links- und rechtsradikale, pornographische, rassistische, beleidigende, verleumderische sowie ruf- und geschäftsschädigende Inhalte können nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig sachlich falsche oder in angemessener Zeit nicht nachprüfbare Behauptungen. Links sind in den Lesermeinungen von FAZ.NET nicht gestattet. Die Redaktion behält sich vor Lesermeinungen zu kürzen oder zu modifizieren. Jeder verfasste Beitrag wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, sofern er diesen Richtlinien für Lesermeinungen nicht zuwiderläuft. Nutzern, die wiederholt versuchen, den Richtlinien nicht entsprechende Beiträge zu veröffentlichen, kann die Registrierung entzogen werden.

Für veröffentlichte Meinungsbeiträge gewähren Sie uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Aussagen ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, zu modifizieren, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen und darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Aussagen einzuräumen sowie die Aussagen in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen.

Weitere Artikel

Datenschutzerklärung

Allgemeine Nutzungsbedingungen von FAZ.NET und seinen Teilbereichen

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass der gesamte Auftritt von FAZ.NET von verschiedenen Suchmaschinen intensiv ausgewertet wird und die Inhalte dort auch gelistet werden. Das schließt die Lesermeinungen automatisch ein, so dass diese auch über FAZ.NET hinaus im Internet jederzeit recherchierbar sind.

Schließen

FAZ Redaktion