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Wörterbuch trifft Wikipedia: Das „Greek-English Lexicon“ als offener Text und Gefangener seiner Geschichte

02.07.2011, 08:19 Uhr

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Kürzlich war hier aus Anlaß eines runden Geburtstagsgedenkens vom nach wie vor führenden altgriechischen Wörterbuch, dem „Liddell-Scott” oder „Liddell-Scott-Jones” (LSJ) die Rede. Ein gelehrter Sammelband zu altsprachlichen Wörterbüchern lädt ein, das Interesse noch etwas zu vertiefen.

Der Herausgeber Christopher Stray beleuchtet einige Gesichtspunkte der Geschichte des LSJ. Deutlich wird etwa, wie gefährdet das Unternehmen nach Liddells Tod war, da sich lange niemand fand, mit Energie eine Neubearbeitung anzugehen, in der die zahlreichen Papyrusfunde neuer Texte zu integrieren waren.

Für Außenstehende dürfte es überraschend sein, daß ein so ehrwürdiges und ehrfurchtgebietendes Werk, das öfter mit den Namen der Bearbeiter als mit seinem Titel abgekürzt wird, manches gemein hat mit einem offenen Text neuester Prägung. Zwar kommt es nach Größe, Gewicht und Gestaltung als ein Monument des Definitiven daher, doch im Detail ist nicht klar, wie der Inhalt zustande gekommen ist und wer im Detail für welche Entscheidung verantwortlich war. Schon kurz nach der Erstauflage kursierte am Westminster College ein Vierzeiler, der die doppelte Autorschaft aufspießt:

            Two men wrote an lexicon, Liddell and Scott;

            Some parts were clever, but some parts were not.

            Hear, all ye learned, and read me this riddle,

            How the wrong parts wrote Scott and the right parts wrote Liddell.

Weniger prominent blieben die zahlreichen Gelehrten, die brieflich Fehler namhaft machten, zusätzliches Belegmaterial übersandten, ganze Artikelgruppen einer kritischen Revision unterzogen oder gar einzelne Artikel neu faßten. Daß diese Kommunikation nicht immer harmonisch verlief, liegt auf der Hand; ein verärgerter Philologe warf Liddell und Scott Ignoranz und „arbitrary processes” bei der Revision vor. Zahlreiche pensionierte Lehrer und Pfarrer schickten ihre mit Marginalien versehenen Handexemplare ein und erhielten ein Exemplar der aktuellen Auflage als Anerkennung. Der Verlag beschäftigte zusätzlich Lektoren, die Korrektur lasen. Jede Überarbeitung für eine Neuauflage stellte abgesehen von den wissenschaftlichen Gesichtspunkten einen äußerst komplexen Prozeß dar; neue Erkenntnisse und Einschätzungen flossen ein, eine Rolle spielten Fragen der Drucktechnik, dann der Mittelweg zwischen Leserfreundlichkeit und äußerst ökonomischer Präsentation eines Höchstmaßes an Information auf möglichst wenig Seiten sowie die schwierige Einschätzung, wie hoch die nächste Auflage zu sein habe (damit das Werk bis zur nächsten Neubearbeitung weder zu lange vergriffen sei noch eine hohe Zahl von Restexemplaren unverkäuflich liegenbleibe). Als der konventionelle Lettersatz durch eine einzige Druckplatte pro Seite ersetzt wurde (sog. Galvanodruck), erforderte das ein ganz neues Korrekturregime. Auch mußte immer wieder entschieden werden, ob Neuauflage auch Neusatz bedeuten sollte oder man es bei kleinen Korrekturen in den Platten und Zusätzen im Anhang bewenden ließ. Und schließlich war es peinlich, wenn die gedruckten Textbelege von den im gleichen Verlag erschienenen Textausgaben abwichen. Insgesamt muß man, trotz der Verantwortung der namentlich genannten Macher, von einem Kollektivunternehmen ausgehen, das sich von der Wikipedia allerdings dadurch unterscheidet, daß es beim LSJ am Ende eine Person oder wenige Personen sind, die dafür verantwortlich zeichnen, was tatsächlich gedruckt wird. Und die Bindung an ein gedrucktes Buch eines kommerziellen Verlags schränkte die Freiheit am Ende aus den eben skizzierten Gründen zusätzlich ein. Stray bilanziert (pp. 111-112):

“The author (or here, editor(s)) does not disappear, but his/their relationship to the published text is no longer straightforward. To consider the book as the material product of a process of printing and publishing further complicates its identity: the ‘text’ is realised as an impression made by specific types of specific paper, chosen and costed to make a profit for a press which had one foot in its university and another in an international commercial market.

Editorial plurality co-existed, in the history of the Lexicon, with the collaboration of a wider community: not just other scholars, British, German and American, but also the unsung heroes (Marshall, Molyneux, Greentree et al.) without whom the published text would not have seen the light. Yet this was not simply a republic of (Greek) letters: the editors decided what was to be printed, subject to technological constraints, and the evidence … shows that neither contributions nor corrections could be guaranteed to find a place in the revised text. LS is thus a complex phenomenon; it is implicated in questions of lexical meaning and lexicographic technique, but it also belongs to a history of social relations, links with other lexica, economic calculation and the mythicising of scholarship.”

 

Komplementär zu Shays Bilanz steht ein kühner Blick in die Zukunft, den John A.L. Lee wagt. Am Beispiel von agapêtos („geliebt”) verfolgt er zunächst minutiös die Geschichte eines Stichwortes durch die Neubearbeitungen hindurch. Er zeigt, wie die gesunde Substanz des Artikels in der ersten Ausgabe von 1843 ab der vierten Auflage auf die schiefe Bahn geriet, weil Referenz und lexikalische Bedeutung verwechselt wurden: „Geliebt” bezieht sich in einer wichtigen Belegstelle (Hom. Od. 2,365) auf den Sohn, weil dieser der einzige ist; das heißt aber nicht, daß das Wort synonym mit „einziger” ist. Doch mit dieser Verwechslung war die neue lexikalische Bedeutung in der Welt, und in der bisher letzten Neubearbeitung wurde aus ihr noch ein „womit jemand zufrieden sein muß” abgeleitet.

Das Schlamassel (mess) zeige, daß eine neue Ausgabe das Lexikon von seiner eigenen Geschichte und den darin implizierten Beschränkungen befreien muß. Es darf nicht mehr an das gedruckte Buch gefesselt sein. Dieses Format begrenzt etwa die Auswahl der angegebenen Belegstellen, die Mißverständnissen oder einseitigen Interpretationen Vorschub leistet. Textdatenbanken geben in Sekundenschnelle ein Vielfaches an Belegen aus, die kein Lexikograph der Vergangenheit alle finden und bewerten konnte. Nun kommt es zwar nicht in Frage, einem künftigen Benutzer einfach alle Belege vor die Füße zu werfen;auch sie müssen lexikographisch erschlossen, d.h. textkritisch geprüft, interpretiert und angeordnet werden. Aber das Buch mit seinen vielfältigen Beschränkungen wäre dafür definitiv kein brauchbares Format mehr. Das gedruckte Lexikon mit seiner quasi materialen Autorität verführe ferner dazu, es in der Substanz für gelungen zu halten und lediglich Änderungen vorzunehmen, geschuldet natürlich auch der begrenzten Arbeitskraft und der vereinbarten Frist bis zur Abgabe des Manuskripts beim Verlag. So können irrige oder gar falsche Angaben immer weiter durchgeschleppt werden. Die Revisionen entstanden oft stückweise und partikular, auf der Basis von Randnotizen, ohne daß geprüft werden konnte, ob die Änderungen zum stehengebliebenen Rest noch passen. Sie könnten auch nicht begründet werden. Erst eine Präsentation als Datenbank mit verschiedenen Vernetzungen ermöglicht es u.a., Spezialuntersuchungen anzuführen und so dem Benutzer eine Kontrolle und Weiterarbeit zu ermöglichen. Auch die Entscheidung, das Material nach Bedeutungsbereichen, Bedeutungsäquivalenten oder grammatischer Verwendung eines Wortes anzuordnen, gibt im Einzelnen vieles vor und läßt Benutzer mit anderen Präferenzen unbefriedigt.

Am Beispiel von agapêtos führt Lee dann vor, wie eine „ideal electronic database for Greek lexicography” der Zukunft viele verschiedene Bedürfnisse befriedigen könnte, angefangen bei einem übersichtlichen Kurzeintrag für praktische Zwecke während des Spracherwerbs bis hin zu verschiedenen lexikalischen Analyseebenen, der Wortgeschichte und der syntaktischen Verwendung, unterfüttert mit allen Belegstellen (einschließlich kontextbezogenen Übersetzungen) und Literaturangaben im Hintergrund. Ob es dann parallel noch gedruckte Lexika geben solle, sei eine sekundäre Frage. Das Material, so organisiert, ermögliche es, deren verschiedene herzustellen, wobei das ‘Schulwörterbuch’ vielleicht noch am sinnvollsten sei. Ob ein solches Unternehmen institutionell auf die Beine gestellt werden kann, steht dahin. Aber ein vielleicht gangbarer, zumindest diskutabler Weg ist gewiesen.

 

 

Christopher Stray (ed.), Classical Dictionaries. Past, present and future. London: Duckworth 2010; darin:

Christopher Stray, Liddell and Scott: myths and markets (94-118)

John A.L. Lee, Releasing Liddell-Scott from its past (119-138).

 
 

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