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Ein feines Gesellenstück, wieder zugänglich: Gregorovius’ "Hadrian"

27.07.2011, 09:59 Uhr

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Von einem kleinen, offenbar noch jungen Verlag erreicht mich ein schlichtes Taschenbuch: Ferdinand Gregorovius, Hadrian und seine Zeit. Glanz und Untergang Roms. Es ist dies ein Nachdruck der Neuausgabe von 1884, durchgesehen, an die neue Rechtschreibung angepaßt und im Anmerkungsteil um einige Erklärungen erweitert. Die Schrifttype könnte freilich etwas größer sein, um das Buch ermüdungsfrei am Stück lesen zu können. Die ursprüngliche Betitelung – Der Kaiser Hadrian. Gemälde der römisch-hellenischen Welt zu seiner Zeit – muß dem Vorwort entnommen werden, das Erscheinungsjahr der zugrundegelegten Ausgabe fehlt ganz. Die Anmerkungen, im Stil der damaligen Zeit recht willkürlich gesetzt, sind nicht leicht zu dechiffrieren und in der vorliegenden Form nur von Fachleuten zu benutzen. Generell sollten Neuausgaben von klassische Werken der Historiographie nicht ohne ein Nachwort erscheinen, das Autor und Werk vorstellt und würdigt. Sonst bleibt der Leser ohne Orientierung: Warum soll er das Buch lesen? Wie stand es in seiner Zeit und zur behandelten Sache? Wie ist es aufgenommen worden? Welchen Rang kann es heute noch beanspruchen?

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Der Hadrian bezeichnet werkbiographisch einen Übergang. Gregorovius (1821-1891) hatte vor der Revolution von 1848 belletristische Werke und einige politische Schriften veröffentlicht. Der erste Versuch in antiker Geschichte kam noch als Tragödie daher (Der Tod des Tiberius, 1851), ihm folgte die Geschichte des römischen Kaisers Hadrian und seiner Zeit, die ebenfalls 1851 erschien. Gregorovius wandte sich dann unter dem Eindruck mehrerer Reisen von der antiken Geschichte ab und begann eine monumentale Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, die seinen Ruhm begründete, zugleich aber auch zum Exempel für die Trennung von historischer Schriftstellerei und Geschichte als Wissenschaft wurde. Die späte Geschichte der Athen im Mittelalter markiert in der Entwicklung der Byzantinistik zur eigenen Disziplin einen wichtigen Schritt.

Leider hat der Verlag nur das knappe Vorwort der Neubearbeitung von 1884 abgedruckt, nicht die höchst aufschlußreiche Vorrede der Erstausgabe (hier als pdf). Darin bezeichnet der Autor die Epoche Hadrians als einen Übergang und möchte sie „das römische Mittelalter genannt wissen”. Den „Prozeß der Auflösung der antiken Welt” sieht Gregorovius hier schon voll im Gange, was aus historischer Sicht zunächst kaum zu überzeugen vermag. Doch der Autor behauptet auch nicht, daß Wohlstand und Zivilisation nachgelassen hätten (das Gegenteil war der Fall). Niedergang deshalb, weil bereits in dieser Zeit die alten Philosophien und Religionen mit der orientalischen Mystik und mit dem Christentum im Kampfe gestanden hätten.

Klarsichtig vermeidet Gregorovius in der ursprünglichen Vorrede, einen ‘großen Täter’ vorstellen zu wollen; vielmehr gelingt ihm ein Paradox: Der mächtigste Mann der damaligen Welt wird zum Gegenstand einer paradigmatischen Biographie, einer Biographie also, die ihre Hauptfigur nicht als Gordische Knoten durchschlagenden Helden, sondern als Spiegel und Ergebnis der Zeitläufte vorstellt: „Die plastische Charakterzeichnung tritt in den Hintergrund, weil Hadrian selbst, wol als hervorragender Repräsentant seiner wunderlichen Welt, die er nach allen Seiten in seiner Individualität abspiegelt, nicht aber als große Individualität auftritt. (…) Ich nahm den merkwürdigen Mann als einen Anhaltspunkt für die Schilderung der römischen Welt jener Periode, (…). Mir war es darum zu thun, in Kürze doch ein möglichst vollständiges Bild von den Zuständen zu geben, weil Hadrian’s Regierungsgeschichte selbst an Ereignissen arm ist.” Arm an Ereignissen, das hieß: arm an Kriegen. Doch gerade dies war es, was Gregorovius anzog. Man muß daran erinnern, daß Jacob Burckhardt zur gleichen Zeit mit seinem Constantin-Buch das Programm einer Kulturgeschichte entwickelte, um Gregorovius’ Kritik verstehen zu können, daß „die Geschichte wie die Geschichtsschreibung der Menschheit von all’ den Kriegen, Kriegsthaten, diplomatischen Intriguen und Berichten von Eroberungen und Schlachten noch immer nicht zu einer Geschichte der friedlichen Menschheit oder zu einer Geschichte der Gesellschaft gelangen kann. Diese hieße eigentlich die wahre Philosophie der Geschichte, welche uns noch fehlt, in so fern wir noch das Stoffliche nicht überwunden haben.” Damit ist auch eine Erklärung gegeben, warum die religiös-ideengeschichtliche Konstellation, die sich im 2. Jahrhundert n.Chr. zu formieren begann (s.o.), für Gregorovius eine so entscheidende Bedeutung besaß.

Programmatische Aussagen dieses Kalibers hat der Autor in der Neubearbeitung nicht wiederholt; entstanden ist auch sonst nach Disposition und Durchführung ein ganz anderes Buch. Der enorme Zuwachs an Urkunden seit der Erstausgabe ist deutlich zu spüren, mancher kühne Strich mit dem breiten Pinsel ist einer nüchterneren Auffassung gewichen. Eröffnete in der ersten Ausgabe noch ein Kapitel Römische Romantik den Abschnitt über Kultur und geistiges Leben, so trat später eine Art literatur- und wissenssoziologische Skizze an ihre Stelle.

Was in Hadrians langer Regierungszeit (117-138) an Geschehnissen zu greifen ist, namentlich der Regierungsantritt, der Bar Kochba-Aufstand und die Reisen des Kaisers, wird unter „Politische Geschichte” berichtet, während die zweite Hälfte des Werkes „Staat und geistiges Leben” behandelt. Hier findet Gregorovius vielfach treffende Formulierungen. Aelius Aristeides’ berühmte Lobrede auf Rom „ist eine pomphafte Stilübung höfischer Schmeichelei, aber sie spricht Tatsachen und Überzeugungen aus, die dem Zeitalter selbst angehören.” Diese Einschätzung kann sich sehen lassen. Vom Römischen Reich heißt es: „Die Kultur des Reiches war das aufgesammelte Ergebnis alles dessen, was die antike Menschheit an Wissenschaften und Künsten, an politischen und sozialen Formen erzeugt hatte, und diese Schöpfungen gehörten wesentlich den drei großen Sprach- und Völkergruppen der geschichtlichen Welt an. Die Semiten freilich waren mit dem Falle ihrer Staaten in Asien und Afrika politisch untergegangen, aber aus dem Judentum hatte sich eine neue Religion erhoben, welche das Reich zu durchdringen und umzugestalten begann. Römer und Hellenen dagegen waren die gebietenden Völker der zivilisierten Welt, jene als die Herrscher und Gesetzgeber, diese durch ihre Bildungsmacht. Sie hatten das Reich auch geographisch in zwei Sprachgebiete so unter sich geteilt, dass der Orient griechisch, der Okzident römisch war. Zugleich waren beide Idiome vermittelnde Weltsprachen, die jeder Gebildete in Rom wie an der Themse, am Nil wie am Euphrat verstand. Verwaltung, Heerwesen, Recht und Bildung setzten das Gefüge zusammen, in welchem der Organismus des Reiches ruhte, während es seiner politischen Einheit nur in der Zen­tralgewalt des Kaisers sich bewusst war. Denn trotz aller Gleich­mäßigkeit der Regierung trennten Religionen und Sprachen, Landesart und Geschichte die Völker des Reiches voneinander. Der griechische Osten ließ sich nicht romanisieren wie die von Rom aufgesogenen Kelten, Dacier und Thraker des Westens. Die Scheidung des Orients und Okzidents blieb so tief geschichtlich und so naturgemäß, dass früher oder später das Römische Reich in diese zwei Hälften zerfallen musste.”

Den Reisen Hadrians weist Gregorovius mit Recht verschiedene Bedeutungen zu; nicht die unwichtigste war durchaus politischer Natur: Die Reisen waren wichtig, „weil sie den Kaiser Roms in einem ganz neuen Verhältnis zum Orbis Roma­nus darstellen. Die Kenntnis der Welt, welche die geographischen Riesenwerke des Strabo und Plinius in der Literatur beider kos­mischen Sprachen niedergelegt hatte, machte Hadrian zur per­sönlichen Aufgabe und Tat des Fürsten. Vor ihm hatte die Stadt Rom allein die Welt bedeutet, und die Provinzen waren von den Cäsaren nur als Hilfsquellen der alles verschlingenden Hauptstadt ausgebeutet worden. Erst Hadrian hat das Reich als ein einheit­liches Ganzes, und alle seine Teile als einander und auch Rom gleichberechtigt angesehen. (…) Er macht die Allgegenwart des Fürsten zu einem neuen Prinzip der Monarchie, als deren erster Beamter er gelten will. Die Disciplina Augusti wird unter ihm ein Regierungsbegriff, der nicht allein auf das Heer Anwen­dung findet. Sie bedeutet die römische Kultur in feste Formen geprägt durch die Gesetze der Monarchie und die Praxis einer weisen Verwaltung. Wenn diese Disziplin fällt, wird auch Rom fallen.”

 

Die Lektüre zeigt einmal mehr, wie nah sich einst ein historischer Schriftsteller mit Gelehrsamkeit und Urteilsvermögen – damals sagte man „Geschmack” – und sein Lesepublikum sein konnten. Die sich verwissenschaftlichende, auf Quellenkritik pochende Historie tat sich schwerer – gute Gesinnung genügte nicht mehr. Über die englische Übersetzung des Hadrian war 1899 in der Classical Review zu lesen: „Gregorovius had not the strength or grip to write a great book. He never faced fair and square the comparative value of his sources, and his judgments lack weight; yet he is throughout honest and unprejudiced, and has the one cardinal merit of giving all his references. The first half of the book is still, after the fifteen years that have passed since the second German edition appeared, the latest detailed account of the events of Hadrian’s principate. The second part is an interesting sketch of the general culture of the age of the Antonines. The chapters on Art are the best, especially that on the villa at Tivoli, where Gregorovius’s local knowledge makes his touch firmer and surer.”

In der neuesten, reich illustrierten Hadrian-Monographie (Anthony R. Birley, Hadrian. Der rastlose Kaiser. Zaberns Bildbände zur Archäologie. Mainz 2006) ist Gregorovius nicht erwähnt. Schade.

Ferdinand Gregorovius, Hadrian und seine Zeit. Glanz und Untergang Roms. Durchgesehene, an die neue Rechtschreibung angepaßt und im Anmerkungsteil erweiterte Neuausgabe. Wunderkammer Verlag, Frankfurt 2011. 325 S., € 14,95.

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Das Hadrian-Porträt ist einem über 70 Jahre alten Gregorovius-‘Reader’ entnommen: Ferdinand Gregorovius, Werke. Mit 120 Abbildungen auf Tafeln. Paul Aretz Verlag, Berlin o.J. (ca. 1930).

 
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