Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Das Altertum in Entenhausen – eine ungewöhnliche Ferienlektüre

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Es ist Jahrzehnte her, daß ich ein Lustiges Taschenbuch in Händen hatte. Schon damals entstanden die Bände in Italien, und Kenner monierten, die...

Es ist Jahrzehnte her, daß ich ein Lustiges Taschenbuch in Händen hatte. Schon damals entstanden die Bände in Italien, und Kenner monierten, die Fließbandprodukte trügen nur den Namen Walt Disney, mit dem Geist und dem Können von Carl Barks hätten sie nichts mehr zu tun. Nun, Carl Barks und seine deutsche Stimme, die nicht minder berühmte Erika Fuchs, sind tot, und Puristen finden die klassischen Strips in allen Formaten nachgedruckt. Wer Neues will, muß nehmen, was kommt, oder es lassen. Mehr als 400 Ausgaben gibt es inzwischen.

Kürzlich schenkte mit eine Kollegin den vierzigsten Band der Reihe ‘Spezial‘, eine Anthologie aus neuen und älteren Stücken: Abenteuer in der Antike, mit dreizehn Geschichten und einem Rausschmeißer auf der letzten Seite: Der Ägäis-Ausflug. Ithaka, 1000 v.Chr. Jemand der aussieht wie Goofy bucht bei seinem Vetter im Reisebüro Ägäis ein verlängertes Wochenende in Kleinasien. Auf dem Ticket steht: Troja. Der Kunde zieht erfreut vondannen, an der Leine ein kleines Pferd aus Holz. „Also dann, bis nächste Woche, Odysseus“ ruft ihm der Vetter zu. Ziemlich platt, möchte man meinen. Aber immerhin, die Geschichte setzt bei den sie lesenden Kindern einiges an Kenntnissen voraus. Und wer nicht Bescheid weiß, muß keinen Erwachsenen mehr fragen – Odysseus hat in der Wikipedia einen langen Eintrag.

Bild zu: Das Altertum in Entenhausen – eine ungewöhnliche Ferienlektüre

Auch sonst setzen die Geschichten einen gewissen Hintergrund voraus, um wirklich verstanden werden zu können. Aber wahrscheinlich ‘funktionieren‘ sie auf mehreren Ebenen und können auch dann mit Gewinn gelesen werden, wenn bestimmte kulturelle Chiffren unentschlüsselt bleiben. So die Geschichte Der Kampf der Kunstbanausen (aus LTB 126, also schon fast dreißig Jahre alt):

Auf dem Marktplatz von Entenhausen wird ein Denkmal enthüllt; „alle Bonzen sind versammelt!“ Der „veilchenpflückende Herkules“ stammt von Heinrich Moos, hinter dem sich Henry Moore verbergen dürfte. Im Gespräch blamieren sich die beiden verfeindeten Milliardäre Dagobert Duck und Klaas Klever fürchterlich: Der eine hält den Parthenon für ein Werk da Vincis, der andere will ihn korrigieren und nennt Julius Caesar als den Architekten. Einer der befrackten Würdenträger stößt die beiden „Banausen“ mit einem Fußtritt aus der Gesellschaft: „Von Männern in ihrer Position erwartet man ein gewisses Niveau.“ Ob Zehnjährige die Antinomie von Bildungshonoratiorentum und Neureichen nachvollziehen können? Dagobert Duck jedenfalls schämt sich gewaltig, bevor er mit der ihm eigenen Dynamik seinen Mangel zu kompensieren sucht. Er verpaßt seinem berühmten Geldspeicher eine Fassade, die an das Pantheon in Rom erinnert: „Die neoklassizistische Fassade habe ich nach dem Vorbild griechischer Tempel bauen lassen.“ Dagobert berichtet, wie sein peinlicher Aussetzer bei den anderen Mitgliedern des „Milliardärsklubs“ eine fieberhafte Jagd nach antiken Kunstwerken ausgelöst habe: „Ihre Büros strotzen neuerdings nur so von Gemälden, antiken Statuen und anderen Kunstschätzen. Sie geben horrende Summen aus, um ihren Kunstverstand zu demonstrieren.“ Selten wurde der Umtausch von materiellem Kapital in kulturelles so drastisch demonstriert. Aber der Tausch ist noch komplizierter. Erstaunt müssen die Neffen vernehmen, daß die Magnaten sogar ihre Geschäftsbeziehungen zu Dagobert eingestellt haben, nachdem sie mitbekommen hatten, daß dieser „eine Statue nicht von einem Blumentopf unterscheiden kann“. Ist das nicht das Verhältnis von Geld und Geist, von dem jeder Museumsdirektor, jeder Opernintendant träumen muß?

Nun, Dagobert hat nachgerüstet. Stolz zeigt er seine neuerworbenen Skulpturen: Jupiter beim Fernsehen, 4. Jh. v.Chr.; Diana beim Nähen des Goldenen Vlieses (mit einer Nähmaschine), und ein 2000 Jahre alter Herkules beim Kaffeetrinken. Die antikisierende Fassade des Geldspeichers bricht zusammen von Dagoberts Wutschrei, als er hört, einem Schwindler aufgesessen zu sein. Doch vielleicht hat es Klaas Klever nicht besser gemacht? Gleichheit im Scheitern kann auch ein Trost sein. Klever hat seinen Geldspeicher mit einer Kolosseums-Fassade geschmückt. Ist auch seine Kunstsammlung „made in Japan“ (hier offenbart sich das Alter der Geschichte, an China dachte man um 1980 noch nicht). Die korinthische Säule sieht echt aus, dto. der marmorne Diskuswerfer. Eine Sitzstatue trägt sogar eine Inschrift: Publius Sometius fecit Julio Caesare consule. Alles echt, so die Auskunft des Pfadfinderhandbuchs der Großneffen (eine geniale Antizipation: die Universalenzyklopädie im Taschenformat). Dagobert ist erneut gedemütigt; selbst der Emir von Petroh Dhollar (!) macht sein Geschäft mit dem Rivalen Klever, denn mit einem solchen Ignoranten wie Dagobert verhandeln zu müssen wäre ihm unerträglich: „Wenn sich Ihr Kunstverständnis nicht grundlegend ändert, sehen Sie keinen Tropfen Öl mehr von mir!“ (In der Sprechblase steht tatsächlich „Ihr“ und „Sie“!) Dagobert muß den Geldspeicher über den Dienstboteneingang verlassen – die ganze Geschichte liest sich bis dahin wie ein gezeichneter Grundkurs in Sachen Bourdieu und „feine Unterschiede“.

Es folgt eine Detektivgeschichte. Die Ducks finden heraus, daß Klever von den Panzerknackern mit antiken Artefakten beliefert wird und setzen sich auf deren Spur, die – natürlich – nach Rom führt. Dort haben die Diebe zahlreiche Antiken gestohlen und durch Imitationen ersetzt – „Ihr wißt ja, dass das ganze antike Geraffel in Rom ziemlich unbewacht herumsteht.“ Sockel gelockert, die Statue mit dem Kopf des Augustus von Prima Porta per Saugglocke an den Hubschrauber gehängt, ab. „Halb Rom besteht schon aus Styropor.“ Diesem Treiben muß ein Ende bereitet werden, denn: „Diese Kunstschätze aus der Antike sind für alle da. Deshalb gibt’s ja Museen und Ausstellungen!“ Aufgeweckte Leser mögen sich fragen, wie sich die hehre Maxime mit Dagoberts zwischenzeitlicher privatisierender Sammelwut verträgt. Durch ein reichlich kompliziertes Manöver sorgen die Ducks jedenfalls dafür, daß Klaas Klever und die Panzerknacker im Archäologischen Museum zu Rom verhaftet werden. Dort stehen, im Saal II, bekannte Figuren wie etwa der delphische Wagenlenker. Am Ende siegreich, bietet Dagobert dem Bürgermeister von Rom an, die diebstahlgefährdeten Antiken in seinem Geldspeicher aufzubewahren.

Ich habe die Lektürezeit nicht bedauert. Immerhin kommt diese Geschichte ohne eine Zeitreise aus und muß auch nicht jeder der bekannten Figuren ein Alter Ego verpassen wie in im letzten Stück, wo Donald und Daisy Duck als „Donaldaton“ und „Nofredaisy“ beim Pharao „Dagobertophis“ dienen und über eine mißglückte Tanzvorführung den Künstler „Dandüshotep“ zur Schöpfung der charakteristischen Darstellung von Figuren im Profil anregen und so den Lauf der Kunstgeschichte Ägyptens verändern.

Ich werde über den Band nicht zum Donaldisten werden. Aber er bietet doch eine gelungene Synthese aus Fragmenten der Antike, einer zur Deutlichkeit simplifizierten modernen Kulturwelt und Mythen sowohl der Antike (Das Goldene Flies) wie der Moderne (Atlantis; Indiana Goof).

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2 Lesermeinungen

  1. Interessanter Beitrag, vielen...
    Interessanter Beitrag, vielen Dank!
    Was die Kenner hinsichtlich italienischer Fließbandprodukte um „Paperino“ bemängeln, kann ich zumindest auf der Textebene nicht teilen: Ein ausgezeichnetes, grammatisch korrektes und zugleich witziges Umgangsitalienisch, das mir sehr beim Spracherwerb als nominell Erwachsener in den achtziger Jahren geholfen hat. Ich kann allerdings keinen Vergleich zu Carl Barks oder Frau Doktor Fuchs ziehen, da ich in den sechziger und siebziger Jahre einen aus heutiger Sicht etwas kruden Cocktail aus Fix und Foxi, Asterix, Yogi Bär und Bubu, Batman, Superman und den Charakteren, welche die Zeichentische der Franko-Belgier bevölkerten, bevorzugt habe. Ich kenne also die vielgepriesenen Disney-Editionen aus eigener Anschauung nicht.
    Das Verdikt einer Elterngeneration vor vierzig Jahren gegen die „Blasensprache“ vermeintlich verdummender Bildergeschichten lässt sich – wie wohl im Grunde die Mehrheit aller pädagogischen Vorbehalte – auf mangelnde Sachkenntnis zurückführen. Die Abenteuer von Batman regten den Freundeskreis zur Vertonung als Hörspiele auf frühen Cassettenrecordern der Marke Philips an, außerdem bastelten wir Schlumpfdörfer. Kreativgene wurden also nicht abgetötet.
    Andererseits wurden Vorlieben beziehungsweise Vorbehalte, ja gar Vorurteile gezeugt: als ich gestern den Trailer zum Schlumpffilm in 3D aus der Produktion des Hegemons sah – namentlich den grimassierenden und ganz offenbar talentfreien Hauptdarsteller Neil Patrick Harris als „all American boy“ und New York als Abenteuerspielplatz für anämisch wirkende Alt- beziehungsweise Parallelwelt-Schlümpfe – erging selbst ich mich in kulturpessimistischen, äußerst trüben Gedanken: Gäbe es nur einen strafenden Gott!

  2. Als alter Donald-Duck- und...
    Als alter Donald-Duck- und Micky-Maus-Purist (Fix und Foxi war mir zu stillos) hat mich dieser Beitrag sehr gefreut, und mich angeregt, a), nachzudenken, was ich sonst noch an antikisierenden Geschichten kannte, es gibt da noch viel mehr, wie mir mein Gedächtnis verrät, und b), Ausschau nach diesem Band 40 zu halten. Ich habe ihn schon stehen sehen, aber dann doch nie gekauft. Das sollte ich jetzt nachholen. Zumal es da ja auch eine Story über Atlantis gibt …
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    Als kleines Dankeschön ein Netzfundstück: „HOMER UND ENTENHAUSEN – Zur Antikenrezeption in den Donald-Duck-Comics von Carl Barks“ auf dem forum Archaeologiae.
    http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.trinkl/forum/forum1200/17comic.htm
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    Und noch ein Fundstück: Das Schlaue Handbuch von Tick, Trick und Track geht auf die Bibliothek von Alexandria zurück! Wer hätte das gedacht …
    http://de.wikipedia.org/wiki/Entenhausen#Das_F.C3.A4hnlein_Fieselschweif_und_sein_Schlaues_Buch

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