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Der unberühmte Übersetzer. Zum Tode des Philologen Dietrich Ebener

29.08.2011, 09:12 Uhr

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Als vor einigen Tagen Vicco von Bülow hochbetagt starb, war die Dankbarkeit verbreitet, verbunden mit dem Gefühl, ein weiteres Stück der guten, überschaubaren Verhältnisse der alten Bundesrepublik verloren zu haben. Es bleibt sein Werk, und „Weihnachten bei Hoppenstedts” oder die abgründige Ballade von der mörderischen Försterin werden weiter zum Kanon der vorfestlichen Wiederholungen gehören.

Auch wenn er nicht zu den bekannten “Großen” seines Faches gehörte – durch die Produkte seiner vornehmlichen Beschäftigung wird auch der Philologe Dietrich Ebener auf absehbare Zeit zumindest dem Namen nach gegenwärtig bleiben. Sein Tod am 13. Juli 2011 im 92. Lebensjahr markiert in diesem Sinne ein beinahe zufälliges Datum und kann deshalb an dieser Stelle auch sehr verspätet Anlaß eines kurzen Gedenkens sein.

Der 1920 geborene Ebener gehörte einem der vom 2. Weltkrieg am stärksten betroffenen Jahrgänge an. Nach Abitur, Kriegseinsatz und einer Verhaftung durch den Sowjetischen Geheimdienst unterrichtete er seit 1946 in Cottbus und Potsdam als Lehrer die Fächer Russisch, Latein, Griechisch und Geschichte, die er nebenbei auch an der HU Berlin studierte. In Halle wurde er 1954 promoviert und habilitierte sich 1956 mit der Arbeit „Kleon und Didodotos. Zum Aufbau und zur Gedankenführung eines Redepaares bei Thukydides”. Schon 1957 wurde Ebener als Professor mit Lehrauftrag Direktor des Instituts für Klassische Philologie der Universität Greifswald: Zwar spielten die Alten Sprachen im neuen sozialistischen Staat längst nicht mehr die Rolle, die sie vor dem Krieg eingenommen hatten, doch bestand ein gewisser Bedarf, da die ‘bürgerlichen’ Gelehrten aus der vergangenen Epoche, soweit sie nicht ohnehin schon entlassen worden oder geflohen waren, allmählich ausschieden und man Wissenschaftler brauchte, die zumindest ihre akademische Sozialisation bereits in der DDR erfahren hatten. Ebener gehörte zu den Privilegierten; er konnte Studienreisen nach Italien, Ägypten, Indien, Sudan und Griechenland machen. Ab 1967 lebte er als freischaffender Autor in Bergholz-Rehbrücke bei Potsdam und widmete sich vollständig seiner Leidenschaft, antike Dichtungen ins Deutsche zu übersetzen. (Daß so etwas in der DDR möglich war, hätte ich nicht gedacht.)

Im Akademie Verlag Berlin erschien eine zweisprachige Euripides-Ausgabe in sechs Bänden (1972-1980). Im Aufbau-Verlag kamen in der „Bibliothek der Antike” die handlichen, in robustes Leinen gebundenen Übersetzungen u.a. von Homer, Aischylos, Theokrit, Nonnos, Terenz, Lukrez und Vergil heraus. Auch ein Band mit den Fragmenten der griechischen Lyriker fand weite Verbreitung. Greifbar sind diese Übersetzungen heute auf der CD-ROM „Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos”, die 2000 als Bd. 30 der „Digitalen Bibliothek” erschien – eine damals wie heute sehr willkommene Zusammenstellung, die rundum zu loben wäre, enthielte sie die bei poetischen Werken unentbehrliche Verszählung.

Ebeners Übersetzungen waren auch auf der Bühne erfolgreich; seine Übersetzung von Euripides’ Troerinnen wurde 1976 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Spyros A. Evangelatos aufgeführt. Seitdem sind mehr als dreißig Euripides-Inszenierungen mit Ebeners Übersetzungen aufgeführt worden, unter anderem von Frank Castorf (Angaben aus der Wikipedia). 1995 erschien als Krönung von Ebeners Werk eine Sophokles-Übertragung. Mir ist kein Übersetzer bekannt, der Versübertragungen aller Dramen der drei großen attischen Tragiker einschließlich der größeren Fragmente zum Druck bringen konnte und zudem die drei erzählenden Großepen der griechischen und römischen Literatur verdeutschte.

Ebener tat dies, wie von einem Philologen zu erwarten sehr reflektiert; in Nachworten, Vorträgen, Aufsätzen und Werkstattberichten legte er seine Grundsätze offen. Zwischen den beiden Extremen einer ausgangssprachlichen Übersetzung (Modell: Schleiermachers Platon) und einer Orientierung an der Zielsprache (Luthers Bibelübertragung) oder, bezogen auf antike Dramen, zwischen dem eher dokumentarischen Übersetzen eines Wolfgang Schadewaldt und dem ‘wirkungsgetreuen” eines Rudolf Schottlaender suchte er den bestmöglichen Weg, philologische Genauigkeit und Lesbarkeit – die bei Dramen auch immer Sprechbarkeit bedeutet – miteinander zu verbinden, stets mit dem Ziel, „Laien heranzuführen an eine eben nicht immer einfache Lektüre”. Ebener sah sehr klar, wie sich eine Kluft auftrat und immer weiter öffnete: Die antike Werke im Original lesen konnten, wurden immer weniger; „auf der anderen Seite aber, und dies in bemerkenswertem Umfang in der DDR, (wächst) die Zahl der allgemein für antike Werke weltliterarischen Ranges Interessierten beständig”.

Der Übersetzer nahm für sich in Anspruch, sich durchaus einen Platz in der Literatur deutscher Sprache erworben zu haben – und rekurrierte damit auf eine Relation, die zu Zeiten von Wieland, Voß und Schlegel/Tieck unbestritten war, danach aber an Gültigkeit verloren hatte. Durch ihre unprätentiöse Genauigkeit unterscheiden sich Ebeners Übersetzungen andererseits von solchen, die ihrerseits – als auch schöpferische Dichter – an diesen Anspruch anknüpften, ihn aber verfehlten; erinnert sei hier nur an die hölderlingestränkten, vom Original eher wegführenden, einst weit verbreiteten Übertragungen der Werke von Homer, Hesiod, Nonnos und Vergil aus der Feder von Thassilo von Scheffer (1873-1951). Ebeners Verdeutschungen „zwischen Übersetzung und Neudichtung” (so der Titel einer seiner Abhandlungen) mußten schon deshalb ‘auf eigenen Füßen stehen’ können, da sie – mit Ausnahme des Euripides – ohne den jeweiligen Originaltext erschienen. Gleichzeitig grenzte er sich deutlich von der zumal am Theater verbreiteten Praxis der reinen Bearbeitung bzw. Nach- und Neudichtung ohne ausreichende Griechischkenntnisse ab. Nur wer das Original in allen wesentlichen Dimensionen – Lexik, Syntax, Versbau – durchschaut habe, könne verantwortlich entscheiden, wo in der Übertragung größere Freiheit in Anspruch genommen werden muß und darf. Der Philologe Ebener gab stets dem Handwerklichen den Vorrang vor dem Dichterischen und stand in diesem Sinne näher bei Schadewaldt als bei Schottlaender.

Zum Schluß eine Probe aus Aischylos’ Die Perser, mit einer etwas frivolen Aktualisierung: Wenn das Staatsschiff zu scheitern droht, erheben sich einstige Kapitäne aus dem Ruhestand und geben Weises oder Zensorisches von sich, so jüngst Helmut Kohl, einmal, oder Helmut Schmidt, fast wöchentlich. Im Theater zu Athen war das im Jahr 472 dramatischer: Der große Dareios war schon tot und mußte erst einmal heraufbeschworen und ins Bild gesetzt werden. Und schon damals galt: Früher war alles besser, wie zu Zeiten Loriots.

CHOR:

    Niemals hat er seine Männer zugrunde gerichtet

    im Wahn, der durch Kriege Verderben bringt;

    »Von Göttern beraten« hieß er bei den Persern,

    von Göttern beraten

    war er in der Tat, führte trefflich sein Heer! Ach!

 

    König, ehrwürdiger König, wohlan, so komme!

    Steig auf die Kuppe des Grabhügels,

    hebe die safrangefärbte Sandale

    an deinem Fuß, lasse leuchten

    die Spitze der Königstiara!

    Komm, Vater Dareios, du Fürst ohne Tadel! Oh!

 

    Vernehmen sollst du neues, unerhörtes Leid,

    Herr meines Herren, erscheine!

    Stygisches Dunkel umweht uns;

    sank doch die junge Mannschaft nunmehr

    dahin, ohne Ausnahme.

    Komm, Vater Dareios, du Fürst ohne Tadel! Oh!

 

    O wehe, o weh!

    Toter du, von Freunden so schmerzlich beweint!

    Wie konnte nur, König, mein König,

    dein Verschulden

    über unser ganzes Volk solch zweifaches Leid

    hereinbrechen lassen?

    Vernichtet sind unsere Dreiruderer,

    Schiffe, die keine Schiffe mehr sind!

 

                  (Der Schatten des Dareios steigt auf.)

 

DAREIOS.

    Ihr Treuen unter den Getreuen, Jugendfreunde,

    ihr greisen Perser, woran leidet unsre Stadt?

    Sie stöhnt, schlägt Haupt und Brust, ihr Grund wird aufgewühlt.

    Ich sehe meine Frau am Grab und hege Furcht,

    nahm freilich ihre Opferspenden gnädig auf.

    Ihr jammert, nah dem Grabmal stehend, und indem

    ihr laut die Schattenwelt beschwört, ruft kläglich ihr

    nach mir; doch ist der Weg herauf durchaus nicht leicht,

    die Götter in der Unterwelt begehren eher

    sich Beute zu gewinnen als sie freizulassen.

    Gleichwohl: ein Herrscher auch in ihrem Kreis, bin ich

    zur Stelle. Sag mir gleich – des Säumens Vorwurf sei

    mir fern -: Welch neues Unheil lastet auf den Persern?

CHOR.

    Ich wage nicht, dich anzuschauen,

    ich wage nicht, eine Antwort zu geben,

    aus alter Ehrfurcht vor dir.

DAREIOS.

    Nun, da ich heraufgekommen, folgsam deinem Klageruf,

    sprich nur, freilich nicht mit vielen Worten, sondern kurz gefaßt,

    und erzähle gründlich alles, ohne jede Scheu vor mir!

CHOR.

    Ich fürchte mich, dir zu willfahren,

    ich fürchte mich, eine Antwort zu geben,

    die man ersparen möchte den Lieben!

DAREIOS.

    Da die Ehrfurcht noch von einst sich deinem Streben widersetzt,

    auf denn, greise Fürstin, die mein Lager teilte, edle Frau,

    höre auf zu weinen und zu klagen, und erteile mir

    deutlich Auskunft! Menschenleid trifft nun einmal die Irdischen.

    Vielfach dringt zu Wasser, dringt zu Lande das Verderben ein

    auf die Sterblichen, wenn sich ihr Leben in die Länge zieht.

ATOSSA.

    Du, der durch ein Glückslos alle Welt an Segen übertrifft

    – denn solange du den Sonnenglanz erblicktest, lebtest du

    wie ein Gott, bewundert von den Persern, reich beglückt dahin,

    heute aber preise ich dich, weil du vor dem tiefen Sturz

    sterben durftest -, hör, Dareios, kurz, das ganze Unheil an:

    In den Abgrund sank, gerad herausgesagt, die Persermacht!

DAREIOS.

    Wie? Brach eine Pest herein? Entzweite Aufruhr unsern Staat?

ATOSSA.

    Nein! Doch bei Athen fand unser ganzes Heer den Untergang.

 

 

Aischylos, Werke in einem Band. Aus dem Griechischen übertragen und herausgegeben von Dietrich Ebener. 2. Auflage. Berlin, Weimar: Aufbau- Verlag 1976, 2. Aufl. 1987.

 

Dietrich Ebener, Blick in die Werkstatt. Zu einigen Problemen der Übersetzung griechischer Tragödien (1973/74), in: Dokumente zur Theorie der Übersetzung antiker Literatur in Deutschland seit 1800. Ausgewählt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen. Hrsg. von Josefine Kitzbichler u.a. (Transformationen der Antike, 10). Berlin 2009, 443-459

Ders., Überlegungen aus Anlaß einer Vergil-Übertragung, in: Klio 67, 1985, 315-325.

Ders., Sind antike Tragödien auf der modernen Bühnen aufführbar?, in: Antikerezeption heute. Protokoll eines Kolloquiums (Beiträge der Winckelmann-Gesellschaft, 13). Stendal 1992, 53-57.

 

Josephine Kitzbichler u.a., Theorie der Übersetzung antiker Literatur in Deutschland seit 1800, Berlin/New York 2009; zu Ebener: 325-328.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 perfekt57 29.08.2011, 15:27 Uhr

Sachlich angemerkt: Wie man...

Sachlich angemerkt: Wie man weiß, konnte man solche Reisen nur unternehmen, wenn man IM war - oder vom MfS (auf Basis entsprechender (häufig zum dem Zwecke gepflegter Pseudo-)Kontakte) sicher für einen solchen gehalten wurde. Und auch die Chefs der genannten Verlage mussten es ungefähr genau so halten, wie sicher feststeht. . Und zweitens: Man kann sehr wohl auch gut alt werden in/unter einer Diktatur, eben wenn man sich mit dem Unveränderlichen, der "Dummheit" und dem wechselnden Streben der Menschen ein wenig abzufinden gelernt, und daüber hinaus unterrichtet wäre, dass und wie der geistige Kosmos stattdessen zu nutzen (und zu mehren) wäre. . Cuba ist auch so ein Beispiel. Spätestens nächste Forschungen hinsichtlich duchschnittlicher Lebensalter werden es erweisen, so meint man. . Die Freiheit also ist unverzichtbar, ebenso wie ihr Gebrauch. . Und wie man (zumal leidender) Statsbürger sein kann, statt, sagen wir mal "wie ein Friedrich Schiller", ja sowieso emotional eh eher unklar (*g*). Man leidet doch nur um Worte, aber nicht um Staaten, oder? (OK, Menschen... . Und parallele Geraden schnitten sich oft schon früher, als im Unendlichen.) . Und unser Staatsschiff steht fest wie eine Glocke. Nur die Menschen rudern manchmal etwas heftiger im Entwicklungssturme. ("Da hieße es sich ruhig Blut zu wahren, dass man der Wogen wüten nicht mit der Arme gebieterischer Kraft vor der Zeit besänft'gen würde, mit Notwendigkeit den Armen und Ärmsten zur Probe sich die Lösungen ein weniges immerhin noch aufsparte, ... .)

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