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Wohin zeigt der Obelisk? Zum Tode von Edmund Buchner

08.09.2011, 08:44 Uhr

Von

„Dem auf dem Marsfeld stehenden Obelisken gab der vergöttlichte Augustus eine bemerkenswerte Bestimmung, näm­lich die Schatten der Sonne und auf diese Weise die Länge der Tage und Nächte anzuzeigen; er ließ (entsprechend) der Länge des Obelisken ein Steinpflaster in den Boden legen, dem der Schatten am Tage der Wintersonnenwende in der sechsten Stunde gleichkommen sollte und der allmählich nach den aus Erz eingelegten Streifen an den einzelnen Tagen abnahm und wieder länger wurde, eine Anlage, die wert ist, sie kennenzulernen, ersonnen vom Scharfsinn des Mathema­tikers Novius Facundus. Dieser ließ an der Spitze eine vergol­dete Kugel anbringen, in deren Scheitel sich der Schatten in sich selbst sammeln sollte, da ihn die Spitze sonst unregelmä­ßig geworfen hätte; auf diese Einrichtung soll er durch den Schatten vom Kopf eines Menschen gekommen sein. Die (ursprüngliche) Beobachtung trifft bereits seit fast 30 Jahren nicht mehr zu, sei es, daß der Lauf der Sonne selbst abweicht und am Himmel sich irgendein Verhältnis geändert hat, sei es, daß die gesamte Erde etwas aus ihrem Mittelpunkt gerückt wurde (was, wie ich feststelle, auch an anderen Orten bemerkt wurde), sei es, daß durch Erdbeben im Bereich der Stadt nur der Zeiger (an der Sonnenuhr) verschoben wurde (…).”

Soweit die Beschreibung des Plinius in seiner Naturalis Historia (36,72f., Übers. R. König/J. Hopp). Sie hat den Gelehrten viele Rätsel aufgegeben. Als Edmund Buchner ab Ende der 1970er-Jahre mehrere Publikationen über das augusteischen Horologium vorzulegen begann, fand er viel Aufmerksamkeit. Seine ingeniöse Rekonstruktion paßte gut in ein neues Interesse der Forschung an der Topographie Roms und vor allem der Gestaltung zentraler Bereiche der Stadt durch Augustus. Man begann damals von der „Macht der Bilder” (Paul Zanker) zu sprechen und die Einzelmonumente der Selbstdarstellung des ersten Princeps, zumal den Komplex auf dem Marsfeld mit Mausoleum und Ara Pacis, als Elemente eines großen Gesamtkunstwerkes zu sehen. Die schriftliche Überlieferung aus der Zeit bietet zahlreiche konkrete Auskünfte darüber, wie der Herrscher die himmlischen Mächte und ihre Erscheinungen mit seiner Person in Verbindung brachte und wie er sich durch dynastische Gedenk- und Festtage in den Lauf des bürgerlichen Jahres einschrieb. Warum sollte dann nicht auch die astronomische Zeit gleichsam räumlich fixiert und der Tages- wie der Jahreslauf mit den dynastischen Monumenten verknüpft sein? Buchners Hypothesen bewirkten, daß einige Sondagen und Grabungen durchgeführt werden konnten, und in der Tat fand man ein Stück des von Plinius erwähnten Liniennetzes. Buchner sah sich bestätigt.

Seine einschlägige Hauptpublikation (Die Sonnenuhr des Augustus, Mainz 1982) wurde freundlich rezensiert; gleichwohl blieb ein gewisses Unbehagen, weil kaum jemand die mathematischen, geometrischen und astronomischen Grundlagen der höchst komplizierten Argumentation nachvollziehen konnte und zudem die stützenden Befunde eher spärlich und keineswegs eindeutig waren. Buchner unterlief mit dem Satz, es sei „undenkbar”, daß zwischen Ara Pacis und Sonnenuhr kein Zusammenhang bestand, eine klassische petitio principii – aber welcher Archäologe oder Historiker konnte und wollte ihm auf der technischen Ebene Fehler nachweisen? Das tat 1990 der Tübinger Diplom-Physiker Michael Schütz (Zur Sonnenuhr des Augustus auf dem Marsfeld. Eine Auseinandersetzung mit E. Buchners Rekonstruktion …, in: Gymnasium 97, 1990, 432-457); er zeigte, daß Buchner falsche Berechnungen unterlaufen und Hypothesen zu Gewißheiten erhoben worden waren. Die Argumentation ist wiederum naturgemäß sehr technisch, das Ergebnis eindeutig: „Buchners zentimetergenaue Voraussagen über Gnomonhöhe und Lage und Abmessungen des Liniennetzes sind mit dem Ergebnis der Ausgrabung nicht vereinbar, und seine Hypothesen über den thematischen Zusam­menhang von Solarium und Ära Pacis finden darin keine Stütze.”

Wissenschaftstheoretisch ist die Angelegenheit sehr interessant. Offenkundig gab es nie eine Chance zu einem Dialog zwischen den Disziplinen, da die elementaren Gemeinsamkeiten, sozusagen eine hermeneutische Schnittstelle fehlten. Schütz bezieht kompetent auch die (wenigen) relevanten antiken Texte ein, während sich von den Altertumswissenschaftlern niemand veranlaßt sah, Buchners Rekonstruktion ernsthaft nachzuprüfen. Sie wurde aber auch, soweit ich sehe, nicht freudig akzeptiert, weil sie zwar insgesamt – bezogen auf die augusteische Repräsentation und Selbstinszenierung – plausibel erschien, aber eben nicht mit den hermeneutischen Instrumentarien ‘anzugehen’ war, mit denen man den Reliefs der Ara Pacis, den Münzbildern, den inschriftlichen Kalendern oder den Versen Vergils auch noch das letzte Quentchen Sinn abpressen konnte. Nach Schütz’ Aufsatz kam daher auch keine Debatte zustande, das Thema wurde nicht ‘heiß’. Buchner publizierte noch zwei kurze einschlägige Beiträge, keinen davon in einem zentralen Fachorgan, das war’s. In den neueren Augustusbüchern spielt seine These so gut wie keine Rolle mehr; sie wird gelegentlich noch erwähnt, aber allenfalls in Klammern, unter Hinweis auf Schütz’ Einwände. Der Artikel in der Wikipedia gibt einen Überblick.

Warum ich das hier skizziere (und in der Sache natürlich auch nicht beurteilen kann, obwohl meine Noten in Mathematik und Physik ordentlich waren – aber das liegt lange zurück)? Nun, Edmund Buchner ist kürzlich, am 27. August, gestorben.

Wichtig war Buchner, soweit das aus der Entfernung zu beurteilen ist, eher als Wissenschaftsorganisator, in einer Zeit, als in Deutschland entsprechende Institutionen wieder aufgebaut bzw. modernisiert werden mußten, weniger als aktiver Forscher. Nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft in den USA studierte der 1923 bei Straubing Geborene in Erlangen Klassische Philologie, Geschichte, Archäologie und Philosophie. Er wurde dort nach einer kurzen Tätigkeit als Lehrer 1953 mit einer Arbeit über den Panegyrikos des Isokrates promoviert. Anschließend arbeitete er als Assistent von Helmut Berve in Erlangen und folgte diesem 1960 nach München, wo er Sekretär der 1951 gegründeten und von Berve geleiteten Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik wurde. 1967, als die Kommission an das Deutsche Archäologische Institut (DAI) angegliedert wurde, übernahm er deren Geschäftsführung und „prägte”, so rühmt es der Nachruf des DAI, „den Übergangsprozess mit weitsichtigen Entscheidungen”. Von 1969 bis 1979 leitete Buchner die Kommission als Erster Direktor, 1980-1988 amtierte er als Präsident des DAI und damit einer der wichtigsten Repräsentanten deutscher auswärtiger Kulturpolitik.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 Polyptychon 08.09.2011, 19:45 Uhr

Der von Ihnen erhoffte Dialog...

Der von Ihnen erhoffte Dialog hat bereits begonnen: Das Journal of Roman Studies wird in diesem Jahr eine ganze Ausgabe nur dem Horologium widmen. Bestimmt etwas spät und vermutlich inhaltlich auch enttäuschend, aber immerhin.

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FAZ Redaktion