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Ein Cincinnatus für die Bankrottländer?

02.12.2011, 09:18 Uhr

Von

Einen eher seltenen Ausflug in die sog. hohe Politik unternahm kürzlich Mary Beard in Ihrem TLS-Blog. Wenn in Italien und Griechenland nach „mad excesses of foolish democracy” nun unter dem Druck der ‘Eurokraten’ je ein „entirely unelected leader” eingesetzt worden sei, so habe man damit eher noch Öl ins Feuer gegossen (‘frying-pan-into-the-fire’). Dazu wäre nun viel zu sagen. Für Beards englisches Demokratieverständnis genügt es offenbar nicht, daß gleichzeitig mit dem Wechsel an der Spitze quasi-überparteiliche Regierungen mit breiter Basis im Parlament entstanden sind – ein Politikwechsel ohne Legitimation durch Neuwahlen erscheint ihr suspekt. Was sie geflissentlich unterschlägt: In der gegenwärtigen Lage haben beide Länder schlicht keine Zeit, Neuwahlen vorzubereiten und anschließend womöglich in einem zähen Ringen eine Regierung zu bilden. Als Chamberlain im Mai 1940 zurücktrat und Chrchill Premierminister wurde, rief dieser das Volk nicht an die Urnen, um für seine Blut, Schweiß und Tränen-Politik Zustimmung zu bekommen, sondern er bildete ein mit weitgehenden Vollmachten versehenes Kriegskabinett mit fünf Mitgliedern, davon zwei Angehörige der bis zu diesem Zeitpunkt oppositionellen Labour-Party.

Beard aber greift historisch noch viel weiter zurück, auf die klassische Notstandsregierung, die eintrat, wenn die üblichen Mechanismen versagten: die Dictatur im alten Rom. Um sie im aktuellen Diskurs als bessere Option gegenüber den „Technokraten” in Stellung bringen zu können, muß sie freilich zunächst den mehr als schlechten Ruf angehen, welcher der Institution durch ihre beiden letzten Vertreter anhaftete: Sulla und Caesar ließen das altrömische Notstandsamt wiederaufleben, um nach ihrem Sieg in einem Bürgerkrieg eine schrankenlose persönliche Herrschaft aufzurichten – Sulla auf Zeit, Caesar, wie Anfang 44 klar wurde, auf Dauer. Dahinter müsse man zurück, zur reinen, ‘selbstlosen’, altrömischen Dictatur, wie sie Livius in den frühen Büchern seiner Römischen Geschichte so farbig geschildert hat. Beard unterschlägt, daß Marcus Antonius noch 44 unter allseitiger Zustimmung die Dictatur als ein für allemal abgeschafft erklärte. Und als zwanzig Jahre später während einer prekären Versorgungs- und Sicherheitslage in Rom Rufe laut wurden, Augustus möge die Dictatur übernehmen, wies er dies demonstrativ zurück.

Im politischen Denken der Neuzeit wurde sowohl die ‘republikanische’ als auch die ‘caesaristische’ Dictatur/Diktatur rezipiert. Beard greift selbstredend auf den ersteren Typ zurück, liefert aber eine etwas oberflächliche Interpretation. Bei der Bestallung eines Dictators für das militärische Kommando (rei gerundae causa) ging es nicht in erster Linie darum, die Kollegialität der regulären Oberbeamten – der Konsuln – auszuhebeln („that one man was needed to make the big decisions on their own, not in committee”): Wenn ein Dictator ernannt wurde, agierten die Konsuln oft an verschiedenen Orten, manchmal war auch einer abgeschnitten oder sonstwie handlungsunfähig. Ein Dictator wurde vielmehr bestellt, um gegenüber einer desorientierten Bürgerschaft und der nicht selten demoralisierten Armee die Autorität der Führung durch die Aristokratie zu erneuern und als verstärkte sichtbar zu machen. Das war die Paradoxie des Amtes: Die Lage, so wird signalisiert, ist mit ‘normalen’ Mitteln nicht mehr beherrschbar, aber durch die Herrschaft über das Verfahren – den Dictator ernennt ein regulärer Oberbeamter, im Konsens mit der im Senat versammelten regierenden Klasse – markieren die Herrschenden ihren ungebrochenen, nur zeitweise in einen anderen Aggregatzustand transformierten Herrschaftsanspruch. Zeitlich war die Dictatur in diesem Sinn strikt befristet, auf maximal sechs Monate oder weniger, wenn die Lage früher gemeistert erschien. Und der Dictator konnte nie qua Herkunft eine ‘dritte Kraft’ werden, wie es später etwa Bonaparte sein sollte, sondern war stets ein ehemaliger Konsul und angesehenes Mitglied der Aristokratie. Gegen seine Befehle war kein Widerspruch möglich; in Kategorien der Staatsrechtsmetaphysik könnte man sagen: Er nimmt die ganze Souveränität der Gemeinde in sich auf, um sie in konzentriertester Form auf diese Gemeinde und zugleich nach außen, gegen den Feind, zurückzuspiegeln, mit dem Ziel, in kürzester Frist eine Entscheidung herbeizuführen, welche die Konzentration überflüssig macht.

Archetyp des ebenso effizienten wie selbstlosen Dictators war in der römischen Überlieferung Lucius Quinctius Cincinnatus: Der Konsul von 460 wurde zwei Jahre später angeblich von der Feldarbeit hinter dem Pflug zum Dictator berufen, besiegte die Feinde, feierte einen Triumph, und kehrte umgehend auf sein Feld zurück. Seine Statue in der nach ihm benannten amerikanischen Stadt (s.u.) verdichtet diesen Moment: Cincinnatus gibt die fasces zurück (die ein römischer Amtsträger selbst gar nicht in Händen hatte – das richtigere Symbol ist daher die Rückgabe des Schwertes wie bei der heroischen Washington-Sitzfigur, von der hier schon einmal die Rede war). Cincinnatus wird in der römischen Literatur seit Cicero immer wieder als Beispiel vorbildlichen Verhaltens angeführt; aufgegriffen wird das von Machiavelli (Discorsi III 25), aber auch von der amerikanischen Society of the Cincinnati. Die patriotische Vereinigung gründeten im Mai 1783 Offiziere, die im Unabhängigkeitskrieg gedient hatten. Ihre Ziele waren es, Gemeinschaftsgeist und nationale Ehre zu fördern, die kriegsgeborene Freundschaft aufrechtzuerhalten und bedürftige Mitglieder zu unterstützen. Veteranen und ihre ältesten Söhne konnten Mitglieder werden, George Washington war der erste Vorsitzende, und 1790 erhielt eine aufblühende Stadt in Ohio zu Ehren der Vereinigung den Namen Cincinnati. Doch wie im antiken Sparta ließ der allzu exklusive Zugang die Vereine bald einschlafen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Society neu belebt.

Mary Beard will lieber einen Dictator wie Cincinnatus an der Spitze der Krisenstaaten sehen als „Technokraten”; dieser Begriff werde vielleicht bald oder in 1000 Jahren in so schlechtem Ruf stehen wie der Diktator heute. For the sake of argument will sie sich offenbar mit den gegenwärtigen Verhältnissen nicht allzu intensiv befassen: Die Bestellung eines Dictators „wasnt the flying in of someone outside the political process; dictators were generally senior figures who had previously been democratically elected to political office”. Gewiß, aber gilt das für Papademos und Monti mutatis mutandis nicht auch? Parlamentarier, Minister, Zentralbankchefs und Emissäre bei der EU gehören, ob gewählt oder nicht, letztlich einer sehr homogenen politischen Klasse. Letztlich ist es auch heute eine Frage der Vertrauen weckenden und Zeit verschaffenden Autorität. Diese bleibt ein knappes Gut.

Viele Leserkommentare, wegen des allgemeinpolitischen Themas diffuser und insgesamt weniger erhellend als sonst. Witzig der Vorschlag, die Herrschaft der Banker „Trapezokratie” zu nennen. Ein anderer Leser nennt Tony Blair, der „systematically suborned the vestiges of democracy in Britain” Marius (der aber nie Dictator war, ‘nur’ siebenmal Konsul). Beards schiefe Analogie bleiben ebenfalls nicht unwidersprochen: Ministerpräsident Monti muß selbstverständlich alle Gesetze durch beide Kammern des italienischen Parlaments bringen; „I can’t see that this equates to a suspension of democracy.” Erhellend und grundvernünftig auch dieser Kommentar: „A couple of years ago a Portuguese senior politician said that ‘perhaps we should put democracy on hold for six months to enact the necessary measures’. I have no idea if she read Roman history, but of course there was a big hooplah from everybody who didn’t read it. I totally agree that it would have been more acceptable than what’s confronting us now. The biggest problem, however, seems to be that nobody knows what the ‘necessary measures: really are.” Ein anderer Leser erläutert den Prozeß der Bestellung von Ministerpräsident Papademos und widerlegt damit Mary Beards brüske These zu Beginn ihres Artikels. Weitere Kommentare gehen in die gleiche Richtung, präzise, ohne jede Spur des verstockten Unflats, den anderswo politische Meinungsäußerungen auf Webseiten von Zeitungen hervorrufen. Die Leser lassen Mary Beard irrige oder unzureichend begründete Aussagen, auch nur Parenthesen, nicht durchgehen.

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 HansMeier555 02.12.2011, 11:44 Uhr

Italien aus dem Würgegriff...

Italien aus dem Würgegriff der Mafia befreien? . Super-Mario alleine packt das nicht. Bat-Mario und Spider-Mario müssen ihm helfen.

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0 thorwald_franke 03.12.2011, 13:15 Uhr

Die Herrschaft der Banker als...

Die Herrschaft der Banker als "Trapezokratie" finde ich putzig, aber wie wäre es statt dessen mit einer "Sinistrokratie", also einer Herrschaft der sinistren Gestalten in unseren westlichen Gesellschaften?

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