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Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

So viel Antike war selten: aktuelle Medientips

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Während der Blick auf den Geschichtsunterricht (nicht nur zu antiken Themen) wenig Freunde macht, kann man nicht sagen, Geschichte (nicht nur Alte) spiele im...

Während der Blick auf den Geschichtsunterricht (nicht nur zu antiken Themen) wenig Freunde macht, kann man nicht sagen, Geschichte (nicht nur Alte) spiele im Aufmerksamkeitshaushalt der Menschen keine Rolle. Im Gegenteil. Oder: zumindest Medienmacher scheinen vom Gegenteil überzeugt zu sein.

Dieser Tage kam wieder die monatliche Liste mit TV- und Radiotips zur Antike, verschickt von einem hiesigen Altphilologen. Wer auch nur das Brauchbare aufnimmt, könnte seinen ganzen Unterricht nur aus der Mediathek bestreiten (was natürlich schlecht wäre!). In der Tat: seit das gesamte deutschsprachige Radioprogramm überall in sehr guter Qualität digital zu empfangen ist, dazu alle Dritten Fernsehprogramme, und seit die öffentlich-rechtlichen Spartenkanäle und die privaten Sender ihre Programme mit Dokumentationen auffüllen, ist Schlaraffenland angesagt:

2.-5.1., 3sat, je 45′: vier Teile Marmor, Macht und Märtyrer, über die Stadt Rom

6.1., MDR, 60′: Lexi-TV. Troja – Mythos einer untergegangenen Stadt

6.1., Wiederholung 7.1., Phoenix, je 50′: drei Teile Rom – Die letzte Grenze, über die Römer in Britannien.

7.1., Phoenix, 45′:Kleopatras wahres Gesicht

7.1., ntv, 110′: Odyssee – Mythos oder Wahrheit?

7.1., ntv, 50′: Zeus. Herrscher des Olymps

8.1., N24, 115′: Rom – Bauwerke der Caesaren

8.1., N24, 55′: Petra – Stadt im Fels

8.1., SWR 2, 100′: James Joyce: Ulysses. 1. Telemachos  (auch DLF, 10.1.)

13.1., Dradio Kultur, 360′: Lange Nacht. Hippokrates (auch 14.1.)

15.1., N24, 45′: Das Kolosseum – Arena der Gladiatoren

15.1., N24, 45′: Die wahre Geschichte: Gladiator

17.1., Bayern3, 60′: Planet Wissen. Das Jahr und seine Kalender. Mit Jörg Rüpke

17.1., Dradio Kultur, 30′: Das Lächeln der Nofretete. Die ägyptische Königin in der Literatur

18.1., 3sat, 45′: Karthago – Supermacht am Mittelmeer

19.1., ntv, 55′: Panzer. Technik der Antike

19.1., ntv, 55′: Mega-Festungen der Antike

20.1., Phoenix, 45′: Kleopatra. Porträt einer Mörderin

und so weiter und so fort.

Heute morgen im Zeitungsladen fiel mein Blick auf eines der zahlreichen Geschichtsmagazine, die es mittlerweile gibt, abgesehen von DAMALS meist Ableger von Zeitungen oder allgemeinen Magazinen. Spectrum der Wissenschaft epoc. Das Magazin für Archäologie und Geschichte hat „Sklaven im Altertum“ auf dem Cover, ein weiterer Schwerpunkt gilt Alexander dem Großen. Abweichend von anderen Magazinen ist hier das Bemühen erkennbar, aktuelle Forschungen vorzustellen. Im einleitenden Magazinteil sind das u.a. eine hethitische Löwenstatue aus Kunulua, ein Mosaik aus einem Haus in Rom, das mit den Trajansthermen überbaut wurde, eine Gladiatorenkaserne in Carnuntum, ein römisches Schwert aus dem Kontext des Jüdischen Aufstandes 70 n.Chr. und eine bemalte Hausfassade aus der prähistorischen Siedlung bei Wennungen (Burgenland).

Zum Schwerpunktthema Sklaverei, das sich ja für eine plakative Inszenierung gut eignet, gibt es wohltuend Differenziertes. Andrea Binsfeld vom Mainzer Akademieprojekt stellt Äußerungen antiker Juristen und Philosophen zusammen und skizziert, wie schwierig das Phänomen zu fassen, da es zahlreiche Formen von Unfreiheit neben der Kaufsklaverei gab. Iris Samotta erklärt im Rahmen ihres Forschungsprojekts zum Menschen als Handelsware in der Antike, warum die ‘Logistik‘ der Sklaverei so wenige greifbare Spuren hinterlassen hat. Man lernt etwas über die Semantik des Sklavenhändlers; Herodots aitiologische Erzählung über den ersten namentlich bekannten Sklavenhändler – Panionios – wird quellenkritisch dekonstruiert, die Vita des Lykaon in der Ilias als Beleg für frühen Sklavenhandel interpretiert. Auffällig und der Interpretation bedürftig ist das durchweg geringe Ansehen von Sklavenhändlern, obgleich ohne ihre Tüchtigkeit die Alltags- wie die Arbeitswelt der Antike sehr viel anders ausgesehen hätten. – Aus einem französischsprachigen Wissenschaftsmagazin übernommen ist ein kurzer Bericht über den Vorschlag, jungsteinzeitliche Grabbefunde im Elsaß als Belege für Sklaverei schon in dieser historischen Formation zu lesen.

Den Höhepunkt des Bandes bildet der Artikel aus der Feder des Klassischen Archäologen Tonio Hölscher über Alexander. Anstatt zum x-ten Mal den Feldzug nachzuerzählen, konzentriert sich Hölscher ganz auf das Erscheinungsbild des Königs, das „nach allem, was wir wissen, sensationell gewesen sein“ muß. Seine Ausstrahlung stellte in der antiken „Kultur der unmittelbaren Präsenz“ ein gar nicht zu überschätzendes Kapital dar. Nicht nur in den Porträts, auch im persönlichen Auftreten setze er sich vom traditionellen Ideal des gemessen auftretenden Herrschers ab. Mit wenigen Strichen kennzeichnet Hölscher, einer der besten Kenner antiker Porträts überhaupt, die verschiedenen, durch römische Kopien bekannten Darstellungstypen. Außerdem weist er mit Recht darauf hin, in welchem Ausmaß Alexander sein Leben entlang von mythischen Vorbildern, zumal Achilleus und Herakles, ‘organisierte“. Die „Macht des biographischen Musters“ prägte die Rolle des jugendlichen Kriegers. Den Kriegszug gegen das Perserreich interpretiert Hölscher als Kette großer symbolisch-ritueller Handlungen und Auftritte. Nur die letzte Erfüllung des mythischen Vorbilds, den frühen Tod, hat Alexander nicht selbst inszeniert. Dennoch erschien und es erscheint es so folgerichtig, daß man sich einen altgewordenen Alexander kaum vorstellen kann – ähnlich wie heutzutage James Dean.

Hölschers Bilanz weitet den Befund überzeugend ins Grundsätzliche:

„Alexander »der Große« zeigt mit fast un­heimlicher Klarheit, welche Kraft visuelle Leit­bilder und mythische Vorstellungen entwi­ckeln können. Denn all dies geschah nicht wäh­rend einer archaischen Vorzeit, sondern in einer Welt der radikalen Aufklärung, geprägt von der Geschichtsschreibung eines Herodot und eines Thukydides sowie der Philosophie eines Platon und eines Aristoteles. Die Mensch­heit schreitet nicht vom Mythos zum Logos vo­ran, nicht von irrationalen Vorstellungen zu einem rationalen Verständnis der Welt. Viel­mehr sind von Anbeginn und bis in unsere Tage Mythos und Logos miteinander verwoben. Alexanders weltumstürzende Energie und ihre Übertragung auf Zehntausende von Soldaten wäre<n> ohne das Leitbild seiner Heldengestalt und sein mythengleiches Handeln gar nicht möglich gewesen.

Allerdings wird an Alexander auch die Kehr­seite solch geschichtlicher »Größe« deutlich. Er hat für seine Vision großartige alte Kulturen zerstört und zehntausende Menschenleben ge­opfert. Selbst noch in den nationalen Ideolo­gien der Gegenwart setzt er polarisierende Kräf­te frei, die einer Politik des Friedens nicht för­derlich sind.

Viele Althistoriker haben sich bemüht, aus den Bildern und Mythen den »wahren« Alexan­der herauszuschälen. Doch ist das nicht nur ein hoffnungsloses Unterfangen, sondern auch ein falsches Ziel. Alexander hat seine Rolle mit der Kraft seiner visuellen und mythischen Leit­bilder gespielt. Und diese Leitbilder waren keine bloße Fassade, sie waren seine gelebte Wirk­lichkeit.“

Katharina Bolle ergänzt die Schwerpunktsetzung ihres Doktorvaters mit einem schönen Artikel auf die Wandlung Alexanders zur Märchenfigur in der europäischen und islamischen Welt des Mittelalters.

Gute Autoren und eine reiche Bildausstattung zu einem vernünftigen Preis (€ 7,90) anzubieten geht ohne Werbeeinnahmen nicht. Hinter einer Strecke mit superben Fotos aus der Schädelkultausstellung in Mannheim beginnt eine sage und schreibe 52 extra gezählte Seiten umfassende Artikelserie über die Ostseepipeline, „eine Kooperation von Nord Stream“ mit drei Wissenschaftsmagazinen aus Deutschland, den USA und Rußland. Mit eigenem Impressum und Editorial eigentlich ein Magazin im Magazin, mit namentlich gezeichneten Beiträgen und im Layout nicht vom Rest der Zeitschrift zu unterscheiden. Erst beim Lesen merkt man, daß es sich um Werbung für Anspruchsvolle handelt, wenn es etwa um die Umweltrisiken geht und das zugehörige Interview nicht mit einem Experten vom BUND geführt wird, sondern mit einer dänischen Projektmanagerin, die an der Umweltverträglichkeitsstudie für das Projekt mitgewirkt hat. Themenauswahl Gestaltung zielen eindeutig auf ein technikaffines Publikum. Ich verdränge das leichte Unbehagen an der Vermischung von redaktionellem und PR-Journalismus und freue mich an den fundierten, lehrreichen und gut lesbaren Beiträgen.

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