Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Antiken bauen, um in die Moderne zu gelangen

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Als Hauptmerkmal der Moderne kann man ein Unbehagen an sich selbst erkennen. Das Lexikon der Geisteswissenschaften eröffnet den einschlägigen Artikel mit...

Als Hauptmerkmal der Moderne kann man ein Unbehagen an sich selbst erkennen. Das Lexikon der Geisteswissenschaften eröffnet den einschlägigen Artikel mit dieser Feststellung: übergreifende Gemeinsamkeit der (europäischen) Moderne „bildet seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Wahrnehmung eines Identitätsverlustes. Schelling, Hegel und Hölderlin sehen in der Antike den Ort transzendentaler Gebundenheit, natürlicher Bildung und harmonischer Existenz, während sie die Signatur der Moderne im Zerfall von Immanenz und Transzendenz, in künstlicher Bildung und Zersplitterung erkennen. Die Bestimmung des Subjekts der Moderne ist demnach die unendliche Annäherung an das Ideal der verlorenen ‘reinen‘ Natur.“ Und das war, so wäre zu ergänzen, noch lange vor Beginn der ‘klassischen‘ Moderne, die man zwischen 1880 und 1930 ansetzen kann, als die Bildende Kunst nicht mehr mimetisch sein wollte und Freud die Einheit des Individuums zerstörte. In dieser Zeit definierte Max Weber Moderne als eine Ausdifferenzierung der Wertsphären. Unter dem Signum einer allseitigen Säkularisierung bilden Recht und Verwaltung, Technik, Industrie und Wissenschaft, Kunst und Ästhetik eigene Rationalitäten, Funktionen, Logiken und Kommunikationsstile aus. Zur Unbehaustheit in der Moderne trägt die Erfahrung der Beschleunigung bei; jede neue Modernität scheint dazu bestimmt, sich selbst zu überholen (Reinhart Koselleck). Die Moderne erscheint ohne Gegenwart nur der Zukunft zugewandt, als Raum von Wahlmöglichkeiten, Zwiespältigkeiten, Kontingenzen und Multiperspektivität.

Das Unbehagen an der Moderne ist sicher nicht ihr Hauptzug; große Teile der Eliten und die breite Bevölkerung sowieso folgten eher dem Fortschrittsoptimismus, zumindest über lange Strecken – und mit guten Gründen: Niemand, der bei Verstand ist, würde die Frage, wann und wo er leben möchte, anders als mit „heute“ und „in einem zivilisierten Land“ beantworten. Ludwig XIV. wurde zwar alt, mußte aber mehrere Jahrzehnte ohne Zähne auskommen.

Zugleich bildete sich aber schon früh eine Kritik an Fehlentwicklungen der Moderne heraus, die nicht mit ‘noch mehr Moderne‘ geradezurichten zu sein schienen. Welche Stellung aber sollte das Altertum für die Formung von Menschen unter den Bedingungen der Moderne spielen? Erstaunlich viele Geister, die sich über diese Frage Gedanken machten, haben die schlichte Vorstellung, die Alten könnten als Brandmauer oder Fluchtinsel fungieren, nicht geteilt. So markierte August Boeckhs Forderung, man müsse die großen Sphären des antiken Lebens: Staat, Privatleben, Kunst und Wissen in ihrer Eigentümlichkeit zu begreifen suchen und zu einer „Totalität der Thatsachen“ zu gelangen, den ‘modernen‘ Weg in die Antike, wie er für das 19. Jahrhundert bestimmend werden soll: Hermeneutik, Individualität, Spezialisierung, systematische Erfassung. Erwin Rohde plädierte für ein komplementäres Verhältnis beider Welten: „Eine wirkliche Werthschätzung der antiken Cultur … ist die Grundlage der philologischen Studien, wie wir sie betreiben. Damit braucht durchaus nicht eine Unterschätzung der Kultur unserer Zeit verbunden zu sein. Beide Welten ergänzen sich. Die moderne Kultur ist mehr auf Abwehr alles Schädlichen, Störenden, alles Ungemachs gerichtet in ihrer Erfindsamkeit. Die antike – d.h. die griechische – Kultur in ihrer Blüthezeit war positiver und productiver: ihre Hervorbringungen dienen nicht der Abwehr des Störenden, überhaupt nicht sowohl dem Nutzen, als der freien Hinstellung des Schönen in der Kunst; sie bieten eine positive Bereicherung menschlichen Geistesbesitzes, und zwar für alle Zeiten.“ (Den Hinweis auf die Zitate von Boeckh und Rohde verdanke ich Frank Lisson.)

Anregungen, dieses Verhältnis genauer zu durchdenken und die Konstruktion von ‘Antike‘ und ‘Moderne‘ zu historisieren, bietet ein kürzlich erschienener Sammelband, der Bemühungen einer internationalen Forschergruppe mit Sitz in Budapest dokumentiert. Sitz und Zusammensetzung der Gruppe sorgen für einen ungewöhnlichen Horizont, denn neben den ‘üblichen Verdächtigen‘ (Westeuropa, Deutschland, die USA) werden auch Länder wie Ungarn, Polen, Bulgarien, Rumänien sowie Regionen Afrikas behandelt. Glenn Most schreibt über das Dreieck Philhellenismus, Kosmopolitismus und Nationalismus, François Hartog steuert einen Essay „We and the Greeks“ bei.

Mit besonderem Gewinn habe ich Pierre Judet de la Combe, „Classical Philology and the Making of Modernity in Germany“ gelesen. Er macht darauf aufmerksam, daß die Klassische Philologie um 1800 zu einer als modern geltenden Disziplin wurde. Als empirisch verfahrende Geisteswissenschaft entsprach sie dem Zeitgeist besser als die weitgehend dogmatisch eingeschnürten Leitdisziplinen Theologie und Philosophie. Allerdings teilte sie mit der Theologie ein grundlegendes Problem: Beiden Wissenschaften lag eine Referenzgröße zugrunde – der christliche Glaube bzw. die klassische Antike -, deren normative Werthaltigkeit zu akzeptieren unabdingbare Voraussetzung für eine fruchtbare Beschäftigung mit ihnen zu sein schien. Andererseits bestand die ‘Wissenschaftlichkeit‘ dieser Beschäftigung zuvörderst in der Kritik. Für die Philologie galt: „Traditions were a priori supposed to be unreliable. Mistrust became a duty. Critical examination of texts totally prevailed over interpretation (hermeneutics).“ Philologen, so de la Combe mit Recht, nahmen einen modernen, kritischen, anti-traditionalen Sehepunkt an; der Versuch, hindurchzustoßen zu dem, was der antike Autor tatsächlich geschrieben hat, ließ das Bemühen um ein Verstehen dessen, was er gemeint haben könnte, in den Hintergrund treten.

Mit diesem methodischen Programm, wie es war – kritisch, sezierend, egalisierend -, manövrierte sich die Philologie aber in einen unlösbaren Widerspruch zu ihrem Ausgangspunkt, der als vorbildlich erachteten Antike: „The very fact that antiquity was supposed to be at the same time ideal and real, that it was considered as the historical embodiment of such universal ideas as autonomy or organic totality produced a set of antinomies philology could not really escape.“ Die harmonische und organische Totalität des Griechentums, die als Gegenentwurf gegen die Segmentierung und Entfremdung des modernen Menschen in Stellung gebracht werden sollte, war mit einem solchen, auf Differenzierung und Rationalismus abzielenden wissenschaftlichen Paradigma nicht zu erweisen noch gar zu verteidigen. So fielen Philologenalltag an Gymnasien und Universitäten einerseits und Festreden andererseits immer mehr auseinander. Man muß de la Combes Analyse zuspitzen: Als hellsichtige und sensible Philologen wie Karl Reinhardt und Werner Jaeger das Defizit bemerkten und begannen, interpretierende Bücher zu schreiben, war der honeymoon zwischen Philologie und bürgerlicher Gesellschaft, wie ihn Humboldt konzipiert hatte, schon zuende, und eine sich auf Intuition, Ästhetik, Ganzheit, wahre Bildung und ‘Kultur‘ (statt Zivilisation) besinnende Philologie geriet in den mörderischen Mahlstrom der Ideologisierung.

Es ist nicht nötig, auf solche Befunde – der Band hält noch viel mehr bereit – mit Resignation zu reagieren. Das Schöne ist nicht weniger schön, wenn seine Entstehung ebenso wie unsere Wahrnehmung als historisch bedingt erwiesen sind und wir uns bemühen, beider Bedingungen so umfassend wie möglich zu erfassen. Das führt wieder zurück, ganz an den Anfang, zu Friedrich August Wolf (1759-1824) und seiner Darstellung der Alterthums-Wissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Wert (Berlin 1807; s. die Auflistung unten):

„In a more Kantian way, he tries to identify the more adequate way science must follow if it seeks to comprehend antiquity as a complex, diversified world to be studied in all its aspects. Complexity does not mean organic harmony. What is rather to be discovered is a form of originality which would bestow some specific „Greek“ character upon the different activities ancient Greeks displayed in the different domains of their private and public life. The unity which is required is not a given, not a whole that would em­brace all the areas that constituted Greek reality, but a process which can be recognized as being at work in these different domains and conferring a kind of coherence on them. Unity is „historical“ since it cannot be conceived apart from the specific actions of the historical agents. Originality is there­fore not to be explained by the power of a given origin, (…) it is a practice.“

Gábor Klaniczay, Michael Werner, Ottó Gecser (Hgg.), Multiple Antiquities – Multiple Modernities. Ancient History in Nineteenth Century European Culture, Frankfurt/New York (Campus) 2011, 611 S., € 56,00.

Bild zu: Antiken bauen, um in die Moderne zu gelangen

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3 Lesermeinungen

  1. Natuerlich gibt es keine echte...
    Natuerlich gibt es keine echte Moderne in Wirklichkeit; man denkt sich, „moderne“ zu sein, man bildet Wirtschaft, Gesellschaft usw. als „moderne“ ein. Denkt man anders, erscheint eine andere Moderne, und auch bildet man ganz anders die Vergangenheit…

  2. Grundthese: Die Faszination...
    Grundthese: Die Faszination der antiken Texte ist keine Sache des 19. Jahrhunderts. Es gab sie schon zuvor, und es wird sie immer geben. Die Behauptung, dass die Antikenfaszination eine Sache des 19. Jahrhunderts ist, ist eine Konstruktion der Gegenaufklärung, die das Denken ins Offene hinein wieder einfangen möchte. Die Faszination also ist eine Tatsache, und sie bleibt. Die Antike fasziniert, weil sie so exemplarisch, einfach, direkt ist, weil sie ein Anfang war und darin experimentell und offen, aber zugleich auch grundlegend war. Ein Denker ohne Antike ist wie ein Christ ohne Bibel: Beides gehört zusammen.
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    Die unbehauste „Moderne“ entstand durch den schrittweisen Abbau des christlichen Weltbildes. Die neue Alternative ist die Aufklärung. Mit der Aufklärung aber gibt es diverse Probleme:
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    a) Aufklärung kann nie mehr ganz zu der sicheren Geborgenheit der christlichen Glaubensgewissheit zurückkehren, egal wie gut die Aufklärung funktioniert.
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    b) Aufklärung bedeutet auch Freiheit, und Freiheit bedeutet, dass die Menschen auch denkfaul sein können. Nur wenige Menschen erreichen höhere Grade der Aufklärung.
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    c) Aufklärung bedeutet auch Meinungsverschiedenheiten, auch unter intelligenten Menschen. Es ist leider so.
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    Aufbauend auf obiger Grundthese nun folgender Gedanke: Die Antike kann ein gemeinsamer Bezugspunkt für die Aufklärung sein, aus mehreren Gründen: Hier wurde grundlegend gedacht, spätere Wiederholungen sind nur das zweite Mal. Die Antike hat praktisch alle modernen Meinungsverschiedenheiten schon vorweg genommen. Wo nicht, kann die Antike zumindest einen Rahmen aufspannen, in dem sich das Denkschauspiel entfaltet. Die Antike ist fern von uns allen, hier ist niemand im Vorteil vor anderen, nationale und religiöse Ressentiments zählen nicht. Niemand ist heute mehr alter Grieche, niemand baut mehr auf den olympischen Göttern auf. Damit erlangt die Antike exemplarischen, neutralen Charakter. Und damit ist sie geeignet, um eine gemeinsame Kommunikationsgrundlage zu bilden.
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    Selbst den Islam könnte man auf dieser Grundlage integrieren, da die Antike auch diesem voraus ging, und die islamische Welt nachweislich ebenfalls auf der Antike aufbaute (auch wenn diese Erkenntnis noch nicht überall angekommen ist).
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    Eine neue, hinreichende Behaustheit für uns alle ließe sich erlangen, wenn man die Antike zum gemeinsamen geistigen Zuhause der Menschen machen würde. Jedenfalls kenne ich keinen besseren Ansatz. (Alternativ können wir uns eines Tages alle wieder auf Grundlage des Islam zusammen finden. Auch dann ist nicht alles verloren, da auch der Islam antik fundiert ist, aber müssen wir erst durch ein neues Mittelalter hindurch, bevor auch das abgearbeitet ist? Es sollte doch ohne diesen Umweg möglich sein.)
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    @Neville Morley:
    Besonders lustig ist der Begriff „Postmoderne“ 🙂
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    Verlinkt ist ein interessanter Blog, den ich kürzlich entdeckte.

  3. Lieber Herr Franke,

    "c)...
    Lieber Herr Franke,
    „c) Aufklärung bedeutet auch Meinungsverschiedenheiten, auch unter intelligenten Menschen. Es ist leider so.“ Warum denn „leider“?
    Ein zweites Warum: Warum die Suche nach einem „gemeinsamen geistigen Zuhause“? Welches Bedürfnis wird hier überhöht?
    Ich halte mich an das gute Wort „variatio delectat“ und fühle mich kannibalisch wohl im Zustand der Unbehaustheit.

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