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Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Philoktet, x 3 + 1

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Von der Aufführung von Heiner Müllers Philoktet im Jungen Theater zu Göttingen Ende 1989 habe ich nur noch einen Regieeinfall im Gedächtnis: Die drei...

Von der Aufführung von Heiner Müllers Philoktet im Jungen Theater zu Göttingen Ende 1989 habe ich nur noch einen Regieeinfall im Gedächtnis: Die drei Schauspieler hatten keine festen Rollen, sondern jeder spielte jede Figur, aktuell jeweils identifiziert nur durch einen Gegenstand, etwa einen Helm.

Bild zu: Philoktet, x 3 + 1

Müller hatte sich mit dem Stoff um 1960 herum befaßt, basierend auf dem gleichnamigen Drama des Sophokles. Der Mythos geht ungefähr so: Der thessalische Held Philoktet ist durch seinen Bogen berühmt, den er von Herakles zum Dank dafür erhalten hat, daß er dessen Scheiterhaufen anzündete. Er beteiligt sich am Zug gegen Troia, wird aber unterwegs von einer Schlange gebissen. Da die Wunde nicht verheilt und einen fürchterlichen Gestank entwickelt, setzt Odysseus ihn allein, nur mit dem Bogen bewaffnet, auf der Insel Lemnos aus. Im zehnten Kriegsjahr ergeht jedoch die Prophezeiung, daß Troia nur mit dem Bogen des Philoktet erobert werden kann; daraufhin schicken die Griechen Odysseus und Diomedes nach Lemnos. Sie können Philoktet überreden, nach Troia zu fahren. Dort wird er geheilt und tötet den Paris durch einen Pfeilschuß.

Bei Sophokles begleitet der Achilleus-Sohn Neoptolemos den Odysseus, um das Vertrauen des Philoktet zu gewinnen. Odysseus benutzt Neoptolemos nur, um an den Bogen zu kommen; als er den vor Schmerzen schreienden Philoktet zurücklassen will, hat Neoptolemos Mitleid und schlägt sich auf die Seite des Leidenden. Die Pattsituation wird von Herakles als deus ex machina aufgelöst. Müller nahm an der sophokleischen Variante eine entscheidende Änderung am Schluß vor: Philoktet wird nicht gerettet, sondern von Neoptolemos ermordet, bevor er seinerseits Odysseus töten kann.

Den Anlaß für die Reminiszenz an die Aufführung in Göttingen bildet eine Neuübersetzung des sophokleischen Philoktet bei Reclam. Paul Dräger läßt dem Heft mit der Medea des Euripides nun dieses Stück folgen, mit einem ähnlichen Interesse: Das Nachwort konzentriert sich auf die Veränderung der mythischen Erzählung durch Sophokles, sowohl gegenüber einem – von Dräger schon für das 5. Jahrhundert angenommenen – mythographischen Handbuch als auch gegenüber den gleichnamigen Dramen des Aischylos und des Euripides. Die sind zwar verloren, aber eine Schrift des kaiserzeitlichen Intellektuellen Dion Chrysostomos (Der Bogen des Philoktet), dem noch alle drei Stücke vorlagen, erlaubt einen Vergleich.

Seine Spannung erhält der Stoff bei Sophokles, weil dem durchtriebenen und skrupellosen Odysseus Neoptolemos als moralisch integre Gestalt gegenübergestellt wird. Konsequenterweise scheitert Odysseus am Ende mit seinem Plan, was den Eingriff von oben erforderlich macht.

Bild zu: Philoktet, x 3 + 1

Nicht ganz so ausgeprägt wie bei der Medea bietet auch dieses Heft Philologie im (neugestalteten) gelben Gewand. Es gibt eine lange Liste von Varianten im griechischen Text, Anmerkungen, Bibliographie und ein höchst instruktives Nachwort (S. 129-142). Sehr zu begrüßen: Dräger hat eine eigene Übersetzung der erwähnten Schrift des Dio Chrysostomos angefertigt und beigegeben, so daß der Leser den Vergleich der drei Stücke nachvollziehen kann. Und all das wieder zu einem entwaffnenden Preis: 3,80 Euro.

 

Hier als Probe der Beginn von Odysseus‘ Eingangsmonolog:

„Der Strand ist dies des ringsumflossnen Lands

von Lemnos, unbetreten und auch nicht bewohnt von

Sterblichen, wo ich – o du, der von der Griechen bestem Vater aufgezogen ist;

Achilleus‘ Kind du, Neoptolemos – den Melier,

des Poias Sohn, einst habe ausgesetzt,                    

beordert, dies zu machen, von den Herrschenden,

da er von fressend Krankheit triefte an dem Fuß, 

als uns es weder möglich wurde, Weiheguss noch Rauchopfer

in Ruhe anzurühren, sondern er

durch wilde Misstöne das ganze Feldheer stets im Banne hielt,

mit seinem Schreien, Heulen. Aber was ist’s notwendig, hiervon

zu reden? Denn es ist für uns der Augenblick zu langen Reden nicht,

damit er nicht mein Kommen etwa merke und ich zuschütte den ganzen ausgeklügelten Gedanken,

mit welchem auf der Stelle einfangen zu können ihn ich wähne.“

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1 Lesermeinung

  1. Besten Dank für den Hinweis -...
    Besten Dank für den Hinweis – schloß eine lange vorhandene Lücke. Mit freundlichem Gruß von einem Leser (wenn auch „Lurker“) der ersten Stunde!

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