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Die Britannica, das Antiquariat und der Tod als Aufhören

27.03.2012, 21:23 Uhr

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Die Meldung kam vor ein paar Tagen: Nach 244 Jahren wird die Druckausgabe der Encyclopedia Britannica eingestellt. Das heißt, es wird keine neue Ausgabe mehr auf Papier  geben; die noch zahlreichen Pakete der letzten Auflage sollen noch abverkauft – am Ende sicher verramscht – werden. Fast alles, was dazu geschrieben wurde, trifft: Ja, Allgemeinenzyklopädien, die mehr als einen Meter im Regal einnehmen und fast einen Zentner schwer sind, haben sich im Sinne ihres Zweckes als rasche und doch profunde Auskunftsmittel überlebt; die Wikipedia hat mehr Artikel, und online wird es die Britannica auch weiterhin geben. Und ja, manche Menschen verbinden mit der Benutzung eines solchen Werkes nicht nur ‘Information’, sondern einen sinnlichen Eindruck und ein Gefühl: die Goldlettern auf dem strapazierfähigen Kunststoffeinband, das Rascheln und den Geruch des dünnen Papiers, das Gefühl der Sicherheit beim Anblick der 32 Bände im Regal, die Verlockung, sich in einen der langen Überblicksartikel zu vertiefen, die einem Beck Wissen-Bändchen an Umfang nicht viel, an Dichte und persönlicher Handschrift gar nicht nachstehen.

Ich muß einräumen, nie eine gedruckte Britannica besessen zu haben, zunächst aus Mangel am nötigen Geld, später an Platz. Aber die DVD-Edition benutze ich sehr oft und stets mit Gewinn, nicht nur für Themen außerhalb meines Fachgebietes. Die Großartikel Ancient Greek Civilization und Ancient Rome aus der Feder erstrangiger Autoren wie Simon Hornblower oder Richard Saller sind Meisterstücke pointierter Verdichtung.

Und noch ein Abschied dieses Jahr: Das Göttinger Antiquariat schließt im Herbst seine Pforten; der aktuelle Katalog Altertumswissenschaft, lange vor der üblichen Zeit (Ostern) schon im Februar erschienen, ist der letzte seiner Art. Man ist in der Mauerstraße nie ganz auf den Online-Zug aufgesprungen; die dicken Kataloge mit ihren kleinen, oft erheiternden Fehlzuordnungen blieben das Markenzeichen des Teams, das in Ehren ergraut ist. Bei der letzten Bestellung sagt ein vertrauter Mitarbeiter: Ja, wenn alle so beständig wie Sie größere Bücherpakete geordert hätten, wäre es vielleicht noch zwei, drei Jahre so weitergegangen. Fast dreißig Jahre lang war ich Kunde dort, zunächst als Student, der nie genug Geld hatte, um die Schätze – selbst die preiswerten – nach Hause tragen zu können, später dann im Geben und Nehmen, wenn Teile der Bibliothek veräußert wurden, um einen bestimmten erweitern zu können.

Die Klage über den Verlust ist biographisch motiviert; rational und selbstkritisch betrachtet klingt sie etwas hohl. Denn außer im Göttinger Antiquariat war ich eingestandenermaßen schon lange in keinem dieser Geschäfte mehr, durch Amazon, ZVAB und Booklooker längst des Zeitaufwands enthoben, den ein gründlicher Antiquariatsbesuch bedeutet. Und auch der Dreiklang der Gefühle bei Stöbern wird wenig vermißt: Was man sucht, ist nicht da, dafür gibt es unverhoffte Glücksfunde, doch dann geht das innere Abwägen los: Kann ich mir das jetzt leisten, brauche ich es je? Und ist es weg, wenn ich warte? Im weltweiten virtuellen Antiquariat gibt es wenige Bücher nur einmal, man kann warten.

Und es eröffnet neue Spontaneitäten. Unlängst wurde im Bielefelder althistorischen Forschungskolloquium zur Vorbereitung auf einen Gastvortrag die Einleitung von Max Webers magistralem Artikel „Agrarverhältnisse im Altertum” gesprochen, eigentlich nichts weniger als eine hochkondensierte Wirtschaftsgeschichte der gesamten Epoche. Erschienen ist der buchlange Text 1908 im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Der Kollege von der Wirtschaftsgeschichte erläutert, daß dieses das für seine Zeit repräsentative und maßgebliche Nachschlagewerk für Wirtschaft und Staat im weitersten Sinne darstellte. Dieser Tage kam mir dieses Werk wieder in den Sinn. Eine schnelle Recherche bei Booklooker förderte ein sensationelles Angebot zutage: alle neun Bände der vierten und letzten, nach dem 1. Weltkrieg erschienen Auflage dieses Werkes für 64 Euro! Wenige Tage später kommt das Paket. 68 Zentimeter im Regal. Die Rücken haben gelitten, das Exemplar wurde offenbar häufig benutzt. Kein Wunder, stammt es doch aus Beständen des Historischen Seminars der Universität Düsseldorf. Wer hat dort entschieden, es auszusondern und für wenig Geld ins Antiquariat zu geben, zusammen mit einem Nachdruck von Wachsmuths Geschichte der politischen Parteiungen in alter und neuer Zeit, Band 1: Das Altertum? Kein Platz mehr? ‘Nur’ eine Dublette?

Egal. Das bei Gustav Fischer in Jena erschienene Werk ist für die Wirtschafts-, Kultur-, Sozial-, Verwaltungs- und Ideen- bzw. Wissensgeschichte der Zeit eine Fundgrube. Man wird reich belehrt über Gegenstände wie „Abfallsverwertung”, „Abzahlungsgeschäfte”, „Achtstundentag”, „Agrarreform in Rußland”, „Alkoholismus”, „Altersgliederung der Bevölkerung”, „Anarchismus” und „Arbeitslosigkeit”. Da die Umwälzungen seit 1914 zu erfassen waren, der Umfang des Handwörterbuchs aber gegenüber der Vorkriegsausgabe nicht anwachsen durfte, hat man allerdings die geschichtliche Dimension der behandelten Gegenstände radikal verkürzt oder vielfach ganz eliminiert. Doch nicht allein pragmatische Erwägungen dürften hier eine Rolle gespielt haben. Der Historismus, so scheint es, vor 1914 in der „Historischen Schule der Nationalökonomie” stark, hatte dort und auch sonst in den hier zuständigen Disziplinen seine Strahlkraft eingebüßt; vor die Gewißheit, daß alle menschengemachten Phänomene historisch bedingt und deshalb nur historisch zu verstehen seien, schoben sich Autonomie und Systematik der Sachbezogenheit.

Die Herausgeber legten sich gewaltig ins Geschirr, schrieben viele Artikel selbst und sorgten dafür, daß das Mammutwerk nach sechs Jahren, 1929, geschlossen vorlag. Lesenswert sind Beiträge von damals schon oder erst später berühmten Gelehrten, denen das enzyklopädische Format durchaus Raum für eigene Akzente gab. So schrieben Werner Sombart über „Hausindustrie”, Othmar Spann über „Imperialismus”, „Klasse und Stand”, „Soziologie” sowie „Universalismus”, der nachmals berühmte ordoliberale Ökonom Wilhelm Röpke über „Staatsinterventionismus” und „Sozialisierung”, der Finanzpolitiker Johannes Popitz, später als Mitglied des Widerstandes gegen Hitler ermordet, über die 1918 eingeführte und von ihm selbst maßgeblich ausgestaltete „Umsatzsteuer”.

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Für das Altertum ist die vierte Auflage durch die Enthistorisierung deutlich weniger ergiebig als die dritte. Die Agrargeschichte der Epoche skizziert nun ein Mittelalterhistoriker auf gerade einmal drei Seiten – Webers „Agrarverhältnisse” umfaßten deren 137! Knapp, aber wertvoll ist Bernhard Laums Übersicht zur öffentlichen Armenpflege in der Antike; das gilt auch für den Artikel „Münzwesen” aus der gleichen Feder. Materialreich behandelt Ulrich Kahrstedt die Bevölkerung(szahlen) des Altertums, in dem für ihn typischen Kasinoton. Den einzigen ‘exklusiven’ Artikel über die Epoche schrieb der Finanzwissenschaftler Wilhelm Andreae (1888-1962), damals Privatdozent in Wien: „Staats- und Wirtschaftslehre im Altertum”, wesentlich eine – recht eingehende – Interpretation zu Platon und Aristoteles (die indes auch jeweils eigene Artikel haben).

 
 

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