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Von unfaßbarer Produktivität: Joachim Marquardt, ein typischer Gelehrter mit drei Berufen

19.04.2012, 04:50 Uhr

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Heute ein Gymnasium zu leiten ist eine Vollzeitaufgabe, die dem Pädagogen nur noch wenig Zeit für eigenen Unterricht läßt. Der Betrieb muß aufrechterhalten werden, Konflikte sind zu lösen, das Schulprofil ist weiterzuentwickeln, die Kommunikation mit den Eltern zu pflegen und vieles mehr. Der Leiter einer musealen Sammlung hat ebenfalls gut zu tun. Und fünf umfangreiche Bücher schreiben sich auch nicht nebenbei.

Wer das 19. Jahrhundert als von Wissen geprägte und beförderte soziale Ordnung verstehen will, muß sich zuallererst den unbändigen Fleiß vor Augen führen, der damals bei Männern der Feder und des Katheders (Frauen gab es auf diesem Feld noch kaum) selbstverständlich war. Alfred Heuß nannte vor fünfundvierzig Jahren die Leitfigur dieses Jahrhunderts im Bereich der Altertumswissenschaft, Theodor Mommsen, einmal das „das erstaunlichste Energiephänomen in der Wissenschaft seiner Zeit” und formulierte bündig: „Die wissenschaftliche Energie und Disziplin Mommsens sind für uns heute einfach nicht mehr zu begreifen, auch dann, wenn wir hinzunehmen, daß sie durch die Urgewalt des Genies beflügelt waren und Fleiß zu den ersten Tugenden des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert gehörte”.

Nun waren Genies auch damals schon selten. Aber die Disposition der angesprochenen Gruppe von Menschen – ganz überwiegend Protestanten – führte selbst dort zu erstaunlichen Leistungen, wo die Jahrhundertbegabung fehlte – und kein System, keine Regierung, keine Armee, keine Wissenschaft kann allein oder auch nur in erster Linie auf Genies aufgebaut werden.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Philologe Joachim Marquardt Profil, der heute vor 200 Jahren als Sohn eines Kommerz- und Admiralitätsrats und einer Pastorentochter in Danzig zur Welt kam. Ein nicht untypischer Hintergrund: protestantisches Pfarrhaus, Bildung als hoher Wert, daneben rechenhafte Sachlichkeit, Staatsorientierung und bürgerlicher Aufstieg. Marquardt besuchte das Gymnasium seiner Heimatstadt und studierte seit 1830 vornehmlich in Berlin die ebenfalls nicht untypische Fächerkombination Klassische Philologie, Evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik. Seit 1834 war er Hilfslehrer am Friedrich-Wilhelm Gymnasium zu Berlin, seit 1836 Lehrer am Gymnasium in Danzig. 1840 wurde er in Königsberg mit einer Studie zum römischen Ritterstand promoviert. Der Karriereaufstieg erforderte Umzüge: 1856 wurde Marquardt Leiter des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Posen, 1859 Leiter des prestigereichen Gymnasium Ernestinum in Gotha. Seit 1862 wirkte der Gymnasialprofessor außerdem als Direktor der Sammlungen im Schloß Friedenstein zu Gotha. Er starb am 30. November 1882.

Wissenschaftlich wurde er in erster Linie von August Boeckh und dessen Konzept einer realistischen Altertumswissenschaft geprägt, den angehenden Lehrer beeindruckte Humboldts Reformhumanismus. Marquardts Name verbindet sich bis heute mit der Neubearbeitung (seit 1849) des sog. Becker’schen Handbuchs der römischer Alterthümer, „nach den Quellen bearbeitet”, wobei ‘Altertümer’ in etwa das meinte, was später als Zustände, Einrichtungen oder Strukturen angesprochen wurde, während Taten, Geschehnisse und Umwälzungen Sache der ‘Geschichte’ waren. Die Römische Staatsverwaltung, in neuer Fassung und nunmehr unter Marquardts alleinigem Namen als Bde. IV-VI des Handbuches publiziert, behandelt systematisch die Organisation des römischen Herrschaftsgebietes (das „Object der Regierung”) sowie das Kriegs-, Finanz- und Sakralwesen von der späten Republik bis in die hohe Kaiserzeit, komplementär zu Mommsens Staatsrecht (Bde. I-III des Gesamtwerkes). Hinzu trat Das Privatleben der Römer (Bd. VII 1-2) über Familie, häusliches und berufliches Leben sowie die Unterhaltung. Beide Werke sind in ihrer letzten, überwiegend nicht mehr von Marquardt selbst besorgten Neubearbeitung (1881-85 bzw. 1886) trotz neuer Quellenfunde, Forschungen und Perspektiven nach wie vor sehr nützlich. Die Vorrede des ersten Bandes der Staatsverwaltung (1881), den Marquardt noch selbst zum Druck befördern konnte, ist aufschlußreich; sie zeigt, wie die Forschung als ein kontinuierlicher Prozeß der (Selbst-)Revision zur besseren Erkenntnis aufgefaßt wurde, gespeist aus drei Quellen: dem von den Altvorderen Vorgelegten, der Unterstützung durch Mitforscher und eigenem, bestem Bemühen:

„Als ich im Jahre 1851 in dem dritten Theile des Becker-schen Handbuches der römischen Alterthümer den ersten Versuch machte, den Stoff zurecht zu legen, welchen der vorliegende Band behandelt, war dies ein gewagtes Unternehmen, für wel­ches weder Quellen noch Vorarbeiten ausreichten. Mit grösserer Zuversicht konnte ich im Jahre 1873 diesen Versuch erneuern, nachdem inzwischen den auf diesem Gebiete grundlegenden For­schungen eine vielseitige und erfolgreiche Förderung zu Theil geworden war. Es war für mich eine dankbare Aufgabe, den reichen Zuwachs an Quellenmaterial und daraus gewonnenen neuen Aufschlüssen, welcher der glücklichen und unermüdlichen Thätigkeit Mommsen’s verdankt wird, sowie die meisterhaften Arbeiten Waddington’s für meine Zwecke zu verwerthen und durch wiederholte Untersuchung noch ungelöster Fragen meine frühere Darstellung zu berichtigen und zu ergänzen. Bei der drit­ten Bearbeitung dieses Bandes, welche ich gegenwärtig den Freun­den des römischen Alterthums vorlege, bin ich zunächst bemüht gewesen, die Anordnung des Stoffes übersichtlicher zu gestalten, sodann aber die zahlreichen, in den letzten Jahren bekannt ge­wordenen und an sehr verschiedenen Orten publicirten monu­mentalen Quellen so wie neue Specialuntersuchungen so voll­ständig, als es mir möglich war, zu benutzen. Erweitert habe ich den Umfang meiner Arbeit nur um wenige Bogen, da ich glaube, dass ein Handbuch sich darauf beschränken muss über den gegenwärtigen Standpunct der Wissenschaft zu orientiren und für weitere Untersuchungen den Grund zu legen.”

 

Einige Bände der Marquardt’schen Bearbeitungen (also nicht die Ausgabe letzter Hand) sind bei Google Books als pdf-Dateien herunterzuladen.

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (5)
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0 HansMeier555 19.04.2012, 05:48 Uhr

Fleiß und Begabung konnten...

Fleiß und Begabung konnten sich damals aber auch darum entfalten, weil die Bildungsberufe nicht von Anfang an unter Faulheitsverdacht standen. . Ein heutiger Direktor, der nebenher fundierte Bücher schreibe, setzte sich dem Verdacht aus, er sei wohl nicht ausgelastet oder vernachlässige seine eigentlichen Aufgaben. . Schön auch der Hinweis, dass sinnvolle Werke (wie das erwähnte Handbuch) so oder so meistens eine Gemeinschaftsleistung darstellen, an der viele Gelehrte beteiligt sind, und nur ganz selten als großer Wurf eines einsamen Genies. Um so ein Handbuch in Angriff zu nehmen, braucht man aber auch vor allem eines: Soziale Sicherheit und eine berufliche Perspektive, die über die nächsten zwei oder drei Jahre hinausreicht. . Wie aber sieht es heute aus? Die heutigen Strukturen zwingen jeden, der es noch nicht auf eine Lebensstellung geschafft hat, in die Rolle des profilierungssüchtigen Einzelkämpfers, der den festen Auftrag im Gepäck hat, bis Ende der laufenden (dreijährigen) Förderperiode soviel Text zu produzieren wie irgendwie möglich (publish or perish), um am Ende ein Quentchen dazustehen als seine Mitbewerber, die genauso arm dran sind. . Dass die Forderung meist über (aufwändig zu beantragende und begründende ) Großprojekte mit modischen Fragestellungen erfolgt (Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereiche, etc.), ändert daran gar nichts. Diese bündeln faktisch nur einige Dutzend Einzelprojekte lose zusammen, deren Betreiber sich vom ersten Tag an als Konkurrenten sehen (müssen) und schon darum nicht wirklich vertrauensvoll kooperieren (dürfen), sondern stets strategisch und berechnend. Weswegen die vielbeschworenen "Synergieeffekte" auch nie zustande kommen. Weil jeder die besten Gedanken und Hinweise für sich behält. . Man hat wirklich den Eindruck, dass die Wissenschaftspolitik von Funktionären gemacht wird, die gegenüber der Bildung einen tiefen Komplex haben und sie im Grunde hassen. Und da sie die Universität nicht direkt schließen können, haben sie sich das Ziel gesetzt, alle Gelehrten (vom Studenten bis zum engagierten Lehrstuhlinhaber) in ein System von Bürokratie, Verschulung, Evaluation, Exzellenz-Zirkus und würdeloser Selbstanpreisung zu zwingen, das diejenigen Spinner, die sich trotzdem einen Gelehrtenberuf zu wählen, zuverlässig davon abhalten wird, irgendwann die Ruhe zu finden, die man zu seiner Ausübung bräuchte. . Ein guter Professor ist heute jemand, der weiss, wie man Doktoranden ein Stipendium finanziert bekommt. Nicht jemand, der die Arbeit dann auch sinnvoll betreut. . Im Effekt haben wir eine Planwirtschaft wie in der alten Sowjetunion: Am Anfangs stehen immer euphorische Projekte und am Ende ein Parteitag mit Büffet, wo man sich im Abschlußbericht (mit bunten Bildern, Politiker- und Sponsorenporträts auf Hochglanzpapier und vielen artig und dankbar lächelnden zeitweiligen StipendienempfängerInnnen) selber dafür lobt, die Produktion wieder einmal quantitativ gesteigert und neue Höhen erklommen zu haben. . Und doch war das meiste nur heiße Luft...

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0 Fragender 19.04.2012, 07:29 Uhr

Ich sehe es nicht so...

Ich sehe es nicht so pessimistisch wie der geehrte Vorredner Hr. Meier. Privatgelehrte haben zu allen Zeiten, auch in der Gegenwart, bedeutsame Beiträge zur Wissenschaft erbracht. Ich nenne drei Fälle aus der jüngeren Vergangenheit: . + Der britische Major Tony Clunn, der bei Kalkriese das vermutliche Schlachtfeld der Varusschlacht entdeckt hat + Ein britischer Privatgelehrter, der alle Shakespeare-Drucke (weltweit) einer bestimmten zeitgenössischen Werkausgabe (in Quartformat) identifiziert hat (wurde, meine ich, auch mal in der FAZ besprochen) + Hans Bleckwenn, von Beruf eigentlich Arzt, der die Forschung zur preußischen Militärgeschichte - speziell des Zeitraums von 1740 bis 1806 - bedeutend vorangebracht und ein wichtiges Oeuvre hinterlassen hat (und zum Schluss, wenn ich nicht irre, sogar eine Professur in Münster hatte) . Auf Albert Einstein, der als kleiner Angestellter des Schweizer Patentamtes nebenbei "am Küchentisch" die Relativitätstheorie entwickelt hat, braucht - so glaube ich - nicht mehr hingewiesen zu werden, das ist Allgemeingut. . Wahre Wissenschaft oder Kunst lässt sich nicht von äußeren Einschränkungen oder gar von finanziellen Schwierigkeiten abschrecken; sie geht unbeirrt ihren Weg. . Gruß, Fragender

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0 HansMeier555 19.04.2012, 09:24 Uhr

@fionn Dodi you mean. Hat aber...

@fionn Dodi you mean. Hat aber seine Risiken.

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0 Fragender 19.04.2012, 10:33 Uhr

Ich habe noch mal nachgesehen:...

Ich habe noch mal nachgesehen: Der Privatgelehrte, der sich mit Shakespeares "First Folio" beschäftigt, heißt Eric Rasmussen. Der Artikel über ihn ("Der Jäger der verlorenen Folianten") erschien am 28.02.12 in der "Zeit". . Gruß, Fragender

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0 thorwald_franke 19.04.2012, 13:48 Uhr

Um sich einer Sache mit Fleiß...

Um sich einer Sache mit Fleiß zu widmen, muss man Überzeugungstäter sein. Man muss überzeugt sein, dass man an etwas Wichtigem arbeitet, das zu einem höheren Guten beiträgt. Der Grund, warum es diesen Fleiß heute so selten gibt, ist deshalb ganz einfach der, dass es auch nur noch selten solche Überzeugungen gibt. Die meisten Leute glauben heute eben, sie seien genau dann aufgeklärt, clever und klug, wenn sie von nichts mehr überzeugt sind. . Zu Marquardt lesen wir bei Wikisource: "... während sein idealer Sinn schon sehr frühe namentlich durch Schiller’s Dramen erweckt wurde. ... ... ... Pflugk die edle Begeisterung für die antike Welt weckte und nährte. ..."

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FAZ Redaktion