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Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Setzen, drei minus! Ein Lexikon-update (1)

| 4 Lesermeinungen

Reformen und Modernisierungen können mißlingen, wie wir alle wissen. Bei Wörterbüchern heißen die Bemühungen, up to date zu sein, meist Neubearbeitungen....

Reformen und Modernisierungen können mißlingen, wie wir alle wissen. Bei Wörterbüchern heißen die Bemühungen, up to date zu sein, meist Neubearbeitungen. Über zwei Jahrhunderte und viele Auflagen hinweg kommen da manchmal umwegig-spannende Geschichten zusammen; davon war hier am Beispiel des ‘Liddell-Scott-Jones’ (LSJ) schon zweimal die Rede (1  2).

Nun bin ich zufällig auf einen Fall hierzulade gestoßen. Ein Griechischlehrer beklagt sich neulich abends beim Italiener über die zehnte, völlig neu bearbeitete Auflage des ‘Gemoll’, des am weitesten verbreiteten, ja beinahe ‘alternativlosen’ altgriechisch-deutschen Schulwörterbuchs, in gewisser Weise das Gegenstück zum lateinischen Stowasser (auch dieser hier schon einmal behandelt). Ich selbst arbeite in Lektüreübungen noch mit der neunten Auflage von 1965 und recherchiere deshalb, was es mit der Neuausgabe von 2006 auf sich hat. Erste Anlaufstelle: die Bewertungen bei amazon, die ja meist mit großer Vorsicht zu genießen sind. Doch neben viel Lob finden sich in diesem Fall schon hier Urteile, die von den Fachleuten (s. gleich) bestätigt werden. Das Druckbild sei unübersichtlich, die Stichwörter kaum hervorgehoben, und für die Verb- und Stammformen wurde ein hellgraue Schriftfarbe gewählt, die das Gedruckte bei schlechten Lichtbedingungen nahezu unsichtbar mache. „Für Nutzer, die aufgrund einer Sehschwäche beim Lesen an sich schon beeinträchtigt und auf ein gutes Druckbild angewiesen sind, ist diese Ausgabe eine Katastrophe.” Empfohlen wird die antiquarische Anschaffung der neunten Auflage. Ein anderer Benutzer rügt die vielen Fehler, die sich bei der – offenbar weitgehend formalen – Bearbeitung (Umstellung der Informationen in den Lemmata) ergeben hätten, falsche Belegstellen bzw. Belegstellen, die nicht zur angegebenen Bedeutung passen. Und auch bei letzteren sei die sprachliche Modernisierung nicht konsequent vollzogen – allerdings finde ich persönlich, das schöne Wort „obsiegen’ ist kein überzeugendes Beispiel. Auch die verwendete griechische Schrifttype sei gewöhnungsbedürftig; „eine klare, modernere, serifenlose Schrift wäre wünschenswert gewesen, oder doch einfach die aus den älteren Auflagen des Gemoll.” Für eine Neubearbeitung ein wenig erfreuliches Urteil. – Zu Wilhelm Gemoll (1850-1934) s. hier.

Die zitierten amazon-Urteile verraten Kompetenz; sie unterscheiden sich nicht grundsätzlich von der Kritik aus der Feder ausgewiesener Fachleuten in Organen der Altphilologenverbände. Der neue Gemoll, so war im Mitteilungsblatt des niedersächsischen Verbandes zu lesen, sei gewiß in manchen Punkten „wirklich benutzerfreundlicher, übersichtlicher und klarer geworden”, und die Liste der gelobten Verbesserungen ist lang. Doch auch hier wird die blasse und unübersichtliche Typographie und Präsentation kritisiert. Noch ungünstiger läßt sich die Rezensentin im Forum Classicum (53, 2010, H. 1, 54ff.) vernehmen; „selbst die Bindung wird in der Neuauflage zum Ärgernis: Obgleich mit einer teuren Fadenheftung versehen, bleibt der neue Gemoll nicht zuverlässig genau auf der Seite offen liegen, wo er aufgeschlagen wurde, was einem bei der Übersetzungsarbeit viel Konzentration rauben kann; der alte Gemoll versieht diesen Dienst zuverlässig (auch in nagelneuem Zustand).” Die durch Umstellungen bewirkten und oft irreführenden Bedeutungsangaben führt die Expertin auf „wenn nicht mangelnde Griechischkenntnisse, so doch wohl allzuoft mangelnde Konzentration” der Bearbeiter zurück. Das Fazit fällt eindeutig aus: „Bedauerlicherweise wurden viele der Chancen, die eine derartige Neuauflage eines Standardwerkes bietet, nicht oder nur unvollständig genutzt. Die große Arbeitsleistung, die bereits aufgewendet wurde, hätte, in etwas andere Bahnen gelenkt, zu noch weit nützlicheren Veränderungen führen können. Besonders ärgerlich sind jene Nachlässigkeiten und Fehler, die so manchen Eintrag unverständlich werden lassen. Neben der Empfehlung, (auch) den alten GEMOLL weiterhin in Ehren und Gebrauch zu halten, kann das Schlusswort hier nur heißen: Schade.” Vor allem deshalb, so ist zu ergänzen, weil wegen der vergleichsweise geringen Absatzzahlen und der damit verbundenen Kalkulation der Kosten eine erneute Überarbeitung so rasch nicht zu verwirklichen sein dürfte.

= Gemoll. Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch von W. Gemoll und K. Vretska. Zehnte, völlig neu bearbeitete Auflage. Bearbeitet und durchgesehen von Therese Aigner, Josef Bedrac, Renate Oswald, Jörg Schönbacher, Clemens Schuster, Rudolf Wachter, Franz Winter. Einführung in die Sprachgeschichte von Rudolf Wachter. Gesamtredaktion Renate Oswald. München, Düsseldorf, Stuttgart (Oldenbourg Schulbuchverlag) 2006. 912 S. 43,80 €.

= Wilhelm Gemoll, Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch. Durchgesehen und erweitert von Karl Vretska. Mit einer Einführung in die Sprachgeschichte von Heinz Kronasser. München u.a. 1965 u. öfter, XIX, 860 S.

 

Beim Gemoll also teilweise Modernisierung auf traditionellem Papier – was bieten die neuesten Medien in Sachen altgriechische Lexika? Eine der o.g. amazon-Rezensionen macht mich darauf aufmerksam, daß es den berühmten Liddell-Scott (freilich ohne das Supplement) nunmehr für sehr kleines Geld auch als App für das iPhone gibt, wie es scheint sogar in zwei konkurrierenden Angeboten. Die Screenshots zeigen ein sehr klares Schriftbild; allerdings scheint das Programm kein offenes Schlußsigma zu kennen, sondern nur das geschlossene Binnensigma. Jenseits der Frage nach dem praktischen Nutzen zweifellos ein kleines Wunder. Sicher, kein Nutzer dieser kleinen Maschinen wird Altgriechisch lernen, weil es eine solche App gibt. Aber das Sprachmaterial der zwei- bis dreitausend Jahre alten Texte ist nun in einer Form erschlossen, die vielen jüngeren Menschen mittlerweile völlig selbstverständlich geworden ist. Der Zugang bleibt schwierig genug, doch hier ist eine sozusagen mentale Hürde beiseitegeräumt. Wie schrieb ein Benutzer im Netz? „Kudos for a fine job of porting this classic work to the iPhone.” Dazu die passende Hilfe, selbstgebastelt aus dem LSJ:

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4 Lesermeinungen

  1. Von einer Neuauflage hatte ich...
    Von einer Neuauflage hatte ich mir einen Fortschritt versprochen. Der ist leider nicht eingetreten.
    1. Das Schriftbild der Neuauflage ist mangelhaft. Wenn man den Band aufschlägt, fängt man schon an, mit den Augen zu knibbeln. Jeder hätte sicher gern ein paar Euro mehr für ein größeres Papierformat mit einer zwei Punkte größeren Schrift bezahlt. Die Stichwörter sollten wieder fett gedruckt werden.
    Die in hellem Grau angegebenen Verbformen sind fast gar nicht lesbar.
    2. Wer ein Hilfsmittel für den heutigen Griechisch-Unterricht herstellt, sollte darauf bedacht sein, dass die Lernenden nicht von vornherein gegenüber Latein-Lernern schwer benachteiligt werden. Das Griechische hat eine deutlich kompliziertere Formenbildung als das Lateinische. Im neuen Gemoll gibt es leider immer noch keine konsequente Einarbeitung von Querverweisen, auch nicht überall bei starken Aoristen etc. Zum Vergleich: Jedes lat. Wörterbuch enthält Querverweise bei 1. Sg. Perf. Akt. und bei PPP. Da wurde die Chance auf eine deutliche Verbesserung vertan.
    3. Zwar ist ein Anhang mit den häufigsten Verben und ihren Stammformen beigegeben. Vielleicht sollte man aber auch (vgl. unter 2), wie in lat. Wörterbüchern üblich, einige Grammatiktabellen hinzufügen. Auch wenn es solche Hilfsmittel gibt, wird von den Lernern immer noch SEHR SEHR VIEL verlangt.

  2. Kennt irgendjemand ein...
    Kennt irgendjemand ein funktionierendes Blog zum Thema “‘Geisteswissenschaften”, wo z.B. über ihre Theorie, soziale Funktion, aber auch ihre Institutionalisierung und Finanzierung diskutiert werden kann?
    .
    Im deutschsprachigen Raum gibt es so was, fürchte ich, nirgendwo.

  3. "Der herausragende Verdienst...
    “Der herausragende Verdienst der vorliegenden Studie ist es…”
    .
    Müssen solche Halbsätze wirklich sein? Aua.

  4. Das bezog sich jetzt nicht auf...
    Das bezog sich jetzt nicht auf diesen Text hier. Ich lese grade ein Verlagsprospekt. Wo zu jedem Buch 500 Worte blablaphrasen stehen, und dann noch einmal fettgedruckt im Kasten ein Satz, der etwa so klingt:
    .
    “Der innovative Geist dieser Arbeit liegt in der gelungenen Verschränkung von Akteurs- und Handlungsperspektiven unter Einbeziehung ****graphischer Repräsentationen. N.N. leistet einen bedeutenden Beitrag sowohl zur neueren ****diskussion in den Sozialwissenschaften als auch zur Geschichte des ****ismus.)
    .
    Bin ich der einzige, auf den diese Sprache wirkt wie billiger Plastikmüll?

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