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Das Unbeeinflußbare geringschätzen: securitas und Sicherheit

21.06.2012, 03:06 Uhr

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Neulich an einem Freitagabend auf WDR 5 das Philosophische Radio gehört. Gast war Leon Hempel, der an der TU Berlin sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung betreibt und dort etwa die Frage untersucht, wie Videoüberwachung das Verhalten von Menschen beeinflußt. Daneben hatte es ihm die römische Philosophie der Stoa angetan. Aus dieser Kombination ergeben sich im Laufe der knappen Stunde Sendezeit interessante Einsichten. Dazu später.

Nicht eben zur Vertiefung beigetragen haben allerdings die Zuschaueranrufe, weil hier bloße Eindrücke und subjektive Befindlichkeiten für fundierte Zeitdiagnosen ausgegeben wurden. Ja, man habe das Gefühl, es sei alles viel unsicherer als „früher”. Läßt sich das demoskopisch belegen? Seit wann gilt „Sicherheit” überhaupt als ein hoher Wert, und in welchem Verständnis? Ist nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes die Unsicherheit gewachsen, weil „die Welt” unübersichtlicher geworden ist und einfache Gewißheiten weggebrochen sind? Niemand sprach an diesem Abend von der Angst vor dem Atomtod, der in Zeiten des späten Kalten Krieges so viele Menschen umtrieb, oder von der Furcht, die Sowjets könnten mit ihren Panzerarmeen durch das „Fulda-Gap” einbrechen und zum Rhein vorstoßen. Oder von Stefan Zweigs Diktum, die Zeit vor 1914 sei das „goldene Zeitalter der Sicherheit” gewesen (und zugleich – mit Joachim Radkau – das Zeitalter der Nervosität?). Das Problem mit den generalisierenden Zeit- und Epochendiagnosen: Sie vertragen nicht allzu viel Empirie. Was das Philosophische Radio angeht, ist es aber wie in den Talkshows: Wenn zu viele Leute zu Wort kommen, ergeben sich günstigstenfalls interessante Einzelgedanken, aber nie eine konsistente Erörterung mit belastbaren Ergebnissen.

Dabei hätte man durch historische Fundierung weiterkommen können. Davon war hier schon einmal die Rede. In den „Geschichtlichen Grundbegriffen” findet sich ein aufschlußreicher Artikel „Sicherheit, Schutz”, der nachzeichnet, wie innere und äußere Sicherheit im Sprachgebrauch auseinandertraten, wie dann Rechtssicherheit zu einer zentralen Forderung für eine bürgerliche Gesellschaft wurde, wie etwas später im Zuge der Industrialisierung und Moderne die Vorstellung von und Forderung nach sozialer Sicherheit aufkam – ‘erfunden’ wurde der Begriff „social security” demnach übrigens von Franklin D. Roesevelt – und wie schließlich Sicherheit zu einem Leitbegriff hochdifferenzierter Gesellschaften wurde.

Die erheblichen Spannungen zwischen Sicherheit und Freiheit, wie sie den aktuellen politischen Diskurs prägen, einmal systematischer zu bestimmen, lohnt gewiß. Und man kann, wie Eckard Conze vor ein paar Jahren in einem aufschlußreichen Buch gezeigt hat, die Geschichte der Bundesrepublik unter der Perspektive einer „Sehnsucht nach Sicherheit” schreiben, wobei ‘Sicherheit’ in dieser Konstellation durchaus dynamisch gedacht wurde. Conze charakterisiert die 1960er- und 1970er-Jahre demnach so: „Die Vorstellung einer ‘gesicherten Zukunft’ vereinte die Bundesbürger, sie vereinte auch die Parteien, deren Programme diesen Fortschrittsoptimismus als Fortschrittsgewißheit genauso widerspiegelten wie die Regierungserklärungen und politischen Maßnahmen der Regierungen von Bund und Ländern. Stärker als je zuvor wurde Sicherheit in der westdeutschen Gesellschaft und Politik zur ‘Zukunfts-Sicherheit’. Das verband sich mit der wissenschaftlich genährten Überzeugung, alle wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Prozesse seien voraussehbar, planbar und damit letzten Endes auch steuerbar.”

Das andere, römische Standbein des Studiogastes sorgte für einen interessanten Gedanken. Während das altgriechische Wort asphaleia, das gewöhnlich mit ‘Sicherheit’ übersetzt wird, wörtlich ein ‘Nicht-Zufallkommen’ (a privativum + sphallein) bedeutet, meint die lateinische securitas zunächst ein ‘ohne Sorge sein’ (trennend-negierendes se + cura, ‘Sorge’), also einen subjektiven Zustand. Hempel bringt das Aufkommen des Wortes mit der Rezeption der stoischen Philosophie in Rom bei Cicero zusammen. Wie alle hellenistischen Philosophenschulen suchten auch die Stoiker das Glück zu bestimmen, um es dem Menschen zugänglich zu machen. Weil wir aber viele von außen kommende Störungen, etwa den Verlust des Besitzes oder persönlichen Freiheit, gar nicht beeinflussen oder gar verhindern können, komme es darauf an, solche Umstände als nicht konstitutiv für das Glück zu betrachten. Anders als der Kyniker verachtet und meidet nun der stoische Weise Wohlstand und Einfluß zwar nicht, macht sich aber auch nicht von ihnen abhängig. Diese Güter sind weder gut noch böse, sie sind indifferent (adiaphora). Das Glück ist demnach Ergebnis eines Erziehungsprozesses, der die Seele instand setzt, ohne Sorge um einen drohenden Verlust – auch des eigenen Lebens – das Richtige und Gebotene zu tun. Securitas steht also zunächst für eine innere Haltung, eine Stabilität der Seele, die das Glück nicht in äußeren Gütern sucht – auch wenn diese es im Alltag leichter machen, ein zivilisierter Mensch zu sein und Gutes zu bewirken.

In der Tat ist securitas vor Cicero nicht belegt. Die Bedeutung „freedom from anxiety or care, calmness” (im Oxford Latin Dictionary an erster Stelle genannt) findet sich bei diesem dann gleich mehrfach, so in Vom höchsten Gut und größten Übel 5,8,23 (securitas, quae est animi tamquam tranquillitas, quam appellant euthumian [zu ergänzen: die Griechen]) und den Tusculanischen Erörterungen 5,14,42 (securitatem autem nunc appello vacuitatem aegritudinis, in qua vita beata posita est). Erst etwas später erfuhr der Ausdruck eine Objektivierung und konnte nunmehr auch einen definierbaren äußeren Zustand bezeichnen („freedom from danger, safety, security”). Man kann darin eine politisch induzierte Akzentverschiebung vermuten: Während Cicero die Verhältnisse unter Caesars Herrschaft als heillos betrachtete und daher im philosophischen Diskurs ein auf das Innere reduziertes, von außen nicht zu störendes Glück vorstellte, glaubten Zeitgenossen des Augustus diese ihre Epoche politisch als einen Zustand preisen zu können, in dem das ‘Freisein von Sorge’ auch durch die äußeren Verhältnisse ermöglicht und gesichert war. In einer bekannten Dankeshymne auf die neue Zeit zählt Velleius Paterculus auf, was sich nach der Beilegung des Bürgerkrieges alles geändert hat; u.a. konnte wieder das Land bebaut werden, wurden die Heiligtümer gepflegt und „kam für die Menschen die securitas zurück”, zusammen mit dem gesicherten Eigentum an den eigenen Gütern (2,89,4). Nunmehr konnte man von der öffentlichen Sicherheit oder der Sicherheit in der Stadt sprechen. Die Umdeutung erscheint markant; in der Tat bedeutete securitas nun sogar gelegentlich Sorglosigkeit im negativen Sinn; sehr oft, so noch einmal Velleius, sei sie der Auslöser von Unglücken. Dermaßen aufgestellt konnte securitas nun auch in der Selbstdarstellung der Kaiser zum politischen Schlagwort werden, gepriesen auf Münzen und Inschriften als securitas des Kaisers, des römischen Volkes, der Erdkreises, des eigenen Zeitalters. Der Securitas, einer als Gottheit betrachteten Personifikation, konnten Statuen und Altäre errichtet werden.

Die Verlagerung auf einen äußeren Zustand lag durchaus nahe und war gewiß unvermeidlich, ebenso die gedankliche Verbindung mit dem Reich und dessen Ewigkeit. Doch zwischen Behauptung und Wirklichkeit konnte nunmehr eine Lücke klaffen, und je weniger die Kaiser späterer Zeiten die Sicherheit der Provinzen und der Bürger zu schützen in der Lage waren, desto nachdrücklicher beschworen sie sie.

Leon Hempel predigt selbstredend keine simple Rückkehr zu stoischen Maximen. Aber er erinnert unter Rückgriff auf die Geschichte des lateinischen Wortes daran, daß es einseitig wäre, unter Sicherheit nur einen äußeren Zustand zu verstehen.

 

- Eckard Conze, Sicherheit als Kultur, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 53 (2005), S. 357-380

- Ders., Die Sehnsucht nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart. München (Siedler) 2009

- Herfried Münkler u.a. (Hgg.), Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert. Bielefeld 2010

 

 

Ausschnitt aus:

Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch- deutsches Handwörterbuch (…). Achte verbesserte und vermehrte Auflage von Heinrich Georges, Bd. 2, Hannover 1918, 2565f.

Bild zu: Das Unbeeinflußbare geringschätzen: securitas und Sicherheit

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 HansMeier555 21.06.2012, 06:17 Uhr

"Sicherheit" ist ein...

"Sicherheit" ist ein ähnliches Vexierspielwort wie "Freiheit". Ein Fluidum. . Das Paradox ist doch, dass Sicherheit selber eine Quelle von Unsicherheit darstellt. Auch gerade die empfunde Sicherheit. Wer sich selber ganz sicher fühlt, benimmt sich anderen gegenüber entsprechend rücksichtslos -- so lange, bis die dann irgendwann doch revoltieren. . Man nennt es auch "moral hazard". Es waren ja Versicherungen, Kreditausfallversicherungen, die eine neue Form der Risikospekulation erst ermöglicht haben, welcher wir die jetzige Finanzkrise verdanken. . Hätten sich die Engländer nicht auf ihrer Insel immer so sicher vor militärischen Angriffen fühlen können, dann hätten sie sich nie so ein riesiges Kolonialreich erwerben können. . Die einzige Ausnahme von dieser Regel, die die Weltgeschichte kennt, ist der deutsche Professor. Dessen Existenz ist rundum abgesichert bis ans Lebensende. Trotzdem bleibt er so leisetreterisch und konformistisch wie ein Versicherungsangestellter und nickt jede Bolognareform, jede Etatkürzung ab. Am Ende spricht er auch noch über sich und seine Arbeit im Jargon der Brillanzklumperei ("Zukunftskonzept"). . Wenn er aus 2500 Jahren attisch-jüdisch-christlich-atlantisch-westlicher Weltgeschichte irgendeine Lehre gezogen hat, dann nur die, dass die da oben schon wissen was sie tun und feiger Konformismus allemal am längsten währt.

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