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Winckelmann und die Madonna

03.07.2012, 07:25 Uhr

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Am Rande einer wissenschaftlichen Tagung in Dresden ist Zeit, die vielfach gerühmte (Neu-)Ausstellung von Raffaels Sixtinischer Madonna zu besuchen. Anlaß: Die Schaffung des Gemäldes jährt sich zum fünfhundertsten Mal. Man geht am besten gleich um zehn Uhr; nachher wird es rasch voll. Die neue Rahmung und das neue Glas lassen das Bild frischer erscheinen als zuvor. Doch auch die historische Rahmung des Prunkstücks durch die Rezeptionsgeschichte lohnt einen genaueren Blick.

Ein Fund dabei: Winckelmanns Begeisterung für die Madonna. Sie erinnert daran, daß für die Neuausrichtung von Kunst und Leben vor und um 1800 in der deutschen Geisteswelt die alten Griechen nur eine Referenzgröße unter mehreren darstellten. Daneben stand Shakespeare hoch im Kurs, aber auch Dürer und die Gotik. Immer wieder frappiert das dokumentiert intensive Empfinden der damaligen Betrachter, die in der Kunst nicht selten auch einen Hauch des Göttlichen lebendig fühlten. Der antireligiöse oder dem Christentum gegenüber zumindest distanzierte Zug, der im Neuhumanismus später zum Ausdruck kommen konnte (nicht mußte!), spielt im Falle dieses – immerhin für den Papst geschaffenen – Andachts- und Kultbildes noch keine Rolle. Winckelmann schreibt 1755 in den Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst:

„Die Königliche Galerie der Schildereien in Dresden enthält nunmehr unter ihren Schätzen ein würdiges Werk von Raffaels Hand, und zwar von seiner besten Zeit, wie Vasari und andere mehr bezeugen. Eine Madonna mit dem Kinde, dem h. Sixtus und der h. Barbara, kniend auf beiden Seiten, nebst zwei Engeln im Vordergrunde. Es war dieses Bild das Hauptaltarblatt des Klosters St. Sixti in Piacenza. Liebhaber und Kenner der Kunst gingen dahin, um diesen Raffael zu sehen, so wie man nur allein nach Thespiä reiste, den schönen Cupido von der Hand des Praxiteles da­selbst zu betrachten. Seht die Madonna, mit einem Gesichte voll Unschuld und zugleich einer mehr als weiblichen Größe, in einer selig ruhigen Stellung, in derjenigen Stille, welche die Alten in den Bildern ihrer Gottheiten herrschen ließen. Wie groß und edel ist ihr ganzer Kontur! Das Kind auf ihren Armen ist ein Kind, über gemeine Kinder erhaben durch ein Gesicht, aus welchem ein Strahl der Gottheit durch die Unschuld der Kindheit hervorzuleuchten scheint. Die Heilige unter ihr kniet ihr zur Seite in einer anbetenden Stille ihrer Seele, aber weit unter der Majestät der Hauptfigur, welche Erniedrigung der große Meister durch den sanften Reiz in ihrem Gesichte ersetzt hat. Der Heilige dieser Figur gegenüber ist der ehrwürdigste Alte, mit Gesichtszügen, die von seiner Gott geweihten Jugend zu zeugen scheinen. Die Ehrfurcht der h. Barbara gegen die Madonna, welche durch ihre an die Brust gedrückten schönen Hände sinnlicher und rührender gemacht ist, hilft bei dem Heiligen die Bewe­gung seiner einen Hand ausdrücken. Ebendiese Aktion malt uns die Entzückung des Heiligen, welche der Künstler zu mehrerer Mannigfaltigkeit, weislicher der männlichen Stärke als der weiblichen Züchtigkeit, [hat] geben wollen. Die Zeit hat allerdings vieles von dem scheinbaren Glänze dieses Gemäldes geraubt, und die Kraft der Farben ist zum Teil ausgewittert, allein die Seele, welche der Schöpfer dem Werke seiner Hände eingeblasen, belebt es noch jetzt.”

 

Ein Abstecher führt in den Hausmannsturm des Schlosses, wo die Sonderausstellung Statthalter, Rebellen, Könige. Die Münzen aus Persepolis von Alexander bis zu den Sasaniden zu sehen ist, entsandt von der Staatlichen Münzsammlung München. Der Reiz eines solchen Arrangements liegt darin, die Abfolge und Überlagerung von verschiedenen historischen Formationen, konkreter: Herrschaften in einer Region oder einer Stadt zu verfolgen. Für die Persis und Persepolis waren das die achämenidischen Perserkönig, Alexander, die Seleukiden, dann sehr bald die Frataraka-Fürsten, einheimische Dynasten in klienteler Abhängigkeit vom hellenistischen Monarchen. Die Parther gaben ihren Vassallenfürsten in der Persis dann immerhin den Königstitel. Persische Distriktfunktionäre aus der Familie des Sāsān nutzten schließlich die parthisch-römischen und innerparthischen Konflikte zu Beginn des 3. Jahrhunderts n.Chr. und errichteten eine eigenständige Herrschaft, die sich bald über ganz Iran erstreckte, wobei sie sich auf ‘Vorfahren’ aus der Persis beriefen. So wurde die Region zum Zentrum ihres Reiches.

Es ist eine reine Vitrinenschau ohne Hilfsmittel wie Lupen o.ä. Zumal die vielen kleinen Stücke sagen eigentlich nur Kennern etwas, die schon wissen, was zu sehen ist und worauf es ankommt. Immerhin kann man zahlreiche Stücke auf einem Bildschirm großformatig mit Erklärungen abrufen; ansonsten muß der Katalog (München 2008) konsultiert werden. Aber die Aura der Originale entfaltet ihre Wirkung auf den, der sich ihr öffnen will. Und man hat – anders als vor der Madonna – Zeit und Platz, denn kaum ein Besucher verirrt sich in die kleine, über mehr als 100 Treppenstufen zu erreichende Präsentation.

Bild zu: Winckelmann und die Madonna

Tägl. außer dienstags, 10-18 Uhr, noch bis 4. Nov. 2012

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (3)
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0 Angelika_Seifriz 03.07.2012, 11:58 Uhr

Wie immer herzlichen Dank für...

Wie immer herzlichen Dank für Ihre Artikel, die ich sehr informativ finde. Leider kann ich meine Anerkennung nicht durch einen einfachen Klick ausdrücken, sondern muss einen Kommentar schreiben, was ich oft unterlasse. Mich interessiert das erste Exponat in der zweite Reihe: wird da eine Frau enthauptet? Wenn ja, warum?

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0 Angelika_Seifriz 03.07.2012, 18:03 Uhr

Sasaniden? Sassaniden?...

Sasaniden? Sassaniden?

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0 everwood 23.07.2012, 08:08 Uhr

Sehr geehrte Frau Seifriz, zu...

Sehr geehrte Frau Seifriz, zu Ihren Fragen: Die heute wissenschaftlich gebräuchliche Umschrift ist Sāsāniden; in älterer Literatur, etwa im Lexikon der Alten Welt, findet sich Sassaniden. Die Münze links zeigt in der Tat eine Tötungsszene: Eine gekrönte Figur in der Tracht des Großkönigs; knieend ein Mann in der Halbrüstung eines griechisch-makedonischen Hopliten, ohne Waffen, doch mit dem großen Rundschild. Der Sieger fixiert den Unterlegenen mit dem Fuß auf dem Unterschenkel und ist dabei, ihn mit einem Dolch oder Kurzschwert zu exekutieren. Katalog Nr. 2/16, S. 36 und Farbtafel 6.

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