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Weitere Schnäppchen, ambivalent

16.07.2012, 12:31 Uhr

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Einst teure wissenschaftliche Bücher zu stark reduzierten Preisen anzubieten läßt sich sehr verschieden begründen und bewerten. Davon war hier schon einmal unter ‘pädagogischem’ Aspekt die Rede. Doch die Sache ist komplexer. Ein Beispiel: Bei einem großen Versender von Restposten und Sonderausgaben stieß ich kürzlich auf ein Angebot, das mich sprachlos machte: Klaus Fittschen, Prinzenbildnisse antoninischer Zeit. Ein großformatiges, in Leinen gebundenes Buch, 156 Seiten, 208 qualitativ vorzügliche Tafeln, 1999 erschienen in einer renommierten Reihe des Deutschen Archäologischen Instituts bei einem bekannten Verlag mit altertumswissenschaftlich-archäologischen Schwerpunkt, damals über hundert Euro teuer. Es ist dies ein immer wieder zitiertes Standardwerk, das vermutlich auch in zwanzig Jahren noch eine maßgebliche Referenz sein wird. Das Deutsche Archäologische Institut, eine vom Auswärtigen Amt getragene Einrichtung, dürfte also Wert darauf legen, das Werk dauerhaft lieferbar zu halten, damit Abgänge in Bibliotheken des In- und Auslandes durch Nachkauf ersetzt werden und nachwachsende Forscherinnen und Forscher es erwerben können. Für so aufwendig produzierte Werke in relativ kleinen Auflagen werden hohe Druckkostenzuschüsse verlangt und bezahlt, von Stiftungen zur Wissenschaftsförderung oder Einrichtungen wie eben dem DAI. Für einfache Dissertationen ohne Bilder können das mehrere Tausend Euro sein, für Werke in der Art der genannten Studie auch schnell einmal fünfstellige Summen. Für den Verlag ist das eine sichere Sache, zumal da bei einem Werk, das wie das Fittschen’sche in einer Reihe erscheint, eine gewisse Abnahme gesichert ist. Um das Lektorat kann sich der Verlag bei Werken dieser Art auch nicht kümmern; das machen der Autor und seine Helfer (wenn er welche hat).

Nun verursacht aber die Bevorratung eines solchen Titels aus der sog. Backlist über mehrere Jahrzehnte hinweg hohe Kosten (Lagerung, Inventuren, Eintrag im jährlich neuen ‘Verzeichnis lieferbarer Bücher’), die durch den Abverkauf von allenfalls wenigen Exemplaren pro Jahr nicht ausgeglichen werden können. Das Produkt hat sich also für den Verlag einerseits ‘rentiert’ (durch den Druckkostenzuschuß und den Verkauf in der ersten Zeit nach Erscheinen) und ist damit ‘abgeschrieben’, steht aber weiterhin als Kostenfaktor in den Büchern, je länger, desto mehr. Früher hat man das hingenommen und lediglich von Zeit zu Zeit den Preis erhöht. Und heute?

Bild zu: Weitere Schnäppchen, ambivalent

Einen anderen Fall berichtete vor Wochen ein konsternierter Kollege. Er hatte vor erst fünf Jahren einen gehaltvollen und aufwendig hergestellten Sammelband herausgegeben, für den der Verlag von der Gerda Henkel-Stiftung sowie weiteren Förderern eine erhebliche (fünfstellige) Druckbeihilfe erhielt. Dennoch mußte er für weitere Exemplare, die er über die kostenlosen Belegstücke hinaus erwerben wollte, je fünfzig Euro berappen. Nun hat der Verlag die Restauflage abgestoßen, ohne den Herausgeber über die Verramschung in Kenntnis zu setzen, wie es eigentlich vertraglich festgelegt ist („ein Versehen”). Irgendwo gab es dann wohl noch eine Palette, die er schlußendlich erworben hat – für 50 Cent pro Buch! Das macht schon sprachlos.

Man kann natürlich auf dem Standpunkt stehen: Wenn der Steuerzahler das Buch über den Druckkostenzuschuß und die Anschaffung durch öffentlich finanzierte Bibliotheken schon faktisch bezahlt, soll er auch Nutznießer der betriebswirtschaftlich begründeten Lagerräumung sein. Aber so einfach ist es eben nicht (s.o.). So kann der mehr oder minder zufällige Käufer solcher Restposten kaum als ‘der Steuerzahler’ gelten. Auch das Argument, das Buch sei ja auch künftig etwa in einem print-on-demand-Verfahren zugänglich, trifft zumindest in diesem Fall wegen der hochwertigen Fotos im Tafelteil nicht zu, es sei denn, man reproduziert diesen in sehr hoher Auflösung, damit zeitaufwendig und teuer.

Ob das DAI von dieser Praxis weiß? Und der Autor? Oder hält der Verlag das Prinzenbildnisse-Buch in wenigen Exemplaren weiterhin lieferbar? (Nein, offenbar nicht.) Selbstverständlich freue ich mich, den Band nunmehr zu besitzen. Aber mit schlechtem Gewissen. Vielleicht verschenke ich ihn wieder, an einen jungen Archäologen, der ihn für eine eigene Studie benötigt.

 

Anders sieht es aus bei Werken, bei denen die Finanzierung aus öffentlichen Mitteln nicht so großes Gewicht besitzt und die sich an einen größeren Adressatenkreis richten. Hier kann man dankbar sein, daß hochwertige Bücher nun auch in den Besitz von Studierenden kommen können und im günstigsten Fall den Grundstock einer eigenen kleinen Bibliothek bilden – das wäre dann auch eine Medizin gegen die immer weiter um sich greifende Praxis, Universitäts- und Seminarbibliotheken gar nicht mehr zu betreten, sondern das Studium nur noch aus dem Internet und mit Materialien zu bestreiten, die bequem auf Lehrplattformen digital zur Verfügung gestellt werden (im sog. digitalen Semesterapparat). Sehe ich Angebote der skizzierten Art, etwa bei ‘Rhenania’ oder ‘Akzente’, überwiegt also die Freude, und ich hefte sie an die Mitteilungswand. Das gilt etwa für Michael von Albrechts meisterhafte Geschichte der römischen Literatur, die vor zwanzig Jahren in der gebundenen Originalausgabe (2 Bände, 1520 Seiten) noch 248 Mark kostete, dann bei dtv als Taschenbuch für 48 Euro zu haben war und jetzt für 9,95 Euro unters Volk gebracht wird. Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat für das Werk jedenfalls direkt keine öffentlichen Mittel erhalten und knüpft jetzt an seine goldenen Tage der Popularisierung (auch) von Altertumswissenschaft an. Der Kleine Pauly in fünf Bänden, das immer noch am dichtesten mit Informationen und Nachweisen bestückte Nachschlagewerk mittleren Formats zur Antike, kostete bei Erscheinen (1964-1975) gebunden viele Hundert Mark, dann bei dtv in einer eleganten Dünndruckausgabe 128 Mark (1979), zuletzt 98 Euro, und nun 29,90 Euro – etwa ein Viertel Cent pro Stichwort oder drei Viertel Cent pro Seite. Irgendwann ist das Werk dann vergriffen, aber durch die hohe Stückzahl im Second-hand-Markt sicher noch lange zu bekommen.

Ebenso viel wie der Kleine Pauly kostet eine zweisprachige Ausgabe von Tacitus’ Germania im Ledereinband mit Kopfgoldschnitte (da gewinnt die alte Rede vom aureus libellus der Deutschen einen ganz neuen Sinn!). Für 79 Euro, den alten Preis, ließen sich vielleicht nicht genug Exemplare absetzen.

Popularisierung von weniger Bekanntem in gemäßigter Preisreduktion bietet aktuell ferner Wolfram Ax, Lateinische Lehrer Europas. Fünfzehn Lehrer von Varro bis Erasmus von Rotterdam (34,90 / 9,95 Euro). Alte Bekannte sind die beiden dicken Bände von Bernhard Kytzler, Unser tägliches Latein bzw. Unser tägliches Griechisch (je 45,- / 19,95 Euro). Metzler bietet seit diesem Monat sein großes, 2007 erschienenes Kartenwerk zum Neuen Pauly (Historischer Atlas der antiken Welt) direkt als „Sonderausgabe” für 39,95 Euro an, weniger als ein Viertel des ursprünglichen Preises.

Die Lage ist also komplex. Und wer nur noch die allerneuesten Medien nutzt, wird ohnehin das hier Vorgetragene wieder einmal für vorgestrig halten. Aber wie viele Menschen werden etwas vermissen, wenn es dereinst keine sorgfältig und sachkundig gestalteten Bücher mehr geben wird, geschaffen von Autoren, Lektoren und Übersetzern, die mit ihrer Passion und Professionalität zugleich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen?

 
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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 FAausK 17.07.2012, 04:40 Uhr

Bin verwirrt! Was genau ist...

Bin verwirrt! Was genau ist denn die Botschaft? 1.) Schade, dass Bücher billig verkauft werden? 2.) Gut, dass Bücher billig verkauft werden? ODER : 3.) Manche Bücher sind billig und manche teuer !? Dass "Prinzenbildnisse antoninischer Zeit" nun einmal eben keine Kassenschlager sind, dürfte nicht überraschen. Somit sind Preis und Nachfrage gering. Ohne Zuschüsse hätte es ja vermutlich gar keine Auflage geben. Das "Geheimnis" des Preises ist eigentlich gar keins: Wenn Sie der erste sind, der auf Amazon, ZVAB usw. ein bestimmtes Buch anbietet denken Sie sich: Ich bin der einzige und deswegen nehme ich einen unverschämt hohen Preis. Daher gibt es manche Goldmanntaschenbücher für 89,- EUR und mehr. Der nächste denkt sich : Oh ! Ich besitze einen Schatz. Damit mein Exemplar zuerst gekauft wird stelle ich es aber für 88,50 EUR ein usw. Mehr Angebot ==> Geringerer Preis. Deswegen gibt es keinen Zusammenhang zwischen Opulenz und Bedeutung des "gebrauchten" Buches und seinem Preis. Es geht nur um die Größe des Angebots. Meist spielt nur der Zustand eine Rolle. Dies mag zwar "intellektuell schade" sein . Ist aber nun einmal so. Alternativ müssten Bücherpreise ja staatlich gelenkt werden von der "Bundesbücherpreiskomission". Da wäre ich gerne dabei!

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FAZ Redaktion