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Huldvolle Queen, spendabler Kaiser: Thronjubiläen in Rom und in London

03.08.2012, 08:58 Uhr

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Im ersten, wunderbar ironischen Satz seiner Gedanken und Erinnerungen weist Otto von Bismarck der schulischen Bildung ihren Platz im Schauspiel des Kampfes zwischen Monarchie und Republik zu, der dem 19. Jahrhundert eine markante Signatur geben sollte: „Als normales Product unsres staatlichen Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten, Einem dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche bittre oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören konnte.”

Mary Beard kocht in ihrem Blog etwas leichter. Vor und nach den Feierlichkeiten zum 60. Thronjubiläum der Queen vor ein paar Wochen, so ihr Bekunden, sei sie Anhängerin einer Republik gewesen und geblieben, aber die Show habe ihr gezeigt, daß eine Erbmonarchie von Vorteil sein könne, wenn nur darum gehe, ein Staatsoberhaupt zu haben. Wie hätte aber ein römischer Monarchist die jüngsten Feiern beurteilt? „The Romans were very astute about how the royal family presented itself, and how the succession was marked out and demonstrated” In der Tat waren die Konstellationen, Rochaden und Ereignisse im Umkreis der meist sehr ausgedehnten kaiserlichen Familie in Rom nicht nur Gegenstand von rumores und Bekundungen der einfachen Leute im Circus, sondern sie gruppierten auch die Aristokratie immer wieder neu. An die voraussichtlichen oder konkurrierenden Nachfolgeoptionen kristallisierten sich Hofparteien an, stets in der Hoffnung, im Fall der Fälle auf der ‘richtigen’ Seite zu stehen. Tacitus, der sich für solche Dinge – mit Recht! – sehr interessierte, hätte zum Auftritt der Royals wohl vor allem das „diagram of hereditary power” vermerkt: nicht mehr der ganze Clan auf dem Balkon oder in den Kutschen, nur der Sohn und die Enkel. „Eine Säuberung.”

Erneut etwas lustlos führt Mary Beard den Gedanken nicht weiter. Zum Glück hat sie großartige Leser. Die befassen sich naturgemäß überwiegend mit den aktuellen Fragen: Sinn oder Unsinn einer Erbmonarchie oder überhaupt eines Staatsoberhauptes. Sogar Bundespräsident Gauck wird einmal erwähnt (nicht eben freundlich!). Doch einer kommt auf die antike Reminiszenz zurück und umreißt den ungeschriebenen Kommentar des Tacitus präzise: Die Pracht der Veranstaltung hätte ihm gefallen – und er hätte zugleich sibyllinisch gefragt, ob die Queen die Fackel gleich an William weitergeben oder Charles nicht übergehen würde. Zugleich hätte er die Höflinge und Politiker scharf ins Auge gefaßt, wie sie hinter den Kulissen gegeneinander spekulieren, welche Option wohl Wirklichkeit werde. Glänzend!

Imaginiert werden muß der Kommentar, weil es bei Tacitus keine Beschreibung eines Regierungsjubiläums gibt – um so eindruckvoller sind die Begräbnisse geschildert und karikiert. Tatsächlich aber gab es – seit Augustus – derartige Feiern. Sie hießen Decennalia, also Zehnjahresfeste. Dabei wurden die Gelübde, die bei Regierungsantritt für zehn Jahre glücklicher Regentschaft abgelegt worden waren, feierlich eingelöst, den Göttern also für den erwiesenen Schutz gedankt. Dann wurden die Gelübde wiederholt und zehn Jahre später erneut eingelöst – so bei Tiberius 24 und 34 n.Chr. Die symbolische Kraft des Rituals wurde offenbar als so hoch eingeschätzt, daß auch Kaiser, die nur ein paar Jahre regierten, es sich auf Umwegen anzueignen suchten, so Probus (reg. 276-282) auf einer Münze. Das bekannteste Monument in diesem Zusammenhang stellt sicher der Konstantinsbogen dar, errichtet 315/16 für den Sieg über Maxentius, aber zugleich zur Feier der Dezennalien Konstantins. Nicht erhalten ist der sog. Arcus Novus des Diokletian; er trug die Inschrift VOTIS X ET XX.

Aus der späteren Kaiserzeit haben wir Berichte, wie solche Feiern zur Einlösung der vota decennalia pro salute et incolumitate imperatoris aussahen. So berichtet Cassius Dio über Septimius Severus (in der Übersetzung von Otto Veh):

„Gelegentlich des zehnten Jahrestages seines Regierungsantrittes (202 n.Chr.) schenkte Severus dem gesamten Volk, das im Genuß von Getreidespenden war, sowie den Soldaten der Praetorianergarde die gleiche Zahl Goldstücke, als den Jahren seines Herrschertums entsprach. Auf diese Freigebigkeit tat er sich sehr viel zugute, und wirklich hatte noch nie ein früherer Kaiser eine so große Gabe dem ganzen Volke auf einmal zukommen lassen; für das Geschenk wurde nämlich eine Gesamtsumme von zweihundert Millionen Sesterzen aufgewendet. (…) Und wir wurden auch alle zusammen mit einem Gastmahl bewirtet, teils auf kaiserliche, teils auf barbarische Art, wobei wir alle die herkömmlichen Fleischsorten nicht nur gekocht, sondern auch roh und weiterhin verschiedene Tiere lebend gereicht bekamen. Zur gleichen Zeit fanden auch Schauspiele jeglicher Art anläßlich der Rückkehr des Severus, des ersten Dezenniums seiner Regierung sowie seiner Siege statt. Bei diesen Schauspielen kämpften auf ein gegebenes Zeichen hin sechzig wilde Eber des Plautianus miteinander, und noch viele andere wilde Tiere, darunter ein Elefant und ein Corocotta, mußten sterben. Letzteres ist ein Lebewesen aus Indien und wurde, soviel ich weiß, damals zuerst nach Rom eingeführt. Seine Farbe ist eine Mischung aus der einer Löwin und eines Tigers, das Aussehen jener Tiere aber erinnert irgendwie an eine seltsame Kreuzung zwischen Hund und Fuchs. Der ganze Käfig im Amphitheater war in Form eines Schiffes gebaut und konnte auf einmal vierhundert Tiere aufnehmen und entlassen. Und als er sich dann plötzlich auftat, da sprangen empor Bären, Löwinnen, Panther, Löwen, Strauße, Wildesel, Wisente – dies ist eine gewisse Rinderart, fremdartig in Herkunft und Aussehen -, so daß man sehen konnte, wie im ganzen siebenhundert wilde und gezähmte Tiere gleichzeitig hin und her rannten und dann getötet wurden. Um eine Übereinstimmung mit der Dauer des sieben Tage währenden Festes herzustellen, belief sich auch die Zahl jener Tiere auf siebenmal einhundert.”

Eine ziemlich aufwendige Show, nach modernen Maßstäben sinnlose Verschwendung, im antiken Verständnis aber eine eindrucksvolle Demonstration von Macht und Zuwendung zu zwei für die Stabilität der Herrschaft wichtigen Gruppen. Unter der ‘spätrömischen Dekadenz’ der Schilderung begraben liegen Wurzeln des Ereignisses: Schon in der Republik hatte man vota ausgesprochen, einzulösen, „falls sich das Gemeinwesen für zehn Jahre im gleichen Zustand befinde”, und Augustus hatte sich seine Gewalten und Privilegien zunächst auf zehn Jahre verleihen lassen – lange genug, um die Unstetheit des einjährigen Politikzyklus zu überwinden und doch befristet, also nicht gänzlich tyrannisch. Konnte die Einlösung weitere zehn Jahre später gefeiert werden, sprach man decennalia altera oder vicennailia.

Nach stärker ausgeschmückt und bei einem ‘schlechten’ Kaiser mit Farben des Grotesken und der Tyrannentopik übermalt ist die Schilderung der Decennalia des Gallienus i.J. 262 (Historia Augusta, Gallienus 7,4-9,8, Übers.: Ernst Hohl):

„Nachdem nun in Byzanz die Soldaten getötet waren, eilte Gallienus, wie nach einer wirklichen Heldentat, in Windeseile nach Rom; er rief den Senat zusammen und beging sein zehnjähriges Regierungsjubiläum durch eine neue Art von Spielen, durch eine neue Gattung von Festaufzügen, mit allen erdenklichen Lustbarkeiten: Zunächst begab er sich auf das Kapitol, umgeben von den Senatoren in der Toga und von den Mitgliedern des Ritter­standes, unter Vorantritt des weißgekleideten Militärs und des gesamten Volkes, wobei auch fast die gesamte Sklavenschaft und die Frauen mit Wachsfackeln und Lich­tern voranzogen. Auch zogen zu beiden Seiten je hundert weiße Rinder mit vergoldeten Hörnern und im Schmuck von bunten seidenen Schabracken einher; des weiteren auf beiden Seiten zweihundert schneeweiße Lämmer und zehn Elefanten, die sich damals in Rom befanden, zwölfhundert Gladiatoren, festlich herausgeputzt mit goldbrokatenen Frauengewändern, zweihun­dert gezähmte Tiere verschiedener Gattung, möglichst schön geschmückt, Wagen mit Mimen und jeglicher Art von Schauspielern, Faustkämpfer, die mit weicher Faust­armatur, also nicht für den Ernstkampf, versehen waren. Auch gaben sämtliche Possenreißer das Spiel vom Kyklopen, wobei sie erstaunliche und verblüffende Leistungen zeigten. Alle Straßen hallten wider vom Lärm der Spiele und des Beifalls. Der Kaiser selbst begab sich, wie gesagt, inmitten der Senatoren, in gestickter Toga und in palmettenverzierter Tunika auf das Kapitol mit sämtlichen mit der Prätexta bekleideten Priestern. Zu beiden Seiten wurden im Zuge je fünfhundert vergoldete Lanzen getragen, je hundert Fahnen außer den Zunftfahnen, sowie Drachen­fahnen und die Götterbilder der Tempel und sämtlicher Legionen. Es gingen im Zuge außerdem fingierte Fremdvölker, wie Goten, Sarmaten, Franken und Perser, von denen nicht weniger als je zweihundert Mann eine eigene Gruppe bildeten. Durch diesen Mummenschanz bildete der Tor sich ein, das römische Volk zum besten zu haben; doch, spottsüchtig wie die Römer nun einmal sind, hielt es der eine mit Postumus, der andere mit Regilian, wieder andere begeisterten sich für Aureolus oder Aemilianus, oder auch für Saturninus; denn auch dieser hatte sich, wie es hieß, bereits der Herrschaft bemächtigt. (…) Doch auf das im Sinnengenuß verhärtete Gemüt des Gallienus machten solche Kundgebungen keinerlei Eindruck; vielmehr erkundigte er sich bei seiner Umgebung: «Was gibt’s zum Frühstück? Was für Unterhaltungen sind vorbe­reitet? Was wird es morgen im Theater geben und welche Zirkusspiele werden stattfinden?» Nachdem er auf solche Art den Festzug überstanden und Hekatomben dargebracht hatte, kehrte er in den Palast zurück; nachdem er Bankette und Festmähler gegeben hatte, widmete er die folgenden Tage den öffentlichen Lustbarkeiten. Ein kapitaler Spaß darf nicht übergangen werden. Als nämlich ein Trupp von angeblichen persischen Gefangenen in dem Festzug – welch lächerliches Schauspiel! – aufgeführt wurde, mischten sich etliche Possenreißer unter die Perser, untersuchten alles ganz genau und forschten in eines jeglichen Miene, wobei sie in auffälliger Weise das Maul aufsperrten. Auf die Frage, was dieses ungewöhnliche Benehmen zu bedeuten habe, gaben sie zur Antwort: «Wir suchen den Vater des Kaisers.» Als die Kunde von diesem Zwischenfall den Gallienus erreichte, regte sich in ihm weder Scham, noch Trauer, noch Sohnesliebe; viel­mehr ließ er die Possenreißer lebendig verbrennen. Diese Justiz betrübte das Volk über alles Erwarten, während die Soldaten sich so empörten, daß sie bald darauf Vergeltung übten.”

Die Geschenke des Kaisers, die anläßlich solcher Regierungsjubiläen, aber auch bei anderen Gelegenheiten ausgegeben wurden, sind Gegenstand einer kürzlich erschienenen, sehr gründlichen und gelehrten Berner Dissertation aus der Feder von Markus Beyeler. Der Autor konzentriert sich auf das vierte Jahrhundert. Für das fünfunddreißigste Regierungsjubiläum des Konstantin-Sohnes Constantius II. listet er aus nicht weniger als sieben verschiedenen Münzstätten des Reiches Gold-solidi und andere Stücke auf, die auf der Rückseite überwiegend die eindrucksvolle Inschrift VOT XXXV MVLT XXXX trugen: „Dank für 35 Jahre, alle guten Wünsche bis zum 40. Jubiläum!” Die spektakuläre, immerhin 74 Zentimeter durchmessende Silberplatte, die Kaiser Theodosius i.J. 388 aus Anlaß seines zehnten Regierungsjubiläums ausgab, bespricht Bayeler ausführlich (S. 316-9); sie trug eine Inschrift, die übersetzt lautet: „Unser Herr Theodosius, auf ewig Augustus, aus Anlaß des höchst glücklichen Tages (seines) zehnten (Regierungsjubiläums”.

 

p.s. Mussolini, der selbsternannte moderne Wiedergänger der Imperatoren, belebte die Tradition neu: Die Via dell’Impero, die als schnurgerade Pracht- und Paradestraße von 900 m Länge und 30 m Breite die Piazza Venezia und das Kolosseum verband, wurde an den Decennalia des Marsches auf Rom 1932 vom ‘Duce’ feierlich eingeweiht (s. etwa hier).

 

Andreas Alföldi, Die monarchische Repräsentation im römischen Kaiserreiche, Darmstadt 1970, 96ff.

Marguerite Rachet, Decennalia et Vicennalia sous la dynastie des Antonins, in: Revue des Études Anciennes 82, 1980, 200-235

André Chastagnol, Les jubilés décennaux et vicennaux des empereurs sous les Antonins et les Sévères, in: Revue Numismatique 26, 1984, 104-124

Markus Beyeler, Geschenke des Kaisers. Studien zur Chronologie, zu den Empfängern und zu den Gegenständen der kaiserlichen Vergabungen im 4. Jahrhundert n.Chr. (Klio-Beihefte, Neue Folge, 18), Berlin 2011.

 
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