Home
Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Ein Fest für die Augen: Auguste Racinets Kostümgeschichte ist wieder zu haben

| 0 Lesermeinungen

Nach zuletzt ‘schweren' Themen heute wieder einmal etwas für die Wochenendseiten, mit Bildern. Gemeint ist eine Wiederentdeckung. Zwischen 1876 und 1888...

Nach zuletzt ‘schweren‘ Themen heute wieder einmal etwas für die Wochenendseiten, mit Bildern. Gemeint ist eine Wiederentdeckung. Zwischen 1876 und 1888 publizierte Auguste Racinet (1825-1893) im Pariser Verlag Firmin-Didot, der sich auch mit zahlreichen großformatigen Ausgaben antiker Autoren einen Namen machte, eine Welt-Kostümgeschichte in sechs Folio-Bänden. Übersetzungen ins Deutsche und Englische folgten rasch. Racinet hatte das Handwerk des Kunstgewerbezeichners erlernt und unterrichtete auch. Kern des Werkes waren knapp 500 in aufwendiger chromolithographischer Technik hergestellte Tafeln mit ebenso prachtvollen wie detailfreudigen Darstellungen von Kleidung und Frisuren, aber auch Gebrauchsgegenständen, Schmuck, Amulette und Accessoires, Waffen und Feldzeichen, Musikinstrumenten und Hausinterieurs. Die ganzseitigen Tafeln waren von ausführlichen Kommentaren begleitet, die Quellenhinweise, antiquarische Details, kulturgeschichtliche Notizen, aber auch dezidierte Urteile enthielten. Zeittypisch ist das Altertum mit 60 Tafeln recht breit behandelt, beginnend mit dem Alten Ägypten und unter Einschluß von Assyrern, Persern, Juden und ‘Barbaren‘ (s. ganz am Ende). Die außereuropäischen Kulturen von den Eskimos bis nach Ostasien nehmen ebenfalls großen Raum ein, werden aber mit einem völkerkundlich-kolonialen Blick für das Exotische, Prachtvolle und Andersartige betrachtet. Es war die Zeit der Weltausstellungen, als man bemüht war, die Welt der ersten Globalisierung in den Zentren der führenden Staaten gleichsam zu versammeln und sichtbar zu machen. Auch hinsichtlich der sozialen Schichtung ist eine hierarchische Auswahl erkennbar; gezeigt werden ‘bürgerliche‘ und festliche Kleidung, wie sie Personen ‘von Stand‘ trugen; Sklaven, Bettler, arme Bauern und Tagelöhner finden sich nicht. Die satten Farben dürften ebenfalls nicht immer die Wirklichkeit treffen, bedenkt man, wie rar und teuer wirksame Farbstoffe vor dem petrochemischen Zeitalter waren.

Die hier dargebotenen Vorstellungen von Bekleidung und Lebensräumen stellen also in mehrfacher Hinsicht Konstruktionen dar – augenfällig etwa in dem doppelseitigen Panorama eines großräumigen ‘griechischen‘ Hauses (Nr. 27/28) oder einer palastartigen römischen Domus.

Bild zu: Ein Fest für die Augen: Auguste Racinets Kostümgeschichte ist wieder zu haben

Die detailverliebten Zeichnungen bieten aber in jeder Hinsicht eine wahre Augenweide, lassen sie doch den Zauber vergangener Zeiten und die Vielfalt des Historischen sinnfällig aufleben. Wenn es in der Antike Modekataloge gegeben hätte – so in etwa hat Racinet sie sich vorgestellt. Selbstverständlich war er gezwungen, für die älteren Epochen Lücken und Unsicherheiten in der Überlieferung mit viel Phantasie auszufüllen; dafür hat er ein intensives Studium der antiquarischen Forschung betrieben. Für die Antike, beginnend im pharaonischen Ägypten, sind daher Malereien, Darstellungen auf Keramik, Terrakotten, aber auch kaiserzeitliche Reliefs mit szenischen Darstellungen ausgewertet und wird das in der Darstellung auch offensiv sichtbar gemacht. Hier etwa Opferhandlungen:

Bild zu: Ein Fest für die Augen: Auguste Racinets Kostümgeschichte ist wieder zu haben

Band eins der Neuausgabe, die vor einigen Jahren schon einmal in größerem Format, dafür deutlich teurer zu haben war, enthält alle Tafeln des Originals in sehr guten Reproduktionen; Band zwei bietet – jeweils in Englisch, Deutsch und Französisch – eine gehaltvolle Einleitung zu Werk und Autor aus der Feder von Françoise Tétart-Vittu sowie (ebenfalls dreisprachig) eine kleine Auswahl aus den ca. 1300 Textseiten von Racinets Erläuterungen. Ein Buch für Leser in mehreren Ländern – anders wäre die Kalkulation wohl nicht möglich gewesen. Den Schluss bildet eine knappe Bibliographie. – Wer auf das Originalwerk oder dessen deutsche Ausgabe (von A. Rosenberg, 1888) zurückgreifen möchte (dem auch die hier beigefügten Abbildungen entnommen sind), findet Digitalisate aller Bände in verschiedenen Deteiformaten (u.a. pdf) unter archive.org; dort einfach Racinet eingeben. (Diese Seite ist übrigens noch weit über Google-Books hinausgehend eine wahre Fundgrube für ältere Literatur auch zum Altertum in verschiedenen Dateiformaten; nur die Titelaufnahme erfolgt uneinheitlich und es gibt Doppelungen neben Lücken.)

Bild zu: Ein Fest für die Augen: Auguste Racinets Kostümgeschichte ist wieder zu haben

Auguste Racinet, The Costume History. Vollständige Kostümgeschichte. La Costume Historique. 2 Bd., zus. 792 S., ca. 500 ganzseitige Farb-Abb., geb., Großformat im Schuber, € 39,95, Taschen Verlag, Köln 2012.

Bild zu: Ein Fest für die Augen: Auguste Racinets Kostümgeschichte ist wieder zu haben

Bild zu: Ein Fest für die Augen: Auguste Racinets Kostümgeschichte ist wieder zu haben

0

Hinterlasse eine Lesermeinung