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Curiosity und ihre lateinischen Großeltern

29.09.2012, 08:08 Uhr

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Die Curiosity bereitet Freude, nicht nur ihren Konstrukteuren und den Wissenschaftlern bei der NASA. Und was für ein genial-einfacher Name für das Projekt, den roten Planeten genauer zu erforschen, als das bisher möglich war: Neugierde! „A strong desire to know or learn something”, so definiert The New Oxford Dictionary of English das mittelenglische Wort; ein anderes Wörterbuch ergänzt: ein Interesse, das in Untersuchung/Nachforschung mündet („interest leading to inquiry”). Ein Fanfarenwort der wissenschaftlichen Moderne also. Allerdings hat die Neugierde im sozialen Bereich tunlichst nicht grenzenlos zu sein: „curiosity killed the cat” steht sprichwörtlich für „Unziemliche Neugierde in fremden Angelegenheiten führt in Schwierigkeiten”. Seit dem 18. Jahrhundert kann das Adjektiv auch für eine Objektqualität stehen und „seltsam, merkwürdig, eigenartig” bedeuten. In diesem Sinn bezeichnet das Substantiv bisweilen auch die „Rarität” („Cars like mine are curiosities nowadays”).

Über das Altfranzösische ist das Wort auf das lateinische curiosus zurückzuführen (davon das Substantiv curiositas). Darin steckt natürlich cura („Sorge”, aber auch „Aufmerksamkeit”). Das Oxford Latin Dixtionary stellt für das Adjektiv die Bedeutung „sorgfältig” an erste Stelle, was etwas überrascht, da der früheste Beleg dafür Cicero sein soll (an der genannten Stelle kann aber auch „neugierig” gemeint sein). Als zweite Bedeutung, ebenfalls ab Cicero und Varro belegt: eine zu beiden Grundbedeutungen passenden Subjekteigenschaft, nämlich „extrem sorgfältig, pingelig, kleinlich” („excessively careful, fussy”). Erst an dritter Stelle dann „neugierig”, aber auch „aufdringlich”. Dafür gibt es die ältesten Belege (bei Terenz, mehr als hundert Jahre vor Cicero) – und eine schöne Definition wieder bei Cicero: „Das Bestreben, alles zu wissen, ist Eigenschaft des curiosus” (fin. 5,49). Auch der Georges (Karl Ernst Georges, Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet, Bd. 1, 8. Aufl. 1913, Sp. 1832f.) ordnet die Bedeutungen ähnlich an, gruppiert aber stärker:

Bild zu: Curiosity und ihre lateinischen Großeltern

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Das Wort bezeichnet also eine schätzenswerte menschliche Eigenschaft, aber zugleich deren Übertreibung, in der Summe eine Untugend. Spätantik ist sogar die Bedeutung „Spitzel” belegt. Die tadelnde Bedeutung scheint sehr alt zu sein; bei Plautus findet sich „Niemand ist curiosus, der nicht zugleich böswillig wäre” (Stich. 208). Im Catull’schen „soviele Küsse, daß selbst die curiosi nicht zählen können” ist wohl eher der Pedant als der Voyeur zu vermuten. Die uneingeschränkt positive Bedeutung findet sich erst später, deutlich dann in der gelehrten Enzyklopädie des Älteren Plinius. Eng verbunden erscheint das Wort generell mit der sog. antiquarischen Forschung: Während in der ‘hohen’ Prosaliteratur zu Sachgegenständen (im weitesten Sinn des Wortes) der Autor zu gewinnen suchte, indem er wohlklingende Sätze gestaltete und für Schilderungen, Schlußfolgerungen oder Erklärungen gängige Muster verwendete, um überzeugend zu wirken, bediente sich – sehr vereinfacht gesagt – die antiquarische Forschung einer „schlichten, auch das Kleinliche nicht verschmähenden, die Wahrheit suchenden Sammlung des Materials” (H. Peter). Nicht auf Evidenz durch zwingende Fügung (rhetorisch, topisch, logisch) kam es hier an, sondern auf das bemerkenswerte Einzelfaktum neben vielen anderen. Diese curiositas der antiquarischen Forschung, der zusammentragenden Forschung überhaupt implizierte dabei Sorgfalt und Ausdauer im Sammeln und im Findenwollen. Für den erwähnten Plinius wird sein gewaltiges Lesepensum hervorgehoben; bei nahezu allen Alltagsroutinen ließ er sich vorlesen und ordnete Exzerpte an. Sein Werk sollte nützlich sein; die enzyklopädische Naturalis Historia enthalte, so heißt es in der Vorrede, 20000 „Aufmerksamkeit verdienende Informationen” (res dignae cura) aus 100 Autoren und 2000 Buchrollen.

Doch das Wort deutete auch die Richtung der Suche und damit die Qualität des Resultats an: Es ging um möglichst „kuriose” Fakten, wundersame Begebenheiten, seltsame Eigenarten der Natur. Diese Degeneration von Forschung, so noch einmal Peter, steigt „immer tiefer zum Kleinlichen herab, bemißt den Wert des Wissens nach dem Grad des Wunderbaren und Auffallenden und nimmt urteilslos selbst das aberwitzigste, albernste Zeug auf”. Tacitus (ann. 13,31) lehnt es demgegenüber etwa ab, die Größe der Fundamente und Balken eines von Nero errichteten Amphitheaters zu verzeichnen: In die Annalen des römischen Volkes gehören nur würdige Gegenstände; Informationen jener Art dagegen in die täglichen Bekanntmachungen (damit die Leute etwas zu Staunen haben). Man meint einen Kommentar zu den täglichen Pseudo-Sensationen unserer Zeit(ungen) und des www zu lesen, wenn es bei Peter heißt, daß am Ende „der Geschmack völlig zu Grunde gerichtet und das Urteil unter dem Wirrwarr von Kleinlichem, Unbedeutendem, Wahrem, Übertriebenem, leichtsinnig und böswillig Erfundenem allmählich alle Unterscheidungsfähigkeit zwischen Möglichem und Unmöglichem eingebüßt hatte”. Doch auch antike Vorläufer des scheingelehrten Geplauders finden sich schon, jedenfalls in der Polemik gegen die sog. Symposienliteratur: „Bei den sich an der Peripherie wahrer Gelehrsamkeit bewegenden Erörterungen der mit Wissen vollgeladenen Tischgenossen, von welchen uns Plutarch und Athenäus anschauliche Bilder gemalt haben, mußten nämlich die Teilnehmer nicht nur durch die Neuheit des Stoffes überraschen und verblüffen; es mußte auf Verlangen auch der Gewährsmann namhaft gemacht werden, und Gelächter höhnte den, der es etwa in der Weinlaune nicht vermochte.” Der Redelehrer Quintilian nennt eine weitere Übung bei solchen Gelegenheiten (1,8,21): einfach ganze Bücher und Schriftsteller nach Bedürfnis erdichten, um nicht Gefahr zu laufen, bei dem Hinweis auf bekanntere Werke von einem curiosus ertappt zu werden. Da gehöre es doch zu den Tugenden eines Gelehrten, auch einmal etwas nicht zu wissen.

Die Antike gibt also hier (wieder einmal) einen wichtigen Fingerzeig, indem sie die soziale und ethische Einbindung des genuin menschlichen ausweitenden, grenzüberschreitenden Strebens anspricht und implizit hilft, immer wieder die Sinnfrage zu stellen – auch und gerade bei einem milliardenschweren Forschungsunternehmen.

Hermann Peter, Die geschichtliche Litteratur über die römische Kaiserzeit bis Theodosius I. und ihre Quellen, 2 Bde., Leipzig 1897, Kap. 3: Die antiquarischen Studien und die Curiositas

 

Veröffentlicht unter: Wortgeschichte, Curiosity, curiositas

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 nutrix 29.09.2012, 13:59 Uhr

Ihre philologische Erörterung...

Ihre philologische Erörterung macht bewußt: Dankenswert ist die Sorgfalt der Namengebung: Denn 'Curiosity' lenkte nun unsern Blick auf einen unscheinbaren Kiesel, an dem abzulesen ist, dass Wasser ihn geformt hat, Wasser auf dem Mars! Uraltschüler wie ich denken an Verszeilen aus Hofmannsthals 'Weltgeheimnis': "In unsern Worten liegt es drin - / So tritt des Bettlers Fuß den Kies, Der eines Edelsteins Verlies."

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0 hhrr 30.09.2012, 08:29 Uhr

Vielen Dank für den...

Vielen Dank für den herrlichen Beitrag! Eine Wohltat, die sich mit dem treffenden Peter-Zitat Mitte des vorletzten Absatzes als sich ihres Wertes und ihrer Wirkung selbst bewußt kundtut. Wenn Sie jetzt noch den Irrläufer "kann" aus der zweitletzten Zeile des ersten Absatzes entfernen, ist alles perfekt.

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FAZ Redaktion